Der Fachkräftemangel als Problem anderer Leute

In der Öffentlichkeit und unter HR-Experten werden die Themen “Fachkräftemangel” und “Arbeitgebermarke” angeregt diskutiert. Währenddessen verhalten sich manche Unternehmen, als sei das ganze ein “PAL”. Der Begriff mit satirischem Gehalt wurde einst von Douglas Adams eingeführt. Das PAL ist ein “Problem anderer Leute”. Das bedeutet: Wenn man einem Problem keine Aufmerksamkeit schenkt, existiert es nicht. Oder eben in einem Paralleluniversum. Beide Welten zusammen zu bringen, würde zum Lachen anregen.

Schade, dass ich kein Band mitlaufen ließ. Wenn ich geahnt hätte, wie das Telefonat verläuft, hätte ich dies nicht versäumt. Thema: Fachkraft gesucht. Wirklich?

Arbeitskräfte? Eigentlich Mangelware!

Das mittelständische Unternehmen, mit dem ich telefoniere, befindet sich in unser Boom-Region. Der konkrete Bezirk verzeichnet eine Arbeitslosenrate von 3,7 Prozent, also annähernd Vollbeschäftigung. Schon vor zwei Jahren sagte mir der Produktionsleiter eines hier anässigen Großunternehmens: “Diese Woche hatte ich zwei Damen von der Arbeitsagentur da. Die sagten, sie könnten mir bei der Personalsuche nicht helfen. Sie hätten niemand.” Seither hat sich aus Sicht der Unternehmen wohl kaum etwas verbessert: Der Markt ist leergefegt.

Eine rätselhafte Stellenanzeige

In dieser Region zu dieser Zeit finde ich eine Stellenanzeige, die mir unklar erscheint. Die Annonce ist nicht sehr groß. Hier scheint das Unternehmen etwas Geld gespart zu haben. Der meiste Teil des Raumes wird von der Darstellung des  Unternehmens selbst eingenommen. Ein Betrieb der Metallbranche mit immerhin über 50 Mitarbeitern. Gesucht wird zum sofortigen Antritt ein “Schleifer (m/w)” für eine bestimmte Maschine, deren Typ angegeben ist. Einen näheren Hinweis auf die Qualifikation des neuen Mitarbeiters gibt es nicht. Dafür den Zusatz: “Auch jüngere Interessenten mit wenig Erfahrung auf Großmaschinen haben Chancen, sich weiterzuentwickeln.” Eine hilfreiche Information ist das nicht. Sie bedeutet kaum mehr, als: Wir brauchen dringend jemand! Aber wen genau? Und was das Unternehmen dem möglichen Mitarbeiter bietet, wird ohnehin ausgespart. Dann folgt eine Adresse und die Telefonnummer der Zentrale. Dort rufe ich an.

Ein Telefonat wie vom anderen Stern

Was ich erfahren will: Welche Qualifikation braucht der neue Mitarbeiter? Erfreulicherweise erreiche ich sofort einen Ansprechpartner, dessen tiefe und kräftige Stimme ihn als Mann der Praxis qualifiziert. Ich stelle mich als Mitarbeiter einer Transfergesellschaft vor und frage, was denn der neue Schleifer können soll. Ob er ein Facharbeiter sein  muss. Schließlich liegen zwischen Helfern und Facharbeitern Welten. Helfer sind einfach zu bekommen, Facharbeiter dagegen richtig rar und teuer.

“Der sollte schon mal was geschliffen haben”, erfahre ich. “Also, ein Helfer”, stelle ich fest. “Sie haben wohl noch nie was geschliffen?” kontert der Praxis-Mann. Nein, habe ich nicht. Macht aber nix, denn schließlich bewerbe mich nicht selbst. Da der Mann eben wohl nicht richtig zugehört hat, erkläre ich noch einmal: “Ich rufe von einer Transfergesellschaft an, ich berate unsere Beschäftigten. Und mir war eben nicht klar, ob Sie einen Facharbeiter suchen oder nicht.” Nun findet er sich zu einer knappen Erklärung bereit, die allerdings nicht minder diffus als die Bisherige ist. “Also, der darf schon mal was gelernt haben, Werkzeugmacher oder so.”

Ist diese Antwort nun befriedigend? Nein, keineswegs. Der Werkzeugmacher ist eine gesuchte Fachkraft und erfordert eine 3,5-jährige Ausbildung. Er arbeitet nicht für 15 Euro brutto – was die meisten kleinen Unternehmen maximal für Jobs zu zahlen bereit sind, die nicht unbedingt eine Fachkraft erfordern. Also, und das war ja heraus zu hören, haben auch andere eine Chance. Aber wer? “Kann man denn Schleifer lernen?” erkundige ich mich. “Früher, die älteren Mitarbeiter haben das mal gelernt.” Ja – und heute? Wir beenden das Telefonat, ohne dass der Unternehmens-Mann selbst eine Frage gestellt oder irgendeine Art von Interesse an meinem Anruf oder meinen Beschäftigten gezeigt hat.

Fazit: Unfreundlich, inkompetent, arrogant

Von der Anzeige angefangen bis zum Ende des Telefonats vermittelt die Firma einen inkompetenten, desinteressierten Eindruck. Die Anzeige lässt die notwendigsten Informationen vermissen. Wer genau wird gesucht? Welche Ausbildung ist erforderlich? Was bietet das Unternehmen? Mit den heutigen Berufsbezeichnungen hat sich dieser Arbeitgeber offensichtlich gar nicht erst befasst. Inzwischen habe ich recherchiert, dass der “Metallschleifer” eine 2013 abgeschaffte zweijährige Ausbildung war. Nachfolger ist die “Fachkraft für Metalltechnik, Zerspanungstechnik”. Die meisten “richtigen”, d.h. 3,5-jährigen, Metallberufe sind dem selbstverständlich übergeordnet. Die im Telefonat angegebenen Qualifikationen “schon mal was geschliffen haben” einerseits und “Werzeugmacher oder so” andererseits markieren also lediglich eine extreme Spannbreite von Qualifikationsstufen und offenbaren, wie wenig das Unternehmen sich damit befasst hat. Es sucht halt einfach nur einen Schleifer.

Wenn der Chef dieser Firma auf einer Diskussion öffentlich stöhnte, dass es heute ganz schlimm sei mit dem Fachkräftemangel und der nun wirklich bei ihm angekommen wäre, würden die Zuhörer sicherlich mitleidig nicken. Ein Unternehmer berichtet aus seiner Praxis, würden sie beeindruckt denken.

In Kenntnis dieses Telefonates entsteht ein ganz anderer Eindruck. Dieses Unternehmen gibt sich nicht die geringste Mühe, geeignetes Personal zu finden. Wenn es klagt, daran sei der Fachkräftemangel schuld, behauptet es, im gleichen Universum zu leben. Tut es aber nicht. Wenn ein Unternehmen auf der Fachkräfte-Suche am Telefon nicht einmal die Grundregeln der Höflichkeit zeigt, kein Interesse am Bewerber ausstrahlt und jede eigene Mühe bei der Stellenbesetzung scheut, kann man die Klage über den Fachkräftemangel nicht ernst nehmen. Die Behauptung, das Unternehmen existiere im gleichen Universum wie die Diskussion um den Fachkräftemangel, wirkt einfach nur lachhaft.

 

Das Beispiel zeigt, wie Recht der Autor Martin Gaedt hat. In seinem Buch “Mythos Fachkräftemangel” erklärt er den Mangel als hausgemacht – nicht zuletzt von den Unternehmen selbst

Dazu passt: Die Top Ten gegen den Fachkräftemangel

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