Feedback: Einstecken lernen

Mimose oder harte Nuss: Beim Umgang mit Feedback unterscheiden wir uns grundlegend. Während die einen auf jeden Hauch von Kritik aggressiv reagieren oder sich beleidigt zurückziehen, nehmen andere auch die härtesten Urteile über sich gleichmütig auf. Wie kommen diese Unterschiede zustande und welcher Weg führt in die Gelassenheit?

Feedback darf sein

Bestätigendes Feedback ist äußerst angenehm und wohltuend. Wir können nicht genug Lob, Anerkennung und Zustimmung bekommen. Unser Welt- und Selbstbild wird dadurch bestätigt, wir bekommen Halt, Sicherheit und Orientierung.

Schwierig wird es bei einer kritischen Rückmeldung: Sie stellt in der Tendenz alles in Frage, was uns Stärke und Zufriedenheit gibt. Kinder und Jugendliche sind dann schon mal beleidigt. Dennoch gelingt es vielen Menschen, sich im Laufe ihrer persönlichen Entwicklung an Feedback zu gewöhnen, auch wenn es kritisch ist. Wie gut das gelingt, hängt sehr stark damit zusammen, welche Stufe der Ich-Entwicklung wir erreicht haben. Alle Menschen durchlaufen eine solche Entwicklung der Reifung.

Auf der gemeinschaftsbedingten Stufe der Ich-Entwicklung (Stufe 4, circa 12 Prozent der Erwachsenen)  ist Feedback tendentiell bedrohlich und wird gefürchtet. Warum? Der Mensch definiert sich hier über die Gemeinschaft, der er sich zugehörig fühlt. Die Normen der eigenen Gruppe wurden verinnerlicht. Kritik an der eigenen Person bedeutet zugleich, dass die Abweichung von der Norm angezeigt wird. Damit verliert die Person ihren Halt, da sie selbst in der Gemeinschaft aufgeht.

In der Stufe 4 ermöglicht das Ideal der harmonischen Zusammengehörigkeit häufig viele gemeinsame Aktivitäten im Team oder im Freundeskreis. Alle sollen ihren Beitrag leisten. Ein persönlicher Austausch oder gar eine kritische Auseinandersetzung sind hier kein Thema. Stattdessen werden Streits und Konflikte eher als bedrohlich erlebt. Kritisches Feedback an sich ist etwas, das grundsätzlich gefährlich und unangenehm ist. So kommt es zur Abwehr.

Beispiel-Feedback: „Du hast schon wieder vergessen, dass wir heute einen Kundentermin haben!“Antwort auf Stufe 4 z.B.: „Jetzt beruhige dich erstmal.“

Die Person reagiert nicht auf die inhaltliche Seite, sondern auf die Kritik als Kritik an sich – diese soll möglichst unterbleiben. Die Bitte wäre: Kritisiere du mich nicht, denn als Kritiker verlässt du unsere Gemeinschaft. Bedrohe mich nicht mit Kritik, denn du stößt mich aus dem gemeinsamen Kreis zurück.

Positive Entwicklung: Wer also in dieser gemeinschaftsbezogenen Stufe steht, sollte sich darum bemühen, sich generell für Rückmeldungen anderer zu öffnen. Dies ist nicht leicht. Wenn es aber grundsätzlich gelingt, spricht dies dafür, dass sich die Person bereits zur nächsten Ich-Entwicklungs-Stufe weiterentwickelt hat. Damit hat sie einen qualitativen Sprung geschafft.

Tipp Stufe 4: Versuchen Sie grundsätzlich, Feedback anzunehmen!

Feedback können auch Nicht-Experten geben

Auf diesem nächsten Schritt der menschlichen Entwicklung (Stufe 5, circa 38 % der Erwachsenen) konnten sich Menschen von der eben angedeuteten Nahezu-Verschmelzung mit ihrer Bezugsgruppe lösen. Neu ist jetzt: Man ist nicht seine Beziehung, sondern man hat Beziehungen. Dementsprechend wird Feedback grundsätzlich auch akzeptiert. Das Problem liegt auf dieser „rationalistischen Stufe“ woanders. Die Absetzung von der eigenen Bezugsgruppe und den Gruppennormen ist sozusagen noch „frisch“. Dies führt zu zweierlei: Zum einen ist das eigene Urteil noch recht grob und zuweilen etwas holzschnittartig. Zum anderen wird die Absetzung von allgemeingültigen Normen überbetont. Zuweilen führt das zur Abwertung der gemeinschaftsorientierten Menschen.

