Berufswahl: 7 Mythen und 3 Tipps. Teil 7: Geld brauche ich wenig

Ein wesentliches Merkmal von Berufen sind die jeweiligen Verdienstmöglichkeitn. Viele bleiben beim einmal gelernten Beruf nicht stehen, bilden sich weiter oder steigen zum Führungsjob auf – mit entsprechendem Gehalts-Plus. Aber wie kommt man mit dem normalen Standard-Verdienst eines Berufes später klar? Ein wesentlicher Punkt bei der Berufswahl!

Billiges Studentenleben

Bis nach dem Studium habe ich selbst kaum eine Vorstellung davon gehabt, was das Leben eigentlich kostet. Wenn ich heute mit meinen Kindern – selten – über diese Frage spreche, wird klar, dass die Teenager mit den Summen, um die es „im Erwachsenenleben“ geht, nichts anfangen können. Jede Relation dazu fehlt.  Wieso ist es so schwer für junge Leute, eine Vorstellung vom Geld aufzubauen?

Der Schüler hat sein Taschengeld – für alles andere wird gesorgt. Die Studentin mietet ein Zimmer einer WG. So gesehen wohnt sie in einer viertel-Küche und benutzt ein viertel-Bad – und zahlt entsprechend auch nur dafür Miete. Dazu bekommt sie weiteren Wohnraum geschenkt: Das Kinderzimmer bei den Eltern bleibt erhalten, zusätzlich steht ihr Eigentum auf dem Speicher oder im Keller. Die Gemeinschaftsräume im Elternhaus werden mitbenutzt.

Die WG bietet häufig weitere finanzielle Vorteile – Zusammenleben ist preisgünstig. Zum Beispiel gibt es Viertel-Zeitungsabos. Gegessen wird ferner staatlich unterstützt in der Mensa. Viele Eintritte gibt es zum ermäßigten Studitarif und zur Uni fährt man mit dem Studiticket. Bücher werden nicht gekauft, sondern in der Bibliothek ausgeliehen. Die Wege sind kurz. Und immer mal wieder gibt es einen Schein von den Eltern zugesteckt. Zwingt einen elterliche Sparsamkeit zum Jobben, hat der Staat dafür Extra-Konditionen eingerichtet, so dass kaum Abgaben anfallen. Die Krankenkasse kostet höchstens 65 Euro monatlich.

Wechsel vom Empfänger zum Geber

Während der Berufsausbildung investiert die Gesellschaft in die Jugend. Insgesamt kostet jedes FH-Studium den Staat jährlich durchschnittlich 3700 Euro, ein Uni-Studium 8400 Euro (Quelle). Bei allen anderen Einrichtungen (Krankenkasse, Rente) läuft es ähnlich.

Nach Studienabschluss wechselt der Absolvent auf die andere Seite: Dorthin, wo dieses Geld herein geholt wird. Zahlt die Studentin während des Studiums noch ihre 65 Euro im Monat an die Krankenkasse, kann das später leicht das zehnfache werden. Wurde sie während der Ausbildung von den Eltern versorgt, hat sie bald eigene Kinder, die sie wiederum finanzieren muss.

Das dauert noch – denn natürlich muss man nicht im Moment des Master-Abschlusses die Zahlungen aufnehmen. Wer keinen Job hat, zahlt auch noch nicht in die öffentlichen Kassen, wer noch in der WG wohnt, bewahrt sich die preisgünstige Miete. Doch diese Übergangsfrist endet natürlicherweise. Andernfalls wird man Lebenskünstler: Auf Dauer leben mit wenig Geld. Eine Ausnahme, die hier nur erwähnt werden soll. Ob der Musiker auf dem Bild oben zu dieser Gruppe gehört oder nur sein Bafög aufbessert, bleibt unklar.

Wie viel Geld brauche ich später?

Am einfachsten gewinnen Studierende eine Vorstellung, wenn sie den Lebensstandard von anderen betrachten. „Wow!“, berichtet meine Tochter beispielsweise, „bei denen hat jeder in der Familie ein eigenes Auto – und keine schlechten!“ Solche Beobachtungen sind eher greifbar als abstrakte Zahlen.

Gute Erfahrungen habe ich deshalb bei meinen an der Universität abgehaltenen Karriereseminaren mit folgender Methode gemacht. Sie verzichtet auf buchhalterische Genauigkeit, aber vermittelt dafür eine Vorstellung der Relation von Lebensstandard und notwendigem Einkommen in der BRD. Die folgende Tabelle schafft dazu den ungefähren Überblick – und hat schon manchen Studierenden schockiert.

  Durchschnitt(ca 3.000.- € netto) Gehoben(um 4.000.- € netto) Deutlich gehoben(um 6.000.- € netto)
Wohnen 4-Zimmer-Mietwohnung, Wohneigentum mit Erbe / Selbstbau / auf dem Land möglich 4-Zimmer-Stadt-Wohnung zur Miete möglich, Eigentum mit Erbe / Eigenleistung / auf dem Land möglich Wohneigentum aus Einkommen möglich
Mobilität Ein eigenes Auto möglich, Zweitwagen fraglich z.B. ein Mittelklassefahrzeug und ein Kleinwagen möglich z.B. ein Oberklasse-PKW, ein Kleinwagen, ein Motorrad möglich
Bildung Staatsschule, evt. Musikunterricht möglich Staatsschule plus Musikunterricht Privatschule, Musikunterricht möglich
Urlaub Ein Jahresurlaub mit beschränkten Mitteln Ein Jahresurlaub, ein Kurzurlaub z.B. Fernreisen möglich
Kultur Knappes Budget Mittleres Budget Regelmäßig möglich

Wer studiert, staunt über diese Zahlen.

