Hass im Netz und was WIR daraus lernen können

Frauen wie Sarah Bosetti bekommen die widerlichsten Hasskommentare ab. Warum ziehen manche Persönlichkeiten die Wut schier magisch an? Und was sollten wir, die wir schockiert davon sind, daraus lernen?

Hater anzeigen, sich selbst schützen

Es geht also um die Lehre für uns, wenn Hass im Netz andere trifft. Dieser Beitrag richtet sich NICHT an betroffene Menschen. Er stellt keine Alternative zu den bewährten Hilfen bereit, die zum Beispiel hate aid anbietet.

Ganz klar: Hater müssen verurteilt und möglicherweise angezeigt werden. Sie machen etwas falsch und müssen dies ändern. Ihnen gebührt kein Verständnis. Wer von ihnen getroffen wird, braucht unsere uneingeschränkte Unterstützung. Und generell gilt, dass jede:r Wohlmeinende sich aktiv gegen Hass-Kommentare wenden sollte.

Trotz allem geht es auch um eine Lehre für uns freundliche Menschen. Um sie fassen zu können, müssen wir das Phänomen besser verstehen.

Wer wird gehasst?

Sarah Bosetti hatte die beiden hier als Grafik wiedergegebenen, erschreckenden Hasskommentare auf Twitter gepostet und dazugeschrieben: „Normaler Montagmorgen“. Sarah Bosetti, Luisa Neubauer, Greta Thunberg: Ziehen junge, kluge, erfolgreiche, attraktive Frauen den Hass besonders an? Auf die Idee könnte man kommen. Doch auf der Liste der zur Zeit meistgehassten Persönlichkeiten Deutschlands steht auch Angela Merkel. Mit Christian Drosten und Karl Lauterbach kommen ältere Männer dazu.

Es trifft also nicht nur junge Frauen. Die Attribute klug, bestens ausgebildet und selbstbewusst, treffen zwar auf alle Genannten zu. Aber sonst unterscheiden sie sich doch sehr. Könnte es sein, dass es schlicht jede:n treffen kann? Wahrscheinlich. Wobei, irgendeinen Unterschied zu sich selbst wird der Hater wohl brauchen. Würde er denken, „ach, das ist ja ein genauso armes Würstchen wie ich“, gäbe es kein Ventil, durch das er seinen Frust ablassen könnte.

Hater könnte man sich vereinfacht gesagt ungefähr so vorstellen: Hässlich, ungebildet, unreflektiert. Es sind unzufriedene, unglückliche Versager. Und das ganze durchaus subjektiv. Da hätte auch der Chefarzt mit Familie, schönem Häuschen und gutem Salär seinen Platz. In meiner Phantasie wollte dieser Chefarzt sehr dringend in den Klinikvorstand berufen werden. Seiner Meinung nach wäre er supergeeignet für diesen Job und müsste ihn ob all seiner Verdienste wahrlich zugesprochen bekommen. Nur eine gemeine Intrige konnte ihn stoppen. So ist er innerlich trotz aller äußeren Erfolge zutiefst angefressen und wirft abends Hasskommentare ins Netz, die weit unter seinem Niveau liegen.

Wir freundlichen Menschen auf der Sonnenseite

Auf der einen Seite stehen also erfolgreiche Menschen mit Bühne und Einfluss, die mit sich im Reinen sind. Auf der anderen Seite trollen sich diejenigen mit Defizit-Gefühlen ihrer Wege und suchen nach einer geeigneten Gegend, ihre Wut springen zu lassen. Auf welche Seite der skizzierten hell-dunkel-gezeichneten Welt würden Sie sich bevorzugt einsortieren?

Wenn ich mal mit meinem Beispiel vorangehen dürfte … ich sehe mich auf jeden Fall in der Welt der entspannten, souveränen Erfolgsmenschen, die die richtigen Werte und Vorstellungen vertreten. Das bereitet mir ein wohliges Gefühl, mit dem ich bestens durch den Tag komme. Zu meinen Werten gehört es, die Würde jedes Menschen anzuerkennen. Ich kultiviere die Vorstellung der einen Menschheit. Falls Sie zustimmen, freut mich das. Dann gehören wir zusammen.

