Porträt Christoph Burger
Xing-Symbol Twitter-Symbol Facebook-Symbol Symbol RSS-Feed
29.12.2017 Persönlichkeitsentwicklung Umgang mit Ärger

Übrigens: Ich bin nicht perfekt und ich arbeite auch nicht dran

Es geht auf Sylvester zu – die guten Vorsätze haben Hochkonjunktur. Doch schon wenigen Tagen werden die meisten Vorhaben auf dem Müllhaufen der persönlichen Geschichte gelandet sein. Aber gilt nicht: Nur wer die Hürden hoch steckt, erreicht etwas im Leben? Warum also nicht perfekt sein wollen? Das Perfekte ist der Feind von manchem, was gut ist – und was wir statt der Perfektion besser anstreben sollten.

Feind des Eigenen

Vielleicht der gravierendste Einwand gegen die Perfektion hängt an der Frage: Wer definiert eigentlich, was perfekt ist? Perfektion kann man immer nur in etwas Bestimmtem erreichen – für Ballett und Breakdance gelten unterschiedliche Regeln. Schwer vorstellbar ist deshalb, dass Sie Ihre Vorstellung des Perfekten unabhängig von anderen geschaffen haben. Nun spricht nichts dagegen, von Meistern zu lernen. Die eigene Vision vom Leben ist jedoch etwas anderes – bis hin zum Gegenteil dessen, was andere so von einem verlangen.

Feind des Lässigen

Wer nach Perfektion strebt, strengt sich an – und zwar gehörig. Jede Stunde Üben zahlt auf das Konto der perfekten Performance ein. Doch wer sich am Sommerregen im vermeintlich regenfreien Urlaub stört, verdirbt sich den Tag genauso, wie die überspitzte Gourmet-Zunge dem Genuss eines Mahls und der schönen Gemeinsamkeit am Tisch schadet.

Feind des Klugen

Der Um- und Weitsichtige konzentriert sich nicht auf den perfekten Moment, sondern aufs Große Ganze. Wer in einer Verhandlung mit dem unvollendet vorgetragenen Argument hadert, hat keinen Blick mehr fürs leichte Lächeln oder Stirnrunzeln des Gegenübers und verdirbt die Beziehung. Wofür soll der einzelne Schritt, den Sie gerade perfektionieren wollen, letztlich gut sein?

Feind des Kreativen

Perfektion ist immer die Ausführung einer Figur, die schon existiert. Einmal ganz anders an die Sache heran zu gehen, mittels Querdenken auf unbeschrittenen Pfaden zu reisen, ist etwas anderes – häufig das Gegenteil. Den geplanten Spielzug perfekt gestalten bedeutet die Konzetration auf den vorgefassten Plan. Kreativität hat dagegen eine Chance, wenn man locker lässt, wenn der Blick unscharf wird und der Monitor verschwimmt und die Gedanken abschweifen.

Feind des Guten

Nach Maßstäben des Perfektions-Gottes taugt das Gute nichts. Sie nähren so nur eine zermürbende Selbstkritik und ein immerwährendes Gefühl der Unzulänglichkeit. Was können Sie realistisch erreichen? Und wann sind die lockeren 80 Prozent schlicht genug, um sich zufrieden anderen Aufgaben zuwenden zu können? Begnügen Sie sich in der Regel mit dem Guten: Lieber das Gewicht halten, als mit einer rigorosen Diät den Jojo-Effekt zu provozieren. Zehn gute Bewerbungen, die Sie abgschickt haben, bringen Ihnen mehr, als eine angeblich Unschlagbare.

Feind der Fehlerfreundlichkeit

Null Fehlertoleranz führt meist dazu, dass Fehler verschleiert werden. Mehr Effekt bringt es daher, Fehler von vornherein einzukalkulieren und ihnen mit (mehreren) Sicherheitsnetzen zu begegnen. Wenn Sie fehlerfreundlich vorgehen, können Sie nach und nach zu einem besseren Vorgehen finden, denn die Fehler werden nicht versteckt und Sie können daraus lernen. Außerdem bleiben Sie offen für einen grundsätzlichen Wechsel des Ansatzes – wo nötig.

Feind des guten Teamklimas

Wenn der Chef auf Perfektion dringt, vergiftet er das Arbeitsklima. Statt tatsächlich Perfektion zu erreichen, nehmen die Fehler zu – weil sie nicht mehr zugegeben, sondern verheimlicht werden. Und wenn Kollegen sich den schwarzen Peter gegenseitig zuschieben, der (per Definition) eigentlich gar nicht existieren dürfte, zerstört dies die Kollegialität. Und wenn nicht mehr alle an einem Strang ziehen, produzieren sie weitere Missgeschicke. Das Ergebnis ist der perfekte Schein – während dahinter die Wirklichkeit unschön dahin bröselt.

Statt Perfektion: Was wollen Sie wirklich?

Wenn Sie auf die Perfektion (meistens) verzichten: Was könnte stattdessen Ihre Leitlinie sein? Hier einige Vorschläge:

  1. Stellen Sie die Frage in den Vordergrund, was SIE wirklich wollen. Begegnen Sie allem, was andere vorgeben mit Skepsis. Überlassen Sie die perfekte Model-Figur genauso anderen wie  das Sportprogramm, mit dem Sie bei den Nachban prahlen könnten sowie die derart optimierte Ernährung, dass Ihnen nichts mehr schmeckt. Machen Sie sich auf die Suche nach Ihren persönlichen Vorstellungen vom Leben.
  2. Unterscheiden Sie zwischen Wichtigem und Unwichtigem. Vielleicht streben Sie in einem ganz bestimmten Feld nach Perfektion – aber bitte nicht in allem gleichzeitig. Das würde Sie nur überfordern. Sinnvolle Prioritäten sind wichtiger, als ein chaotischer Haufen gescheiterter Vorhaben.
  3. Schmieden Sie machbare Pläne. Investieren Sie beim Fassen Ihrer guten Vorsätze ein wenig Energie darauf, das richtige Maß zu finden. Was ist wirklich möglich angesichts der vorhandenen Ressourcen? Wenn es gut läuft und Sie das Ziel vorzeitig erreicht haben, umso besser. Nachlegen können Sie immer noch.
  4. Generieren Sie Erfolgserlebnisse durch kleine Schritte. Zehnmal mehr bringt es, wenn Sie einen kleinen Schritt gemeistert haben und sich dafür belohnen können, als wenn Sie an einem größeren Projekt zerknirscht scheitern.

Viel Spaß und Erfolg beim unverkrampften Planen kleiner Schritte, die zu Ihnen passen, beim Bewahren von Weitblick und Lässigkeit – und dem Streben nach Perfektion in einer ausgewählten Disziplin, die Ihr Ehrgeiz braucht und die wirklich einen Unterschied macht.



Tags:
Porträt Christoph Burger

Christoph Burger

Christoph Burger ist Diplom-Psychologe und Autor des Buches "Karriere ohne Schleimspur", das 2012 als eines der besten Managementbücher des Jahres ausgezeichnet wurde. Er arbeitet als Karriereberater in Herrenberg bei Stuttgart.

Schreiben Sie einen Kommentar!

Ich bin damit einverstanden, dass meine Daten zur Speicherung des Kommentars vearbeitet werden. Weitere Informationen und Widerrufshinweise finden Sie in der Datenschutzerklärung.
* Pflichtfeld / ** Wird nicht veröffentlicht!