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28.05.2014 Karriereplanung

Fachkräftemangel: Eine Frage der Perspektive. Messe-Nachlese Teil 2

Vom „Fachkräftemangel“ können wir nur unter einer Voraussetzung sprechen: Dass die Unternehmen ihre Hausaufgaben gemacht haben. Das scheint nicht der Fall, wie neue Zahlen aus einer Stepstone-Untersuchung belegen.

Einfachste Bewerberwünsche bleiben unerfüllt

Jörg Rösch von ‌Stepstone stellte auf der Personal Süd 2014 eine eigene Untersuchung dar. Der Ansatz war schlicht – das Ergebnis ist Aufsehen erregend. Was wollen Bewerber, die Stellenanzeigen lesen? Gegenübergestellt wurde, inwieweit die Unternehmen diesen Wünschen nachkommen.

Zusammenfassend würden Bewerber gerne ausreichend informiert werden. Wie schlicht, einfach und selbstverständlich klingt das denn? Und diese Bitte sollte eigentlich leicht zu erfüllen sein! Im Detail: 74 % der Bewerber wünschen sich eine Information zum angebotenen Gehalt, 75 % würden gerne Genaueres über die Arbeitsumgebung wissen, 73 % erführen gerne mehr über die Unternehmensgröße und -erfolge, 40 % wüssten gerne etwas über die Leistungen des Unternehmens, 72 % über die Jobsicherheit und 40 % über zusätzliche Leistungen (wie Kitas). Soweit der verständliche Blickwinkel der Bewerber.

Nun zu dem, was die Arbeitgeber tatsächlich anbieten – nach Analyse der Annoncen durch Stepstone. Zum Gehalt geben lediglich 6 % der Stellenanzeigen Auskunft. Die Arbeitsumgebung schneidet mit 48 % noch am besten ab. Unternehmensgröße und -erfolge werden nur in 22 % der Annoncen beschrieben, die Leistungen des Arbeitgebers in 10 %, die zusätzlichen Leistungen in ebenfalls 10 % der untersuchten Fälle und zur Jobsicherheit geben gerade mal 15 % der Unternehmen Auskunft.

Die Stellenanzeige als Bewerbung beim Kandidaten

Im Vortrag von Jörg Rösch fällt dann ein Satz, den ich mir ebenfalls notiere: „Die Stellenanzeige ist Ihre Bewerbung an den Kandidaten!“ bekommen die anwesenden Personaler zu hören. Für Stepstone ist diese Perspektive offenbar selbstverständlich. Schon allein der Ansatz der Untersuchung, die Bewerberwünsche mit der Realität zu vergleichen, beweist dies. Doch wie sehr diese Bewerberwünsche missachtet werden, zeigt die Weite des Weges, den hier viele Personalabteilungen noch vor sich haben.

Ich meine: Solange die Unternehmen nicht einmal auf die grundlegenden Informationsbedürfnisse ihrer Bewerber eingehen, braucht man sich über den Fachkräftemangel nicht zu unterhalten. Wenn Unternehmen heute über Fachkräftemangel klagen, scheint es so, als ob sie einen Laden betrieben, der nur ein paar Schaufenster, aber keine Türen hat. Und oben auf dem Dach ist ein Lautsprecher installiert, der klagt: „Keine Bewerber! Notstand im Land!“. Alternativ passt das Bild vom Paralleluniversum, in dem sich manche Unternehmen befinden. (Siehe außerdem die Artikelserie zu Martin Gaedts Buch „Mythos Fachkräftemangel“. Hier der erste Teil).

Eine einfache Konsequenz

Eine halbe Stunde später steht Marc Irmisch von Monster auf demselben Podium. Was nun von den Unternehmen gefordert ist, formuliert er unmissverständlich: Der erste Schritt in den HR-Abteilungen besteht im Aneignen der richtigen Einstellung. Genau das ist der Punkt: Solange Unternehmen die Bewerber nicht im entferntesten als ebenbürtigen Partner betrachten, wird es ganz automatisch eine misslingende Kommunikation zwischen beiden Seiten geben. Dann tritt bei manchen Unternehmen ein Fachkräfteengpass ein – der allerdings selbst gemacht ist. Und über den sich niemand beschweren darf.

Tipps zur Bewerberansprache

Als einfache Tipps, wie die Informationsbedürfnisse der Bewerber gestillt werden können, hält Stepstone die Möglichkeit für Registerkarten in ihren Stellenanzeigen bereit. Beispielsweise können Bewerber per Klick dann folgende Seiten aufrufen: Position / über uns / Wir bieten / Bewerbungsprozess / FAQs. Oder: Position / über uns / Karriere und Entwicklung. Wer diese Option nutzt, zahlt für die 30-Tage-Stepstone-Anzeige statt 995 Euro allerdings 1395 Euro, was ein erhebliches Umsatzplus für den Online-Stellenanbieter bedeutet.

Braucht man die Stepstone-Register-Karten, um die Bewerber gut zu informieren? Offenbar schafften einige Unternehmen es sehr wohl, ihre Anzeigen inhaltsreich zu gestalten und nicht alle werden mit Registerkarten gearbeitet haben. Fraglich ist auch, ob die von den Bewerbern gewünschten Informationen alle in der jeweiligen Stellenanzeige untergebracht werden müssen. Gerade online, wo das Abrufen der entsprechenden Inhalte auf der Website nur ein paar Klicks entfernt ist. Oder sein sollte! Denn so oder so geht es darum, das Informationsbedürfnis der Bewerber zu befriedigen.

Teil 1: Vom Online-Formular zur 1-Klick-Bewerbung

 

Teil 3 – Freitag: Der HR die Leviten lesen

Teil 4 – Montag: Active Sourcing liegt im Trend. Ansätze, Kosten, Innovationen.

 



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Christoph Burger

Christoph Burger ist Diplom-Psychologe und Autor des Buches "Karriere ohne Schleimspur", das 2012 als eines der besten Managementbücher des Jahres ausgezeichnet wurde. Er arbeitet als Karriereberater in Herrenberg bei Stuttgart.

Kommentare zu diesem Beitrag

Gelesenes – 6. Juni 2014 | netzphilosophieren  |   7. Juni 2014 um 10:07 Uhr

[…] Stuttgart “Fachkräftemangel: Eine Frage der Perspektive. Messe-Nachlese Teil 2” Christoph Burger (e 28.5.2014, a 7.6.2014) Wieder die Kommunikation, Beschreibung der […]

Otto  |   24. Juni 2015 um 12:50 Uhr

Hallo zusammen,

grundsätzlich ist es wichtig seine Bewerber zu informieren. Es gibt ja auch Feedback Seiten wie Kununu.

Gruß

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