Es besteht also ein Dilemma. Einerseits öffnet man sich theoretisch für Feedback. Andererseits wird diese Offenheit eingeschränkt. Zum einen durch die Überbetonung des Fortschritts, der in der eigenen Stufe liegt. Zum anderen durch die teils groben Kategorien (gut / schlecht, richtig / falsch). Gelöst wird dies so: Feedback wird besonders dann akzeptiert, wenn es von Experten kommt. Es wird also unterschieden zwischen „kompetentem Feedback“ und solchem, das als inkompetent eingestuft wird.

Beispiel-Feedback: „Du hast schon wieder einen Kundentermin vergessen!“ Antwort (Stufe 5): „Du hast mir gar nichts zu sagen! Du bist nicht mein Chef!“

Auch in diese Antwort geht nicht auf den Inhalt des Feedbacks ein. Diesmal ist der Grund, dass der andere nicht als zuständig eingestuft wird.

Positive Entwicklung: Der nächste Schritt in der Annahme von Feedback wäre daher, diese Unterscheidung zunehmend aufzuweichen. Damit ist man schon auf dem Weg zur nächsten persönlichen Entwicklungsstufe. Diesen Schritt geht nur noch knapp die Hälfte der Erwachsenen.

Tipp Stufe 5: Schätzen Sie Feedback auch dann, wenn es nicht von Experten kommt.

Feedback darf auch Grundüberzeugungen treffen

Die nächste, “eigenbestimmte Stufe” ist sozusagen die vollentwickelte Erwachsenenidentität (Stufe 6, circa 30 % der Erwachsenen). Feedback wird hier zum ersten Mal begrüßt. Die Rückmeldungen werden nicht mehr nach „kompetent“ und „inkompetent“ sortiert. Stattdessen herrscht die Überzeugung vor, dass man selbst einschätzen kann, ob das Feedback nützlich und zutreffend ist oder nicht – egal von wem es kommt. Ein Mensch auf dieser Stufe urteilt grundsätzlich selbst, aufgrund eigener Werte, die durch zahlreiche Lebenserfahrungen herausgebildet wurden und die man für sich als richtungsgebend erkannt hat. Andere Meinungen und Einschätzungen werden geschätzt. Sie werden genutzt, um sich weiter zu entwickeln – ein wichtiges Anliegen von Menschen auf dieser Stufe.

Doch auch hier gibt es eine Einschränkung, eine sogenannte „stufenspezifische Reizbarkeit“. Wenn nämlich das Feedback die grundsätzlichen Überzeugungen der Person in Frage stellt. Die Werte, die man selbst in langen lebenssatten Jahren der Reflektion als richtig erkannt hat. Dann wird die Kritik empört registriert und zurückgewiesen. Nein, Grundüberzeugungen stehen nicht zur Disposition. Schließlich sind sie wohl bedacht und geprüft.

Nicht ganz selten wollte ein Feedback-Geber in keiner Weise grundsätzlich werden. Eigentlich meinte er nur eine auf die Situation bezogene kleine Sache. Aber der Feedback-Empfänger auf der eigenbestimmten Stufe hört das Grundsätzliche heraus und fühlt sich massiv auf den Schlips getreten.

Beispiel-Feedback: „Du hast hier im Bericht etwas übersehen.“Antwort (Stufe 6): „Was, du unterstellst mir, dass ich meine Arbeit nicht richtig mache?“

Dies ist ein Beispiel für so einen empfindlichen Moment.

Wahrscheinlich wird die Antwort eher lauten:
Antwort-Variante (Stufe 6): „Aha, ich korrigiere das sofort.“

Positive Entwicklung: Wenn die Empfindsamkeiten zurückgehen und selbst Fundamentalkritik zunehmend gelassen aufgenommen wird, ist man auf dem Weg zur relativistischen Stufe der Persönlichkeit. Als Hilfe für diesen Weg kann der folgende Tipp dienen:

Tipp: Nehmen Sie Feedback auch dann an, wenn es Ihre innersten Werte und Überzeugungen betrifft.

