Können wir Verzicht? Weltretten per Egoismus

“Die Grünen sind eine Verzichts- und Verbotspartei!” Das von interessierter Seite immer wieder aufgebaute Schreckgespenst wirkt. Liegt das vielleicht einfach daran, dass es wahr ist: Wir Menschen wollen und können schlicht nicht verzichten?

Neue Menschen backen?

Obwohl ich die Weiterentwicklung der Menschheit als Schlüsselfrage der selbstgemachten Klimakrise ansehe, muss klar gesagt werden: So schnell, wie wir reifere Menschen bräuchten, sind sie nicht zu bekommen. Ein möglicher Ausweg ist, dass besonders reife Menschen (statt durchschnittlich entwickelte) die Richtung vorgeben. Dazu müssten sie sich in Wahlen durchsetzen. Eine andere Idee wäre, dass viele Menschen sich ein wenig weiterentwickeln und das in der Summe genügt. Doch am einfachsten dürfte es sein, wenn wir die Menschen so nehmen, wie sie sind und bei ihren egoistischen Interessen zu packen kriegen. Verzicht gehört eindeutig nicht zu unseren egoistischen Bedürfnissen.

Im Entweder-oder gefangen

85 Prozent fassen sich selbst und die Welt in Entweder-oder Kategorien auf (E2-E6 hier). Diese Raster können primitiver (E3 “du oder ich”) oder höherwertig sein (E6 “meine Werte oder deine”). Aber immer ist es ein Entweder-oder. Die restlichen 15 Prozent der Menschen sind nicht nur quantitativ wenige. Sondern sie beherrschen die Sowohl-als-auch-Kategorie keineswegs immer und in allen Fragen. Und selbst wenn wir grundsätzlich komplex genug denken können, wollen wir das manchmal einfach nicht. Zum Beispiel dann, wenn das bedeutet, dass wir uns einschränken müssen. Schließlich verzichten wir auch nicht aus purer Vernunft auf unsere Lieblingsdrogen, auf doofe Serien oder bequeme Verkehrsmittel.

Was heißt dies in Bezug auf die Fähigkeit der Menschen, Verzicht zu üben? Die Argumentation der Verzicht-Prediger:innen ist zum einen rein sachlich. Unendliches Wachstum ist auf einem endlichen Planeten unmöglich – das sehen wir überall. In einer leeren Welt, d.h. als nur einige Millionen Menschen auf der Erde lebten, war noch vieles möglich. In unserer vollen Welt mit bald 8 Milliarden Menschen müssen wir uns beschränken. Stimmt. Aber interessiert das hier irgendjemanden? Offensichtlich zu wenige.

Wer Menschen zum Verzicht auffordert, verlangt letztlich ein Sowohl-als-auch-Denken. Du musst auf etwas verzichten, aber gleichzeitig ist das kein Verzicht. Du bekommst etwas anderes, das auch gut ist, vielleicht sogar besser (Gesundheit, Zukunft …). Tu etwas, das du eigentlich nicht willst, dafür bekommst du etwas, das besser ist. Ein komplizierter Denkvorgang. Zudem tendenziell moralisch aufgeladen. Sehr viel einfacher ist das, was die Leute normalerweise umtreibt: Ich will meine Freiheit behalten, selbst entscheiden, nicht verzichten. Verzicht ist schlecht. Genießen ist gut.

Unlösbares Verzichts-Dilemma?

Ein Konzept der Grünen (die in der Realität keineswegs eine Verbotspartei sind – allerdings leider häufiger eine Partei mit einem moralischen Überhang) ist hier wegweisend: Um die Windkraft leichter akzeptabel zu machen, sollen die Anwohner:innen am Profit beteiligt werden können. Das wirkt nachweislich – und ist zudem komplett logisch. Vielleicht funktioniert der Ansatz auch bei Stromleitungen?

Ein zweites Beispiel schildert Eicke R. Weber hier. Er beschreibt, wie der chinesische Solarboom ausgelöst wurde. Der Staat hat Kreditsicherungen für Unternehmen gegeben, die in die Photovoltaik-Produktion einsteigen wollten. Eine rein egoistische Motivation genügte also, um in regenerative Energien zu investieren. Die gegründeten Unternehmen waren so erfolgreich, dass der Staat am Ende kaum ein finanzielles Invest zu leisten hatte. Und es gab massenhaft kostengünstige PV-Module aus China für die Welt. Eicke R. Weber meint, dass dies heute und hier auch funktionieren könnte.

Alle Strategien, die beim Umbau der Gesellschaft auf Egoismus und Bequemlichkeit der Menschen setzen, werden erfolgreich sein. Die Voraussetzung dafür, dass dies klappt: Es muss nur genug findige Leute geben, die sich um diese Konzepte bemühen und sie in die Wirklichkeit bringen. Wir sollten unsere Energien nicht in Umerziehungs- oder Überzeugungsversuche stecken, sondern ins findige Handhaben der menschlichen Neigungen, die schon vorhanden sind. Denn so viel Zeit haben wir nicht mehr.

Energien darin zu investieren, die menschliche Reife auszubilden, ist zusätzlich immer ein reizvolles Unterfangen. Wenn wir es schaffen, mittels schlau gelenktem Egoismus zu überleben, wird es toll sein, als reifere Menschheit in die Zukunft zu gehen.

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