Aha-Erlebnisse: Warum habe ich das nicht früher gesehen?

Es gibt Augenblicke im Leben, da ändert sich alles, grundlegend, von einem Moment auf den anderen. Wenn diese Neuordnung der Dinge nicht nur die äußere Realität betrifft, sondern sich auch in unserem Kopf abspielt, sprechen wir von Aha-Erlebnissen. Sie können uns entscheidend voranbringen im Leben. Aber wie funktioniert dies genau?

Aha-Momente warten überall

Unter dem Apfelbaum, in der Badewanne, im Labor angesichts einer vergessenen Petrischale: Überall kann uns Entscheidendes in den Kopf springen:

  • Eine Musikerin hat viel geübt und spielt die Noten inzwischen korrekt. Genau so, wie sie auf dem Blatt stehen. Aber es klingt leblos und hölzern. Doch diesmal ist alles anders und ihr Musikstück beginnt zu fliegen.
  • Ein Wissenschaftler denkt intensiv über seine Befunde nach, ohne sich einen Reim darauf machen zu können. Plötzlich, in der Kantine, die Kollegen unterhalten sich gerade über ihr Kartoffelcurry, fällt ihm die Lösung des Rätsels ein.
  • Oder im Rückblick: Manche Klima-Engagierte fragen sich, warum sie nicht viel früher die Dimension der Katastrophe erkannt haben. Wieso ihnen nicht längst klar war, dass dieses Klimazeugs auch sie betrifft. Weshalb sie sich nicht schon vor Jahren engagiert haben.

Persönlichkeitsentwicklung in Sprüngen

Solche Aha-Erlebnisse beinhalten, dass etwas im Gehirn grundsätzlich neu sortiert wird. Wenn dies über alltägliche Dinge hinausgeht und sich vielleicht gar unser Leben umstrukturiert, ist der Grund dafür, dass unsere Persönlichkeit sich weiterentwickelt.

Die Hardcore-Variante der Persönlichkeitsentwicklung beschreibt die wissenschaftliche Forschung im Anschluss an die amerikanische Psychologin Jane Loevinger. Sie entdeckte – zunächst per Zufall, wie bei vielen großen wissenschaftlichen Leistungen – etwas, was sie Ich-Entwicklung nannte und über Jahrzehnte systematisch erforschte.

Danach haben wir feste Selbst- und Weltbilder, in die wir alle Eindrücke einordnen und mit deren Hilfe wir der Welt Bedeutung verleihen. Im Gehirn flirren schließlich nur Elektronen und chemische Stoffe umher. Wie wir daraus eine sinnvolle Welt basteln, bleibt uns überlassen. Mit der Realität hat dieses höchst persönliche Produkt nicht immer viel zu tun, wie die Psychologie in zahllosen Versuchen nachgewiesen hat.

Loevinger fand heraus, dass die meisten Menschen sich mit dem Erwachsenwerden mehrfach eine solche neue Welt zulegen. Sie spricht von Stufen, denn es gibt Plateaus, die aufeinander aufbauen. Sie können sich Jahre und sogar Jahrzehnte lang halten. Die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen war schon länger bekannt – die der Erwachsenen beschreibt Loevinger (ähnlich auch Robert Kegan). Sie entdeckte, dass die meisten Menschen (circa 83 Prozent) es bis zum Erwachsenenalter auf die Stufe 5 schaffen. Viele bleiben ihr Leben lang dort stehen. Sie lernen natürlich auch weiterhin dazu. Aber ihre hardware, die Grundzüge ihrer Selbst-Welt-Konstruktion, behalten sie bei.

Andere verändern diese Struktur weiter – immer aus eigenem Antrieb, aus Neugierde und per Bereitschaft zur Kritik an den eigenen, vertrauten Vorstellungen. Messbar sind heute fünf weitere Stufen. Die sechste wird als Zielstufe demokratischer Gesellschaften angesehen. Danach folgt eine Entwicklung, die über vieles hinausweist, was unsere Gesellschaft heute noch ausmacht (ein Beispiel, was das politisch bedeuten kann, ist ein Bürger:innen-Rat, bei dem zufällig ausgewählte Menschen Lösungsvorschläge für gesellschaftliche Probleme erarbeiten). Jede neue Stufe bedeutet, dass die Realität nach einer grundlegend anderen Struktur geordnet wird. Zahllose kleine und größere Aha-Erlebnisse sind nötig, um einige Jahre später so ein neues Niveau zu erreichen. Um dann dort vielleicht wieder für Jahre oder Jahrzehnte zu bleiben.

Dieselbe Realität – unterschiedliche Deutungen

Aha-Erlebnisse rühren nicht daher, dass die Realität eine andere ist. Sondern dass wir sie anders interpretieren. Wir erkennen Zusammenhänge, die uns bisher verborgen blieben.

