Berufswahl: 7 Mythen und 3 Tipps. Teil 4: Die Eltern sind gute Ratgeber

Die Eltern, Onkels und Tanten wissen viel übers Berufsleben, denn sie sprechen aus jahrzehntelanger Erfahrung. Dennoch sind sie häufig schlechte Ratgeber bei der Berufswahl ihrer Kinder. Von aktuellen und zukünftigen Entwicklungen wissen sie zu wenig.

Am besten wirst du Arzt

Um die Wissenslücke der Eltern-Generation zu schließen, schrieb Svenja Hofert das empfehlenswerte Buch “Am besten wirst du Arzt”. Als ich die druckfrischen ersten Seiten las, fuhren wir zum Verwandtentreff.

Wenige Stunden später verwandelte sich die Lektüre in Realität; ich erlebte den  Buchtitel, live und in Farbe. “Hast du dir schon einmal über deine berufliche Zukunft Gedanken gemacht”, lautete die Frage an meine Tochter. Die Antwort folgte prompt: “Am besten gehst du in die Verwaltung, das kannst du gut mit der Familie vereinbaren und du hast nicht zu viel Stress.” So der Rat der wohlmeinenden Verwandtschaft, aus dem viel eigene Erfahrung sprach. Und im Grunde nichts anderes! Denn beim Ehrgeiz und den Ansprüchen meiner Tochter war dies ein völlig untauglicher Vorschlag.

Hier einige Hinweise zur Veränderung der Berufswelt: Wieder in Mythen umgesetzt, denn sie sind es, die uns so vertraut in den Ohren klingen.

“Eine feste Stelle ist am sichersten”

Im Gegensatz zu früher wandeln sich Berufsbilder heute in rasender Geschwindigkeit. Die technische Entwicklung eilt voran. In der globalisierten Welt kann ein Arbeitsplatz schnell verloren gehen, selbst wenn er “fest” und “unbefristet” ist. Ein wichtiger und moderner Begriff für den zukünftigen Arbeitsmarkt ist daher die “Employability” zu deutsch die “Beschäftigungsfähigkeit”.

Die eigene Qualifikation muss passend zum Arbeitsmarkt gehalten werden, das ist die Kunst. Eine Festanstellung sollte keinesfalls als Grund angesehen werden, nicht am Ball zu bleiben (Blog-Beitrag von Robin Ullah dazu). Obwohl genau das verführerisch ist. “Was soll mir schon passieren? Ich habe eine feste Stelle. Und für Weiterbildung sorgt mein Arbeitgeber ja auch.” So war es früher.

Heute sollte man sich fragen: Was geht außerhalb der eigenen Firma vor sich? Möglicherweise bildet der Arbeitgeber nur genau soweit fort, wie es seinen eng gesetzten Zwecken dient? Vielleicht steht es um die Finanzen des Arbeitgebers nicht allzu gut? Schon Jahre bevor er Pleite geht, investiert er nicht mehr – es gibt keine aktuelle Software, keine perspektivgebende Weiterbildung, veraltete Maschinen. Dann die Insolvenz mit Jobverlust. Das aktuelle Know-how ist zu diesem Zeitpunkt leider schon länger perdü.

Zu den heute gefragtesten Experten, die ganz sicher leben, auch ohne Anstellung, gehören Computer-Spezialisten mit dem richtigen Schwerpunkt. Computersicherheit ist so ein Thema, Logistik, visuelle Bilderkennung, um nur einige zu nennen. Wer hier gut ist, verkauft seine Arbeitskraft für 150.000 Euro und mehr und kann sich die rennomiertesten Konzerne als Auftraggeber auswählen. Vorgesetzten-Position? Nicht erforderlich! Die richtige Spezialisierung reicht. Solche Spezialisten-Karrieren gab es früher kaum. Heute gibt es sie häufig.

Spezialisten-Karrieren sind grundsätzlich in jeder Branche denkbar und es werden immer mehr, die freiberuflich als Experten tätig sind. Da sie ihr Know-how an jeden Auftraggeber verkaufen können, ist ihre Position sicherer als viele Festanstellungen.

Fazit: “Festanstellungen sind sicher” hat heute nur noch einen Wahrheitsgehalt von 20 Prozent – Tendenz abnehmend.

“Der öffentliche Dienst bezahlt wenig”

Die Gehaltsentwicklung im öffentlichen Dienst verlief in den letzten Jahrzehnten relativ erfreulich – die Differenz zur freien Wirtschaft wurde aufgeholt. Mit allen Nebenleistungen verdient ein Akademiker im öffentlichen Dienst ordentlich und vielfach besser als in entsprechenden Stellen der privaten Träger, beispielsweise im Beruf des Sozialpädagogen (Studium “Soziale Arbeit”). Architekten kommen selbst bei großen Unternehmen kaum auf den Betrag, den ein bei der Stadt angestellter Berufskollege nach einigen Berufsjahren verdient.

Ähnliches gilt für Sozialunternehmen. Dem Ruf nach muss man noch Geld mitbringen für so eine sozial ausgerichtete Stelle. Tatächlich entspricht die Vergügung ungefähr entsprechend dem des öffentlichen Dienstes. Insofern kann man sich soziales Engagement durchaus leisten (vgl Blogpost zur Arbeit in Sozialunternehmen).