Mit welcher Ausbildung verdiene ich das notwendige Gehalt?

Nun kommen wir zur Einkommensseite der Berufe. Wenn ein verheirateter Alleinverdiener mit zwei Kindern auf die genannten 3.000 Euro Netto-Einkommen kommen will, braucht er einen Job, der ihm 4500 Euro brutto einbringt (12 Monatsgehälter). Von diesem Brutto-Verdienst gehen nämlich ab: 572 € Lohnsteuer, 14 € Solidaritätszuschlag, 21 € Kirchensteuer, 332 € Krankenversicherung, 41 € Pflegeversicherung, 425 € Rente, 67 € Arbeitslosenversicherung (diese Zahlen liefern brutto-netto-Rechner, z.B. hier).

Die meisten Abgaben steigen (bis zu einer gewissen Grenze!) an. Daher muss für 4000 € netto schon ein deutlich höheres Monats-Brutto erzielt werden: 6200 € (74400 € im Jahr). Für den letztgenannten Standard von ungefähr 6.000 € netto braucht es schon über 9000 € Brutto-Monats-Verdienst bzw. über 100.000 € Jahresbrutto.

Sehen wir uns nun die durchschnittlichen Brutto-Einkommen nach Bildungsstand an. Das IAB errechnete kürzlich folgende Zahlen:

Bildung lohnt sich also! Sogar mehr, als jede andere Geldanlage (wie hier nachzulesen). Aber dieser (wichtige!) Punkt soll hier nur erwähnt werden.

Diese Jahresverdienste bedeuten für Uni-Absolventen durchschnittlich 59.500 € Jahreseinkommen (4.960 € / Monat bei 12 Gehältern), für FH-Absolventen 51.333 € pro Jahr (4.278 € pro Monat). Die weiteren Zahlen: Mit Abitur und evt. einer Ausbildung 35.500 bzw. 2.956 €, ohne Abitur mit Ausbildung 28.804 / 2400 €, ohne Abitur und ohne Berufsausbildung 23.543 € bzw. 1.962 €.

Einstiegslöhne von Akademikern liegen derzeit grob zwischen 35.000 € und 42.000 €. Sie steigen im Durchschnitt schnell an. Dabei ist die Spanne breit: Die diplomierte Grafikerin oder Modedesignerin fängt vielleicht mit einem bezahlten Praktikum für 12.000 € im Jahr an. Die Unternehmensberaterin steigt mit 65.000 € ein (arbeitet dafür allerdings auch 70 Stunden die Woche). Fünf Jahre später hat sich das Grafikerinnen-Gehalt vielleicht verdoppelt, um dann bei ungefähr 25.000 € stehen zu bleiben, während die Ingenieure sich bei 60.000 € und darüber einpendeln.

Die Durchschnittsverdienste einzelner Einkommen kann man hier nachsehen. Klar wird bei diesen Zahlen, warum häufig zwei Ehepartner „das Geld für die Familie ranschaffen“ müssen (interessante Zahlen dazu). Erwähnt werden sollte auch der Zusammenhang zwischen Vermögen und Arbeitslohn (Durch Arbeit ist noch niemand reich geworden).

Tatsächlich staunen nicht nur Studierende über solche Zahlen – welche hohen Verdienste für ein offenbar „normales“ Leben nötig sind. Auch die meisten Erwachsenen in der Mittelschicht mit Jahreseinkommen bis zu 100.000 € wundern sich, wo das ganze Geld bleibt.

Selbstverständlich will ich niemanden davon abhalten, seinen Traumberuf zu ergreifen. Geld ist nicht alles im Leben! Sicherlich müssten wir auf großartige Kunst verzichten, wenn immer die Verdienstaussicht über den Traumjob triumphiert hätte. Nicht unlieb ist mir daher, wenn eine talentierte Sängerin oder ein begabter Maler nach der Lektüre dieses Artikels sagt: Nagut, dann bleibe ich eben wahrscheinlich auf Sozialhilfe-Niveau. Aber ich lebe meine Leidenschaft!

Willkommen ist mir aber auch der Gedanke: „Das hätte ich nicht gedacht. Wenn das so ist, überlege ich es mir noch einmal mit der Künstler- [oder Schreiner- oder Arzthelferinnen-….] Karriere“. Aufklärung genießen und dann freien Sinnes in die Zukunft starten – so soll es sein.

Fazit: Man braucht erstaunlich viel Geld

Man braucht für einen „normalen“ Lebensstandard in der BRD erstaunlich viel Geld. Bei der Berufswahl und der Karriereplanung sollte man dies bedenken.

 

Lesen sie dazu die weiteren Teile dieser Serie. Die weiteren Mythen:

1) Die Berufswahl bestimmt das Gehalt
2) Bei der Berufswahl kann man sich Zeit lassen
3) Ohne Zeitverlust Durchstarten ist am besten
4) Die Eltern sind gute Ratgeber
5) Eine geniale Geschäftsidee und der Rest ist egal
6) Erstmal Nicht-Entscheiden ist cool
7) Geld brauche ich wenig

Die Tipps

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