Der gute Wutbürger

Immer öfter rasten Bürger scheinbar grundlos aus. Eine Kleinigkeit genügt und sie schreien herum, prügeln auf Dinge oder Menschen ein. Jobcenter-Mitarbeiter oder Polizisten leiden seit Jahren darunter. Inzwischen trifft es sogar Feuerwehrleute und Rettungsärzte im Einsatz. Wer dies verstehen will, muss die hohe Meinung der Wütenden von sich selbst erkennen. Sie sehen sich als gute Menschen im Kampf gegen unfaire Angriffe.

Subjektiver Selbstschutz

Die Titelgeschichte des aktuellen Spiegels greift das Thema auf und liefert eindrucksvolle Beispiele. Neben dem Alltag um die Ecke wird der häufig über die Maßen wütende Donald Trump angeführt. Vieles spricht dafür, das amerikanische Wut-Oberhaupt als Vertreter der Stufe „E3“ im Stufenmodell der Ich-Entwicklung anzusiedeln. Die Überschrift für diese Stufe bringt Licht ins Dunkel des scheinbar Unbegreifbaren. Sie wird als die „selbstschützende Stufe“ bezeichnet.

Von außen betrachtet ist etwa ein Autofahrer, der zwei Radfahrern die Vorfahrt nimmt, sie dann verfolgt und auf sie einschlägt, offenkundig der schuldige Täter. Doch der Autofahrer selbst empfindet dies – zumindest in diesem Moment – nicht so. Er meint, die Radfahrer hätten Schuld! In diesem Fall: Einer der beiden stützte sich (um nicht zu stürzen), auf seiner Heckscheibe ab. Der Autofahrer sieht sich als Verteidiger und sich selbst als guten Menschen.

Das jedenfalls wäre das charakteristische Empfinden auf der sich selbst schützenden Stufe. Jene Menschen, die in ihrer Entwicklung dort hängen geblieben sind, nehmen die Welt so wahr. Und alle Menschen, die in einer Situation der Überlastung temporär auf diese Stufe zurück fallen, interpretieren das Geschehen dementsprechend. Sie sind gute Menschen, die sich inmitten einer feindlichen Welt gegen Angriffe wehren müssen. Und sei der Aggressor nur ein Radfahrer, der die eigene Scheibe „antatscht“.

Unser Ego und die Welt

Was hier für bestimmte Menschen beschrieben wird, gilt prinzipiell für uns alle: Alle Menschen hängen im Grunde im Schutz oder der Pflege des eigenen Ich fest: Wenn der Nachbar einen neuen Wagen hat, ist uns der Gedanke nah, was das für seine – und unsere – Gehaltsverhältnisse bedeutet. Wenn wir eine Gehaltserhöhung bekommen, vergleichen wir mit dem, was die Kollegin zugesprochen bekam. Und die Sahnetorte auf dem Teller der Dame am Nebentisch löst eine Blitzkalkulation der Kalorien aus – die wir uns selbst verkneifen, weil wir hart zu uns sind. Ein Jogger weckt in uns den Plan, selbst wieder sportlicher zu sein. Usw. usf., den lieben langen Tag.

Je weiter wir in unserer menschlichen Entwicklung kommen, desto weniger abhängig sind wir von diesen Gedanken. Wir können uns vielleicht sogar währenddessen „über die Schulter blicken“. Das Ego tritt immer mehr zurück. Aber es ist immer noch da. Die Konsequenzen für die Welt sind erheblich. Wiederum am Beispiel Trump: Den Kern seiner Politik strickt er nach seinem Ego. Nur, weil Trump ständig alles auf die Bedeutung für sein Ego bezieht, macht er genau diese Politik. Selbstverständlich! Denn er hat nur dieses eine Gehirn! Und darin spielt er selbst nunmal die alles beherrschende Hauptrolle!

Da Trump aber leider derzeit der mächtigste Mann der Welt ist, können Sie sich folgendes Bild vorstellen. Denken Sie sich eine Wippe. Auf der einen Seite liegen gut zwei Pfund menschliches Gewebe. Relativ komplexes Gewebe, zugegeben, aber sicherlich bei weitem nicht das komplexeste Organ unter den vielen Milliarden Menchengehirnen. In diesem Denkorgan dreht sich alles um seinen Besitzer, sein Wohlsein, sein Kontostand, seine Pläne, seine Kränkungen, seinen Spaß, den nächsten persönlichen Triumph etc.. Auf der anderen Seite der Wippe: Die halbe Erde, Millionen Menschen, ihre Jobs, ihre Pläne, ihre Luft, ihr Wasser, ihr Essen und Trinken. Auf der einen Seite der Wippe ein einzelnes Ego. Auf der anderen Seite die Welt.

