Die Angst des Konservativen vor der Wahrheit


Konservative kritisieren den “grünen Übermenschen” – ein Phänomen, das in einem Artikel von der Post-Leistungsgesellschaft beschrieben zu sein scheint. Dabei beziehen sie sich auf ein psychologisches Modell der Entwicklung des Ich. Dazu muss zweierlei festgestellt werden. Erstens: Schön, dass das Modell der Ich-Entwicklung endlich als wichtig für die Gesellschaft erkannt wird. Zweitens: Es gibt noch ein paar Punkte, die zum Verständnis des Modells nötig sind.

Das Ich-Entwicklungsmodell trifft keine inhaltlichen Aussagen

Was kommt nach der Leistungsgesellschaft? Ein viel diskutierter Spiegel-online-Artikel liefert mögliche Antworten. Die Grundlage fürs Spekulieren bildet das Stufenmodell der Entwicklungspsychologin Jane Loevinger. Jeder Mensch entwickelt sich von Stufe zu Stufe. E1 und E2 kommen praktisch nur bei Kindern vor. Die Zielstufe unserer Gesellschaft ist E6, auch „der Leistungsmensch“ genannt. Nur eine Minderheit von 15 Prozent der Menschen hat diese Stufe bereits hinter sich gelassen. Doch was deutet schon jetzt in Richtung einer „E7-Gesellschaft“? Der Spiegel-Autor Stefan Schultz nennt folgende Punkte: Die hohe Zustimmung für die Grünen, das bedingungslose Grundeinkommen, polyamorphe Beziehungen und die Frauenquote.

Auf seinen Spiegel-Kollegen und bekennenden Konservativen Jan Fleischhauer, wirkte dies wie ein rotes Tuch. Vielleicht lustvoll, aber wohl auch etwas erschreckt, stürzt sich Fleischhauer auf das Thema. Er schreibt spöttisch vom “grünen Übermenschen als Evolutionsziel” und formuliert pointiert “Vom homo erectus zum Homo Habeck?”

Es gibt auch grüne Egoisten

Das Problem dabei aus Sicht des Ich-Entwicklulngsmodells: Es trifft gerade keine Aussagen zu Inhalten. Ob man die Grünen gut findet oder schlecht, ist ein solcher Inhalt. Zeigen die jüngsten Erfolge der Grünen in Richtung einer E7-Gesellschaft?

Eben nicht, denn die Partei können Menschen auf jeder Stufe gut finden. Auf E3 – dem ersten unter Erwachsenen verbreiteten Level – sucht man in allem seinen persönlichen Vorteil. Die Welt wird eingeteilt in Schwarz und Weiß, in Freunde und Feinde. Freund ist, wer einen beschenkt und lobt. Wer es daran fehlen lässt, wird schnell zum Ziel von Wutausbrüchen. Denken sie an Donald Trump. Wie ist es möglich, mit einer solchen Ich-Struktur zu den Grünen zu kommen? Wer beispielsweise geplagt ist vom Verkehrslärm an einer viel befahrenen Straße oder in einer Einflugschneise, könnte sich durch die Grünen einen sehr persönlichen Vorteil versprechen. Ein Trump-Anhänger und ein Grünen-Parteigänger unterscheiden sich inhaltlich extrem. Aber in diesem Beispiel hätten sie die Ich-Entwicklungsstufe E3 gemeinsam.

Auf E4 sind Menschen dagegen sehr sozial orientiert. Ihr „ich“ ist ein „ich-wir“. Sie begreifen sich selbst stets als Teil eines sozialen Ganzen. Wir können uns einen überzeugten Grünen vorstellen, der zu einer netten Ortsgruppe der Partei gehört und nach den Parteitreffen noch gemütlich mit den anderen klönt. Er identifiziert sich mit dem grünen Parteiprogramm und geht in diesem sozial-ökologischen Kosmos auf.

Der rational geprägte E5-Mensch wählt die Grünen vielleicht, weil er in einer ökologisch orientierten Stadt wohnt. Er sieht hier im Vergleich mit anderen Lebensangeboten konkrete Vorteile. Beispielsweise, weil er bequem und schnell auf gut ausgebauten Radwegen fahren kann und das Car-Sharing bestens funktioniert. Er glaubt, dies müsste der beste Weg für alle sein.

Menschen auf E6 hingegen orientieren sich stark an ihren Werten, die sie über Jahre hinweg ausgebildet haben und die ihre Erfahrungen ausdrücken. Wenn soziale und ökologische Gedanken die Weltsicht prägen, wird man sich bei den Grünen gut aufgehoben fühlen. Konkrete politische Vorschläge werden im Hinblick auf diese Werte eingeordnet.

Die Grünen als Ausdruck einer E7-Gesellschaft? Das könnte sein. Oder auch nicht. Das ist Spekulation. „Die Grünen sind klasse!“ oder „Die Grünen sind katastrophal“? Beides ist eine inhaltliche Position, die man auf allen Ich-Entwicklungsstufen finden wird.

