Porträt Christoph Burger
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11.07.2017 Karriere mit Charakter, Persönlichkeitsentwicklung, Umgang mit Ärger

Berufsplanung: Umorientierung für Autonome

Hallo, Autonome: Wollt ihr nicht mal was anderes machen? Die Ereignisse beim G20-Gipfel in Hamburg legen die Suche nach Alternativen nahe. Von den dabei erörterten Gedanken kann jeder profitieren.

Was wollten die Autonomen?

Nach den G20-Protesten, den Krawallen von Hamburg, frage ich mich: Was wollten die Autonomen eigentlich erreichen? Wie sah der Plan aus? Konkret stolpere ich dabei über folgenden Punkt. Die Psyche der Autonomen, ihr Weltbild und ihr Handeln sind die eine Sache. Die andere sind ihre Annahmen über die Reaktionen und Psyche „der Bürgerlichen“.

Um meinen Fragen näher zu kommen, nutzte ich u.a. ein Zeit-Interview mit zwei der Protestler vor dem Gipfel. Sehr interessant. Immer wieder machen die Interviewten klar, was Autonome ihrem Verständnis nach dürfen. So sagt der Rote-Flora-Anwalt Beuth: „Wenn Polizeiautos oder Nobelkarossen angezündet werden, finden das viele aus der Szene gut. Was nicht heißt, dass sie das machen werden. Aber jährlich ertrinken Tausende von Menschen im Mittelmeer. Das sind Gewaltverhältnisse – nicht wenn es irgendwo mal zu einem Sachschaden kommt.“ Daraufhin fragt die Zeit sehr zielführend nach: „Das heißt: Immer wenn ich eine Scheibe einwerfe oder ein Auto anzünde, kann ich das damit rechtfertigen, dass im Mittelmeer Menschen ertrinken?“ Aktivist Blechschmidt antwortet, dass er das verkürzt finde – im Prinzip stimmt er aber zu.

Damit ist umrissen, was Autonome – ihrer Ansicht nach – dürfen. Und auch, was sie gerne machen. So ist es den Diskussionsbeiträgen auf dem Autonomenforum indymedia zu entnehmen. Dort beschreiben einige, die im schwarzen Block dabei waren, den Adrenalin-Kick beim Zerstören, den andere wohl erlebten, selbstkritisch.

In einem Fazit-Artikel dort heißt es: „Ziel des Protestes gegen den G20 war es, seine planmäßige Durchführung zu be- oder sogar zu verhindern, ihn empfindlich in seinem Ablauf zu stören oder wenigstens die Glitzershow mit ihren scheinheiligen ‚Familienfotos‘ zu beschmutzen und den Teilnehmer*innen die ideologi-sche Soße eines politisch substanziellen Kaffeeklatschs zu versalzen. Diese Ziel haben wir er-reicht.“ Und am Ende: „Das waren erfolgreiche Tage!“ Damit ist also geklärt, was das Ziel war. Aber was sollte dieses Ziel bewirken? Schließlich kann es ja nicht um einen Selbstzweck a la „wir hatten einfach Spaß“ gehen. (Wikipedia zu Theorie und Inhalte der Autonomen: „Gewalt als Selbstzweck oder inhaltsleeres Ideal wird abgelehnt.“) Die Gipfel-Proteste sollten ja zu etwas dienen, man wollte etwas erreichen. Was sollte das sein? Und wie war oder wird gedacht, dass das passiert? Anhaltspunkte bietet das Interview mit Beuth und Blechschmidt.

Die ZEIT fragt: „Bekommen die Anschläge auf Bahnanlagen, die letzte Woche Tausenden von Reisenden stundenlange Verspätungen bescherten, in Ihrer Szene auch Applaus?“

Andreas Blechschmidt: „Ja. Und es ist natürlich klar, dass sich die deutsche Bürgerseele darüber aufregt, dass unbeteiligte Pendler zu spät zur Arbeit kommen. Diese empfindsamen Seelen empören sich nicht darüber, dass zum Beispiel in Syrien seit zehn Jahren Unbeteiligte im maßgeblich von den USA, Putin und Erdoğan eskalierten Bürgerkrieg sterben. Vielleicht regen diese Anschläge zur Nachdenklichkeit an.“

