10 naive Fragen: Gibt es echte Liebe zwischen Menschen?

Kann man das Gefühl „Liebe“ plausibel beschreiben? Viele Menschen glauben, genau den oder die richtigeN finden zu müssen. Aber wie pflanzt sich die Menschheit fort, wenn nur genau diese zwei zusammen passen? Zuvor schrieb ich über die Liebe zur Menschheit. Diese Idee scheint abstrakt und schwer vorstellbar. Deshalb geht es hier darum, die Liebe zwischen zwei Menschn zu verstehen.

Gibt es „die“ Liebe?

Zunächst kurz zu einem Stolperstein, der mit diesem Thema verbunden ist: Kann es überhaupt EINEN Liebesbegriff, ein gleiches Empfinden von allen Menschen geben? Jane Loevinger* hat nachgewiesen, dass Menschen sich fundamental unterscheiden, je nachdem, welche Selbst- und Weltbilder sie nutzen.

Was etwa versteht beispielsweise ein Mensch wie Donald Trump unter Liebe? Er teilt die Welt in Sieger, Verlierer und Trottel ein. Trottel sind diejenigen, die die Welt anders sehen, als er. Menschen, die seine Weisheit nicht teilen, nach der wir in einem Dschungel leben und jedeR um seine Unversehrtheit kämpfen muss. Nach Ich-Entwicklungsforschung teilen lediglich 5 Prozent der Erwachsenen Trumps Selbst- und Weltbild. Die „übrigen“ 95 Prozent sind also Trottel.

Wie sieht Liebe ohne Vertrauen aus? Zugegeben: Ich habe wenig Vorstellung davon, wie sich das anfühlen könnte. Werte wie „Vertrauen“ und darauf aufbauend „Respekt“, „Achtung“, „Wertschätzung“, die für andere mit Liebe assoziiert sind, passen hier nicht. Da jedoch diese Menschen rein physiologisch betrachtet keine prinzipiell anderen Gefühle haben, vermute ich, dass sie schon Empfindungen von Nähe, Geborgenheit und Wärme mit einem gewissen Menschen erleben können – eben eine spezifische Form von Liebe.

Fazit: Wir können davon ausgehen, dass es sehr unterschiedliches Empfinden gibt – aber doch Gemeinsamkeiten von Menschen, die das große Wort in den Mund nehmen (Hingezogensein, Wohlfühlen miteinander, Wärme, Geborgenheit, Nähe etc.).

Die Töpfchen-Deckelchen-Theorie

Michael Mary, Psychotherapeut und Autor, hat sich Jahrzehnte lang mit Liebe und Paarberatung beschäftigt. Er bringt das Problem moderner Beziehungen auf folgenden Punkt. Wir suchen „EineN für immer für alles“. Dieser eine Mensch soll drei Qualitäten auf einmal erfüllen – und das für immer: (1) Romantischer Liebespartner für sexuelle Freuden sein, (2) Freund*in für gemeinsame Aktivitäten, (3) Lebenspartner zum Gründen und Gestalten und wirtschaftlichen Absichern einer Familie. Im Grunde also ein Füllhorn an Erwartungen, die praktisch nicht von einem menschlichen Wesen einzulösen sind.

Auf dieses Muster, das Mary beschreibt, stoße ich immer wieder. Vereinfacht gesagt läuft es auf die „Töpfchen-Deckelchen-Theorie“ hinaus. Wenn die richtigen zwei zusammenfinden, ist die Existenz der Beziehung gesichert. Wenn die Beziehungsqualität irgendwann zerbröselt, stellt dies automatisch in Frage, ob es der/die Richtige war.

Marys Rat lautet dann: „Lebt die Liebe, die ihr habt.“ Statt überzogenen Erwartungen nachzueifern, sollten Paare sich fragen, was sie positiv voneinander haben. Heraus kämen dann vielgestaltige Partnerschaftsformen, die sich nicht an gesellschaftlich diktierten Vorbildern von glücklichen Beziehungen abarbeiten.

Die Töpfchen-Deckelchen-Theorie gefährdet unsere Fortpflanzung

Im Hinblick auf unseren Ausgangspunkt stellt sich folgende Frage. Angenommen, die Töpfchen-Deckelchen-Theorie beschreibt die Realität zutreffend. Wie hätte sich dann die Menschheit je vermehren können? Strenggenommen ist dafür zwar nur Sex nötig, keine weitergehende Zuneigung. Aber wir wissen, dass sehr viele Menschen ihre Beziehungen auf deutlich mehr als das Geschlechtliche gründen.

