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23.12.2017 Persönlichkeitsentwicklung

Der Sprung in ein besseres Lebens- und Arbeitsgefühl und der vergebliche Versuch, mit altem Denken Neues einzuführen – Svenja Hofert im Interview

Svenja Hofert

Wie geht Entwicklung? Svenja Hofert weist den Weg. Sie ist Management- und Karriereberaterin. In ihren über 30 Sach- und Fachbüchern hat sie vieles vorgedacht und Standards gestetzt. Sie bloggt, hat seit 2010 eine eigene Kolumne auf spiegelonline. Und: Sie ist eine sehr gute Kollegin und ein sehr besonderer Mensch.

Dieses Jahr sind gleich zwei Bücher von dir erschienen, in denen du dich mit Persönlichkeitsentwicklung beschäftigst. Was ist dir so wichtig an dem Thema?

Alle Themen, die ich bearbeite, entspringen einem momentanen Interesse, haben immer auch mit mir persönlich zu tun und meinem Wunsch nach Wachstum.  Mein Antreiber ist die  Leidenschaft dafür, dass Menschen weiterkommen. Ich freue mich unbändig, wenn andere Menschen einen Sprung machen. Deshalb liebe ich es auch auszubilden. Und zwar nicht nur im Sinne des Vermittelns von Inhalten, sondern auch im Sinne einer persönlichen Transformation.

Letzteres ist ja ein ausgewachsenes Begriffsungetüm – was meinst du damit? Ist „persönliche Transformation“ das gleiche, wie „einen Sprung machen“?

Vielleicht ein wenig mehr – oder anders. Es ist oft ja eher gar kein Sprung, sondern mehr eine Veränderung, die nicht immer sehr angenehm beginnt. Man entdeckt in sich Räume, die ziemlich fremd und unaufgeräumt sein können. Der Sprung würde ja heißen, von jetzt auf gleich woanders zu sein. So ist es aber nicht. Deshalb ist Transformation viel langsamer.

Was haben Kunden davon? Ganz konkret für die Karriere?

Es geht ja immer um ein Finden zu sich selbst – und am Ende findet man über diesen Umweg auch zu anderen. Das kann irritieren: Plötzlich ist vielleicht nicht mehr richtig, was ich für richtig gehalten hatte. Das kann zur Neuorientierung führen, mindestens aber zu einer Veränderung innerhalb des Jobs. Wenn sich zum Beispiel jemand von alten Mustern befreit, wirkt sich das an verschiedenen Stellen aus, führt das über kurz oder lang zu einem besseren Lebens- und Arbeitsgefühl. Wie gesagt ist das ein oft langsamer Prozess, ein Coach kann da Reisebegleiter sein oder aber einen Impuls für die Reise-Richtung geben. Manchmal muss man auch erzwungenermaßen auf „Reisen“ gehen, etwa nach einem Jobverlust. Das ist dann sehr oft eben auch mit einer Persönlichkeitsentwicklung verknüpft, einer zunächst unerwünschten. Es braucht seine Zeit. Aber, wenn man sich geöffnet und verändert hat, ist es immer ein Wandel zum Besseren. Man bleibt der gleiche Mensch, aber ungesunde, hemmende, einschränkende Überzeugungen gehen verloren. Damit eröffnen sich Möglichkeiten und Horizonte. Die sind wie Räume im Innern.

Gibt es auch konkrete Beispiele dafür, wie Persönlichkeitsentwicklung und Karriere im Coaching miteinander in Beziehung stehen?

Typisch ist der Insecure Overachiever, der nie zufrieden mit sich ist und immer nach mehr Anerkennung strebt. Solche Leute sind perfekte Arbeitstiere, können sich aber nicht abgrenzen. Dann merken Sie im Coaching, dass sie gar nicht die eigenen Ziele verfolgen, nicht die persönlichen Lebenswünsche, sondern die von anderen. Sie gehen durch eine Krise, und diese wird eine Chance sein, sich auch zu befreien von den Erwartungen, die man bis dahin erfüllt hat. Je stärker die eigene Persönlichkeit entwickelt ist, desto mehr ist sie bei sich, ihrem inneren Kern, dem, was sie ausmacht. Oft ist es etwas, das sehr früh schon sichtbar gewesen ist, aber verloren ging. Wir haben z.B. als Kind oder Jugendliche geschauspielert, laut gesungen, auf dem Domplatz Predigten gehalten. Und dann kam die Erziehung, das soziale Umfeld und sagt dir „so darfst du nicht sein, wenn du einer von uns sein willst“. Und dann geht man irgendwann gebückt durchs Leben. Karriere ist am Ende oft eine Reise zurück zu den Ursprüngen. Nur dass man diese Reise nach den ganzen prägenden Erfahrungen mit einem ganz anderen Bewusstsein unternehmen kann. Und das ist sehr befreiend.

In den letzten Wochen warst du mit den Themen Agilität und Teamentwicklung viel in Unternehmen unterwegs. Was ist dir aufgefallen? Welche Trends hast du ausgemacht?