Habe ich eben über die IT-Fachleute geschrieben, die zu den Spitzenverdienern gehören, gerade durch die  Freiberuflichkeit, muss auch ein Wort zur Schmerzensseite dieses Berufsstatus gesagt werden. Ganze Berufsgruppen wie Journalisten, Grafiker, Dozenten, leiden unter dem allgemeinen Rückgang der Festanstellungen. Sie sind frei, aber arbeiten häufig zu unsäglichen Honoraren (lesenswert: Wie viel vom Honorar übrig bleibt). Sie würden sich mit einer Festanstellung im öffentlichen Dienst sehr viel besser stellen.

Fazit: “Der öffentliche Dienst bezahlt wenig” hat einen Wahrheitsgehalt von 30 Pr0zent. Allgemein stimmt der Satz gar nicht, im Vergleich mit entsprechenden Anstellungen in der Wirtschaft mag er zutreffen. Ist die Bezugsgröße eine prekäre Freelancer-Existenz, wie sie heute immer öfter vorkommt, gilt er ganz sicher nicht.

“Die Berufe der Zukunft sind …”

Der Arbeitsmarkt wandelt sich immer schneller. Alte Berufe verschwinden, neue entstehen. Vorhersagen für die Zukunft sind mit größter Vorsicht zu genießen. Den Renner in ein paar Jahren hat heute vermutlich noch niemand auf dem Plan. Oder wer hätte schon vor fünf Jahren gedacht, dass heute Social-Media-Marketingleute besonders dringend gesucht werden?

An einigen Beispielen: Zunächst die wechselvolle Geschichte des Uhrmachers. Der Beruf verschwand hierzulande mit dem Siegeszug der Digitaluhren und wurde praktisch nicht mehr ausgebildet. Vor zehn Jahren besuchte ich eine Ausbildungsstätte. Der Ausbildungsleiter berichtete, dass eine Uhrmacherstelle im Durchschnitt erst nach einem Jahr besetzt werden kann. Und nötig sind die Uhren-Fachleute, denn es gibt teure, mechanische Uhren, für die man sie braucht. In den letzten Jahren sind genau diese Uhren zum Trend geworden – Uhrmacher wurden noch gefragter.

Der Trend der letzten Monate ist wieder ein anderer. Zunehmend mehr Uhrenhersteller lizensieren nur noch bestimmte Uhrmacher für die Reparatur. Die Geschäfte müssen für ihre Werkstatt teure Einrichtungen anschaffen, sonst bekommen sie keine Lizenz. Das wird den Arbeitsmarkt erneut wesentlich beeinflussen.

Eines meiner Lieblingsbeispiele seit Jahren ist der Kernkraft-Physiker. Weltweit, verstärkt in der BRD, sind Atomkraftwerke auf dem Rückzug und schlecht beleumundet. Schön, dass diese gefährlichen Biester bald aus der Welt kommen! Aber für den Rückbau der Anlagen und das Lagern der radioaktiven Abfälle braucht es noch jahrzehntelang Fachkräfte. Und ich hoffe, dass wir sie noch ausbilden an unseren Universitäten. Denn dieses heikle Werk gehört in kompetente Hände. Die Absolventen werden noch lange sichere, gut bezahlte Arbeit finden. Je schlechter die Kernspaltung als Energieform angesehen ist, desto weniger werden Kernphysik studieren.

Als letztes Beispiel eines der absoluten aktuellen Zukunftsfächer, die kaum Eltern auf dem Plan haben werden, weil Computer-Spiele eine fremde Welt für sie sind: Game-Designer und -Programmierer. Der Markt für Computer-Spiele ist riesig, gute Leute braucht es dringend. Ältere Mitarbeiter, die so etwas können, gibt es praktisch nicht. Erstaunlich: Plötzlich ergibt das Daddeln vor dem Spielecomputer Sinn und entpuppt sich als ideale Voraussetzung für ein Studium des Interaction-Design.

Aktuelle Bedarfe des Arbeitsmarkts können schon bald verschwinden. Beispielsweise werden momentan vielerorts händerringend LKW-Fahrer gesucht. Aber schon in wenigen Jahren könnten automatische Fahrsysteme dafür sorgen, dass ein Fahrer z.B. ein zweites Fahrzeug hinter sich mitkontrolliert. Berufskraftfahrer ist daher ein Beruf, der sehr sicher ist – perspektivisch sehr unsicher. Logistik-Spezialist, Logistik-Informatiker dagegen ist – Megatrends Computerisierung, kapitalistischer Druck zur Automatisierung, Megatrend Internethandel – grundsätzlich zukunftsorientierter (Literaturempfehlung: Arbeitsfrei!).

Fazit: Der Wahrheitsgehalt von Vorhersagen über den Arbeitsmarkt der Zukunft kann leicht auf null sinken. Was sich an den Megatrends ausrichtet, kann Jahre Bestand haben.

Fazit: Eltern alleine sind überfordert

In der Regel haben Eltern das heute notwendige Wissen über den Arbeitsmarkt der Zukunft nicht. Die Berufsplanung ist häufig so schwierig, dass Expertenrat sinnvoll ist.

Lesen sie dazu die weiteren Teile dieser Serie. Die weiteren Mythen:

1) Die Berufswahl bestimmt das Gehalt
2) Bei der Berufswahl kann man sich Zeit lassen
3) Ohne Zeitverlust Durchstarten ist am besten
4) Die Eltern sind gute Ratgeber
5) Eine geniale Geschäftsidee und der Rest ist egal
6) Erstmal Nicht-Entscheiden ist cool
7) Geld brauche ich wenig

Die Tipps

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