Von den größten Arschlöchern kann man am meisten lernen

In der vorigen „eigenbestimmten Stufe“ wurde sehr viel Wert darauf gelegt, das eigene Leben selbst zu bestimmen. Das verstärkte Verantwortungsbewusstsein kann bis zum Wunsch reichen, alles zu kontrollieren. Auf Stufe 7 (circa 10 Prozent der Erwachsenen) sieht man vieles relativ, auch die eigenen Grundüberzeugungen. Es entsteht mehr Freiraum, andere Sichtweisen zu respektieren. Im Umgang mit den eigenen Maßstäben werden auch viele Widersprüchlichkeiten erkannt.

Beispielsweise glaubt man daran, dass man die eigene Arbeit wirklich gut machen sollte. Auf der anderen Seite ist man überzeugt, dass ein entspanntes Betriebsklima entscheidend für den Erfolg des gesamten Unternehmens ist. Beide Werte geraten etwa dann in Konflikt, wenn eine Mitarbeiterin eine verbesserungswürdige Präsentationsvorlage abliefert. Sie aber sichtlich im Stress ist, weil längst Feierabend wäre. Wie reagieren Sie in diesem Moment? Auf der relativistischen Stufe kennen Sie Ihre Maßstäbe recht gut. Sie wissen, dass zwei davon gerade in Konflikt geraten und wägen ab, was zu tun ist. Dies gelingt Ihnen meist sogar dann, wenn Sie selbst unter Druck stehen.  Diese weit entwickelte Haltung bringen nur noch wenige Menschen in den Alltag umgesetzt.

Wie wird ein Mensch auf dieser Stufe Kritik aufnehmen? Er wird sie grundsätzlich begrüßen, denn er selbst relativiert ohnehin schon die eigenen Werte und Vorstellungen. Warum also sie gegen Feedback von außen verteidigen? Das wäre sinnlos. In Stresssituationen wird es dennoch ab und zu zur Abwehr von Kritik kommen, keine Frage. Aber dann agiert die Person nicht mehr auf ihrer Stufe, auf dem Niveau, das ihr möglich wäre. Man spricht von einer „temporären Regression“. In einem ruhigen Moment wird die eigene unangebrachte Empfindlichkeit deutlich gesehen und nun wird wahrscheinlich auch reflektiert, was an der Kritik dran sein könnte.

Es gibt den aufschlussreichen Spruch: „Von den größten Arschlöchern kann man am meisten lernen“. Wer auf der relativistischen Stufe agiert, kann damit etwas anfangen und könnte sich diese Aussage zur Leitlinie wählen. Gemeint ist: Wer am meisten von unserer eigenen Weltsicht abweicht, bringt den größten Erkenntnisgewinn für eben unsere eigene Perspektive. Freunde bestätigen uns eher und wir lernen dadurch nichts dazu. „Arschlöcher“ bieten uns hier mehr Erkenntnisse. Denn wer wen als solches ansieht, ist ja durchaus unterschiedlich. Ein “objektives Arschloch” gibt es nicht – es kommt immer auf die Perspektive an. Die Tatsache, dass man jemand in diese Kategorie einsortiert, bedeutet daher automatisch, dass sich dessen Weltsicht von unserer eigenen unterscheidet.

Beispiel-Feedback: „Mein lieber Kollege, Sie arbeiten schlampig!“Antwort (Stufe 7): „Finden Sie? Was meinen Sie genau?“

Eine “stufenspezifische Reizbarkeit” gibt es auf dieser Stufe nicht mehr. Wohl aber stressbedingte Rückfälle in frühere Zeiten. Der nächste Tipp würde wiederum eine Stufe weiter führen bzw. die Rückfälle verhindern helfen.

Tipp (Stufe 7): Entdecken Sie die Feinheiten des Feedbacks jeglicher Herkunft. Und hüten Sie sich davor, in die Abwehr der Rückmeldung zurück zu fallen.