Aber, was ist dann mit den Hatern? Verdienen sie keinen Respekt?

Die Lehre der Hater

Vielleicht spüren Sie, wie es langsam ungemütlich wird. Anders ausgedrückt: Der Lerneffekt könnte in Reichweite liegen. Wir propagieren die Würde jedes Menschen und die Einheit der Menschheit. Wir sind für das friedliche, solidarische, faire Zusammenleben aller homo sapiens und vielleicht sogar aller Wesen auf diesem Planeten von der Maus bis zum Elefanten. Aber zugleich legen wir sehr viel Wert auf die Abgrenzung von den Hatern. Sind das keine Menschen, denen Würde gebührt?

Doch, schon, aber sie verhalten sich nicht adäquat, würden manche sagen. Okay, aber was bedeutet dieses adäquate Verhalten genau? Muss sich ein Mensch zum Beispiel gut ausdrücken können, um in unseren Club zu dürfen? Nehmen wir nur die besser Gebildeten auf? Wenn dem so wäre, hörte sich das schon weniger edel und nach allumfassender Liebe an.

Wenn wir schon mal da sind, gehen wir noch einen Schritt weiter. Dorthin wo es wirklich weh tut. Eben zum Lerneffekt, denn der wird uns nicht geschenkt. Eine geeinte Menschheit erreichen wir nicht, indem wir uns von den Hatern abgrenzen. Umgekehrt wird ein Schuh draus. Wir müssen die Gemeinsamkeiten mit ihnen entdecken. Wo liegt die Schnittmenge zwischen den Hasskommentar-Schreiber:innen und uns?

Wo gleichen wir den Hatern?

Ich spreche mal von mir: Ich lege größten Wert darauf, meinen Idealen zu folgen und meinen Werten zu entsprechen. Dazu gehört – leider – ein gewisser Dünkel, was Bildung und Wortgewandtheit angeht. Ich stehe gern auf der moralisch korrekten Seite. Ich bin ganz zufrieden mit mir und meinem Leben. All das strahle ich aus, bewusst wie unbewusst. Was ich also gar nicht mag, ist: Dumm dastehen, nicht weiterwissen. Ich möchte nie verzweifelt, ratlos, niedergeschlagen, neidisch, hasserfüllt, mickrig oder bedürftig sein. Aber ich bin es zuweilen.

Und genau hier liegen die Gemeinsamkeiten mit den Hassschreibern. Wir sind nicht frei davon, ab und zu den Hatern zu gleichen. Denen, die sich in schamloser Weise an anderen abarbeiten, nur, um sich selbst zu erleichtern und besser zu fühlen.

Wenn wir diese demütige Sicht auf uns selbst eröffnen, sind wir auf dem richtigen Weg. In „Demut“ steckt „Mut“, denn den braucht es dafür. Je mehr wir uns unsere Schwächen eingestehen und sie öffentlich machen, desto weniger können sich die Hater von uns erniedrigt oder ausgeschlossen fühlen. Ihre Wut verrinnt. Ihre Energie schwächt sich ab, sich eine Zielscheibe zu suchen. Sie verhalten sich fairer und freundlicher.

So hilft unser Bekenntnis, unzulänglich zu sein, denen, die zum Objekt des Hasses werden. Es stärkt ferne die Angreifer und macht sie im guten Sinne selbstbewusster. Und auch wir selbst profitieren. Denn wir sind näher bei uns und bringen anderen Menschen und ihren Fehlern mehr Verständnis entgegen.

Wenn uns diese Form der Selbstkritik und Offenheit gelingt, tragen wir dazu bei, dass der Montagmorgen für Sarah Bosetti und andere angenehmer wird und wir als Gesellschaft insgesamt vorankommen. Auch Hater sind Menschen. Sie halten eine Lehre für uns bereit.

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