Was ist Normalität?

„Normaliltät“ ist dieser Tage einer der am häufigsten gebrauchten Begriffe. Doch was ist eigentlich  normal? Wie ich hier zeige, ist eine „Rückkehr zur Normalität“ niemals möglich, obwohl uns das Coronvirus nicht daran hindern würde.

Psychologische Normalität

Daniel Kahnemann, der berühmte Psychologe, illustriert an zwei Beispielen, wie wir Normalität konstruieren. Im einen treffen er und seine Frau an einem entlegenen Ort der Welt, an dem sie Urlaub machen, Jon, einen befreundeten Psychologen. Sie sind sehr überrascht. Zwei Wochen später sitzen sie im Theater in Erwartung der Vorstellung. Es ist schon abgedunkelt, ein verspäteter Besucher drängt sich noch durch die Reihen und nimmt neben ihnen Platz. Als in der Pause das Licht angeht, zeigt sich: Es ist Jon. Klar, es ist schon ungewöhnlich, dass der freie Platz neben ihnen, ausgerechnet durch einen ihrer Bekannten besetzt wird. Aber wenn sie diesen verspäteten Besucher kennen, dann muss es ja wohl – von den paar hundert Leuten, die sie kennen – Jon sein. Ist doch klar! Sie sind wenig überrascht. Jon ist eben derjenige ihrer Freunde, der typischerweise an ungewohnten Orten auftaucht.

Das andere Beispiel: Auf einer Strecke, auf der Kahnemann und seine Frau wöchentlich die Stadt durchqueren, kommen sie an einer Ecke vorbei, an der ein Auto brennt. Natürlich sind sie überrascht. Das gab es noch nie zuvor. Eine Woche später sind sie wieder an dieser Ecke. Und erneut brennt dort ein Auto! Sie sind schon weniger überrascht. Doch mehr als ihr zurückgehendes Erstaunen, zeigt eine andere Beobachtung, wie unser Gehirn funktioniert: Noch Monate nach diesen Ereignissen sind sie erstaunt, wenn an jener Ecke der Stadt KEIN Auto brennt!

So schnell konstruiert unser Gehirn Normalität. Was zuvor ungewöhnlich war, ist plötzlich normal. Wir konstruieren dies so und unsere Konstruktionen sind durch mehr oder weniger zufällige Ereignisse, kulturell und persönlich geprägt.

Normalität vor Corona

Vor der Coronakrise war doch alles normal, heißt es überall: Wir konnten einkaufen gehen, wenn wir wollten. Wir konnten einkehren und verreisen, wenn uns danach war. Das ist doch wohl normal – und so soll es wieder sein, oder?

Ist das normal? Nein! Wir haben zwar unsere Welt so konstruiert. Aber für andere Menschen ist etwas völlig anderes normal. Vor ein paar Tagen kam ein TV-Bericht zu den in Afrika drohenden Auswirkungen der Pandemie. Gezeigt wurde ein ganzes Dorf vor den Toren Kairos, dessen Bewohner*innen dort von Hand den Müll der Metropole trennen. Ohne weitere Schutzausrüstung. Tagtäglich inmitten von Abfall arbeiten zu müssen, ist für die Betroffenen normal – shoppen gehen oder ins Restaurant oder reisen wäre es leider nicht,.

Ich kenne einen trockenen Alkoholiker. Dass er alkoholabhängig war, erfuhr er durch den Tipp eines Freundes: „Mache dir mal einen Strich, bei jedem Glas Bier, das du trinkst.“ Er arbeitete in einer Kneipe, deshalb wusste er dies nicht, sondern trank so nebenbei. Am Ende des Abends hatte er die Menge eines Kastens Bier weggeputzt. Das kam ihm dann doch viel vor. Aber bevor er die Liste anlegte, fand er seinen Alkoholkonsum normal.

Für Sheldon – den eigenwilligen Star der Big-Bang-Theory – ist es normal, auf genau diesem Platz des Sofas zu sitzen und nirgends sonst. Und vieles andere, denn Autisten – und seien sie hoch intelligent – konstruieren eine detaillierte Normalität, auf deren einzelne Bestandteile sie höchsten Wert legen.

Ist die Homo-Ehe normal, eher die monogame Ehe oder dass ein Mann mehrere Frauen heiratet?

Es gibt nicht DIE Normalität! Unser Gehirn konstruiert Normalität nach Beobachtungen („gefühlten Statistiken“), nach persönlichen und sozialen Normen und Gewohnheiten.

