Ich-Entwicklung und Klimawandel: Ist die Menschheit zu doof, um zu überleben?

Räumt uns der Klimawandel demnächst qua eigener Dummheit von der Erde? Fehlt es uns an Bildung oder Intelligenz? Das Problem scheint ein anderes – die Lösung findet sich im Modell der Ich-Entwicklung.

Atomkrieg und Klimakrise

Seit über 70 Jahren hätten wir die Möglichkeit, uns per Knopfdruck und Atombomben auszulöschen. Davor war es gang und gäbe, die militärische Macht für die eigenen egoistischen Zwecke zu nutzen. Man stelle sich vor, Napoleon oder Hitler hätten Atomwaffen zur Verfügung gehabt. Nach ihrer Erfindung musste die Lernkurve für die Menschheit es ermöglichen, diesmal die stärkste verfügbare Waffe nicht zu benutzen. Das ist bisher geglückt. Zwar nicht immer souverän, wie beispielsweise die Kubakrise und ein Systemabsturz der Frühwarnung in der Sowjetunion zeigte. Aber wir haben es geschafft.

Nun steht mit dem Klimawandel die nächste Prüfung an. Und leider wird sie schwieriger zu bestehen sein. Es geht mit Klimakrise und Artensterben nicht um einen Schalter und eine wenige Minuten später folgende Explosion, sondern um komplexe Zusammenhänge. Die Regierungen und Unternehmen der Welt sind genauso gefragt, wie die Wähler und Konsumenten. Dennoch sind wir geschickt genug gewesen, wissenschaftliche Methoden zu entwickeln, das Problem zu erkennen. Politiker und NGOs kümmern sich darum. Soweit gut. Aber es geschieht viel zu wenig.

Paris – und keine Folgen

Um nur ein Beispiel zu nennen: Fast kein Land der Erde ist auf Kurs, was die 2015 in Paris verbindlich zugesagten Klimaziele angeht. Wir missachten permanent die Empfehlungen der Wissenschaft zum Klimawandel. Die Grünen wollen 2030 aus der Verbrenner-Automobilität aussteigen. Immerhin. Sie sind die einzige Partei in Deutschland mit diesem Ziel. Die anderen wollen sich gar nicht erst festlegen – irgendwann später, vielleicht. Aber selbst die Zahl der Grünen läge zu spät. So weist Volker Quaschning in seiner nüchternen, wissenschaftlichen Art darauf hin, dass wir 2025 aussteigen müssen. Warum? Ganz einfach: 2035 müssen wir raus sein aus der Verbrenner-Mobilität und die Lebensdauer eines Autos beträgt 10 Jahre. Quaschnings Aussage nach sind sich sogar viel Grüne nicht klar darüber.

Über den vollkommen unwirksamen 10 € Preis pro Tonne CO2, der beim Klimagipfel unter historisch günstigen Bedingungen herauskam, wurde hier und in der Öffentlichkeit schon viel geschrieben. Alle Experten haben zuvor klar gesagt, es braucht 35 Euro, wahrscheinlich 50, damit sich etwas ändert. Das leuchtet sofort ein: Bekanntlich entsprechen 10 € pro Tonne lediglich 3 Cent an der Tankstelle pro Liter Treibstoff. Ja, die Mehrheit der Bürger sprechen sich für eine wirksame Klimapolitik aus. Doch gleichzeitig sind sie dagegen, sich persönlich einschränken zu müssen.

Wir bezahlen als Gesellschaft hochgebildete Wissenschaftler. Sie erarbeiten klare Befunde und Handlungsempfehlungen. Aber wir richten uns nicht danach. Sind wir also zu doof?

Unterentwickelt im Gehirn

Mangelt es uns an Intelligenz? Diese Option fällt aus. Die grandiose technische Entwicklung spricht dagegen. Das Vermögen, uns die Erde quasi Untertan zu machen. Die Tiere für unsere Zwecke zu domestizieren. Krankheiten zu bekämpfen. Die Welt ist ungerecht eingerichtet, ja. Aber die Spezies insgesamt ist nicht von einem Mangel an Intelligenz bedroht.

Sind wir zu ungebildet? Bildung steht zur Verfügung. Nicht überall, sicher. Aber das ist für die Frage, ob wir zu ungebildet und deswegen bedroht sind, nicht entscheidend. Es mangelt uns nicht an Wissen an den entscheidenden Stellen. Politiker, Unternehmer, die Zivilgesellschaft in den Industrieländern weiß die entscheidenden Dinge, die es zu wissen gilt. Das heißt nicht, dass das Wissen über die Klimakrise nicht noch viel stärker verbreitet sein müsste. Aber Fakt ist: Wissen ändert nichts. Der Umweltverbrauch steigt mit dem Einkommen, nicht mit dem Umweltbewusstsein.

Symbol dafür ist der Grünen-Wähler, der mit dem SUV zum Kindergarten und zum Bioladen fährt. Oder die Öko-Frau, die zum Retreat nach Indien fliegt, vegan lebt und ihren Müll trennt und sich selbstverständlich auf der richtigen Seite wähnt.

Intelligenz und Bildung fallen als Erklärung aus. Was ist dann unser Problem?

