Streitschrift: Die Psychologie in der Klimakrise

Wir stehen vor der „Menschheitsaufgabe Klimawandel“. Was kann die Psychologie beitragen? Da Menschen sowohl Ursache als auch Lösung des menschengemachten Klimawandels sind, müsste die Psychologie im Zentrum der Debatte stehen. Doch sie steht eher am Rand. Dies ist wohl kein Zufall, sondern die Folge davon, wie die Disziplin heute aufgestellt ist.

Die Theorienvielfalt in der Psychologie

Die Psychologie präsentiert sich heute als moderne Wissenschaft. Auf der Höhe der Zeit. Es wird viel gemessen und am Computer berechnet.

Vor vierzig Jahren stellte der legendäre Psychologie-Professor Klaus Holzkamp noch frustriert fest: „Der dargestellte theoretische Status der Psychologie, projiziert auf die Physik, würde bedeuten: Es gibt ein halbes Dutzend in ihrer Grundbegrifflichkeit unvereinbare, im universellem Geltungsanspruch miteinander konkurrierende Theorien über den freien Fall (daneben ein weiteres halbes Dutzend, wiederum mit jenen und untereinander inkompatible Theorien der schiefen Ebene), wobei die Frage, welche dieser Theorien zu akzeptieren und welche zu verwerfen sind, mit den vorhandenen wissenschaftlichen Kriterien unentscheidbar ist.“ (Holzkamp 1978, S. 136).

Was ist seither passiert? Das Problem mit dem theoretischen Status beendete man nicht etwa dadurch, dass Grundfragen über einen wissenschaftlichen Diskurs geklärt wurden. Sondern der Mainstream setzte sich quasi per Verdrängung durch (Heseler et al. 2016). Die Kritik der Grundlagen – ohnehin eher eine Randerscheinung – ist verstummt. Gänzlich verschiedene Ansätze führen eine meist friedliche Koexistenz.

Untersuchungen belegen immer wieder einen bedenklichen Zustand der auf quantitativen Forschungsmethoden setzenden Disziplin (Bredenkamp, 1972, S. 19, 114, Peters & Ceci 1982, Ross 1979, vgl. Reproduktionskrise). Ed Yong fand (Yong, 2013) dafür eine passende Überschrift: „Jede Menge Murks.“

Sind diese Probleme lösbar, indem man an einigen Stellschrauben dreht? Oder resultieren sie aus etwas, das zum Kern der Disziplin gehört, wie sie sich heute versteht?

Zentrale Annahmen: Quantitative Methodik und Wertfreiheit

Die Mehrheit der Psycholog:innen geht davon aus, dass

  • quantitative Forschungsmethoden den einzigen, legitimen wissenschaftlichen Zugang zu menschlichem Erleben und Verhalten darstellen.
  • der Gegenstand der Psychologie gegenüber anderen Disziplinen (Soziologie, Geschichte etc.) exakt abgegrenzt werden kann.
  • wertfreie Forschung möglich ist.
  • es keine Rolle spielt, wo die überprüften Hypothesen herkommen, denn die quantitativ-empirischen Methoden stellen auf jeden Fall sicher, dass sich Erkenntnis herausbildet.
  • Gesellschaftliche Realität für psychologische Phänomene nur sekundär ist, da es der Psychologie ja um Effekte im Menschen geht, die zwar mit einer sozialen ‚Außenwelt’ in Wechselwirkungen stehen, aber ansonsten gegenüber der gesellschaftlichen Realität eine eigenständige, abgegrenzte Entität darstellen.
  • „der Mensch als solches“ (das Wesen des Menschen) nicht erforschbar ist bzw. es nicht von Belang ist, ob dieses Wesen genauer erfasst wird.

Wer ein Studium der Psychologie absolviert hat, wendet viel Energie auf, um das Fach, so wie es sich darstellt und praktiziert wird, zu verstehen. Am Ende des Studiums bleiben vielleicht Zweifel, ob Psychologie nicht auch anders sein könnte. Aber sie finden keine konkrete Nahrung durch alternative Ansätze. Oft wird die Überzeugung erlangt: Genau so funktioniert Psychologie, nicht anders.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Sicherlich werden von modernen Psycholog:innen auch qualitative Untersuchungen (teilweise) akzeptiert und Erkenntnisse aus anderen Disziplinen betrachtet. Aber dies sind ergänzende Elemente, die sich der quantitativ-empirischen Psychologie später zugesellen dürfen, wenn es um interdisziplinäre Zusammenarbeit oder um konkrete Anwendungsfragen geht. Für den Kern der Psychologie selbst werden sie als verzichtbar erachtet.

