Trump, die Coronakrise und die Realität

Trump bemüht sich, das Coronavirus mit populistischen Sprüchen und eitlem Selbstlob zu besiegen. Dies funktioniert nicht – was seine Fans bisher wenig stört. Wie stehen die Chancen, dass die Realität Eingang in unsere Gehirne findet?

„Wer sich mit der Realität anlegt, verliert immer“

Diesen Satz sage ich an passender Stelle im Coaching. Er gilt immer, auch in der Politik. Leider jedoch ist hier etwas anders: Die Leidtragenden einer unpassenden Politik sind in der Regel nicht die Politiker*innen. Deshalb war von vornherein klar, dass Trumps Realitätsleugnung in der Umweltpolitik ihn nie das Amt kosten würde. Aber wie steht es in Sachen Coronakrise? Hier stellt die Realität auf verfehlte Politik innerhalb von lediglich zwei Wochen das entsprechende Zeugnis aus. Nicht erst nach Jahren oder Jahrzehnten, wie in der Umweltpolitik.

Um diese Frage zu beantworten, müssen ein paar Hintergründe geklärt werden. Beispielsweise, in welchem Verhältnis Kommunikation und Fakten allgemein stehen. Und welche Rolle dies im Besonderen bei Donald Trump und seinen Wählerinnen spielt.

Warum wir keine Fakten im Gehirn verarbeiten

Unsere Gehirne sind reine Biochemie und Elektrik. Es gibt darin kein Ich, kein SUV, keine Klimakrise. Nur das: Biochemie und elektrische Impulse. Was bedeutet das für die Kommunikation von Fakten?

Die moderne Kognitionswissenschaft (Lakoff, Wehling u.a.) hat klargemacht: In unserer Kindheit machen wir körperliche Erfahrungen. Aus diesen Erfahrungen bilden wir Metaphern. Und Metaphern sind auch der Rahmen, in dem wir Fakten verarbeiten. Das heißt: Fakten an sich existieren im Gehirn nicht. Nur jene Fakten, die in im Gehirn vorhandene Metaphern eingefügt werden können, haben eine Chance, zur Kenntnis genommen zu werden.

Realität wirkt, immer. Aber nur, wenn sie in vorhandene Metaphern passt, wird sie zur Kenntnis genommen. Ferner wird die Realität in vorhandene Frames, also Rahmen, eingepasst. Meistens gibt es mehrere optionale Metaphern / Frames. Dieselbe Tatsache erhält so eine verschiedene Bedeutung. Je nach frame.

Ohne diese Sinngebung, die unser Gehirn durch Metaphern und Frames vornimmt, bleibt uns die Welt vollkommen unbegreiflich.

Strenger und gütiger Vater-Frame

Wie George Lakoff und Mark Johnson in ihrem Standardwerk „Leben in Metaphern“ gezeigt haben, dominieren in den USA zwei Mega-Frames, die sich beide auf die Familie beziehen.

Zunächst zur konservativen „Strenger Vater“-Moral. Danach bestimmt der Vater (üblicherweise der Mann) die Regeln. Er ist körperlich stärker und kann sich durchsetzen. Das muss er sowohl nach außen, als auch innerhalb der Familie. Die Mutter stützt ihn. Das Ziel der Erziehung ist es, dass die Kinder die Freiheit genießen, sich durch die Härte des Lebens und dank der Richtungsgebung des Vaters ausreichend Selbstdisziplin und Durchsetzungsvermögen für die Welt anzueignen. Was sie dann später erreichen, ist ihr Verdienst.

Nach der Metapher „Nationen sind Personen“ lässt sich dies auf den Staat übertragen. Daraus folgt, dass es zum Beispiel liberale Waffengesetze geben muss. Die brauchen die strengen Väter, um sich durchsetzen zu können. Die Steuern sollten niedrig sein, am besten pauschal. Andernfalls würden die Erfolgreichen bestraft – ihr Erfolg ist ja immer deren Verdienst! Sozialprogramme, die allgemeine Krankenversicherung und dergleichen sind dagegen abzulehnen. Sie verweichlichen die Empfängerinnen und nehmen ihnen die Chance, selbständig und stark zu werden.

