10 naive Fragen: Warum hilft die akademische Psychologie kaum weiter?

Die akademische Psychologie gibt den Takt vor: Wie stellt sich die Disziplin dar? Welchen Nutzen bringt sie der Gesellschaft? In Bezug auf die Ökokrisen, jener katastrophalen Lage der ganzen Menschheit, gibt es Luft nach oben. Hier ist die Psychologie mitunter sogar Teil des Problems, statt der Lösung.

Kritische Psychologie überwunden

Die Grundfrage, wie die Wissenschaft vom Empfinden, Erleben und Verhalten des Menschen anzugehen sei, wurde in Deutschland vor rund dreißig Jahren entschieden. Nicht per wissenschaftlichem Diskurs, sondern per Verdrängung. Im Kampf um Positionen und Stellen an den Universitäten.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen, gilt seither, dass quantitative Methodik – zählen, messen, experimentieren – den Hauptzugang zu psychologischem Wissen darstellt. Wie sind Menschen? Wie lässt sich dies generell erforschen? Diese Grundfragen wurden nie geklärt und so stochert die Forschung zuweilen wie im Nebel herum. Sie kann nicht vom Ganzen ausgehen und dann spezifischer werden. Stattdessen verläuft die Entwicklung häufig von Einzelfragen, die relativ zusammenhanglos nebeneinanderstehen, zu noch spezifischeren Details.

Wer sich für Größeres interessiert, muss in die Nachbardisziplinen schauen: Philosophie, Geschichte, Soziologie, Wirtschaft, hier geht es ums Ganze. Die ökologischen Krisen betreffen zweifellos das Ganze. Doch im Kern handeln Menschen. Insofern können die Nachbardisziplinen die Psychologie keinesfalls ersetzen.

Quantitative Forschung mit quantitativen Methoden. Dem Diktum der Quantität ordnet sich auch die akademische Karriere unter. Entscheidend ist die Anzahl der Publikationen in renommierten Journals. So durchdringt das kapitalistische „immer mehr in immer kürzerer Zeit“ auch die akademische Psychologie.

Auch wenn sie häufig gesünderes und menschenfreundlicheres Verhalten anmahnt: Letztlich fügt sich die Psychologie recht geschmeidig in unsere kapitalistische Gesellschaft ein und stört nicht weiter. Damit stützt sie eine Wirtschaftsweise, die uns Klimakrise und Artensterben bescherte. Ein System, das wir eigentlich verlassen müssten. Denn der Kapitalismus mag ein fantastisches Gebilde sein, um Reichtum zu mehren. Was lange Zeit bitter nötig war. Aber da er auf quantitatives Wachstum angewiesen ist, passt er nicht in unsere endliche Welt.

Beispiel Ökomoral

Michael Kopatz ist promovierter Politikwissenschaftler und Projektleiter am Wuppertal Institut. Er propagiert die von ihm so genannte „Ökoroutine“ und fordert, dass mit der „Ökomoral“ Schluss gemacht werden müsse. Was meint er damit?

Statt einzelne Menschen und ihr Verhalten zu betrachten, fragt er, was denn das Verhalten üblicherweise lenkt. Seine Antwort: Normalerweise richten sich Menschen schlicht danach, welche Regelungen und Rahmenbedingungen sie vorfinden.

Wir schnallen uns im Auto an, weil es einen Gurt gibt, das Anschnallen Pflicht ist, ein Warnton uns nervt, wenn wir es unterlassen. Die Vorgeschichte dieses Verhaltens findet sich in der Politik und der technischen Forschung. Verhalten wird also massenhaft geprägt – ohne dass die Psychologie dabei eine große Rolle gespielt hätte. Die Ökokrisen bedeuten, dass unser Verhalten sich den Rahmenbedingungen anpassen muss.