Klimakrise und Artensterben eskalieren: Die Situation der Menschheit im Jahre 2021

Nach Jahrzehnten der Klimaforschung steht heute fest: Wenn wir in den nächsten rund zehn Jahren die gesamte Art, wie wir leben und wirtschaften, radikal verändern, bleibt unsere Lebensgrundlage leidlich erhalten. Schaffen wir dies nicht, sieht es düster aus. Obwohl diese Situation katastrophal ist und sich seit Jahrzehnten abzeichnet, wird darüber zwar viel geredet, aber die Emissionen der Treibhausgase steigen global unvermindert weiter.

Was kommt dabei heraus, wenn man die Psychologie als Wissenschaft vom menschlichen Erleben und Verhalten zur Lösung der äußerst drängenden Ökokrisen heranziehen will?

  • Bei Artensterben und Klimakrise geht es um mehr als um subjektiv erlebte Bedrohungen – die Gefahr besteht objektiv / physikalisch. Also müsste die Psychologie diese Realität von vornherein als wesentlich für sich selbst anerkennen. Wichtige Themen wären beispielsweise: Wie verhalten sich Menschen angesichts der Krise? Wie kann es sein, dass Menschen sehenden Auges ihre eigene Lebensgrundlage vernichten? Doch die Psychologie setzt normalerweise nicht an der materiellen Realität an.
  • Momentan verbraucht Deutschland quasi drei Erden. Wir kamen dahin durch unsere Wirtschaftsweise, die Wachstum erlaubt – und verlangt! Themen der Volkswirtschaft und der politischen Ökonomie müssten wesentlich für die Psychologie sein, um die Krisen anzugehen. Aber diese Fächer und ihre Themen werden als extern angesehen.
  • Es ist nicht der einzelne Mensch, der sich gerade zugrunde richtet. Wir alle wirken hier zusammen, unsere Gesellschaft, unser politisches System. Damit werden Erkenntnisse der Politik und der Soziologie unmittelbar relevant für die Psychologie. Aber auch sie bleiben externe Disziplinen.
  • Die Wertfreiheit wird zum Problem. So wie die gängige Psychologie ihre Fragestellungen nicht aus der Klimakrise und dem Artensterben, sondern sozusagen aus sich selbst heraus generiert, kennt sie auch keinen Zeitplan, keine Zeitbegrenzung für ihre Erkenntnisse. Sie hat keine Vorstellung, wann diese erlangt sein müssen. Die Klimakrise jedoch erfordert sofortige, drastische materielle Veränderungen.
  • Eine andere problematische Folge der Wertfreiheit ist die Vernachlässigung ethischer Kriterien unter einer ausschließlichen Orientierung an den Standards quantitativer Forschungsmethodologie. Was gearbeitet oder erforscht wird, ist so gesehen gleichwertig – auch wenn Psycholog:innen z.B. per Werbung für SUVs oder Flugreisen oder als Teil einer Greenwashing-Kampagne direkt zur Verschärfung der Ökokrisen beitragen.
  • Dem Bilden von Hypothesen geht keine sinnhafte Frage nach den Erkenntnisinteressen voraus. Doch ohne die kritische Reflexion der Erkenntnisinteressen und entsprechende wissenschaftstheoretische, methodologische Fundierung werden Hypothesen unserer Form der Gesellschaft konform so generiert, dass die Forschung die jetzige Lebensweise fortschreibt, statt die Entwicklung einer nachhaltigen Lebensweise voran zu treiben (vgl. Dick 1973, 1988)

Das System, wie heute wissenschaftliches Ansehen erworben wird, ist ebenfalls durch Quantität geprägt. Kritisch die Grundlagen des Fachs zu erforschen, ist nicht nur unbeliebt bei den Kolleg:innen, sondern braucht auch noch viel Zeit und erbringt so wenig quantitativen Output.

Wenn die Psychologie damit fortfährt, immer kleinere Effekte immer genauer zu untersuchen, stört sie das Gesamtsystem in keiner Weise. Aber dieses Gesamtsystem muss gestört und transformiert werden, wollen wir unsere Lebensgrundlage behalten und massenhaftes Leiden verhindern.

Ausnahmen bestätigen die Regel

Selbstverständlich gibt es nützliche und hervorragende psychologische Forschung. Erwähnt seien hier nur exemplarisch die Arbeiten von Stephan Lewandowsky zu Verschwörungstheorien und der Herausbildung von wissenschaftlichem Konsens. Hier wird die Realität explizit einbezogen.