In dieser Rollenverteilung ist selbstverständlich der US-Präsident der strenge Vater der USA. Und auch derjenige der ganzen Welt, denn, Obacht: Es kann immer nur einen strengen Vater geben!

Nun zum progressiven Familienbild. Dort gibt es die gütiger-Vater-Moral, es geht um Mitgefühl und Verantwortung. Menschen sollen unterstützt werden, gerade auch die Schwachen, da sie es am meisten nötig haben. So können sie später selbst ihren Beitrag leisten. Steuern an sich nicht schlecht, sondern Beiträge zum Gemeinwesen. Auf Waffengewalt ist möglichst zu verzichten. Toleranz ist wichtig – beispielsweise gegenüber anderen Meinungen und Religionen.

Grundsätzlich kennen alle US-Amerikanerinnen diese beiden Frames. Aber nur etwa ein Drittel benutzt beide Frames relativ gleich stark. Wohlgemerkt: Beide Frames zugleich können nicht angewendet werden. Es ist wie mit den Kippbildern in der Wahrnehmungspsychologie. Wenn ein solches Kippbild als Hase und zugleich als Ente gesehen werden kann, können Sie dennoch nie beide Tiere zugleich sehen. Etwa zwei Drittel der US-Amerikanerinnen nutzen aber jeweils nur einen der beiden Mega-Frames. Das bedeutet: Wer die Wörter im Sinne des anderen Frames gebraucht, ist nicht verständlich.

Das kam z.B. bei der zweiten Amtseinführungsrede des republikanischen Präsidenten George W. Bush am 20.01.2005 zum Tragen. Im ersten Teil benutzte er den Begriff „Freiheit“ in einem Sinn, der nicht an die Familien- sondern an übergreifende Metaphern gebunden war. Im zweiten Teil bezog er sich ausdrücklich auf die konservative „Strenger Vater“-Metapher. Und die Progressiven hatten keinen Schimmer mehr, wovon er sprach.

Die Tragik der US-Demokraten ist laut Kognitionsforscher Lakoff, dass die Republikaner sehr genau um diese Metaphern wissen. Sie beschäftigen seit Jahrzehnten mehrere Thinktanks mit der Entwicklung ihrer Narrative. Demgegenüber geraten die Demokraten immer wieder ins falsche Fahrwasser. Da sie ihre eigenen Metaphern nicht klar genug haben, benutzen sie immer wieder diejenigen der Republikaner. Dies ist im politischen Kampf fatal. Sie stärken damit die Gegenseite – ganz egal, welche Fakten sie erzählen wollen.

Ausgangspunkt der republikanischen Sprachoffensive war ein Phänomen, das bei Ronald Reagan auftrat. Viele seiner Wählerinnen lehnten seine Inhalte ab, aber fanden ihn toll. Wie konnte das sein? Selbst die Berater von Reagan waren zunächst irritiert. Dann fanden sie heraus: (Neben seiner Körpersprache) spielte die entscheidende Rolle, dass er immerzu über Werte sprach. Er bediente konsequent das „Strenger Vater“-Frame. Wie klar die Republikaner diese Strategie künftig sahen, zeigte sich dadurch, dass besagte Freiheitsrede von Bush Markierungen im Redemanuskript zierten: Immer, wenn der Freiheitsbegriff im Strenger-Vater-Frame benutzt wurde.

Trump und die Fakten

Trump, so zeigen Analysen (u.a. von V.F. Hendricks und M. Vestergaard in ihrem Buch „Postfaktisch“), legte es gezielt darauf an, die Fakten in die Irrelevanz zu drängen. Dies wurde deutlich, als er – entgegen der Beweisbilder – behauptete, die Sonne habe bei seiner Amtseinführung geschienen. Sein damaliger Sprecher Spicer behauptete, Trumps Zuhörerinnenschaft sei die größte ever gewesen. Beides war nachweisbar falsch. Aber Trumps Chefberaterin Conway erklärte später, das seien keine Lügen gewesen, sondern „alternative Fakten“. Das Ziel: Wer Teil von Trumps „Bewegung“ war, sollte glauben, was er sagte. Egal was es war. Unberührt davon, ob es den Fakten entsprach. Zudem war die Bewegung aufgerufen, gegen „feindliche“ Medien zu kämpfen. So kann Trump seine eigene Welt erfinden und braucht sich nicht nach der Wirklichkeit zu richten.

