Von McDonalds zur Frühförderung. Karrierewege für Weltveränderer.

Mit Dennis Hoenig-Ohnsorg von Ashoka Deutschland spreche ich über „Karrierewege für Weltveränderer“. Wie können Sie „Werte“ und „Karriere“ zusammenbringen? Welche Karrierewege bieten  Sozialunternehmen? Mit welchem Profil haben Sie die Chance, Ihre Werteorientierung im Job zu leben?

Herr Hoenig-Ohnsorg, Sie leiten das Programm „Karrierewege für Weltveränderer“ bei Ashoka. Wie kam es dazu?

Ashoka hat momentan 45 Fellows…

Das sind von Ihnen geförderte Sozialunternehmer…

Richtig. Social Entrepreneurs sind Menschen, die eine neue Idee zur Lösung eines gesellschaftlichen Problems entwickeln und unternehmerische Organisationen gründen, um sie zu verbreiten. Sie leben von ihrer Arbeit. In den 45 Unternehmen arbeiten zur Zeit 500 Mitarbeiter. In den nächsten ein bis drei Jahren werden dort 100 bis 200 neue Stellen entstehen.

Ein spezifischer Fachkräftemangel war also die Ausgangslage Ihres Programms. Wie sind Sie konkret vorgegangen?

Zunächst haben wir zusammen mit McKinsey im Rahmen einer repräsentativen Marktforschung fast 1800 Menschen nach ihren beruflichen Präferenzen befragt. Uns hat interessiert, wie wir qualifizierte, engagierte Menschen dafür gewinnen können, in Sozialunternehmen zu arbeiten.

Vielleicht mehr bezahlen …?

Nein, das würde zu kurz greifen. Insgesamt ergab sich ein anderes Problem. Momentan gibt es Karrierewege, die gleichen Autobahnen. Es gibt wenige Abfahrten, keine Richtungswechsel, parken oder umkehren verboten. Die Studie hat gezeigt: Es gibt grundsätzlich ein großes Interesse, werteorientiert zu arbeiten. Aber, um beim Autobahnbild zu bleiben: Es gibt keine Hinweisschilder auf Abfahrten. Und viele fürchten, nach der Abfahrt in eine sumpfige Sackgasse zu geraten. Da müssen wir Fakten bekannt machen und aufklären.

Nehmen wir doch mal ein paar Vorurteile, die Sie festgestellt haben und wie Sie als Ortskundiger darauf antworten. Erstens: Das Geld.

Die Bezahlung gleicht häufig der im Öffentlichen Dienst. Man kann also gut von seiner Arbeit leben und vor allem ist die Tätigkeit befriedigend. Bezahlung erfolgt ja auch non-monetär, zum Beispiel in Flexibilität, inhaltlicher Herausforderung und dem Aufbau neuer Netzwerke.

Keine Planbaren Karrierewege?!?

Ja, das trifft im Wesentlichen zu. Sie können das mit dem Umfeld eines Startups vergleichen. Nicht bis ins Letzte planbar sondern eher unternehmerisch zu gestalten, dabei aber sehr inspirierend.

Keine Entwicklungsmöglichkeiten, keine Weiterbildung?

Nein, eher im Gegenteil. Es gibt häufig die Möglichkeit für Weiterbildungen oder Coaching und die Aufgabenprofile sind oftmals sehr vielfältig. Man kann sich also ausgezeichnet persönlich wie fachlich weiterentwickeln – unternehmerischer Drive vorausgesetzt.

Ich sehe schon, Sie sind ziemlich überzeugt von werteorientierter Arbeit ….

Viele Karriereoptionen sind einfach unbekannt. Beispielsweise bei Social Entrepeneuren zu arbeiten oder selbst ein Sozialunternehmen zu gründen. Außerdem gibt es ganz viele herausfordernde Jobprofile, die man nicht im Bereich der Sozialunternehmen vermuten würde.

Was wäre ein Beispiel dafür?

Da gibt es die Internet-Plattform „Betterplace.org“. Sie ist eine Onlineplattform für virtuelles Engagement; hier kann man Geld spenden, aber auch Zeit in Projekte in seiner Nachbarschaft investieren. Es werden online Spendenmöglichkeiten vorgestellt und Spenden abgewickelt. Wie jedes erfolgreiche Internet-Startup sucht „Betterplace“ immer wieder gute Programmierer und Online-Experten.

Und ein Beispiel jenseits der IT?

Ein anderer Fellow, Frank Hofmann, ist von Hause aus Gynäkologe. Er hat „Discovering Hands“ gegründet. Er bildet blinde Frauen für die Brustkrebsfrüherkennung als Medizinische Tastuntersucherinnen aus. Zu ihrer Orientierung hat er dafür Taststreifen entwickelt. Um sein Konzept auch international zu verbreiten braucht es Menschen mit Vertriebserfahrung im medizinischen Bereich.

Und Rose Volz-Schmidt schließt mit ihrem Sozialunternehmen wellcome durch ein Franchisesystem eine wichtige Lücke in der Kinder- und Familienbetreuung. Um mit nur 14 Mitarbeitern eine Dienstleistung an über 200 Standorten zu verbreiten, braucht sie Kollegen, die sich mit Qualitätsmanagement und Franchising auskennen – das könnten Sie z.B. auch bei McDonalds gelernt haben.

