Philosophie der Gelassenheit – Stufengerecht

Der Anspruch könnte höher kaum sein. In “Entspannt euch! Eine Philosophie der Gelassenheit” (Piper, 2019) unternimmt der Philosoph Michael Schmidt-Salomon auf knappen 150 Seiten den Versuch einer radikalen Neufassung des Menschseins. Doch, wie sich zeigt, sollte dieses Vorhaben durch Erkenntnisse der empirischen Psychologie ergänzt werden.

Vom Elend der reinen Ratio

Wenn man es böse will, offenbart der knappe Band Michael Schmidt-Salomons “das Elend der Philosophie”. Der Autor glaubt nämlich, rationale Theorien könnten Menschen verändern. Man müsse sich nur auf die Theorien einlassen. Inhaltlich gelangt er über die Absage an die Willensfreiheit zum Ablehnen der moralisch-schuldhaften Verantwortung. Von dort schließt er auf die Notwendigkeit, sich und anderen zu vergeben. Daraus folgt eine neue Gelassenheit, eine gänzlich entspannte Lebenshaltung. Dieser philosophische Parforceritt soll unser Leben verändern? Diesen Irrglauben hat Michael Schmidt-Salomon nicht allein – ganz im Gegenteil! Wir pflegen ihn alle! Wir lesen etwas über ein glücklicheres Leben und meinen, weil es uns verständlich und überzeugend erscheint, nun den besseren Weg für uns gefunden zu haben.

Unsere Kognition sagt: “Klar, verstehe ich. Ist überzeugend. Mache ich.” Unser – handlungsleitendes limbisches System trägt fleißig dazu bei: “Klasse, einfach umzusetzen. Radikal anders und besser. Bin dabei!” In der Realität gibt das limbische System aber meist die Devise aus: “Mach es so wie immer! Das hat sich bewährt!” So läuft es bei Diät-Vorhaben, beim Vorhaben, Nichtraucher zu werden, beim Projekt, endlich mehr Sport zu treiben …. also erst recht bei jenen radikalen Veränderungen die Michael Schmidt-Salomon anzielt!

In den meisten Fällen, in denen wir uns so irren, handelt es bei unseren schriftlichen Helferlein nicht um die praktische Philosophie, sondern um den klassischen Ratgeber. Aber die Illusion, dass wir uns relativ leicht grundlegend verändern können, bleibt dieselbe. Doch: Lesen, verstehen und zustimmen heißt eben NICHT, sein Leben zu verändern. Auch wenn uns das so scheint. Deshalb wird dann auch ebenso flugs wie hoffnungsvoll der nächste Ratgeber konsumiert.

Wenn man anders auf das Büchlein von Michael Schmidt-Salomon schaut, ist es ein grandioses Werk. In aller Kürze, Schlichtheit und Eingängigkeit werden radikale und überzeugende Gedanken dargelegt. Statt verschwurbelter 500 Seiten Kleingedrucktes, wie eher üblich. Dass die Schwäche des Textes so klar aufscheint, ist der Prägnanz des Autors zu verdanken!

Parallelen zum Buddhismus

“Entspannt euch” sieht die Befreiung vom “grandiosen Ich” als Schlüssel zur Gelassenheit. Darin stimmt der Band mit dem Kern des Buddhismus überein. Während der Philosoph über eine (abgesehen von einem eigenen Gipfel-Erlebnis) rein rationale Argumentation zu dieser Erkenntnis kommt, umfasst der spirituelle Pfad des Buddhismus zwar auch Lehren. Hauptsächlich setzt er aber auf die Praxis der Meditation. Die empirische Psychologie in Gestalt des Modells der Ich-Entwicklung kommt im Grunde zum selben Befund: Ich-bezogene Gedanken / Gefühle / Sichtweisen müssen abgeräumt werden, soll die persönliche Entwicklung weiter gehen.

Der wesentliche Unterschied zwischen Buddhismus und “Entspannt euch!” einerseits und der empirischen Psychologie andererseits ist allerdings, dass der psychologische Ansatz weltweit empirisch belegt ist. Die menschliche Entwicklung verläuft nach diesen Befunden vom alles-beherrschenden Ego zu immer weniger selbstbezogenen Gedanken und Wertungen.

Erkenntnisse aus der empirischen Psychologie

Die Ich-Entwicklung ist indessen kein Kontinuum, sondern verläuft in Stufen. Jede Stufe bedeutet eine eigene Welt. Die Stufe bestimmt auch, wie bestimmte rationale Argumente verarbeitet werden. Also beispielsweise das Buch des Philosophen. Während etwa auf den frühen Stufen kaum eine gedankliche Trennung vom Ego zur Realität möglich und das Innenleben kaum ausdifferenziert ist, kann man ab der vollentwickelten Erwachsenen-Identität (E6) alles DENKEN. Dennoch bleibt alles abstrakt, was die eigene Stufe übersteigt. Rationale Gedanken, nichts weiter. Die eigene Lebenswirklichkeit verändert sich NICHT. Jedenfalls nicht auf dem Niveau des Textes, wenn dieser die eigene Stufe übersteigt. Auf welcher IE-Stufe argumentiert der Philosoph?