Ich-Entwicklung und Klimawandel

Vor fünfzig Jahren entdeckte eine schlaue Psychologin das Ich. Sie fand regelhafte Bewegungen in ihren Daten und entgegen der üblichen Gepflogenheit der Wissenschaftler, hat sie diesen Teil der Daten nicht einfach als Fehlervarianz herausgerechnet. Sondern sie wollte wissen, was hinter dieser Fehlervarianz steckt.

Es gibt dazu relativ einfache Erkenntnisse. Frau Loevinger, so heißt die Psychologin, nannte das Thema Ich-Entwicklung. Ihr Ansatz hat sich weltweit bestätigen lassen und ist wissenschaftlich anerkannt. Er beschreibt derzeit 10 messbare Stufen der Ich-Entwicklung. Das Messen ist schwierig und aufwändig, aber zuverlässig möglich. Es gibt eine Referenz-Verteilung, auf der man ablesen kann, wie viele Erwachsene sich auf welcher Stufe befinden. Mit jedem Level wächst

  • der Zeithorizont
  • die Fähigkeit, Komplexität zu verarbeiten
  • über die eigenen Interessen hinaus zu blicken
  • größere Zusammenhänge zu sehen.

Fast alle bleiben auf einer der Stufen stehen. Für ein paar Jahre – oder Jahrzehnte. Die Relevanz belegt beispielsweise, dass der handlungsleitende Zeithorizont bei lediglich fünf Prozent der Menschen bis zum eigenen Lebensende reicht, so die Messergebnisse. Unser handlungsleitender Zeithorizont ist zu kurz für ökologische Krisen – und das ist nur ein Punkt.

Die Stufen der Ich-Entwicklung lassen sich relativ leicht beschreiben. Aber die Konsequenzen zu verstehen und die Ich-Entwicklung mit dem Klimawandel zusammen zu bringen, das ist offensichtlich ein Problem. Das Ich ist der Filter, den wir für alle Wahrnehmungen einsetzen. Und das Raster, in das wir alle Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühle einordnen. Selbstverständlich geschieht das unbewusst. Das zu verstehen, gleicht dem Versuch, die Brille zu erkennen, durch die man schaut. Und Spiegel sind nur sehr indirekt verfügbar. Daran scheitern wir. Oder wir drohen, daran zu scheitern, denn noch ist es nicht ausgemacht. Das ist das Experiment, das wir gerade mit uns selbst veranstalten.

Beispiel AfD, Beispiel Trump: Offensichtlich unterkomplex

Donald Trump persönlich (und populistische Ansätze in der Tendenz) funktionieren auf dem untersten Level, auf dem Erwachsene in der Regel leben. Der Vorteil für die populistischen Parteien ist eindeutig: Alle Menschen können hier mitgehen (auch wenn sie schon auf ein späteres Level “upgegradet” haben).

Trumps Level betrifft 5 Prozent der Erwachsenen. Hier habe ich das kürzlich in Bezug auf die Klimawandelleugner beschrieben. Eine Welt ohne Vertrauen. Eine Welt, in der es nur Sieger und Verlierer gibt. Wer das nicht versteht, ist ein Trottel. Der eigene, persönliche Vorteil ist in letzter Konsequenz die einzig gültige Richtschnur. Eine Diskussion, wie sie die ökologische Situation uns gerade abverlangt, ist damit nur schwer abzubilden. Das Fatale ist: In den Augen der Populisten sind ihre Argumente vollkommen überzeugend. Sie halten sich nicht für egoistisch – oder jedenfalls nicht mehr als andere – denn jeder ist in ihren Augen Egoist. Sie halten sich auch moralisch gesehen für vollkommen okay.

Sie leben in ihrer Welt – aber wir alle leben in unserer Welt. Wir alle schauen durch eine Brille.

Beispielsweise kommt das Stufenmodell der Ich-Entwicklung bei vielen nicht gut an, die es wegen der qualitativ begründeten Reihenfolge der Stufen ablehnen. Das gilt nicht grundsätzlich für alle Stufenmodelle: Robben-Krabbeln-Laufen ist für alle akzeptabel. Aber mit der Ich-Entwicklung haben viele ein Problem. Sie widerspricht dem Glauben, alle Menschen seien gleich. Diese Überzeugung wird mit Moral und mit Werten verbunden. Sie erscheint humanistisch, menschenfreundlich.

Aber sie erweist sich hier als wissenschaftsfeindlich.

Das ist eine der Hürden, die wir überwinden müssen: Nein, wir sind nicht gleich. Nein, nicht jeder kann überzeugt werden. Es ist völlig legitim, wenn diejenigen, denen es möglich ist, die Welt zutreffender zu sehen, als andere, voran gehen. Das muss so sein! Wir alle haben noch viel zu lernen – nein, das ist falsch. Lernen würde Intelligenz erfordern. Lernen würde zu Bildung führen. Aber das trifft es nicht.

Richtig ist: Wir müssen uns weiterentwickeln. Daran wird sich entscheiden, ob wir überleben oder an Doofheit zugrunde gehen. Und auch das muss korrigiert werden. Denn im Fall der Fälle ist eben nicht Doofheit das Problem. Sondern Unterentwicklung.

Es wäre schade, wenn wir an unserem Egoismus und unserer Kurzssichtigkeit zugrunde gehen würden. Denn sowohl für den einzelnen Menschen, als auch für die Menschheit insgesamt böte eine Weiterentwicklung ausgesprochen reizvolle Perspektiven.

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