Baerbocks Chance: Persönlichkeit zeigen

„Eingestellt wird man aus fachlichen Gründen, entlassen aus persönlichen.“ Dieser Satz gilt immer im Beruf. Insbesondere in hohen und höchsten Führungspositionen ist die Persönlichkeit entscheidend. Dies zeigt nicht zuletzt das Rennen um die Kanzler:innenschaft 2021 in Deutschland.

Das Umfeld der Kanzlerkandidatur

In der Klimakrise ist diese Wahl von höchster Bedeutung. Sie ist die letzte Chance dafür, dass Deutschland als führendes Industrieland das entscheidende Signal an die Erdbevölkerung aussenden kann: Der Paris-Vertrag gilt, er muss umgesetzt werden und das ist machbar. Unsere Tage sind gezeichnet durch extreme Unwetter in Deutschland, die Rekord-Hitze in Kanada, die Hungersnot auf Madagaskar – überdeutliche Hinweise darauf, dass die Krise da ist und wenn irgend möglich nicht noch viel schlimmer werden sollte.

Die Grünen sind die einzige große Partei, die dieses Thema halbwegs ernst nimmt und konkrete Konzepte für eine krisentaugliche, zukunftssichere Politik anbietet. Dennoch konzentriert sich der Wahlkampf auf persönliche Fehler der Grünen-Kandidatin Annalena Baerbock.

In einem Bild gefasst: Wir stehen am Strand einer Insel und sehen auf dem Meer den Kandidat:innen bei ihrer Performance zu. Immer wieder nahen von oben oder hinten Hitze, Dürre, Sturmfluten. Derweil versucht Annalena Baerbock zweierlei gleichzeitig: Auf ihrem Surfbrett oben zu bleiben und uns auf die Gefahren hinter uns hinzuweisen.

Das macht sie derzeit nicht besonders geschickt: Immer, wenn gegnerische Kräfte sie ins Wasser gestoßen haben, wedelt sie mit den Armen und zeigt auf die brennende Sonne und die drohenden Wasserfluten hinter dem Publikum. Während die Leute sich zurufen: „Die schafft es noch nicht mal, ihr Surfbrett unter Kontrolle zu behalten, wie kann sie uns dann regieren?“

Kampf um Aufmerksamkeit und Projektionsflächen

In unserer Mediendemokratie tobt ein Kampf um Aufmerksamkeit. Wer sie hat, kann seine Werbung zeigen, sein Produkt schmackhaft machen oder uns annimieren, ihm unsere Stimme zu geben. Dabei konzentriert sich fast die gesamte Aufmerksamkeit auf einige wenige, die zur Projektionsfläche werden. Das erkennt man durch die Frage danach, ob die Personen, denen die Aufmerksamkeit zufällt, wirklich als Person oder mit ihren Inhalten so einmalig und besonders sind. Beispielsweise werden bestimmte Stars gehypt. Oder Christian Drosten und Karl Lauterbach: Als ob es keine anderen guten Virolog:innen oder informierten Gesundheitspolitiker:innen gäbe. Und so ist es überall. Wer sich zur Projektionsfläche macht und machen lässt, zieht die Aufmerksamkeit deutlich überproportional an.

Dieses Geschenk machte die Konkurrenz der bis zum Frühjahr eher unbekannten Annalena Baerbock. Eigentlich eine optimale Position, um als Kandidatin durchzustarten.

Trump und Greta: Unsere Projektionsflächen

Beim Blick auf die weltweit stärksten Projektionsflächen, fällt Donald Trump auf, der es in seinem Leben stets darauf angelegt, möglichst bekannt zu sein. Auch schlechte Presse ist ihm willkommen. Sie steigert seine Popularität genauso, wie mediales Lob. Spätestens mit seiner Zeit als US-Präsident zog Trump die Aufmerksamkeit der Medien magisch an.

Er diente als Projektionsfläche derer, die die Nase voll hatten vom etablierten Politikbetrieb. Von demokratischer US-Politik. Von Migrant:innen, Umweltpolitik und emanzipierten Frauen. Seine Fans wollen Waffen besitzen, ihr Glück suchen dürfen, sich stark fühlen im Leben.

Trump blieb sich immer treu, indem er die Welt hart in Sieger und Verlierer teilte. Indem er immer wieder eine Show bot, sich in vielem unangepasst verhielt, einfache Wahrheiten suchte. Trump war immer Trump.

Ganz anders die Klimaaktivist:in Greta Thunberg. Sie verdankt ihre immense Popularität ihrer Fähigkeit, so eindringlich und entschlossen wie keine andere auf die Klimakrise hinzuweisen. Sie stellt sich nie selbst als Person in den Mittelpunkt – ganz im Gegensatz zum Ex-US-Präsidenten. Aber sie verweigert sich auch nicht, wenn die Öffentlichkeit sie ruft. Und auch hier gilt: Greta blieb immer Greta. In ihrer unerbittlichen Konsequenz. Wahrscheinlich nicht zuletzt dank ihrer „Superkraft“, wie sie es nennt: des Asperger-Syndroms.