Kommt die Arbeit bei Sozialunternehmen für jeden in Frage?

Grundsätzlich ja. Als entscheidend sehe ich allerdings an, dass man den kulturellen Unterschied mitmacht. Das ist die größte Herausforderung.

Was meinen Sie damit?

Erstens ist die Arbeit hier unternehmerischer als in einem Konzern. Zweitens ist sie sektorübergreifend. Man hat mit einem CEO genauso zu tun, wie mit Stiftungen, Politik und Medien. Das ist herausfordernd, dafür sieht man die Wirkung des eigenen Handelns direkt.

Kommen wir nochmal auf die Bezahlung zu sprechen. Vielleicht an einem Beispiel.

Wir hatten einen Fall, da lag das vorige Gehalt bei ca. 250 Tsd. Die Vorstellung für die Zukunft lag bei 150 Tsd., aber das war zu viel für die Stelle. Je konkreter sichtbar wurde, wie herausfordernd die neue Position ausgestaltet war und wie viel unternehmerische Freiheit sie bot, desto flexibler wurde der „Seitenwechsler“ beim Gehalt. Letztlich betrug es 70 Tsd. und das war okay.

Zahlen nicht große Organisationen wie die Caritas in der Spitze mehr?

Die Glücksforschung sagt, dass bei 80 Tsd. Euro Schluss sein darf. Bis dahin steigt die Lebenszufriedenheit mit dem Einkommen tendenziell an. Aber wer mehr verdient, wird nicht auch automatisch glücklicher. Grundsätzlich sollten wir die Bezahlung immer in Relation zum Job sehen. Was bietet er, außer Geld? Für viele Menschen bieten kleinere Sozialunternehmen interessantere Jobs. In der Caritas gibt es auch aufregende Aufgaben mit unternehmerischen Freiheiten, auch die sind aktuell aber noch nicht so leicht zu finden. Hier muss beim Employer Branding wohl noch etwas nachgelegt werden.

Wie gelingt der Umstieg vom Konzern in ein Sozialunternehmen? Was muss man mitbringen?

Offenheit für die genannten kulturellen Unterschiede ist unbedingt nötig. Erfahrungen über ein Ehrenamt oder den Einsatz seiner Kompetenz in Pro-Bono Projekten sind hilfreich.

Und wie sieht es mit der Eintrittskarte aus? Muss man über Beziehungen verfügen?

Eine normale Bewerbung ist erforderlich und häufig zielführend. In manchen Fällen sind informelle Netzwerke hilfreich. Die bekommt man beispielsweise, wenn man zweimal im Jahr auf einem Kongress zu relevanten Themen präsent ist und dort Kontakte knüpft.

Wie realistisch ist der Plan, direkt auf Führungsebene in einem sozialen Unternehmen einzusteigen?

Grundsätzlich ausgeschlossen ist das nicht. Wir hatten durchaus schon Fälle, in denen Führungskräfte aus der Wirtschaft als Führungskraft in den Sozialbereich gewechselt sind.

Wie weit sind Sie mit Ihrem Programm „Karrierewege für Weltveränderer“ heute?

Unsere Studie ergab verschiedene Zielgruppen, die wir mit unterschiedlichen Initiativen ansprechen. Erstens die Young Professionals. Hier unterstützten wir in den letzten 12 Monaten rund 150 Engagierte dabei, langfristige Strukturen für ihr Engagement zu schaffen. Einige machten dank unserer Stipendien aus ihrem Engagement für begrenzte Zeit sogar einen Vollzeitjob. Zweitens: Fürs mittlere Karrierealter unterstützen wir mit Talents4Good den Aufbau einer Personalagentur für die Vermittlung von Jobs mit gesellschaftlicher Wirkung – zukünftig will das Team nicht nur Jobs vermitteln, sondern auch zeitlich begrenzte Einsätze für Führungskräfte aus der Wirtschaft bei Sozialunternehmern. Drittens ein Programm mit dem Namen „Erfahrungsunternehmer“. Angesprochen sind Menschen ab circa 50 Jahren, die in der letzten Karrierephase umsteigen wollen. Für die Gruppe der WiedereinsteigerInnen sind wir noch auf der Suche nach einem passenden Angebot.

Was war der Kick für Sie selbst, sich in den sozialen Bereich zu entwickeln und wollen Sie dort bleiben?

Das wird aber persönlich ….

Ja, das wollen wir hören!

Als Kind hatte ich Legasthenie und bin nur durch den Einsatz meiner Eltern ins Gymnasium gekommen. Da habe ich zum ersten Mal verstanden, dass man auch Glück haben muss. Das System an sich sorgt nicht automatisch für Gerechtigkeit. Im Studium gründete ich dann eine eigene Stiftung für Bolivien und „stolperte“ in Deutschland in die damals gerade im Entstehen begriffenen Sozialunternehmerische Szene. Für die Zukunft will ich mich nicht auf einen bestimmten Sektor festlegen, aber ich würde keinen Job machen wollen, der mir zu wenig Sinn, unternehmerische Freiheit und intellektuelle Herausforderung bietet. Eine bessere Plattform als Ashoka habe ich für mein Wirken einfach noch nicht gefunden.

Herr Hoenig-Ohnsorg, vielen Dank für das Gespräch!

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