Von der Psychologie zur Politik

Ist daher bereits der Grundgedanke von Spiegel-Autor Schultze falsch, das Ich-Entwicklungsmodell mit der Gesellschaft zu verknüpfen? Keineswegs! Er liegt absolut richtig. Nur, dass das eben nicht ganz so einfach geht, wie es viele aus seinem Text herauslesen.

Wie kommt man von der Psychologie auf die Politik? Indem man der Linie folgt, die die Stufenentwicklung vorzeichnet. Je später die Stufe,

  • desto weniger Ego
  • desto weiter reicht der Zeithorizont
  • desto mehr Komplexität kann verarbeitet werden
  • desto mehr Aspekte werden beachtet
  • desto eigenständiger denkt und handelt der Mensch
  • desto differenzierter ist das Innenleben
  • desto mehr Realität findet Eingang ins Selbst- und Weltbild

Dies kommt einem Kriterienkatalog gleich, anhand dessen man beispielsweise die Themen bewerten kann, die Parteien sich auf die Fahnen schreiben. Je größer der Zeithorizont eines Themas und je mehr Menschen es weiter hilft, desto dringender gehört es auf die Agenda.

Wenn sich etwa beim Braunkohleabbau wirtschaftliche Interessen einerseits und der Schutz vor der Klimakrise andererseits gegenüberstehen, braucht man nicht lange nachzudenken, um nach diesem Schema zu einem grundsätzlichen Ergebnis zu kommen. Die globale Klimakrise bedroht die Menschen weltweit und noch in hunderten von Jahren. Sie entfaltet Unheil noch dann, wenn wir alle selbst längst zu Asche und wieder zu Gänseblümchen geworden sind. Weniger Ego und ein weiterer Zeithorizont heißt: Braunkohleabbau stoppen! Das ist die grundsätzliche Perspektive! Und für die kurzfristigere Sichtweise – beispielsweise – der vergleichsweise wenigen Kohlekumpel muss es selbstverständlich einen sozialen Ausgleich geben.

Wissenschaftliche Fakten akzeptieren

Die Psychologie verstrickt sich häufig in die eigenen Forschungsmethoden. Eine These wird aufgestellt und soll empirisch gestützt werden. Immer häufiger klappt das nicht. Bei Loevingers Entwicklungsmodell war es genau umgekehrt. Sie hatte zuerst empirische Befunde, die Fakten waren schon da. Ihr Modell sollte die Fakten erklären, da keine der bisherigen Vorstellungen dafür taugten. Es folgte ein mittlerweile fünfzigjähriges Forschungsprogramm. Dieses bestätigte Loevingers Modell weltweit.

Wer also annimmt, dass eine Zustimmung oder Ablehnung des Modells eine bloße Sache der subjektiven Meinung ist, befindet sich leider auf dem Holzweg. Die wissenschaftlichen Befunde sollten wir alle zur Kenntnis nehmen. Wenn es auch zuweilen schwer zu verstehen ist, wie man Inhalte und Struktur trennen – und dann wieder zusammen bringen kann.

Fleischhauers Furcht vor der Wahrheit

Hinter dem Spott vom grünen Übermenschen steht meinem Eindruck nach eine Furcht. Die Furcht davor, zugeben zu müssen, dass hier ein empirisch aufs Beste erforschtes Modell auf völlig neue Art in den Meinungskampf eingreift.

Plötzlich steht nicht mehr Meinung gegen Meinung. Sondern die Psychologie stärkt diejenigen, die für eine größere Gruppe von Menschen eintreten und deren Zeitperspektive weiter reicht – ob die nun gerade bei den Grünen oder bei einer anderen Partei sitzen. Und die Psychologie bescheinigt gegenteiligen Lösungen, eher kurzsichtig und vergleichsweise egoistisch zu sein.

Bietet das psychologische Modell der Ich-Entwicklung einen Zugang zur Wahrheit? Nein! Aber es zeigt auf, in welcher Richtung wir die Politik lenken sollten, wenn wir langfristig fair handeln wollen.

Ein noch größeres Potential liegt darin, dass per Ich-Entwicklungsmodell sogar möglich wird, eine Mehrheit für diese Ziele zu gewinnen. Ausdrücklich: Eine Mehrheit auf allen Stufen! Aber dazu ein anderes Mal.

2 Kommentare

  • Sehr gut auf den Punkt gebracht. Ich hatte die Spiegel-Debatte auch verfolgt. Es scheint sehr schwer zu sein, sich als unfertiges Wesen zu begreifen, dass noch Entwicklungspotenzial hat. So wie sie richtig feststellen, ist niederkomplex zu komplex ein geeignetere Methode politische Meinungen zu betrachten, als in der alten Denkweise von rechts und links.

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