Psychologie und Homo sapiens science

Vielleicht brechen die Widersprüche zwischen dem, was die Psychologie eigentlich heute leisten müsste und dem, was sie leistet, eines Tages auf. Vielleicht in einigen Jahrzehnten, wenn das derzeit leider wahrscheinlichste Szenario Wirklichkeit wurde und die menschliche Welt in Chaos und Leid versinkt. Sollte dann jemand auf die Idee kommen, führende Fachvertreter:innen der Psychologie nach ihrer Verantwortung zu befragen, was würden sie antworten? Etwa: „Ja, die Menschheit steckt in der Katastrophe. Aber wir als Psychologie sind sauber geblieben, denn wir haben stets wertneutrale Wissenschaft betrieben. Das war alternativlos.“? Das kann eigentlich nicht sein.

Andererseits: Spätestens seit den 1990er Jahren wurden die wenigen Psycholog:innen an den Universitäten verdrängt, die die genannten Grundfragen stellten (Mattes, 2017). Daher führt es wohl nicht weiter, wenn nun versucht würde, das, was wir angesichts der drängenden ökologischen Krisen vom Fach Psychologie heute bräuchten, wieder ins Fach hinein zu bringen. Die oben skizzierte Kritik greift so tief in den Kern des Faches ein, dass es vollkommen neu aufgesetzt werden müsste. Das ist ungefähr so realistisch, wie anzunehmen, dass sich die Politik neu erfindet und die Ökokrisen plötzlich gemeinsam, parteiübergreifend und entschlossen angeht. Ein Kampf um eine grundsätzlich andere Psychologie ist chancenlos.

Dennoch brauchen wir die Inhalte, die das Fach nicht bieten kann. Wir benötigen den Blick „von oben“ auf die Menschheit. Nicht wertfrei, sondern dem Überleben der Menschheit verpflichtet. Angesichts der drängenden Krisen mit klarer Zeitschiene. Alle Aktivität muss daran gemessen werden, ob sie in diesem Sinne relevante Erkenntnisse liefert. Dazu müssen die Sichtweisen anderer Disziplinen sofort mit einbezogen werden.

In einem weiteren Post skizziere ich die Idee einer solchen neuen Wissenschaft: Die Homo sapiens science. Die Wissenschaft vom Überleben der Menschheit.

Ferner sei auf den in Beziehung stehenden Artikel 10 naive Fragen: Warum die akademische Psychologie uns nicht weiter hilft verwiesen, der anhand zweier Beispiele die Probleme erläutert (u.a. die vier Seiten der Kommunikation nach Schulz von Thun).

Herzlichen Dank an Markus Fellner und an meine Tochter für die hervorragende kritische Durchsicht einer früheren Version dieses Posts. Verbliebene Fehler sind meine.

Bredenkamp J. (1972). Der Signifikanztest in der psychologischen Forschung. Frankfurt: Akademische Verlagsgesellschaft.

Dick F. (1973). Theoretische Untersuchung der induktiv-nomothetischen Methode in ihrer Anwendung in der Psychologie als Grundlage einer Kritik der empirisch-analytischen Sozialwissenschaften. Dissertation, Universität Gießen.

Dick F. (1988). Fruchtbare Augenblicke. Situationen und Gedanken einer wissenschaftlichen Laufbahn. In G. Rexilius (Hrsg.), Psychologie als Gesellschaftswissenschaft. Geschichte, Theorie und Praxis kritischer Psychologie (S. 150-171). Opladen: Westdeutscher Verlag.

Heseler D., Iltzsche R., Rojon O., Rüppel J., Uhlig T.D. (2017). Perspektiven kritischer Psychologie und qualitativer Forschung: Zur Unberechenbarkeit des Subjekts. Wiesbaden: Springer Fachmedien.

Holzkamp K. (1978). Die Überwindung der wissenschaftlichen Beliebigkeit psychologischer Theorien durch die Kritische Psychologie. In K. Holzkamp, Gesellschaftlichkeit des Individuums. Aufsätze 1974-1977. (S. 129-139). München: Piper

Mattes P. (2017) Zur Geschichte der Psychologie-Kritik in den kritischen Psychologien. In: Heseler D., Iltzsche R., Rojon O., Rüppel J., Uhlig T. (eds) Perspektiven kritischer Psychologie und qualitativer Forschung. Springer, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-14020-5_2

Peters D.P. & Ceci S.J.(1982). Peer-review practices of psychological journals: The fate of published articles, submittet again. The Behavioural And Brain Sciences, 5, 187-255.

Ross C. (1979). Rejected. New West, 4, 39-41.

Yong E. (2013). Jede Menge Murks. Spektrum.de Zuletzt Abgerufen am 03.01.2021 unter https://www.spektrum.de/news/jede-menge-murks/1181463

Vergleiche auch diesen neueren Artikel der kritischen Sozialpsychologie:

The Perils of Explaining Climate Inaction in Terms of Psychological Barriers

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