  • Eine Managerin bemerkt plötzlich, dass sie ihre Familie vernachlässigt hat – obwohl das schon seit Jahren so geht.
  • Ein Sportler trainierte lange mit einem großen Ziel. Obwohl sich zuletzt schlechte Wettkämpfe häuften, ändert erst eine besonders schmerzliche Niederlage seine Perspektive. Er wird sich seiner Leistungsgrenze gewahr und dass es nie zum Profi reichen wird.
  • Eine Mutter bemerkt schlagartig, dass ihre dreijährige Tochter nicht einfach ungezogen oder zu klein oder zu dumm ist, sondern schlicht Recht hat.
  • Und zuweilen tauschen sich Aktivist:innen darüber aus, was ihr Aha-Moment war. Wann sie realisierten, dass wir mitten in der größten Krise der Menschheit stecken und dies jeden angeht.

Ich-Entwicklung – Unterentwicklung der Spezies Mensch

Ob nun solche plötzlichen Erkenntnisse unbedingt mit einer persönlichen Weiterentwicklung einhergehen oder nicht, bleibt ungewiss.

Sicher ist indessen, dass eine Spezies, die ihren eigenen Lebensraum vernichtet, Entscheidendes dazulernen und sich weiterentwickeln muss. Beide Verben bedeuten nicht das Gleiche.

Lernen wäre: Wir ersetzen Verbrennungsmotoren durch Elektroautos. Kohlekraftwerke durch Windräder. Im übrigen machen wir weiter wie bisher. Entwicklung würde stattdessen bedeuten: Wir verstehen, dass wir etwas Bequemlichkeit aufgeben und uns neu organisieren müssen.

  • Der Resssourcen-Verbrauch insgesamt muss sich reduzieren.
  • Wir müssen Freuden im Leben wiederentdecken, die nicht mit Konsum verbunden sind.
  • Unternehmen dürfen nicht weiter alles auf den Markt bringen, was ihnen Rendite bringt und Käufer:innen findet.
  • Parteien und Länder müssen verstehen, dass die Profilierung der eigenen Interessen zurückstehen muss, wenn es um den ganzen Planeten geht.

Das genau ist der Unterschied zwischen Lernen und Entwicklung. Beim Lernen ergänzen wir Inhalte, fügen beispielsweise unserem Wortschatz neue Vokabeln hinzu. Entwicklung bedeutet dagegen, dass die Struktur selbst sich ändert, mit der wir Inhalte verarbeiten. Entwicklung fordert uns psychisch. Sie führt immer über die Selbstkritik.

Persönlichkeitsentwicklung meint, dass sich das Selbst- und das Weltbild ändert. Solange wir glauben, die Welt könne sich an eine Krise anpassen, aber wir selbst könnten gleich bleiben, werden wir unsere persönlichen Potentiale nicht wirklich entscheidend entfalten. Solange wir annehmen, wir könnten unsere Lebens- und Wirtschaftsweise ändern, aber persönlich gleichbleiben, werden wir bei der Bewältigung der Klimakrise versagen. Der Mensch ist die Ursache und die Lösung der Klimakrise zugleich. Das ist keine technische, sondern eine psychologische Aussage. Wir als Menschen müssen uns ändern, um das Problem zu lösen. Und wir können das auch. Voraussetzung dürfte allerdings sein, dass wir die Klimakrise als psychologische Krise verstehen. Als Entwicklungskrise des homo sapiens. Hilfreich dafür ist, wenn wir als Individuen damit beginnen, die Dinge anders zu betrachten.

Einige konkrete Beispiele:

  • Sich die eigenen Schwächen, die eigene Bequemlichkeit und Fehlbarkeit eingestehen
  • Konflikte als das erkennen, was sie sind: Andere haben andere, wertvolle Perspektiven
  • Den politischen Gegnern zugestehen, dass sie sich jederzeit ändern und weiterentwickeln können
  • Die Gemeinsamkeit suchen, wo immer es geht
  • Und doch gleichzeitig klar benennen, was nicht hilfreich ist, um die Zukunft zu sichern

Mehr als alles andere sind die postkonventionellen Stufen der Ich-Entwicklung vielleicht gekennzeichnet durch Kategorien, die über das Entweder-oder hinausgehen und immer mehr Bereiche entdecken, in denen Sowohl-als-auch passender ist. Mehr zum Thema Ich-Entwicklung und Klimakrise finden Sie hier.

P.S. Dieser Post wurde angeregt durch Sara Schurmann. Die Journalistin thematisiert immer wieder ihre eigene Entwicklung zur klimaengagierten Journalistin. Im Rückblick wundert sie sich, warum sie die ihr zuvor schon bekannten Fakten plötzlich anders interpretiert – und stößt damit auf große Resonanz im Netz, weil es vielen so geht.

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