Kommunikation: Wenn Ihr Chef Sie zutextet

Einige Menschen reden sehr viel. Bei Kollegen kann man auch mal weghören. Was aber, wenn es der eigene Chef ist, der Sie wortreich beschallt? Mit genauesten Arbeitsanweisungen?

Arbeitsvorgaben ohne Punkt und Komma

Unterredung mit Chef: Vorgaben und Abläufe besprechen. Gerne mal zwischen Tür und Angel. Und es wird länger und detaillierter. Nicht nur die Ziele sollen hier verabredet werden. Nein, Sie hören auch noch, was bei der Ausführung genau zu beachten ist. Von der Einbettung in die Vision und Unternehmensstrategie bis hin zur Frage, wer bei welcher E-Mail ins CC zu setzen ist, gerne mit rechtlichen Hinweisen samt Paragraphenangabe garniert, erfahren Sie hier und jetzt einfach alles! Wow! Was für eine Rede des Chefs. Und das auch noch ohne Skript!

Womit bewiesen wäre, dass dieser Chef einfach unglaublich kompetent ist. Und leider auch, dass er nicht führen kann. Denn sich das alles merken – unmöglich! Wenn es nicht Ihr Chef wäre, könnten Sie den Monolog schulterzuckend abhaken. So aber wird es wohl schwierig. Denn gesagt wurde vermutlich auch noch der letzte Rest des Möglichen. Wenn jetzt irgendetwas nicht korrekt läuft, fällt das auf Sie zurück.

Bossing: Den Chef verstehen

Was reitet Vorgesetzte überhaupt, solche Reden zu schwingen? Die wahrscheinlichste Genese ist die, dass sie aus ihrer Detailverliebtheit ein Prinzip gemacht haben. Kommunikation liegt ihnen nicht. Das fiel bald nach der ersten Beförderung auf. Ein weiterer Aufstieg war also unmöglich. Daher perfektioniert dieser Mensch seine Anweisungen bereits seit Jahrzehnten. Fielen sie anfangs noch recht grob aus, wurden sie mit der Zeit immer genauer und kleinteiliger. „Du ahnst es ja nicht, was Mitarbeiter alles falsch machen können!“ – sagen sie sich.

Eine ganz entscheidende Rolle spielt ferner, dass diese Cheffinnen und Chefs auf einer bestimmten persönlichen Entwicklungsstufe der Ich-Entwicklung stehen geblieben sind. Dass wir – unter Umständen Jahrzehnte – auf einer Stufe verharren, ist normal. Hier hat es sich einfach ungünstig entwickelt, dass verschiedene Schwächen zusammen kamen. Die benutzte Kommunikationsebene – mehr von allem, evt. auch noch in kürzerer Zeit (ungeheures Sprechtempo) – hat jedoch System, wie wir gleich sehen werden.

Konzept des Redens, nicht des Dialogs

Auf der unter Erwachsenen am meisten verbreiteten „rationalistischen“ Stufe 5 der Ich-Entwicklung ist das Konzept des Zuhörens noch nicht voll ausgeprägt. Neue Eindrücke werden etwas holzschnittartig häufig in schwarz oder weiß einsortiert. Grau gibt es kaum und „sowohl als auch“ noch weniger. Feedback über die eigene Person wird zwar verarbeitet, aber nicht wirklich begrüßt. Eher von eigenen Chefs oder Experten, weniger von Mitarbeitern oder „irgendwem“. Vor allem löst Feedback wenig eigene Reflektion aus.

Zum Vergleich: Auf der in der westlichen Gesellschaft als „Zielstufe“ angesehenen nächsten „eigenbestimmten“ Stufe 6 wird Feedback begrüßt. Auch kritische Töne finden Gehör, egal von wem sie kommen. Ein Mensch auf dieser Stufe würde etwa mehrfach rückgemeldete Verständnisprobleme aktiv angehen. Menschen bilden sich hier selbst eine Meinung. Sie haben eigene Werte etabliert, mit deren Hilfe sie die Welt ordnen. Sie wollen im Arbeitskontext nicht effizient, sondern effektiv sein. D.h. der typische Fehler der vorigen Stufe, sich zu verzetteln und falsche Ziele anzusteuern, taucht hier kaum mehr auf. Denn sie hinterfragen sowohl den Weg als auch das Ziel. Kommunikation wird hier als offener Meinungsaustausch verstanden, von dem jede/r profitieren kann.

Aus diesen Gründen wird ihr Zutexter-Chef nahezu sicher auf Stufe 4 oder 5 sein. Auf Stufe 6 oder gar höher ist dieses Verhalten – als ständiges Muster – nicht vorstellbar.

Arbeitsanweisung ohne viel Effekt

Wechseln wir nun die Perspektive und überlegen, was Ihr Viel-Redner-Chef vermutlich die letzten Jahre erlebte. Durchaus in der Lage, die eigenen Erfahrungen auszuwerten, merkte er, dass viel von dem, was er sagte, nicht ankam. Das war schon die letzten Jahre so – man ist Kummer gewohnt. Auf Stufe 6 würde diese Erkenntnis zu grundsätzlich verändertem Verhalten führen. Hier jedoch – zumal, wenn noch andere Eigenschaften wie Ungeduld und Ehrgeiz dazu kommen – wird das Vielreden nicht verändert. Weder wird die Information in verdaubaren Häppchen angeboten. Noch verschriftlicht. Noch per Dialog sichergestellt, was angekommen ist. Wohl aber wird der Frust vorhergesehen, den man mit Mitarbeitern haben kann. Er wird etwa in den Seufzer gegossen: „Man muss es Ihnen immer wieder sagen!“

Hierin steckt zugleich der entlastende Moment für die überforderten Mitarbeiter. Dieser Vorgesetzte geht – das lehrte ihn langjährige Erfahrung – ohnehin nicht davon aus, dass viel hängen bleibt von seiner Anweisung. Trotz wortreicher Rede. Sein Leid: Er versucht es halt immer wieder, immer noch genauer – und weiß doch, dass er wieder scheitern wird. Gute Kommunikationstrainer und coachende Chefs werden Hinweise geben, dass weniger mehr ist. Aber sie sollten sich nicht zu viel davon versprechen – denn eine Entwicklungsstufe ist ein hartnäckiges zu Hause. Doch zurück zu Ihnen als betroffenem Empfänger allzuvieler Botschaften.

Ein guter Mitarbeiter selektiert

Ein perfekter Mitarbeiter würde sich trotz Informationsdichte alles merken und umsetzen können. Allein: Er existiert nicht in dieser Welt.

Einen überdurchschnittlich guten Mitarbeiter geben Sie daher bereits ab, wenn Sie aus der Überfülle der Informationen die wichtigsten heraus lesen. Versuchen Sie ruhig – im Rahmen des möglichen – die gebotenen Prioritäten durch Rückfragen zu setzen. Aber machen Sie sich keine Sorgen: Sie schaffen es unmöglich, alles richtig zu machen. Dazu bedürfte es einer vernünftigen Anweisung: Langsam, in überschaubarer Detailliertheit und vor allem im Dialog!

Allein das Hin- und Her von Frage und Antwort, Nachfrage und Erläuterung stellt sicher, dass eine Instruktion ihren Empfänger wirklich erreicht. Daher: Hadern Sie nicht mit Ihrem Chef. Er hat sich seine Stufe nicht ausgesucht und kann sie nicht „mal eben“ verlassen. Suchen Sie sich das zunächst Wichtigste aus dem Redeschwall heraus. Wenn Sie sich später korrigieren und ihre Ausführung nach und nach anpassen, genügt dies vollkommen.

 

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