Ich-Entwicklung: Die Welt ohne Vertrauen

Gerade erlebte ich ein Lehrstück, wie Ich-Entwicklung funktioniert. Gerne lasse ich Sie daran teilhaben. Was irre und unlogisch erscheint, wird durch den Blick der IE-Brille plötzlich verständlich. Ich möchte nicht in einer Welt ohne Vertrauen leben – aber rund fünf Prozent der Erwachsenen sind davon “betroffen”.

Warum ignorieren Menschen Fakten?

Ganz kurz gefasst (ausführlicher z.B. hier nachzulesen) besagt das Modell der Ich-Entwicklung, dass wir uns auch im Erwachsenenalter weiter entwickeln. Das passiert allerdings unterschiedlich. Nach einer Referenz-Verteilung liegen fünf Prozent der Erwachsenen auf dem Level – beispielsweise – von Herrn Trump (95 Prozent sind weiter). Jeder Mensch begriff in seinem Leben sich selbst und die Welt schon einmal auf diese Weise (z.B. in der Pubertät). Und wir können – zum Beispiel unter Stress – jederzeit dorthin zurück fallen. Ganz egal, wie wir sonst so ticken. Jedes Level bietet ein in sich geschlossenes Selbst- und Weltbild. Alle Phänomene der Welt finden darin ihren Platz.

Nun hatte ich jüngst damit zu kämpfen, wie Klimawandelleugner argumentieren. Hier können Sie nachlesen, wie ich mich letztlich daran abgearbeitet habe. Ich habe die Argumentation der Leugner durchdrungen und das hat mir einiges gebracht. Doch die Frage bleibt: Warum argumentieren sie so unlogisch? Warum unterstellen sie 99,94 Prozent der Klimawissenschaftler, falsch zu liegen? Warum meinen sie, ohne selbst Klimawissenschaftler zu sein, es besser zu wissen? Warum beziehen sie sich auf ein paar Leute, deren Zugang zum Thema dubios ist, wie sich leicht recherchieren lässt? Warum können sie nicht die Argumentation der Fachleute nachvollziehen? Warum ignorieren sie Fakten und Logik und glauben lieber an eine Weltverschwörung, für die nichts spricht?

Die Lösung beginnt bei der Erkenntnis: Die Argumentation der Klimawandelleugner funktioniert auf dem Trump-Niveau.

Das Trump-Level der Ich-Entwicklung

Auf dem Trump-Level gibt es kein Vertrauen in andere Menschen. Der Mensch ist ein Raubtier, jeder sucht seinen eigenen Vorteil. Nach Trumps Aussage war das auch bei Jesus und Mutter Theresa so. Warum? Tja, eben, weil die Welt nur so ihren Sinn erhält, wie ihn Trump versteht. Es gibt nur Sieger oder Verlierer. Wer das nicht checkt, ist ein Trottel.

Trump kann in Sekundenbruchteilen zum Angriff übergehen. Nicht er ist schuld, die anderen haben viel mehr Schuld. Nicht er hat etwas falsch gemacht, die anderen haben viel mehr falsch gemacht. Er macht sowieso nichts falsch. Das funktioniert deshalb so rasend schnell, weil hierin eben der Kern seines Selbst- und Weltbildes verankert ist. Sein Selbst- und Weltbild umfasst alles! Ein Filter für alle Eindrücke, ein Raster für deren Einordnung. Deshalb ist die Ich-Entwicklungsstufe derart wichtig, wenn wir die Welt und die Menschen begreifen wollen.

Wie aus Widersprüchen Logik wird und aus Lüge Wahrheit

„Es gibt keinen menschengemachten Klimawandel“ ist ein Glaube, der sich schnell und einfach daraus ergibt, dass alles andere einen ungeheuren Nachteil für einen selbst bedeuten würde. Man müsste weniger Energie verbrauchen, vielleicht langsamer oder mit einem anderen Auto fahren. Die ekelhaften Öko-Spinner hätten Recht. Soweit klar, oder?

Vor diesem Hintergrund aus betrachtet, ergeben die klassischen Argumente der Klimaleugner plötzlich wunderbaren Sinn.

  • 99,94 Prozent der Klimaforscher gehen von einem menschengemachten Klimawandel aus: Aber nicht alle!
  • Die lautesten wissenschaftlichen Warner vor der Klimakrise sind allesamt Leute, die von der Klimaforschung leben. Ha – das ist es! Deshalb stimmt nicht, was sie sagen! Sie sind Egoisten!
  • Ich selbst bin zwar kein Klimawissenschaftler. Aber, geschenkt. Alle sind Egoisten. Jeder muss sich um sich selbst kümmern. Und das mache ich, indem ich mir ein eigenes Bild mache.
  • Es gibt Leute, z.B. Fahrradfahrer, Betriebe mit ökologischem Geschäftsmodell, die vom Umbau der Gesellschaft profitieren. Egoisten! Es stimmt nicht, was sie sagen!
  • Arme Menschen in fernen Ländern leiden. Küstenbewohner leiden. Bilder von sterbenden Korallenriffs anzusehen, stört ein wenig. Aber, hey, mal überlegen, ob mich das selbst betrifft. Bin ich arm? Lebe ich an der Küste eines armen Landes? Bin ich Korallen-Taucher? Nein! Das trifft alles nicht zu. Super! Mein Fazit: Ist mir egal!!!
  • Klimaforscher widersprechen früheren Aussagen? Ha, das beweist, dass sie nicht alles wissen und sich irren!