Hier findet sich also eine klare Aussage dazu, wie sich Autonome die Veränderung in den Köpfen der Bürger vorstellen: Sie kommen ins Nachdenken. Nicht etwa darüber, wie sie persönlich mit den Verspätungen umgehen – darüber werden Tausende nachgedacht haben. Sondern über die ungerechte Weltordnung und den Krieg in Syrien. Als Psychologe würde ich nicht ausschließen, dass der eine oder die andere wie gewünscht ins Grübeln kommt. Aber ich würde die Wahrscheinlichkeit, dass das passiert, bei unter zehn Personen ansetzen. Das Absurde der Aktionsidee brachte ein Linksalternativer auf den Punkt, als er fragte „Was kommt als nächstes? Klauen sie mir mein Fahrrad?“ Anders gesagt: Es dürfte wesentlich effektivere Mittel geben, um zum Nachdenken anzuregen, als den Bahn-Nahverkehr zu blockieren. V.a. mit dem Aufwand, den die Autonomen getrieben haben müssen, um die Zugausfälle zu erreichen.

Andreas Beuth antwortet auf die selbe Frage etwas anders: „Stundenlange Verspätungen lösen einerseits Hass auf die Linken aus, andererseits aber auch zunehmendes Unverständnis über den G20-Gipfel im Hamburger Schanzenviertel, weil allen klar war, dass es dann zu Blockaden, Demonstrationen, aber auch militanten Aktionen kommen wird.“ Diesen Gedanken halte ich für wahrscheinlicher, er wird sicherlich öfter gedacht worden sein in Hamburg. Nur: Damit sind wir noch nicht bei den Opfern des Syrienkriegs. Dazu müsste noch eine weitere gedankliche Brücke gebaut werden, die die Autonomen mit ihrem Bahn-Chaos nicht anbieten.

Interessant ist auch das Ende des Textes. Die ZEIT fragt: „Hinterher wird es womöglich verletzte Polizisten und Demonstranten geben, kaputte Scheiben und wahrscheinlich ein paar Strafverfahren – was von alldem macht die Welt zu einem besseren Ort?“ Die Antwort von Blechschmidt: „Auf meinen Reisen in der Welt habe ich Straßenkinder bei plus 38 Grad in Rio gesehen und bei minus 38 Grad in Irkutsk. Ich habe die Sahara gesehen, wo Menschen auf ihrer Flucht nach Europa verrecken. Ich war in südamerikanischen Favelas. Mir ist wichtig, dass die Menschen überall dort wissen: Auch in einer reichen Metropole wie Hamburg gibt es Menschen, die nicht damit zufrieden sind, wie die Welt geordnet ist.“

Die Logik ist schwierig zu verstehen und die Frage der Journalisten bleibt im Grunde unbeantwortet. Denn angenommen, die Autonomen würden, wie andere auch, friedlich demonstrieren. Hätten sie damit nicht auch gezeigt, was sie angeblich zeigen wollen? In der Verkehrung der Effekte wird es deutlich: Statt über 75 Tausend friedliche Demonstranten, wird überall über die Gewalt gesprochen. Die Gewalt der Autonomen hat also nicht dazu geführt, dass der Protest in die Medien kam. Sondern im Gegenteil dazu, dass das Gewaltthema den Protest verdeckt hat. Das liegt wohl einfach daran, dass die Logik der Autonomen grundsätzlich schräg ist. Über Gewaltausübung hier möchte man auf Gewalt-Missstände, die an anderen Orten aufbrechen, hinweisen und sie bekämpfen.

Die obigen Erkenntnisse musste man aus dem Interview mehr heraus schälen, als dass sie offensichtlich würden. Denn der Hauptteil des Textes betrifft die Frage, was Autonome ihrer Ansicht nach dürfen und warum das so ist. Und natürlich, wer angefangen hat – oder gewöhnlich anfängt, wenn es zu Ausschreitungen kommt.

Die Autonomen-Gedanken über die Wirkung ihrer Aktionen vermittels der Reaktion der Bürger und Bürgerinnen entspringen eher einer Art Filterblase. Im ZEIT-Interview, wie auch auf indymedia, der Autonomen-Webiste, wird deutlich, dass eine gewisse Sprache, ein Konsens im Einteilen von Menschen in „Bürgerliche“ und „Autonome“, gewisse Kleidung etc. wichtig ist.

