Berufswahl: 7 Mythen und 3 Tipps. Teil 6: Nicht-Entscheiden ist cool

Bisher war hier viel die Rede von Zeitverlust, dem Wert einer gründlichen Ausbildung. Wie spießig! Oder? Ist es nicht viel cooler, das Leben offen auf sich zukommen zu lassen? Weltretter sind cooler als Karrieremacher. Im Gegensatz zu den Ego-zentrierten Karrieristen sind sie wirklich wichtig. Wenn es so einfach wäre.

Der Weg zum Weltretter

Als ich während des Studiums Mitglied eines dieser Weltretter-Clubs war, bemerkte ein berufstätiges Mitglied unseres Kreises gern: „Da wollen diese Studis die Weltrevolution, aber um sieben aufstehen, das wollen sie nicht.“ Einige meiner Freunde von damals sind Profi-Weltretter geworden. Einige pendelten zwischen normaler kapitalistischer Wirtschaft und Anstellungen in humanitären Organisationen. Andere fanden ihre je eigene Mischung aus Werten und Job.

Schon damals war für mich auffallend: der Konkurrenzkampf um die wenigen Jobs in den ökologischen und sozialen Organisationen. Wer dort unterkommen wollte, musste sich denselben Gesetzmäßigkeiten unterwerfen, wie ein Bewerber bei einem Konzern. Die Voraussetzungen waren etwas anders definiert. Selbstverständlich musste das Praktikum in einem solchen Verein gewesen sein. Ehrenamtliche Mitarbeit ist wichtig, die es in einem konventionellen Unternehmen nicht gibt. Man muss die Vereinsleute kennen und nicht die Mitarbeiter des Unternehmens. Im Grunde aber gelten dieselben Regeln. Heute ist das immer noch nicht anders.

Einen etwas anderen Bereich stellen die Sozialunternehmen dar. Im Interview mit mir schildert Dennis Hoenig-Ohnsorg die Voraussetzungen dort. Sozialunternehmen wollen eine wirtschaftliche Basis für ihre Mitarbeiter genauso erzeugen, wie einen gesellschaftlichen Nutzen. Sie brauchen häufig Mitarbeiter mit ganz „normalen“ Qualifikationen. Bringen sie zusätzlich soziales, gesellschaftliches Denken mit, passen sie besonders gut. Die berufliche Basis steht aber häufig stärker im Vordergrund, als bei NGOs wie Greenpeace.

Weltretten braucht Fleiß

Im letzten Teil dieser Serie hatte ich die 10.000 Stunden erwähnt, die man braucht, um Experte für ein Gebiet zu werden. Im Falle von Bill Gates errechnete Malcolm Gladwell, dass Gates als Schüler häufig 8 Stunden am Tag, 7 Tage pro Woche am Rechner saß.

Gründer sozialer Organisationen, die vielleicht später deren Vorsitzende werden oder andere priviligierte Posten bekommen, haben eine ähnliche Geschichte. Statt am Rechner saßen sie in Jugendumweltbüros, bauten Stände in der Innenstadt auf und diskutierten mit möglichen Mitstreitern oder arbeiteten ehrenamtlich in Ausschüssen mit. Dasselbe gilt für die – so gesehen – zweite Reihe. Sie haben keine Spitzenjobs in der Bewegung, aber erzielen ein erträgliches Einkommen mit werteorientierter Arbeit. Auch sie haben auf ihrem Weg viel ehrenamtliches Engagement.

Werte statt Euros

Ob schicker Posten oder „nur“ akzeptables Gehalt: Alle Weltretter sind sich völlig einig: „Es geht mir nicht ums Geld!“. Sie wollen von ihrer Arbeit leben können, denn sie müssen von etwas leben. Und ihre Zeit und Arbeitskraft mit etwas anderes zu verbringen, als die Verbesserung der allgemeinen Lebensumstände, mögen sie sich nicht vorstellen. Höhere finanzielle Ansprüche sind selten.

Obwohl die Profis der NGOs und Verbände für das, was sie können und leisten, in der Industrie ein sehr hohes Gehalt erzielen würden, ist das eine andere Welt, auf die eben verzichtet wird. Die Vorteile des einen Systems mitzunehmen und gleichzeitig die Freiheit des anderen – das passt nicht zusammen. Und das ist diesen Engagierten in der Regel vollkommen klar.

