Gefühlte Wahrheit: Das neuartige Coronavirus? Harmlos!”

Gefühlte Wahrheiten gehen um in der Welt. Nicht die Fakten führen hier zu Gewissheiten, sondern lang gehegte Glaubenssätze. Die Überzeugungen sind schon da und gefestigt – komme, was da wolle. Damit lässt sich jeder Krise begegnen. Ob der Schwur bis in den Tod hinein reicht?

„Corona, das tödliche Virus? Haha!“

Am Wochenende steht Arne mit Pralinen vor der Tür und stürmt, sobald sie sich öffnet, uns umarmend das Haus. „Corona, das tödliche Virus“ hören wir ihn halb belustigt, halb verächtlich, prusten. Ob wir vielleicht Abstand halten wollten? Egal. Jetzt ist es eh zu spät. Unser Freund lernt Heilpraktiker, da kennt er sich aus. Praktischerweise hat er da schon für uns mitgedacht – und entschieden.

Auch andere wissen Bescheid. Ob sie nun einen medizinischen Background haben, sich eher aufs Haareschneiden verstehen, Schnitzel schneiden oder Bodenbeläge verlegen können. Einer der weltweit führenden Virologen, dem vermutlich zehntausende ihre körperliche Gesundheit verdanken, muss sich für seine Arbeit Morddrohungen gefallen lassen.

Gefühlte Wahrheiten statt Fakten

Was halten Menschen, die auf die gefühlte Wahrheit vertrauen, den Fakten entgegen? Im Grunde sind es Glaubens- und Erfahrungssätze, die ihnen im Laufe ihres Lebens vertraut geworden sind. Zum Beispiel: „Bisher ist das noch nie passiert.“ „Es ist alles halb so schlimm.“ „Das Essen wird nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wurde.“ Derartige Sätze werden nicht nur in Anschlag gebracht, wenn es opportun scheint – sie prägen auch das eigene Selbst- und Weltbild.

Und wenn es tatsächlich anders kommt, als es bisher war? So etwa, wie bei der Titanic: Das Schiff galt als unsinkbar – bis es eben unterging. Auf der Jungfernfahrt. Die Titanic hat es deswegen zur stilprägenden Tragödie gebracht, weil diese Kombination aus „unsinkbar“ und „gesunken“ sowie (als Krönung des ganzen auch noch) „Jungfernfahrt“ schon ziemlich einmalig war. Aber die menschliche Geschichte ist voll von absurden Fehleinschätzungen.

Absurde Irrtümer und Katastrophen

Da wäre beispielsweise die Challenger-Katastrophe. Zerstört wurden mit der US-Raumfähre das Leben der 7 Besatzungsmitglieder und viele Millionen US-Dollar materiellen Wertes. Die Katastrophe rührte daher, dass ein paar ungeeignete Dichtungsringe verbaut wurden, wie eine aufwändige Untersuchung später ergab. Einige Ingenieur*innen hatten vor der Zündung der Startaggregate zwar Bedenken angemeldet – aber betriebswirtschaftliche Argumente siegten. „Es wird schon gut gehen, bisher ist noch nie was passiert.“

Ein Best-off der absurdesten AKW-Unfälle ergäbe sicher eine ansehnliche Ansammlung. In der Liste meldepflichtiger Ereignisse finden sich beispielsweise folgende Sätze:

  • „Erst nach 15 Stunden nahm das Betriebspersonal die aufleuchtende Warnlampe ernst…“
  • „… weil es aufgrund eines bei Wartungsarbeiten in dem Motor vergessenen Meißels zu einem Kurzschluss gekommen war…“
  • „Die Betriebsmannschaft hatte das automatische Sicherheitssystem manipuliert, um die Anlage am Netz zu halten.“

2004 fiel in Biblis zunächst der Hauptstrom aus. Dann die Notstromversorgung in zwei Blöcken. Die dritte Sicherheitsstufe, die Dieselgeneratoren, funktionierten zum Glück. Diesmal – das war bei Prüfungen auch schon mal anders.

Nun also: Corona

Kaum war die Coronakrise auf der Welt, meldete sich ein Herr Wodarg und erklärte, dass es sich dabei ja letztlich um harmlose Erkältungs-, höchstens Grippeviren handeln würde. Und es gibt andere Videos. Und es gibt neuerdings das, was Frau Merkel (intern!) als „Öffnungsdiskussionsorgien“ bezeichnet hat. Auch sie beruhen auf dem Glauben, die Gefahr würde überschätzt.

An sich ist die Coronakrise so etwas wie der Präzedenzfall dafür, dass es heute eben nicht so ist, wie früher. Gefühlte Wahrheiten wie „Coronaviren machen Erkältung, höchstens Grippe“ gelten eben nicht. Es war sicher kein Zufall, dass Herr Wodarg immer nur über Coronaviren sprach. Es jedoch um das „neuartige“ Coronavirus ging, vor dem gewarnt wurde.

Gefühlte Wahrheiten beziehen sich auf das, was wir kennen. Es kommt jedoch tatsächlich immer wieder vor, dass neuartige Ereignisse auftreten. Ereignisse, die ihresgleichen suchen. Wir sind hier noch nie mit Maske rumgelaufen. Machen wir jetzt. Geht doch!