Es gibt unglaublich reflektierte Menschen und geniale Teams, aber auch das Gegenteil. Agilität wird sehr unterschiedlich interpretiert. Manche wollen das als Methode verwenden, um noch effizienter und effektiver zu werden, also im Sinne eines Taylorismus 2.0. Es sind auch einige Dogmatiker unterwegs, die mit ihrem Richtig-Denken alles „Alte“ plattmachen wollen – mit altem Denken Neues einführen. Sie mögen lieber in schicken Werte- und Wortwolken schwimmen als sich wirklich mit sich selbst auseinanderzusetzen und zu wachsen. Da gibt es also eine Reihe an Paradoxien in dieser vermeintlich agilen Welt.

Es gibt also zwei Interpretationen der Agilität? Was unterscheidet sie?

Wer es ernst meint, stellt auch seine eigenen Annahmen in Frage. Das Zauberwort ist … Entwicklung.

Im Gegensatz zum Lernen?

Ja. Lernen ist eher eine Wissensaufnahme. Bei der Entwicklung wird die Struktur verändert, wie Neues aufgenommen und eingebaut wird.

Geht es auch wieder um Transformation?

Ja, im Grunde geht es darum. Im Kontext von Agilität brauche ich Leute, die sich selbst steuern können. Das setzt Komplexität voraus. Und Entwicklung erhöht die Fähigkeit, mit Komplexität umzugehen.

Wie gelingt der persönliche „Sprung“?

Eine Kundin hat mich neulich gefragt, ob es in Ordnung sei, wenn nicht sie selbst die besten Ideen einbringt, sondern die Idee im Team aufgenommen und dann weiterentwickelt wird. Natürlich ist es! Wer solche Themen reflektiert, wie diese Kundin, ist auf einem guten Weg. Er oder sie aktualisiert nämlich sein Denken mit neuen Informationen, hinterfragt eigenes Verhalten und das von anderen. Wenn eines Entwicklung wirklich fördert, dann ist es entwicklungsbezogenes Feedback und Metakommunikation, also das Reden über die Art der Zusammenarbeit. Alles, was das Denken öffnet, hilft. Alle Methoden mit dem Ziel, echtes Zuhören und Wahrnehmen zu trainieren, sind gut. Im Sinne einer fortgeschrittenen Kommunikation: Nicht einfach automatisch sagen „klar, habe ich verstanden“, sondern sich um ehrliches Verstehen bemühen.

Ich halte hier die Perspektivenübernahme für etwas sehr Wesentliches. Stimmst du zu?

Ist das denn möglich, die Perspektive von jemand anderem zu übernehmen?

Auf einer eher oberflächlichen Ebene meine ich. Wenn wir tiefer gehen wollen, könnte ich zurückfragen, ob wir überhaupt selbst unsere eigene Perspektive kennen?!

(lacht – ebenso der Interviewer) Na, das Nachfragen hilft, diese auch bei sich zu ergründen, oder?

Du sagst über deine eigene Entwicklung: Früher hattest du es nicht so mit Spiritualität, aber das hat sich geändert. Ein schönes Thema, wenn es auf Weihnachten zugeht. Was hat sich bei dir verändert? Warum?

Ich komme aus einer sehr katholischen Familie. Gott war überall, und er war streng und kalt. Das hat mir Angst gemacht. Ich konnte mir einen solchen Gott nicht vorstellen. Da bin ich in eine radikale Gegenbewegung gegangen und wollte mit alldem gar nichts mehr zu tun haben. Eine Zeitlang wollte ich nur glauben, was man auch sehen kann. Mittlerweile bin ich überzeugt, dass wir so unglaublich wenig sehen von dem was wir sehen könnten. Wir können vieles nicht begreifen und das menschliche Hirn ist vermutlich noch in einer ganz, ganz frühen Entwicklungsstufe. Spiritualität zeigt sich für mich daran, dass ich nicht mehr alles begreifen will, weil ich es auch gar nicht kann.

Wo siehst du Beziehungen zwischen Persönlichkeitsentwicklung und Spiritualität?

Darin, dass sich die Art der Spiritualität verändert. Anfangs ist es so eine Richtig-Machen-Spiritualität. Man macht das so, es ist Gottes Gesetz. Dann löst sich das auf, man lässt los und will gar nicht mehr verstehen. Vielleicht geht es auf in einen Seinszustand ohne Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Manchmal habe ich die Ahnung davon, aber das Irdische ist doch noch mächtiger. Könnte aber was fürs Alter werden.

Vielen Dank für das Interview!

Die erwähnten Bücher: „Hört auf zu coachen“ (Kösel, 2017)
„Psychologie für Berater, Coaches und Personalentwickler“ (beltz, 2017)
und zur Agilität: „Agiler führen“ (SpringerGabler, 2. Auflage 2017)

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Christoph Burger

Christoph Burger ist Diplom-Psychologe und Autor des Buches "Karriere ohne Schleimspur", das 2012 als eines der besten Managementbücher des Jahres ausgezeichnet wurde. Er arbeitet als Karriereberater in Herrenberg bei Stuttgart.

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