Mit Kenntnis des IE-Modells wird es möglich, die Gedanken des vorliegenden Piper-Bandes ungefähr einzuordnen. Daran entscheidet sich, wer lediglich den Gedanken folgen kann – das ist eher eine Frage der Bildung. Und wer die Chance hat, sie tatsächlich ins eigene Welt- UND SELBST-Bild zu integrieren. Die Einbeziehung der eigenen Person, des eigenen Selbstbildes macht den Unterschied! Nur wenn das gelingt, kann der Text wirklich handlungsleitend wirken (deshalb spricht man auch im Modell der Ich-Entwicklung von der “Handlungslogik”). Der Text würde – erst – ab einer bestimmten Stufe auf fruchtbaren Boden, auf ein bestelltes Feld treffen. Um welche Stufe handelt es sich? Wie viele Menschen haben sie erreicht?

Das Werk “Entspannt euch!” ist im zutiefst postkonventionellen Bereich angesiedelt. Damit können höchstens 15 Prozent der Menschen die dort dargelegten Gedanken ansatzweise in ihre Handlungslogik, in ihr Selbstbild und ihr Leben integrieren. Nur maximal 15 Prozent also – obwohl der Text sicher nicht für eine kleine Elite gedacht war. Stattdessen wurde auf dem : Wer sich darauf einlässt, wird sein Leben verändern, verspricht der Klappentext.

Was erklärt die große Anhängerschaft des Buddhismus und der praktischen Philosophie?

Lediglich 15 Prozent? Wer die Wirkung Schmidt-Salomons in der Gesellschaft kennt, reibt sich jetzt vielleicht die Augen. Wieso soll dieser einflussreiche, medienbekannte Philosoph nur so wenige erreichen, wenn sein Buch schon vor Erscheinungstermin in die zweite Auflage gegangen ist?

Eine ähnliche Frage hat mich im Zusammenhang mit dem Buddhismus beschäftigt. Er trägt im Kern dieselbe postkonventionelle Botschaft “Baut euer Ich ab!” – und fasziniert doch Millionen Menschen weltweit. Wie kann es dazu kommen, wenn diese Philosophie direkt mit dem Höchsten ansetzt? Sich aktiv mit seinem Ich zu beschäftigen ist doch ein ausgeprochenes Minderheitenprogramm!

Während der Buddhismus schon immer auch als Religion (nicht nur als Philosophie) bekannt ist, würde der oft als “Deutschlands oberster Atheist” bezeichnete Philosoph die eigene Nähe zur Religion bestimmt nicht begrüßen. Ich glaube aber tatsächlich, dass es in beiden Fällen darum geht: Wer einer Philosophie anhängt, die er qua Entwicklung noch gar nicht ins eigene Selbst- und Weltbild einbauen kann, glaubt schlicht daran.

Ist der Buddhismus denn eine Religion oder eine Philosophie? Abgesehen davon, dass das eine aus westlicher Sicht formulierte Frage ist: Ich finde schon, dass die Frage nicht ganz unbeantwortbar ist.

Der Buddhismus enthält Erkenntnisse, die mit der empirischen Ich-Entwicklung vollkommen überein stimmen. Nicht-triviale Erkenntnisse, wohlgemerkt. Beispielsweise zum Weg des Menschen immer weiter weg vom eigenen Ego.

Andere Annahmen dürfen vom Stand der Wissenschaft aus gesehen als neutral gelten. Beispielsweise die Wiedergeburt – selbstverständlich nicht als Mensch oder als Seele. Als was eigentlich? Das ist die Frage, wenn man von Wiedergeburt spricht! Als “Bewusstseinsstrom” könnte die buddhistische Antwort lauten. Und je nachdem, was darunter wiederum verstanden wird, kann das schon mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zusammen passen. (Ob ein Dalai Lama als soundsovielte Reinkarnation von x (eine Annahme des tibetischen Buddhismus) noch zur Naturwissenschaft passt, ist fraglich – das alles soll und kann hier nur angedeutet werden).

Dann wiederum gibt es Glaubensinhalte des Buddhismus, die für mich eindeutig religiösen Charakter haben und sonst nichts. Die Mönchsregeln etwa, sich den Schädel kahl zu scheren und nach 11 Uhr morgens nichts zu essen, mag ja förderlich sein für die spirituelle Entwicklung. Aber absolut notwendig? (Witzig finde ich übrigens den Hinweis Buddhas an seine Nachfolger, dass sie ruhig einige der Regeln streichen könnten. Aber da die Nachfolger sich nicht einigen konnten, welche er meinte, blieben sie alle bestehen).