Subjektiv: Weltmanagement

Von Trump aus gesehen sieht das freilich vollkommen anders aus. Für ihn ist das, was er wahrnimmt, die Welt. Es gibt keine Wippe – sie wäre nicht mal vorstellbar. Es gibt kein subjektives Weltbild. Er sitzt auf der einen Seite der Wippe und schaut rüber. Dort ist nur die eine Welt, so wie sie von ihm wahrgenommen wird. Wer etwas anderes sieht, hat es – aus seiner Sicht – nicht verstanden.

Diese Verzerrung der Realitäten hat Trump nicht exclusiv, wenn sie bei ihm eben entwicklungsbedingt auch krasser ausfällt als bei 95 Prozent anderen. Die Selbsttäuschung betrifft jeden Menschen. Je früher die Entwicklungsstufe, desto weniger ist sich ein Mensch ihrer bewusst. Aber grundsätzlich haben wir schon alle den Eindruck: Was wir da wahrnehmen, ist die Realität. Und wenn wir in dieser Welt agieren, dann managen wir die Welt. Nicht unsere Welt in unserem Kopf. Sondern die Realität. Subjektiv managen wir NICHT unser Ego. Wie managen die Welt.

Wenn ein Mann durch einen ihn zuparkenden Rettungswagen am Fortfahren gehindert wird und aggressiv gegen die Rettungskräfte im Einsatz vorgeht, meint er nicht, dass es um sein Ego geht. Er meint, die Welt erfordere nunmal seine Aktion. Er ist sich keiner Schuld bewusst. Denn dann müsste er sich ja sozusagen von außen sehen. Aber er steckt mittendrinn. Er ist empört über die anderen und fühlt sich vollkommen im Recht. Subjektiv ist er ein guter Mensch, der tut, was ein guter Mensch in dieser Situation tun muss.

Kein Entkommen? Doch: Selbstkritik und Selbstzweifel

Sind wir der Wut ausweglos ausgeliefert? Wo doch, wie ich eben schrieb, alle Menschen so ticken?

Auch wenn wir immer wieder in die Wutfalle tappen, es gelten zwei Regeln für unsere Entwicklung.

  • Je später die Stufe, desto weniger Wut empfinden wir
  • Jeden Ärger können wir glänzend nutzen, um uns weiter zu entwickeln

Jeder Schritt in der persönlichen Entwicklung bedeutet, dass wir mehr Realität zulassen können. Wir treten mit jedem Entwicklungsschritt ein Stückchen weiter von unserem Ego zurück. Wir respektieren immer mehr andere Menschen und ihre Interessen. Wenn wir uns dennoch ärgern, können wir voran kommen. Indem wir uns fragen, was uns echauffiert. Die Antwort wird uns ein wenig mehr von unseren selbstbezogenen Gedanken und Vergleichen nehmen. Zum Wohle der anderen Menschen. Insofern lassen sich Ärger und Wut positiv nutzen.

Es gilt die Regel: Selbstkritik und Selbstzweifel sind die besten Entwicklungshelfer! Das Gegenteil des Tons, der im Internet gewöhnlich herrscht. Sollten wir deshalb freundlich zu jenen Wutbürgern sein, die grundlos ihre Mitmenschen attackieren? Nein, keinesfalls. Ein Mensch, der sich im selbstschützenden Wahn befindet und meint, die Regeln der Gesellschaft übertreten zu können, muss von ebendieser Gesellschaft zur Einhaltung dieser Regeln gezwungen werden. Dies ist nicht nur legitim. Es ist ein wesentlicher Weg, Menschen, die die grundlegenden Normen des Zusammenlebens missachten, einzuhegen und in die Gemeinschaft zu zwingen. Manch einer wird diesen äußeren Druck nutzen und die eigenen Taten selbstkritisch bewerten – und sich dadurch weiter entwickeln.

Wenn Sie sich zu den Menschen zählen, die sich selbst überwiegend im Griff haben, können Sie daher mitnehmen:

  • Regelverletzer sollten bestraft werden
  • Eigener Ärger kann zur eigenen Entwicklung beitragen
  • Wenn wir Menschen nicht alle in einen Topf werfen, sondern in der Entwicklung befindlich interpretieren, können wir die Gesellschaft positiv gestalten
  • Indem wir sie sanft darauf hinweisen, die Dinge mit etwas Abstand zu sehen und nach gemeinsamen Lösungen zu suchen

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