Insofern ist es komplett sinnlos, mit “der Normalität” zu argumentieren. Obwohl genau das viele Politiker*innen derzeit explizit oder implizit tun. Sie fordern eine „Rückkehr zur Normalität“, als ob uns das zustände. Und die Begründung soll sein? Ihre Vorstellung, die sie von Normalität gebildet haben! Wir haben doch einen Anspruch darauf, denken wir.

Normalität, diese relative, diese sozial und persönlich konstruierende Größe, wird mit einem moralischen Anspruch aufgeladen. Doch das ist eine Luftbuchung – und war es schon immer.

Normalität und Realität

Unsere Vorstellung der Normalität ist bloß konstruiert – genauso wie unser ganzes Selbst- und Weltbild. Das ändert aber nichts daran, dass es tatsächlich eine Realität gibt! Und dieser Wirklichkeit ist es gleichgültig, ob wir mit ihr zurechtkommen, ob es uns gelingt, sie zutreffend im Gehirn zu modellieren – oder eben nicht.

Exponentielles Wachstum zum Beispiel gibt es, obwohl wir uns dies kaum vorstellen können. Um dies zu veranschaulichen, können wir ein Beispiel nutzen. Wenn Seerosen auf einem Teich ihre Fläche täglich verdoppeln und heute ist der Teich halb zugewachsen. Wie stark wird er morgen, also einen Tag später, zugewachsen sein? Wahrscheinlich kennen Sie dieses Beispiel. Die Antwort ist: Der Teich ist einen Tag später vollständig zugewachsen. Laaangweilig (weil bekannt). Oder? Mal ehrlich: Haben Sie die Antwort leidenschaftslos abgerufen, weil sie das Beispiel kannten? Oder können Sie sich tatsächlich einen halb zugewachsenen Teich vorstellen, der einen Tag später komplett mit Seerosen bedeckt ist?

Die Coronakrise lässt sich nicht intuitiv erfassen – es geht um exponentielles Wachstum. Professor Drosten hat in seinem gestrigen Podcast (Minute 16:34 bis 21:12) erklärt, dass Deutschland durch den rechtzeitigen Lockdown international eine einsame, absolute Spitze erreicht hat – und dies zu verspielen droht. Worüber er redet, ist nicht intuitiv zu erfassen. Wir müssen unseren Verstand benutzen und kontraintuitive Schlüsse ziehen. Seine Erklärung hilft dabei. Drosten erklärt, die politischen Maßnahmen seien gut gemeint, aber funktionierten in der Umsetzung nicht. Warum? Weil die Menschen ihre Fantasie spielen lassen (ausdrücklich nochmals später im Podcast) und Forderungen stellen: Wenn die, warum dann nicht wir auch? Es sind diese Normalitätseinstellungen, die das Ganze zum Kippen bringen.

Politiker*innen und Lobbyist*innen neigen dazu, so zu tun, als könnten sie die Realität wegreden (siehe dazu mein Beitrag zu Trump). Dies ist nicht der Fall! Obwohl uns die Forderung nach Normalität intuitiv richtig erscheint: Das ist es schließlich, was wir vor Corona täglich hatten. Aber der Realität ist das wurscht. Selbst wenn wir uns jetzt alle komplett einig wären, gerne wieder ab sofort die Bundesliga und all das, was wir sonst so vor Corona hatten, zu genießen: Das ist dem Virus egal, was wir so unter uns verhandeln.

Normalität macht nicht glücklich

Momentan scheint es vielen so, als ob sie die verlorene Freiheit durch die derzeitigen Beschränkungen unglücklich machte. Aber ist das wirklich eine direkte Folge? Wer immerzu vor sich hin sagt, dass er nicht raus darf und ihn das immens stört, der leidet. Zweifellos. Aber das heißt nicht, dass er bei geöffneten Restaurants jetzt tatsächlich essen gehen würde. Und schon gar nicht heißt es, dass er dann glücklich wäre.