Für Leute, die Abstandsregeln und den Mundnasenschutz ablehnen, wahrscheinlich vor allem, weil das noch nie nötig war, macht das Virus vermutlich keine Ausnahme. Wenn sie Glück haben, trifft es sie nicht. Aber es stellt sich, wie immer in solchen Fällen, die Frage: Wäre es besser, Vorsichtsmaßnahmen walten zu lassen, die ein paar durchaus ernstzunehmende Leute für ratsam halten, selbst wenn man sie am Ende nicht gebraucht hat?

Es ist wie mit einer Versicherung: Man benötigt sie hoffentlich nie. Das ist aber kein Argument, sie nicht abzuschließen. Die „Öffnungsdiskussionsorgie“ gleicht einem Typen, der jahrelang mit Fallschirm aus dem Flugzeug springt und den Schirm dann irgendwann weglässt. Argument: Bisher ging alles glatt. Oder einer, der stets mit Kondom verhütete und es jetzt weglässt. Argument: Bisher keine Schwangerschaft.

Seit Beginn der Coronakrise begleitet mich folgender Spruch, mit dem ein Italiener die Beobachtungen einiger seiner Mitmenschen auf den Punkt brachte: „Viele denken, sie seien stärker als das Virus. Dabei sind sie nur dümmer.“

Diese verflixte Exponentialfunktion

Ich werde den Verdacht nicht los, dass in der Welt der Menschen, die auf ihre gefühlten Wahrheiten vertrauen, keine vergessenen Meißeln in AKWs, keine ignoriertet Warnlampen und keine absichtlichen Manipulationen existieren. Sie existieren einfach nicht.

Und ihre gefühlten Wahrheiten wurden nie damit konfrontiert, was exponentielles Wachstum bedeutet. Eigentlich wird das täglich in den Medien besprochen. Trotzdem wird lieber denen zugehört, die für weitere Öffnungen werben und dafür Argumente anbieten, die die Exponentialfunktion ignorieren – wie zum Beispiel „die anderen dürfen auch“. Oder „ich will aber – ging doch bisher auch“. Auch Kippeffekte, wie sie unsere Lebensgrundlage bedrohen und Rückkoppelungsschleifen werden nicht gesehen. Um nur einen zu nennen: Eis strahlt Sonnenenergie stärker zurück, als eisfreies Meer. Wenn z.B. die Arktis-Eiskappe abschmilzt, ist dies ein Prozess, der sich selbst beschleunigt – mit globalen Folgen. Gefühlte Wahrheiten orientieren sich an einer zweifelhaften Normalität.

Das Wissen wäre verfügbar – genutzt wird es nicht. Gefühlte Wahrheiten ersetzen Fakten. Expert*innen wird nicht zugehört. Die Mühe spart man sich. Man sucht lieber auf dem Meinungsmarkt irgendjemand, der einem Recht gibt. Vielleicht findet sich sogar ein pensionierter Lungenarzt wie Dr. Wodarg – der muss es doch wissen, oder?

Zuweilen ignorieren auch Lungenärtzte Fakten – wenn auch bestimmt nicht oft. Es ist dasselbe, wie bei der Klimakrise. Leugner*innen auf der einen Seite, „Listen to The science“ auf der anderen. Nicht zufällig haben die Fridays4future zu Beginn der Pandemie sofort entschieden, dass nicht mehr auf der Straße demonstriert wird. Nicht zufällig empfahl Herr Lindner von der FDP sowohl, die Klimapolitik den Profis zu überlassen, als auch schnellere Öffnungen in der Coronakrise.

Wenn man Karl Lauterbach, Prof. Drosten und anderen folgt, führt die Politik, den R-Wert bei 1 zu halten, zu lang anhaltenden Einschränkungen – und entsprechenden Nachteilen für die Wirtschaft (die Alternative, 2-3 weitere Wochen Lockdown mit einem R-Wert von 0,2 o.ä. wurde nicht gewählt).

Selbstverantwortlich handeln

Eine wichtige gefühlte Wahrheit, die sich schwer abzuschütteln lässt, ist die: Wenn ein Mensch

  • gut ausgebildet ist,
  • eine wichtige Position einnimmt,
  • die gut bezahlt wird,
  • wenn er im Fernsehen auftritt,
  • in Talkshows gefragt ist,
  • korrektes Deutsch spricht,
  • gut argumentieren kann,
  • sehr gut gekleidet ist,
  • zum Parteichef gewählt wurde,

verzapft er keinen Unsinn. Bitte wenden Sie dies nicht nur auf den oben namentlich genannten Politiker an. Die Orientierung an obigen Merkmalen trifft auf viele öffentliche Figuren zu – und betrifft uns alle. Die generelle Frage ist: Begnügen wir uns mit gefühlten Wahrheiten, lassen andere für sich denken und gestalten, oder prüfen wir die Dinge selbst?

Jedermensch kann heute im Internet zuverlässige Quellen finden und sich eine Meinung bilden, die auf Fakten basiert.

  • Was bedeutet es, wenn ein R-Wert in der Coronakrise über eins liegt?
  • Auf welchem Pfad sind wir bei der Erderhitzung?
  • Welche Berufstätigkeit macht mich zufrieden?

Zu allen diesen Fragen sollte man sich selbst ein Bild machen, denn sie betreffen einen tatsächlich persönlich. Zu letzterer Frage können Sie übrigens mein neues Buch „Traumjob für dummies“ zu Hilfe nehmen. Es nimmt Ihnen keine Entscheidung ab. Aber es stellt entscheidende Fragen.

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