Wir können uns die anderen nicht backen oder töpfern, sondern haben nur die Auswahl unter ein paar hundert oder tausend Menschen, die wir zufällig treffen. Dennoch gibt es bei über sieben Milliarden Menschen auf der Erde viele Milliarden Paare. Wenn es letztlich nur ein einziges passendes Gegenstück für jedeN gäbe, müssten die meisten Menschen alleine bleiben. Die Chance, von allen Menschen ausgerechnet die eine adäquate andere Person zu treffen, wäre extrem gering. Wenn Ihr Gegenstück beispielsweise in Chile lebt und das Land noch nie verlassen hat, aber Sie noch nie dort waren, hätten Sie schon verloren.

Der Gedanke liegt daher nahe, dass der Töpfchen-Deckelchen-Ansatz, nicht stimmen kann. Wir wären sonst längst ausgestorben. Sehr viel mehr Menschen können zusammen passen und sich lieben als nur zwei. Damit haben wir erklärt, wie die Menschheit sich vermehren kann. Aber für diesen Sieg haben wir uns ein Problem mit dem Liebes-Begriff eingehandelt. Wie können wir ihn ausfüllen, ohne die Idee der Einzigartigkeit? Egal, wie wir das Konzept „Liebe“ genauer bestimmen, es hat immer etwas mit Exklusivität, mit etwas ganz Besonderem zu tun.

Im letzten Post zur „Liebe der Menschheit“ hatte ich diesen Aspekt ausgeklammert. Liebe ist mehr als Achtung, Respekt, Wertschätzung. Das subjektive Gefühl von Liebe hat eine besondere, exklusive Qualität. Etwas Intensives, Erhebendes, Überwältigendes, das sich schlecht näher beschreiben lässt. Wie lässt sich ein inbrünstig empfundenes (zu gegebener Zeit) nur mit einem einzigen Menschen verbundenes Gefühl, damit vereinbaren, dass es unzählige Paare auf der Welt gibt? Selbst wenn nicht alle diese Paare voneinander behaupten würden, dass sie sich lieben, bleiben doch sehr viele übrig (nicht immer die, die offiziell zusammen sind). Entweder, die Liebe ist exklusiv, dann müsste sich die Menschheit häufig per lieblosem Sex vermehren. Oder sie ist nicht exklusiv. In diesem Fall kann die Liebe nichts Besonderes sein. Wie lässt sich dieser Widerspruch auflösen?

Gibt es “die” Liebe? Auflösung eines Widerspruchs

Offenbar sind wir ganz grundsätzlich zur Liebe fähig. Das heißt, wir tragen von Geburt an die Fähigkeit in uns, dieses besondere, schwer zu beschreibende Gefühl zu erleben. Mit diesem Potential ausgerüstet treten wir in die Welt. Wir begegnen anderen Menschen. Manche sprechen uns auf besondere Weise an. Über die Verliebtheit – den Hormoncocktail des Beginns einer Beziehung – finden wir zusammen. Nun verbringen wir Zeit miteinander. Wir lernen den anderen Menschen intensiv kennen, erleben ihn in allen möglichen Situationen. Einige davon intim. Immer wieder finden wir nur mit diesem Menschen auf einer Ebene zusammen, die sehr viel näher ist, als wir alle anderen an uns heranlassen.

So entwickeln sich Beziehungen und so stehen wir irgendwann an dem Punkt, dass wir mit einem einzigen Menschen sehr viel mehr verbunden sind, als mit allen anderen. Wir beziehen unsere angeborene Liebesfähigkeit auf diesen Menschen. Wie sollten wir dann nicht genau diesen Menschen lieben, statt irgendeinen anderen? Und uns sicher sein, dass genau dieser Mensch genau der / die Richtige für uns ist?

Vielleicht erahnen Sie durch den Schlussatz, warum die Liebe zur Menschheit generell gar nicht so weit weg ist. Denn was sind wir für fantastische Wesen, die diese Liebesfähigkeit von Geburt an in uns tragen? Aber soweit brauchen Sie mir keineswegs folgen. Falls ich Ihnen heute einen Impuls für Ihre privaten Beziehungen mitgeben konnte, bin ich vollauf glücklich.

*Loevinger, J. (1973). Recent research on ego development. Bethesda. Md.: National Institue of Mental Health (DHEW).
Loevinger, J. (1976). Ego-development. Conceptions and theories. San Francisco, CA: Jossey-Bass.
Neuere Überblicksarbeit dazu: Binder, Thomas (2016) Ich-Entwicklung für effektives Beraten, Vandenhoeck und Ruprecht

Dies ist Teil 3 der Blogserie: 10 naive Fragen zum Menschen.

Teil 1 Was brauchen wir, um uns zu retten?
2: Wieso sollten wir die Menschheit lieben?
(3 Gibt es echte Liebe zwischen Menschen?)
4 Warum ändert Vernunft nichts und ist doch das Ziel?
5 Sind wir zu blöd, um zu überleben?
6 Wo ist unser Menschenbild verkürzt?
7 Warum hilft die akademische Psychologie kaum weiter?
8 Ist der Mensch im Grunde gut?
9 Kriegen wir noch die Kurve?
10 Warum sich noch engagieren?

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