Unser Gehirn hat einen eingebauten Gewöhnungseffekt. Was wir für normal halten, macht uns selten glücklich. Erst neues Glück, lässt die Hormone sprudeln. Ein Häftling, der nach Jahren wieder in die Freiheit darf, kann diese auf außergewöhnliche Art schätzen. Ein Mensch, der lange auf der Intensivstation um sein Leben kämpfte und eine Krankenhaus-Odysee hinter sich hat, wird außerordentlich glücklich sein, einfach nur ohne mit Schläuchen und Apparaten verkabelt zu sein, ohne Destillationsgerüche und Krankenhaussound und ohne große Schmerzen auf einer Parkbank zu sitzen. Aber wenn Sie weder aus der Haft entlassen, noch aus dem Krankenhaus entkommen sind, werden Sie kein besonderes Glück auf einer Parkbank erleben können.

Für den Häftling und für den Kranken ist die Parkbank ungewöhnlich – deshalb macht sie glücklich. Es liegt nicht an der Parkbank an sich. Einen Ausweg bietet der Buddhismus. Vor allem Zen zeigt, dass man eigentlich so gut wie nichts wirklich braucht, um innere Ausgeglichenheit und Ruhe zu erlangen – aber dies setzt meist lange Übung voraus. Doch unsere Politiker*innen und Lobbyist*innen wollen keine glücklichen Buddhisten. Sie wünschen sich eifrige Konsument*innen – auch wenn sie das nicht sagen. Konsum ist doch normal und steht uns zu, oder?

Welche Normalität wollen wir?

Wenn Normalität relativ ist, wenn es keine Ansprüche auf eine bestimmte Normalität gibt und wenn die Realität sich nicht nach unseren Vorstellungen richtet – weil beispielsweise das Virus sich exponentiell vermehren kann –, müssen wir ganz andere Fragen stellen. Unangemessen ist die Frage: „Wann kehren wir wieder zur Normalität zurück?“ Denn diese Frage enthält alle Denkfehler, die oben aufgezählt wurden. Sie ignoriert, dass es „die Normalität“ nicht gibt, schon gar nicht einen Anspruch auf eine bestimmte Form von Normalität. Und vor allem, dass sich unsere Vorstellung vom Leben vernünftigerweise immer danach richtet, welches Leben die Realität überhaupt gestattet.

Angebracht dagegen ist die Frage: „Welche Normalität wollen wir – im Rahmen dessen, was möglich ist?“ Nur, wenn wir die Frage so stellen, können wir sie sinnstiftend beantworten.

Corona ist noch der einfachste Punkt: Wenn nur das Coronaproblem bedacht wird, können wir zum Vorher zurückkehren, sobald es einen Impfstoff gibt. Diese „normale“ Welt steht aber leider keineswegs mit der Realität im Einklang!

In dieser Normalität gibt es eine internationale Arbeitsteilung mit ungeheuer ungleichen Lebensbedingungen. Der eine ist Mülltrenner bei Kairo oder leidet als Geflüchteter unter unhaltbaren Zuständen in völlig überfüllten Lagern an den europäischen Außengrenzen. Der andere gönnt sich nicht nur Restaurants und Flugreisen, sondern auch einen Umweltverbrauch, der drei Erden erforderte. Das eine wie das andere sollte nicht normal sein. Die Realität erzwingt eine Umstellung dieser Lebensstile, insbesondere des westlichen Lebensstils.

Diesen Lebensstil empfinden wir als? Eben! Als normal! Er stünde uns zu, das ist unser Eindruck. Weil es bisher in der Geschichte noch nie eine Klimakrise gab. Wenn einer sagt, er habe einen SUV gekauft, “weil er höher sitzen” wollte, kommt uns das normal vor. Diese Normalität führt jedoch in den Untergang. Nicht die einzelne Entscheidung. Sondern unsere Normalitätsvorstellung.

Wenn wir die Frage also sinnvoll formulieren, müssen wir zunächst die realen planetaren Grenzen bedenken. Innerhalb dieses Rahmens lässt sich diskutieren, wie wir leben wollen. Eingedenk der Tatsache, dass – immer mehr – Konsum ohnehin nicht glücklich macht, können wir da durchaus einen bescheideneren Lebensstil entwerfen, der ausreichend Qualität bietet. Saubere Luft zu atmen und Vögel zu hören, Bewegung an der frischen Luft, zusammen essen, trinken, Spaß haben, die körperliche Liebe und Freundschaften, eine solide Gesundheitsversorgung, dies alles und noch viel mehr können wir realistisch erreichen.

Corona ist irgendwann vorbei. Die Frage nach der Normalität, die wir wollen, stellt sich weiter. Wenn wir sie rechtzeitig aufwerfen, haben wir noch Gestaltungsspielräume.

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