Dummerweise – aus Sicht aller, die die Menschen und den Planeten lieben – korrespondiert dieser trumpsche Ansatz exakt mit dem „Strenger Vater“- Frame. Insofern fügt sich Trump leider geschmeidig in das republikanische Grundverständnis der Welt ein. So erhält er einen enormen Schub, trotzdem einige Republikanerinnen Lügen verabscheuen und Trumps Habitus nur mäßig in die konservative Welt hinein passt. Wenden wir das Wissen der Kognitionswissenschaften auf Trump an, lässt sich festhalten: Fakten oder Lügen spielen keine Rolle für Trumps Erfolge. Wichtig den Rückhalt bei den Wählerinnen ist vor allem, dass Trump das Strenger-Vater-Schema bedient.

Wo bleibt die Realität?

Die Realität existiert jedoch unabhängig von Trumps Sprüchen. Auch für uns alle gilt: Es ist hier nicht maßgebend, ob unsere geistigen Werkzeugen die Realität zutreffend abbilden können oder nicht. Das Virus ist ansteckend, so oder so. Das meine ich, mit „die Realität gewinnt immer“. Doch was bedeutet das, zum Beispiel für den US-Wahlausgang 2020? Scheitert Trump am Coronavirus?

Die faz hat sich dankenswerterweise die Mühe gemacht, die Trump-Zitate zur Coronakrise zusammen zu stellen. Ende Januar meinte Trump: „Wir haben es vollkommen unter Kontrolle. Es geht um eine Person, die aus China gekommen ist. Wir haben es unter Kontrolle. Alles wird gut sein.“ Mitte Februar dann: „Es sieht so aus, als müsste es im April vorbei sein. Wenn es wärmer wird, verschwindet es auf wundersame Weise.“ Wenig später meinte er, es gäbe 15 Fälle und man käme schnell auf “fast null”. Jeden Tag passte er seine Äußerungen schrittweise an, um Ende März zu sagen: „Wenn wir zwischen hundert- und zweihunderttausend (Tote haben) – dann haben wir alle zusammen gute Arbeit geleistet.“ Egal, was er inhaltlich sagte: Er fand sich toll.

“Trump hat ohne Zweifel den Showmoment der Krise begriffen”, formuliert der Spiegel treffend, und führt seine täglichen bis zu zweistündigen Pressekonferenzen an. Trumps Politik richtet sich indessen sehr viel mehr danach, was ihm zupass kommt – beispielsweise möglichst wenig Einschränkungen, eine ungestörte Wirtschaft – als nach den Fakten und der Wissenschaft. Es läuft daher in den USA ein klassisch populistisches Experiment: Das Virus reagiert im Gegensatz zu den Wählerinnen überhaupt nicht auf Trumps Sprüche. Was passiert nun? Zum einen natürlich, dass Menschen erkranken und sterben, viel mehr als nötig. Zum anderen: Wird Trump an Zustimmung verlieren? Was geschieht, wenn bald jedeR Amerikaner*in jemanden kennt, der am Virus gestorben ist? Wird da nicht offensichtlich, dass Trump seine Bevölkerung sehr viel weniger schützt, als die Regierungen anderer Länder die ihren? Die USA haben bald das zehnfache der Erkrankten Chinas. Die erste – eigentlich naheliegende – Reaktion Trumps auf derlei Zahlen ist die Behauptung, die chinesischen Zahlen seien gelogen. Wird er damit durchkommen?

Jedenfalls stehen die Chancen, dass das Virus Trump Probleme macht, unendlich viel höher, als dass er über den Klimawandel stolpert.