Dementsprechend, so meine These, erzeugen auch die Veröffentlichungen von Michael Schmidt-Salomon, eine quasi-religiöse Anhängerschaft. Die Religion des Atheismus. Alles, was spirituell oder gar esotherisch klingt, ist in dieser Religion verboten etc.. Ich behaupte nicht, dass das auf den Autor selbst oder seine Texte zutrifft. Aber das Phänomen wird es dennoch geben.

Religiöser Atheismus

Wie formt sich die Religion auf den verschiedenen Ich-Entwicklungsstufen aus? Um es an einigen Beispielen plastisch aufzuzeigen: Auf Trumps Ich-Entwicklungsstufe E3 wird oft ein Aberglauben gepflegt, der sich beispielsweise an Amuletten zeigt. Falls Menschen christlich geprägt sind, wird Jesus als eine Art Zauberer verstanden, der Gutes tut. Alle, die an ihn glauben, haben einen mächtigen Unterstützer, weil sie an seiner Zauberkraft teilhaben können. Die Bibel wird oft wörtlich verstanden: So genau ist es! Auf diese Weise glauben Kinder an Jesus Christus.

Die nächste Stufe E4 entdeckt die Gemeinschaft. “Wir oder die” ist ein ausgeprägter Gedanke. Wir, die Anhänger der richtigen Religion. Wir, die Christen. Wir, die Buddhisten. Und auch: Wir, die Atheisten. (Ich-Entwicklung beschreibt nur Strukturen, keine Inhalte!). Das ewige Leben, die Erleuchtung oder den sicheren Tod ohne jegliche Wiedergeburt erlangt nur, wer die Regeln einhält. Wer das Meditationskissen richtig ausrichtet. Wer aus der Kirche austritt und sich mit der Kriminalitätsgeschichte des Christentums auskennt. Und wer die Werke Schmidt-Salomons gegen Anfeindungen verteidigt (als hätten sie das nötig). An einer Stelle in einem früheren Buch beschreibt der Autor, dass er zuweilen von Lesern als eine Art Messias verehrt wird – und wundert sich. Hier wäre ein Erklärungsansatz.

Um es noch einmal auf den Punkt zu bringen: Wenn eine Philosophie (Buddhismus / Entspannt euch! / Ich-Entwicklung) die Ich-Entwicklungsstufe der LeserInnen übersteigt und dennoch viele Anhänger findet, besteht die Anhängerschaft aus Gläubigen. Sie sind Anhänger einer Religion. Ob das immer schlecht sein muss, ist eine andere Frage. Jedenfalls würde es kaum den Intentionen des Philosophen und “obersten Atheisten” Schmidt-Salomon entsprechen.

Insbesondere der Ansatz der Ich-Entwicklung bietet (leider?!?) keinerlei wenig religiösen Ansatzpunkt. Ich hoffe, dass er sich dennoch weiter verbreitet! Denn nicht nur die empirischen Grundlagen sind wertvoll. Auch, dass nicht alle Menschen in einen Topf geworfen und sofort mit den tiefsten Erkenntnissen konfrontiert werden, kann fruchtbar sein. Auch wenn die Kern-Botschaft letztlich dieselbe ist, wie in “Entspannt euch!” oder dem Buddhismus: Der Abbau des Egos ist Dreh- und Angelpunkt der menschlichen Entwicklung (was NICHT heißt, dass jedeR Schüchterne nun denkt, er oder sie müsse sich noch kleiner machen!!! Alles zu seiner Zeit und für die jeweilige Person und Situation passend!!)

Fazit:

  • Klar geschriebene postkonventionelle Philosophie erzeugt bei allen wohlwollenden LeserInnen die Illusion, dass sie ihr Leben verändern wird
  • Postkonventionelle Philosophie bietet jedoch nur bei der Minderheit der postkonventionellen LeserInnen die Chance, dass diese radikale Veränderung des Lebens im Sinne dieser Philosophie passiert
  • Je größer die Anhängerschaft eines postkonventionellen Ansatzes ist, desto mehr Anhänger glauben in einem religiösen Sinn an ihn
  • Die empirische Psychologie der Ich-Entwicklung bietet hier Erklärung und Ausweg an

Nachbemerkung (1): Selbstverständlich enthält “Entspannt euch!” nicht nur den hier vor allem diskutierten Gedanken. Daher: Absolute Leseempfehlung!

Nachbemerkung (2): DEN Buddhismus gibt es nicht. Während die Tibeter voll von allem möglichen religiösen Kram sind, gibt es v.a. im Soto-Zen “nichts” – noch nicht mal die sagenumwobene “Erleuchtung”.

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