Ein anderes Beispiel: Wenn eine Gemeinde Geld in die Hand nimmt, um eine schöne Umgehungsstraße zu bauen, werden mehr Menschen besser mit dem PKW fahren können. Und sie werden es tun. Wenn die Gemeinde dagegen den ÖPNV stärkt und die Fahrrad-Infrastruktur verbessert, werden die Einwohner:innen eher Bus, Bahn und Fahrrad fahren.

Wie unser Verhalten in relevanten Größen an die ökologische Realität angepasst werden kann, beschreibt Kopatz. Er schlägt vor, die Bedingungen des Verhaltens zu verändern.

Die Psychologie dagegen konzentriert sich auf die individuelle Entscheidung von Menschen unter den gegebenen Bedingungen. So definiert sie den Gegenstand ihres Faches. Das Selbstverständnis der Psychologie könnte auch ein anderes sein. Eines, mit dem sie dorthin käme, wo heute eigentlich ihr Platz sein müsste. Sie müsste im Zentrum der Debatte um die menschengemachten Ökokrisen stehen.

5 Seiten der Kommunikation

Weit über die Fachpsychologie hinaus bekannt wurde das „4-Ohren-Modell“ des Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun. Es ist seit Jahrzehnten Standardprogramm in Kommunikationsseminaren. Jede Nachricht hat danach vier Seiten.

Sie beinhaltet neben der Sach-Seite die Appell-Seite („tue xy“) und die Selbstkundgabeseite („mir geht es gerade so: ..“). Ferner gibt es die Beziehungsseite („Dies halte ich von dir / So stehen wir gerade zueinander“).

Schulz von Thun beschreibt dabei einen künstlichen Raum, den es auf der Erde nicht gibt. Eine Situation, die im Moment definiert wird und unbeeinflusst bleibt vom Rahmen der Geschlechterfragen, des sozialen Status, der Rollen. All diese Einflüsse können ggf. (ebenso künstlich) später wieder in die Analyse eingebaut werden. Eben als Themen, die eigentlich vor allem andere Disziplinen bearbeiten. Für die Kommunikationspsychologie erscheinen sie zunächst verzichtbar.

Wie realistisch ist dies? Eine Frau spricht mit einem Mann, ein Homo mit einem Hetero, eine Vorgesetzte mit ihrem Mitarbeiter, eine Mutter mit ihrem Kind, ein Akademiker mit einem Hilfsarbeiter, ein weißer Mann mit einer schwarzen Frau … die Situation, die Schulz von Thun beschreibt, in der einfach zwei Menschen miteinander reden, gibt es in diesem Leben nicht.

Könnte man nun nicht trotzdem die „reine Kommunikationssituation“ besprechen und hinterher den Rest der Wirklichkeit „zubauen“? Nein, weder auf der Ebene der subtilen Signale, über die Macht vermittelt wird, noch prinzipiell. Denn die Machtebene entscheidet bereits im Vorfeld, wer mit wem spricht. Wer physisch wem begegnet. Wer wessen Telefonnummer hat. Wer im Slum lebt und wer in einer Villa auf den Bahamas. Wer seinen Rechtsanwalt vorschickt und wer sich gar keinen leisten kann.

Im Schulz-von-Thun-Modell fehlt die fünfte Seite der Kommunikation, auf der alles beruht: Die Macht. Sie beschreibt den gewaltigen Vorlauf, den jede konkrete Kommunikationssituation hat und die sich selbstverständlich auch in der Situation selbst auf vielfältige Weise zeigt.

Natürlich kann man nun sagen: Das alles, diese sozialen- und Machtfragen, das ist nicht Psychologie. Dann aber ist die Psychologie leider wenig relevant. Sie kann kaum Substanzielles beitragen.

Leider, und das ist ein großes Drama und besonders tragisch: Durch ihre Behauptung, das genau sei Psychologie, schließt sie wesentliche Fragen von Vornherein aus. Zugleich entfaltet sie einen gigantischen Kosmos von Wörtern, Begriffen, Denkmodellen und Theorien – immer unter dem Ausschluss der Macht- und Systemfragen. So kann die Psychologie vom Wesentlichen ablenken und dadurch letztlich schaden – obwohl alle Psycholog:innen leidenschaftlich gern helfen und das Beste für andere Menschen erreichen wollen. Und dies an anderer Stelle, etwa im therapeutischen Kontext, auch zweifellos in großem Umfang tun.