Der Weg zum Profi-Weltretter braucht Zielorientierung

Alle Profis, die ich im beschriebenen Gebiet kenne, haben stets und früh ein sehr klares Ziel gehabt. Sie wussten schon in der Jugend, was sie mit ihrem Leben anfangen wollen. Dass es ihnen um den Einsatz für die Umwelt, den Frieden oder um eine gerechtere Gesellschaft geht. Fakt ist: Später setzen sie sich mit Lobbyisten auseinander, die ähnlich viel für ihre Position „auf der anderen Seite“ getan haben. Es geht um die Präsenz in den Medien, um die vorteilhafteren Auftritte in den Talkshows, um Diskussionsrunden mit Professoren, hochrangigen Politikern und Managern. Hier besteht kein Laie, der sich lange Zeit mit Nicht-Entscheiden aufgehalten hat.

Weltretten ist cool, das finde ich auch. Aber Weltretten braucht Profis. Und andere, etwas verschlafene Laien, die ihr Handwerkszeug nicht gelernt haben, werden gar nicht erst zugelassen zum Kampf um unsere Zukunft. In Zeiten, in denen IT-Girls fürs Berühmtsein berühmt werden, mag das befremdlich klingen – aber genau deshalb muss es gesagt werden. Weltretten, aber keinen Einsatz bringen wollen, finde ich weniger cool.

Wem diese Sätze zu hart sind und für wen der beschriebene Weg zu stressig klingt, kann gerne etwas anderes machen. Was sich anbietet: Ein Entscheidungsprogramm abarbeiten und einen Berufszweig beliebigen Interesses auswählen (siehe v.a. Teil 2 dieser Serie). Der Einsatz fürs Gute ist auch im Hobby – oder im Subtext eines normalen Berufes – möglich (Blog: „Mehr Sinn in die Arbeit“).

Zeiteinsatz für Weltretter

Da hier schon einige Beiträge auf den Faktor Zeit bei der Karriere eingegangen sind: Bei Weltrettern tickt die Zeit etwas anders. Es ist durchaus denkbar, dass man einige Monate in der Welt herum „trödelt“ und sich dann im internationalen sozialen Einsatz einbringt. Die Kenntnis der Kulturen, der Menschen vor Ort, sind wichtige Kompetenzen. Einem Industrieunternehmen müsste man erklären, was genau man auf seiner Weltreise gemacht hat und ein Bezug zum Beruf wäre wünschenswert. Bei sozialen Organisationen ist das nicht von Belang.

Was also nach Bummeln aussieht, kann sich der klar an Werten und jenseits der kapitalistischen Wirtschaft Orientiete leisten, weil er bewusst außerhalb dieses Systems herkömmlicher Karrieremechanik lebt. Wer ohne diese klaren Werte um die Welt zieht, muss allerdings zu Recht die – negativen – Konsequenzen der etablierten Karrieremechanik befürchten. „Wo waren Sie und was haben Sie da genau gemacht?“ wird es im Vorstellungsgespräch heißen. Und die Antwort „Ich fand das hinduistische Sonnenaufgangsritual interessant“ mag für Völkerkundler noch angehen, für alle anderen nicht. Deshalb sollte er oder sie genau diese Trödelei in Grenzen halten.

Fazit: Nichtentscheiden ist uncool

Sich klar jenseits des etablierten Systems stellen heißt, bei Auszeiten keine negativen Konsequenzen zu befürchten. Dies wäre eine klare Entscheidung für Werte. Profi-Weltretter werden zu wollen verlangt aber, wie die konventionelle Karriere, sich ein Ziel zu setzen und mit großem Engagement dafür zu arbeiten. Man kann beides gut oder cool finden. Sich für nichts richtiges entscheiden oder die Vorteile des einen Lebens zu wollen, ohne dessen Gesetzmäßigkeiten zu akzeptieren ist uncool.

Lesen sie dazu die weiteren Teile dieser Serie. Die weiteren Mythen:

1) Die Berufswahl bestimmt das Gehalt
2) Bei der Berufswahl kann man sich Zeit lassen
3) Ohne Zeitverlust Durchstarten ist am besten
4) Die Eltern sind gute Ratgeber
5) Eine geniale Geschäftsidee und der Rest ist egal
6) Erstmal Nicht-Entscheiden ist cool
7) Geld brauche ich wenig

Die Tipps

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