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12.01.2017 Psychologie

Kommunikation: Wer „Ich“ sagt, meint Unterschiedliches

„Denn sie wissen nicht, was sie tun“ – das könnte die Überschrift für die meisten von uns sein, wenn es um Kommunikation geht. Wir Menschen – ob Vorgesetzte, Kollegen oder Mitarbeiter – befinden uns auf sehr verschiedenen persönlichen Entwicklungsstufen, die unsere Selbst- und Weltsicht prägen. Doch gewöhnlich leben wir in „Flachland“:  Wir tun so, als ständen wir alle auf der gleichen Stufe. Streit und Missverständnisse sind die zwangsläufige Folge.

Ausbruch aus Flachland

„Flachland“ ist ein Ausdruck, den der Universalgelehrte Ken Wilber bekannt gemacht hat. Wilber hat wohl v.a. deshalb weltweit Anhänger, weil er als sprititueller Lehrmeister verstanden wird. Nicht dass das falsch wäre; es lenkt nur davon ab, was Wilber zur Kommunikation im Alltag zu sagen hat. Anders herum: Wir brauchen nicht Wilber dafür, das „Flachland“ zu erkennen, sondern können uns ebenso an die wissenschaftliche psychologische Forschung (Loevinger / Kegan) halten. Wilbers Ausdruck „Flachland“ indessen ist schön plastisch und macht deutlich, wie verkehrt wir üblicherweise an Kommunikation im Unternehmen und an Führungsthemen heran gehen.

Wie ich „hier und da“ in diesem Blog schon geschrieben habe: Fakt ist, dass wir alle im Laufe des Lebens verschiedene Persönlichkeits-Entwicklungsstufen durchlaufen, die jeweils unser Denken und Handeln ENTSCHEIDEND prägen. Wir bleiben dann u.U. für Jahrzehnte auf einer Stufe stehen, während andere sich vielleicht weiter entwickeln und beginnen, grundsätzlich anders zu denken und zu handeln.

Ohne diese Unterschiede zu kennen und zu berücksichtigen, leben wir im „Flachland“. Eine kurzsichtige Anschauung, die gerade in der Kommunikation zu Problemen führen muss.

Wer „Ich“ sagt, meint: Unterschiedliches

Für etwas mehr als die Hälfte von uns gilt: Wir bewegen uns in einem konventionellen, gemeinschaftsorientierten Rahmen. Das heißt, wer auf dieser Stufe angekommen ist, meint mit „Ich“: Meine eigenen Gedanken, Erfahrungen, Gefühle, Einschätzungen und Werte sowie Gewohnheiten, die Dinge zu sehen und einzuschätzen IN KOMBINATION mit dem, was andere von mir wollen, denken, erwarten. Andere Menschen sind in diesem „Ich“ bereits enthalten.

Vergleichen Sie bitte mit dem „Ich“ der nächsten Hauptstufe. Hier meint „Ich“: Meine eigenen Gedanken, Erfahrungen, Gefühle, Einschätzungen, Gewohnheiten, die ich üblicherweise mit meinem eigenen Wertesystem ordne. Punkt! D.h. der Unterschied zu den früheren, gemeinschaftsbestimmten (E4/E5) Stufen ist: Das, was andere von mir halten, wollen oder erwarten, ist etwas, was NICHT bereits in meinem Ich enthalten ist! Es gibt eine klare Trennung von „Ich“ und „Wir“.

Thomas Binder, der deutsche Hauptvertreter der Ich-Entwicklung, hat die letztere, spätere Stufe (E6) als „eigenbestimmte Stufe“ bezeichnet. Durch dieses Adjektiv wird ganz gut verdeutlicht, worum es geht: Das Zentrum des Urteilens liegt nicht mehr im „Wir“, sondern im „Ich“.

Das mag sich egoistisch anhören – ist es aber nicht. Es ist selbstbewusst und stark, aber nicht egoistisch. Es geht hierbei darum, wer letztlich den Hut auf hat, nämlich eindeutig das Ich, die eigene Person. Daher „eigenbestimmt“. Andere kommen erst im zweiten Schritt zum Zug. Dieses Verständnis von „Ich“ und den anderen kann übrigens zu einem so verstärkten Verantwortungsgefühl führen, dass man darunter leidet oder in eine Kontrollitis kippen. (Das ist einer der Nachteile von E6, der einige, wenige weiter, Richtung E7 führt).

Haupt- und Zwischenstufen der Ich-Entwicklung

Wenn dieser prinzipielle und wesentliche Unterschied von der eigenbestimmten Stufe (E6) zu früheren Stufen (v.a. E4) klar wurde, kann ich es vielleicht noch etwas genauer machen. Zwischen der gemeinschaftsbestimmten Hauptstufe (E4), die das „Wir“ ins Zentrum stellt und der nächsten, der eigenbestimmten, Hauptstufe E6 gibt es zahlreiche Zwischenstufen. Im Modell von Loevinger / Cook-Greuter wird eine davon als E5 hervorgehoben, weil sie sehr stabil sein kann. Dennoch ist es vielleicht sinnvoller, sich hier stärker an anderen zu orientieren, die vier relevante Zwischenstufen unterscheiden. Denn im Bereich und Übergang von E4 zur gut entwickelten E6 tummeln sich die meisten von uns. Auch die Entwicklungsstufen vieler älterer Jugendlicher und junger Erwachsener sind hier zu finden.