Psychologie: Teil der Lösung oder Teil des Problems?

Die „Klimagerechtigkeitsbewegung“ heißt nicht umsonst so. Der Begriff bezeichnet die Erkenntnis, dass Gerechtigkeit und Klimaschutz zusammengehören. Das eine erwächst aus dem anderen. Beides steht in Wechselwirkung. Dazu kommt, dass wir unser in vieler Hinsicht grandioses Wirtschaftssystem – gleichzeitig ein totales System, das alles durchdringt – verlassen müssen, da unendliches Wachstum nicht funktioniert auf einem endlichen Planeten.

Die Psychologie ist nützlich und hilft, etwa Menschen, die unter einer psychischen Erkrankung leiden. Um einen angemessenen Beitrag zur Lösung der Ökokrisen leisten zu können, muss sie noch einen weiten Weg gehen. Ein schwieriger Weg, denn, wie die Beispiele zeigen, steckt das Problem der Disziplin in ihrem Kern, aus dem heraus sie ihre Arbeit entwickelt. Eine saubere (wenn auch wohl vollkommen unrealistische) Lösung wäre, das Fach grundsätzlich neu aufzusetzen.

Das Dramatische ist: Wenn sich engagierte Psycholog:innen zur Umweltproblematik äußern, beschäftigen sie ihre Zuhörer:innen und suggerieren, den Stand der Forschung zu repräsentieren. Wenn das stimmt und die Psychologie zur jeweiligen Frage tatsächlich einen relevanten Beitrag leisten kann, ist das gut.

Wenn nicht, ist es besonders tragisch. Ausgerechnet jene Psycholog:innen, die helfen und sich engagieren wollen, können nur auf ein unzureichendes Instrumentarium dafür zurückgreifen. Und ausgerechnet jene, die sich für die Psychologie hinter den Ökokrisen interessieren, werden vielleicht von den Kernfragen abgelenkt. Verstärkt durch die Ilussion, nun alles zu erfahren, was es dazu zu wissen gibt. Dabei ist es nur der unvollkommene, vielleicht sogar verdrehte Kenntnisstand, den die Psychologie aufgrund ihrer im Kern liegenden Probleme am Ende produziert hat.

Dann wird die Psychologie vom Teil der Lösung zum Teil des Problems. Sie stabilisiert ein System, das überwunden und transformiert werden müsste, um massenhaftes Leiden zu vermeiden. Wie tragisch für eine Disziplin, die Menschen mit bester Absicht vereint. Und die in der therapeutischen Arbeit so viel Leid lindert. Vielleicht schafft die Psychologie eine theoretische Generalüberholung. Vielleicht braucht es eine neue Denkrichtung: Die Homo sapiens science.

Lesen Sie weiter:

Ein aktueller Artikel zum Thema Klimawandel / kritische Sozialpsychologie: The Perils of Explaining Climate Inaction in Terms of Psychological Barriers von Prof. Schmitt et al.

Streitschrift: Die Psychologie in der Klimakrise (mehr zur Theorie der Kritik)

Eine Alternative? Die Homo sapiens science, die Überlebenswissenschaft. Ein Entwurf

Dies ist Teil 7 der Blogserie: 10 naive Fragen zum Menschen.

Teil 1 Was brauchen wir, um uns zu retten?
2: Wieso sollten wir die Menschheit lieben?
3 Gibt es echte Liebe zwischen Menschen?
4 Warum ändert Vernunft nichts und ist doch das Ziel?
5 Sind wir zu blöd, um zu überleben?
6 Wo ist unser Menschenbild verkürzt?
(7 Warum hilft die akademische Psychologie kaum weiter?)
8 Ist der Mensch im Grunde gut?
9 Kriegen wir noch die Kurve?
10 Warum sich noch engagieren?

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