In einer Welt ohne Vertrauen, in der jeder sich vorrangig um sich selbst kümmert, sind diese Argumente komplett logisch! Die Argumentation muss nicht schlüssig von einem anderen Standpunkt aus sein. Das eigene Interesse ist der Referenzpunkt.

Wenn nur 0,06 Prozent der Klimawissenschaftler (vielleicht) meine Ansicht vertreten, so what? Sie vertreten meine Ansicht!

Ich finde – irgendein – Argument, das mir und meinem Ego weiterhilft? Super, das nehme ich!

Mein Status als Laien-Klimawissenschaftler oder Laien-was-auch-immer ist der höchste. Per definitionem! Andernfalls müsste ich anderen vertrauen, aber das ist schlecht für mich.

Da sich ohnehin alle um sich selbst kümmern und Egoisten sind, ist meine Haltung auch moralisch gesehen vollkommen okay!

Kein Mangel an Wissen, sondern am Wissenwollen

Wissenschaft ist – genauso wie Demokratie – ein fremdes Element für Trump-Typen. Im Kern geht es bei der Wissenschaft um Regeln, die für alle gelten. Dies sprengt das selbstbezogene System. Wissenschaft erhebt von vornherein den Anspruch, überindividuell zu funktionieren. Diese Idee lässt sich nicht in ein Selbst- und Weltbild einfügen, in dem es nur Egoisten gibt. Die Idee der Wissenschaft basiert auf Vertrauen.

Die Logik im Trump-Gehirn: Jeder Wissenschaftler ist Egoist (wie jeder andere Mensch auch). Also geht es dem Wissenschaftler nicht um Inhalte! Es ist unmöglich, dass ein Wissenschaftler Erkenntnisse propagiert, nur weil er zum Beispiel die Menschheit retten will. Ein Individuum, was einen anderen Grund für sein Handeln hat, als Egoismus, gibt es nicht. Also sind alle Aussagen, die jemand trifft, durch dessen egoistisches Interesse erklärbar.

Intelligenz und Bildung können hoch sein, selbst wenn die menschliche Reife nicht ausgeprägt ist. So kann eine Menge Gehirnleistung ins Vorhaben fließen, andere des Egoismus zu überführen. Oder die eigene Macht auszubauen, indem man die Schwächen der anderen erkennt und ausnutzt.

Skrupel sind unnötig – jeder ist sich immer selbst der nächste. Wenn jemand in diesem Selbst- und Weltbild “gefangen ist”, gilt nicht: “So bin ich” oder “das glaube ich”. (andere haben eine andere Meinung). Sondern: “So ist die Welt nunmal!” (andere haben zwar eine andere Meinung, aber nur, weil sie nicht verstehen, wie es wirklich ist)

Konsequenzen: Verbote für Trump-Typen

Die erste Erkenntnis ist also: Wenn wir Leute nicht logisch finden, könnte es am Unterschied zwischen deren und unserer Handlungslogik liegen! Ein anderes Wort für Handlungslogik ist eben das Selbst- und Weltbild. Argumente bringen hier nichts! Auf der Inhaltsebene ist wenig zu erreichen.

Für den Umgang mit den Trump-Leuten bleiben zwei Wege:

1.) Wir entwickeln sie weiter auf eine Stufe, in der Demokratie und Wissenschaft funktionieren.
2.) Wir zwingen sie zu bestimmten Verhaltensweisen.

Offensichtlich wäre der erste Weg einer, der länger dauert. Vom Anfang einer neuen Stufe zu deren Mitte zu kommen, braucht gerne mal 2-3 Jahre. Es wäre zwar komplett zynisch, auf diesen Versuch zu verzichten. Aber die Gesellschaft muss sich auch selbst schützen. Außerdem entscheidet jeder Mensch in Eigenregie, welches Selbst- und Weltbild er oder sie haben mag. Dazu kann man niemanden zwingen.

Zum zweiten Weg: Regeln durchsetzen ist das, was wir tun müssen. Schon weil es schnell greift. Obwohl sich beide Wege nicht ausschließen: Schon im Interesse der 95%-Mehrheit, muss man Leute, die die Wissenschaft nicht anerkennen wollen, einfach dazu zwingen, sich dennoch adäquat zu verhalten. Dasselbe gilt für demokratische Spielregeln.

Mit Menschen auf dem Trump-Level zu diskutieren ist dann am fruchtbarsten, wenn wir die Strukturen mit bedenken. Auch, um immer wieder selbst mehr darüber zu lernen, wie Inhalte und Struktur (Ich-Entwicklung) zusammen hängen. In diesem Fall: Die Logik oder vielmehr Nicht-Logik von Klimawandelleugnern ist am besten zu verstehen, wenn wir die Ich-Entwicklungsstufe E3 zugrunde legen. Innerhalb dieses geschlossenen Selbst- und Weltbildes ergibt die Argumentation einen schlagenden Sinn. Das Modell der Ich-Entwicklung ist ein unverzichtbares Hilfsmittel, uns selbst und die Welt besser zu verstehen und adäquat zu handeln.

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