Coronakrise, Klimakrise und die Realität, die uns einholen wird

Populistische Sprüche und Kampagnen verhindern seit Jahrzehnten, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Klimakrise zu adäquaten Handlungen führen, auch hierzulande. Wenn die Realität immer gewinnt, wie sieht das dann beim Klimawandel aus?

Ja, auch hier wird die Realität sich nicht von unserem Nichthandeln aufhalten lassen. Das Problem ist dabei der Zeitverzug. Wir müssten dieses Jahr – 2020!!! – den realen CO2-Ausstoß nach unten bekommen. Andernfalls müssten wir ihn so stark absenken, dass es unrealistisch wird. (Dementsprechend gilt: Wären die Regierungen der Welt nicht dem bequemsten Weg gefolgt, hätten sie nicht auf die Fossil-Lobbyistinnen gehört, sondern vor zwanzig oder auch nur zehn Jahren umgesteuert, wäre es recht easy gewesen!). Wenn wir in diesem Jahr nicht handeln (vielleicht gibt uns die Coronakrise noch ein weiteres Jahr – aber mehr bestimmt nicht), wird es unmöglich, das 2-Grad-Ziel – oder am besten etwas darunter – zu erreichen. Sollten wir dieses Ziel aber nicht erreichen, sind so viele Kippeffekte wahrscheinlich, dass wir auf eine 3-4-Grad-Welt (bezogen auf 2100) zurasen (auf diesem Pfad sind wir aktuell). Und dies ist eine Welt, die sich so sehr von der unseren heute unterscheidet, wie unsere heutige sich von der letzten Eiszeit unterscheidet. Wissenschaftlich unvorhersehbar und unkontrollierbar. (–> Vortrag Will Steffen)

Realität – Handeln-unterlassen – Konsequenzen

Der Klimawandel richtet sich genausowenig nach unseren Metaphern und Kommunikationsgewohnheiten wie das Coronavirus. Spannend zu sehen ist in der Coronakrise und konkret an den USA: Wann werden die Menschen 1 und 1 zusammenzählen und – trotz indirekter Verarbeitung von Fakten – zu der Erkenntnis kommen, dass es reale Scheiße ist, was Trump da anrichtet? Der Ausgang dieses real-life-Experiments ist von der Psychologie her extrem wichtig und interessant. Nicht nur für die USA. Sondern auch für uns hier und überall auf der Welt. Allgemeiner formuliert lautet die Frage: Wie findet die Realität Eingang in unsere Köpfe?

Hierzulande übernehmen v.a. der Wirtschaftsflügel der CDU, die Werteunion, die Windkraftgegnerinnen von der Vernunftkraft und andere die fatale Rolle von Trump. Ein Trost dabei: Zumindest haben sie keine Strenger-Vater-Metapher zur Verfügung, die sie unbeschränkt stützt und ihr Geblubber schützt. Wie viel besser wir mit unserer politischen Landschaft dastehen, als die USA derzeit, zeigt das überparteilich geschlossene Handeln und eine besonnene Kanzlerin. Die Marginalisierung der AfD kommt automatisch! In Sachen Klimakrise kann uns dies indessen kaum ein Trost sein. Nochmals also die Frage: Wie und wann findet die Realität Eingang in unsere Köpfe?

Fürs Privatleben gilt: Sie bekommen die Konsequenzen Ihres Handelns unmittelbar zu spüren. Bei Politikerinnen fügt es sich leider nicht so zusammen. Vor allem nicht bei zeitverzögerten Effekten wie der Klimakrise. Bis die Folgen davon zu sehen sind, kein Tempolimit auf Autobahnen zu beschließen, den Solardeckel beizubehalten usw., sind die heutigen Politiker*innen leider längst in Rente – wenn nicht sogar unter der Erde.

Also müssen jene Menschen, die die Menschen und die Menschheit lieben, ihren Volksvertreter*innen entsprechenden Druck machen, vernünftig zu handeln, bevor es zu spät ist. Denn am Ende gewinnt immer die Realität.

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