Das Modell der Ich-Entwicklung beschreibt menschliche Reife beschreibt und macht sie messbar. In einer bekannten Studie damit wurden Hippies untersucht. Sie befanden sich trotz ihres von der allgemeinen Norm abweichenden Äußeren und des anderen Verhaltens überwiegend auf der konformistischen Stufe 4 – einer nicht sehr weit entwickelten Persönlichkeitsstufe. Verständlich wird dies dadurch, dass ehemals brave Kinder die bürgerlichen Normen einfach durch Hippie-Normen ersetzten, ohne sich dabei menschlich weiter zu entwickeln.

Das richtig-falsch-Denken vieler Autonomer (dort die Bürger, hier wir; dort die Nobelkarossen, hier unser verbeulter Kleinwagen; dort die Herrschenden, hier die Menschen etc.) erinnert an die Stufe 5. Viele Menschen sind hier zu Hause, sogar die meisten. Aber eine besonders avantgardistisch-fortschrittliche Stufe ist die Stufe 5 noch nicht. Erst bei der folgenden Stufe 6 spricht man von einer „vollentwickelten“ Erwachsenenstufe. Und interessanterweise trägt erst die Stufe 8 die Bezeichnung „autonom“. Hier ist davon auszugehen, dass das konventionelle, konformistische Denken überwunden ist. Dass man sich in die Lage von anderen hinein versetzen kann. Und sein Handeln nach einem komplexen Wissen über die Welt ausrichtet (natürlich kann man auch schon in früheren Entwicklungsstufen die Welt zutreffend beschreiben und darin effektiv handeln).

Alternative Lebens- und Berufspläne der Weltveränderung

Das Muster der superbiederen und moralisch schlechten Menschen in Anzug und Krawatte, einem gut bezahlten Job nachgehend, bricht vielleicht am radikalsten die Idee des effektiven Altruismus. In diesem Ansatz wird der Effekt berechnet, den man durch eine Hilfeleistung erreicht. Oft ist es besser, viel zu verdienen und viel zu spenden, als selbst einen augesprochen moralischen Job auszuüben. Beispielsweise gibt es den Fall eines gut bezahlten Marketing-Managers, der einen moralisch besseren Job wollte. Dafür verzichtete er auf zwei Drittel seines Gehalts. Nun fühlt er sich wohler in seiner Haut.

Aber er hätte durch die Spende des Geldes zwei neue Jobs für Hilfsorganisationen schaffen können. Dadurch hätte er letztlich mehr für andere erreicht. Insbesondere die Organisation 80,000 hours thematisiert diesen Zusammenhang. 80.000 Stunden verbringen wir in einem Berufsleben an der Arbeitsstelle. Die Organisation beschäftigt sich damit, wie wir diese Zeit am besten dazu einsetzen können, Gutes zu tun.

Einen anderen Ansatz bietet Ashoka (hier geht es zum aktuellen Onlinemagazin). Die Organisation wählt Weltveränderer aus und fördert ihre Sozialunternehmen, bis sie sich selbst tragen. Förderkriterien sind, ob die Idee wirklich hilft; ob sie die Perspektive hat, wirtschaftlich tragfähig zu werden; ob sie ein Modell schafft, das auch andere anregen könnte, sozialunternehmerisch weltverändernd aktiv zu werden. Und es muss der Verdacht ausgeräumt werden, dass die Geförderten in Wahrheit ein egoistisches oder ideologisches Süppchen kochen.

Im Diskussionsforum der Autonomen überwiegt nach Hamburg die Selbstkritik. Den meisten ist klar, dass eine Revolution nicht zu machen ist, wenn sich alle hauptsächlich über die Revolutionäre aufregen. Und dass eine schlechte Presse kontraproduktiv ist. Und es nichts bringt, immer nur „die anderen haben angefangen“ zu rufen. Die Ansätze des effektiven Altruismus und von Ashoka zeigen zwei Alternativen auf. Nicht nur für Autonome.



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Christoph Burger

Christoph Burger ist Diplom-Psychologe und Autor des Buches "Karriere ohne Schleimspur", das 2012 als eines der besten Managementbücher des Jahres ausgezeichnet wurde. Er arbeitet als Karriereberater in Herrenberg bei Stuttgart.

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