Jeder Mensch bietet interessante Sichtweisen

Auf der folgenden Stufe (Stufe 8, nur noch circa 4% der Erwachsenen) verschwindet der Unterschied zwischen besonderen Feedbackgebern („Arschlöchern“) und anderen zunehmend. Das Instrumentarium, mit dem die Welt gesehen und verarbeitet wird, ist jetzt so fein austariert, dass auch kleine Unterschiede in Gewohnheiten und Perspektiven gesehen und berücksichtigt werden. Dazu kommt, dass die eigene persönliche Weiterentwicklung zur wahren Leidenschaft heranwachsen kann. So dass man mit wachsender Begeisterung nach Rückmeldungen sucht. Es kann sogar sein, dass Sie hier über jedes Ärgernis und Missverständnis froh sind. Sie beziehen alles gerne auf sich – nicht in dem Sinn, dass sie Schuld an etwas sind. Nein, Schuldsein ist keine Kategorie mehr. Fehler kommen, in dieser Perspektive, kaum durch Einzelne zustande. Bei der fehlerhaften Präsentationsvorlage ist nicht nur vollkommen klar, dass hier zwei Werte aneinander geraten. Es wird auch die gesamte Vorgeschichte gesehen und berücksichtigt, an deren langem Ende der vorliegende Fehler resultierte. Und selbstverständlich wird dabei stets die eigene Rolle und Handlungsweise mit bedacht. So läuft es jedenfalls, …. wenn nicht gerade eine „temporäre Regression“ ihr Opfer findet.

Tipp (Stufe 8): Nehmen Sie Gefühle der Abwehr und des Ärgers als Hinweis, genauer hinzuhören, was man Ihnen über Sie sagen will und was Sie gerade lernen über sich und die Welt können.

Feedback als Kategorie verschwindet

Eine absolute Minderheit von schätzungsweise lediglich 1 Prozent geht in ihrer Ich-Entwicklung noch weiter. Für sie löst sich der Sinn von Worten und Beschreibungen zunehmend auf. Wer sagt, hier liege ein Fehler vor, behauptet er nicht etwas Falsches? Ist nicht das Gegenteil genauso zutreffend? Ist „Fehler“ nicht in gewisser Weise ein sinnloses Wort? In so kleinen Einheiten wird hier nicht mehr gedacht. Feedback richtet sich nicht mehr an eine bestimmte Person, denn auch die Idee einer individuellen, beschreibbaren Person, losgelöst von ihrer Umgebung, löst sich zunehmend auf. Worte sind in dieser Weltwahrnehmung Kategorien, eine hochkomplexe, nicht “an sich” erkennbare Wirklichkeit auf bestimmte Aspekte reduzieren und den überreichen, vielfältigen Fluss der Ereignisse sinnlos einengen. Inwieweit ein Exot dieser Prägung in unser Wirtschaftsleben integriert werden kann bzw. dies möchte und ein Unternehmen davon profitieren kann, wäre ein eigenes Thema und für unseren Zweck eher irrelevant.

Konsequenzen für die Teamentwicklung

Besonders beim Thema Feedback unterscheiden wir uns grundlegend. Je später die Ich-Entwicklungsstufe ist, desto leichter wird Kritik akzeptiert und positiv verarbeitet. Wer seine Nehmerqualitäten – oder die seiner Mitarbeiter – steigern will, sollte wissen, wer auf welcher Ich-Entwicklungsstufe steht. Denn in Abhängigkeit davon entstehen Probleme und ergeben sich nächste Entwicklungsziele.

Nur das Scoring der Ich-Entwicklungsstufe stellt sicher, dass man nicht an der falschen Stelle ansetzt. Zu unterscheiden ist nämlich, ob ein Mensch situativ bedingt auf eine frühere Stufe zurück fällt. Oder ob er tatsächlich auf dieser früheren Stufe steht. Hieraus ergeben sich völlig unterschiedliche Herangehensweisen. Im ersten Fall muss die spezifische Situation betrachtet werden: Was sind die konkreten Auslöser des persönlichen Rückfalls? Im zweiten Fall geht es um eine Persönlichkeitsentwicklung – ein grundlegender, langwieriger Prozess mit lohnendem Ergebnis. Denn die Vorteile liegen nicht nur in der veränderten Akzeptanz von Feedback. Der geistige Horizont weitet sich. Der Mensch ist befähigt, komplexere Aufgaben zu lösen.

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