Zwischenfazit: ALLE benutzen das Wort „Ich“. Die einzelnen Personen verstehen allerdings im Kern Unterschiedliches darunter. Für die einen ist „Ich“ ein Konglomerat aus Eigenem und Fremdem (E4, teilweise E5). Obwohl sie „Ich“ sagen und meinen, handelt es sich sozusagen um ein „Ich-Wir“. Dies ist ihnen nicht bewusst und es ist für sie nicht erkennbar. Für die anderen (ab E6 bis E8) ist „Ich“ ausschließlich etwas eigenes. Das meinen und verstehen sie auch so. Der Bezug zu anderen kommt erst in einem getrennten Schritt zustande. Auch wenn es weitere Stufen (E3) und Übergänge gibt: Im beschriebenen Feld spielt sich Kommunikation – und spielen sich Missverständnisse – am häufigsten ab.

Beispiel 1:

Diese Worte können zwar von allen Stufen aus gesagt werden – sie bedeuten aber Unterschiedliches. Von E4 aus gesprochen bedeuten sie: Ich habe mir alle Meinungen angehört. So, wie ich es verstanden habe, gilt: xy ist unser Konsens, der beste Kompromiss. Da schließe ich mich gerne an! Von E6 aus gesagt bedeuten dieselben Worte dagegen: Ich habe mir alle Meinungen angehört und die Argumente abgewogen. xy entspricht danach dem, was ich persönlich richtig finde.

Beispiel 2:

Wenn die erste Aussage von E6 aus getroffen wurde und die zweite von E4 erklärt sich der Dialog: E6 wollte seine Einschätzung mitteilen. E4 mit dem „Ich-Wir“-Ich verteidigt sich, ohne es zu merken. Wahrscheinlich ist E4 empört, weil er sich angestrengt hat und Anerkennung will. Außerdem findet E4, dass E6 den gemeinsamen Pfad des Teams verlässt.

E6 ärgert sich möglicherweise ebenfalls. Vielleicht bemerkt er die Verteidigung von E4 und findet, dass sie gegen seinen Wert der Offenheit für Feedback verstößt. Aus E6-Perspektive ist es nicht weiter schlimm, einem (anderen E6) persönliche Hinweise zu geben und seine (ggf. abweichende) Meinung zu sagen.

Merke: Für E4 sind alle anderen maximal E4 – denn eine spätere Stufe ist E4 nicht bekannt. Für E6 könnten andere grundsätzlich auch E4 und E5 sein (denn das war E6 früher selbst). In Flachland werden diese Unterschiede aber leider nicht gemacht.

Kommunikation: Ideales Schnittstellenmanagement

Klare Kommunikation und Führung kann nur funktionieren, wenn wir aus dem „Flachland“ ausbrechen und die Entwicklungsstufen der Beteiligten mitdenken. Die eigene Stufe ebenso wie die unserer Kommunikationspartner. Die Haupt-Schnittstelle zwischen Erwachsenen habe ich oben beschrieben: Inwieweit meint ein „Ich“ tatsächlich ein eigenbestimmtes „Ich“? Ein „Ich“, das zunächst unabhängig von anderen funktioniert und die anderen Positionen erst im zweiten Schritt in die eigenen Überlegungen (und die Kommunikation) einbezieht? Dann aber selbständig urteilt? Oder inwieweit spricht hier ein „Ich“ als „Wir-Ich“, das gemeinschaftsorientiert die anderen bereits im ersten Schritt der Überlegungen und der Kommunikation einbezieht?

Wenn eine selbstbewusste E6-Person (und meist noch deutlicher bei E7 und E8) nun mit einer mehr oder weniger gemeinschaftsorientierten Person kommuniziert und sich im „Flachland“ wähnt, sind die Missverständnisse vorbestimmt und unausweichlich. Früher oder später müssen die beiden über die Metakommunikation, über vermittelnde Dritte oder einen Ebenenwechsel – z.B. in die Gefühlsebene – klären, wie sie wieder zusammen kommen können. „Erinnern wir uns daran, dass wir alle dasselbe wollen und suchen wir eine gemeinsame Lösung“ wird dann z.B. festgestellt. Dieses Herangehen mag funktionieren – bis zum nächsten Kommunikations-Crash, der vom Entwicklungsunterschied der beiden herrührt.

Die Unterschiede sehen – klarer kommunizieren

Klare und unmissverständliche Kommunikation funktioniert nur, wenn man die eigene Entwicklungsstufe sicher kennt (die über ein relativ aufwändiges Verfahren bestimmt wird) und sich so langsam und immer mehr in das Modell einfindet und aus dem „Flachland“ befreit. Der Nutzen kann groß sein, beruflich wie privat!

 



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Christoph Burger

Christoph Burger ist Diplom-Psychologe und Autor des Buches "Karriere ohne Schleimspur", das 2012 als eines der besten Managementbücher des Jahres ausgezeichnet wurde. Er arbeitet als Karriereberater in Herrenberg bei Stuttgart.

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