Politik ist Psychologie

Was alle sich erhoffen, die Grundvoraussetzung für ihre Botschaften, wurde Annalena Baerbock von ihren Mit-Kandidat:innen geschenkt: Die größte Aufmerksamkeit. Alle begannen sofort, sich an ihr abzuarbeiten.

Dabei werden (kleinere) Fehler in den Mittelpunkt gestellt. Die Fehler zeigten direkt, so wird teilweise behauptet, dass sie ungeeignet sei. Oder, reflektierter: Dass sie kein Wahlkampfteam um sich herum organisieren kann, das die Fehler einhegt, spräche gegen sie. Nun könnte man argumentieren, es gehe nicht um die Person, sondern ums Programm. Doch dadurch verstellt man sich den Weg zu wichtigen Erkenntnissen über Menschen und ihre Karrieren.

Zur Gesamtsituation – Wahlkampf in der Klimakrise und im Artensterben – kommt hinzu: Die Union verhält sich seit einigen Wochen wie die geschmierte Machtmaschine, die sie im Zweifelsfall ist. Annalena Baerbock und die Grünen agieren demgegenüber unerfahren und fehlerhaft.

Politik ist Psychologie. Uns alle treibt die Persönlichkeit der Politiker:innen um. Besonders deutlich wurde das Psychologische der Politik aber im Frühjahr dieses Jahres. Der Abstand zwischen Grünen und Union verschob sich in den Wahlumfragen innerhalb von vier Wochen wahlentscheidend. Vermutlich hauptsächlich dadurch, dass zwischenzeitlich von den Grünen begeisterte Wähler:innen laut Umfragen zur CDU/CSU zurückkehrten. Wahlentscheidende 13% der Wähler:innen! Diese Menschen interessieren sich also fürs Klima. Aber letztlich ist ihnen der grundlegende Umbau der Gesellschaft und Wirtschaft weniger wichtig, als Annalena Baerbocks Lebenslauf. Sie entscheiden sich je nachdem, welche Charakterzüge sie den Kandidat:innen zuschreiben.

Baerbocks Chance

Aufmerksamkeit hat die Kandidatin also. Die Frage ist, was sie daraus macht. Wenn Politik Psychologie ist, wenn Persönlichkeit dominiert, kann ihre momentane Taktik nicht funktionieren. Sie versucht, die professionelle Person zu sein, die sie einmal war in den Augen der Öffentlichkeit. Diejenige, die keine Fehler macht, der frische Wind der bundesdeutschen Politik. Aber diese Zeit ist vorbei und es führt kein Weg zurück.

Donald Trump und Greta Thunberg haben vorgemacht, wie man inhaltliche Anliegen qua Persönlichkeit voranbringt. Dazu braucht es erstens eine unverkennbare Persönlichkeit (Auf Trumps Sprüche war immer Verlass, Greta demonstrierte ihre Radikalität, indem sie über den Atlantik segelte …). Zweitens muss sich der Inhalt mit der Person verbinden.

Annalena Baerbock muss also Teile ihrer Persönlichkeit deutlicher zeigen – und sie muss diese mit ihrer Politik verknüpfen. Ein schnelles, fehlerhaftes Buch ist offensichtlich genau das verkehrte Mittel. Die Botschaft „ich habe mich sehr über meine Fehler geärgert, jetzt aber zu den Inhalten“ ist hier zu wenig. Wir wollen wissen, wie Annalena Baerbock persönlich als Perfektionistin gestrickt ist und damit umgeht, wenn sie dennoch Fehler macht. Wir wollen mehr über ihr Verhältnis zum Co-Vorsitzenden Habeck erfahren. Von ihren Träumen, von ihrem Pragmatismus und ihrer Wut.

Wenn Baerbock und die Grünen dies nicht liefern, bestimmen die politischen Gegner das Bild. Die Grünen sollten ein Coach-Team engagieren, um zu klären: Welche der Eigenschaften ihrer Kandidatin sind typisch für sie und stark ausgeprägt? Worin drücken sie sich konkret aus? Was bedeutet es für sie und für uns, dass sie als einzige Frau antritt, relativ jung ist, früher als Trampolinspringerin Leistungssport betrieb, kleine Kinder hat? Wie verbindet sich das alles auf die Baerbock-typische Weise mit den Inhalten der Partei?

Wenn Annalena Baerbock versucht, professionell und glatt wie die CDU zu sein, spielt sie das Spiel der anderen. Ist es nicht geradezu ein positives Merkmal, dass sie anders funktioniert als die geölte Machtmaschine CDU? Wäre es nicht extrem glaubhaft, wenn sie ihre persönlichen Fehler damit zusammenbrächte, dass wir alle jahrzehntelang Fehler in der Klimapolitik gemacht haben? Wie kann sie deutlicher herausstellen, dass sie im Team spielt und genau das in einer komplexen Welt die Zukunft ist? Sie wollte ursprünglich keine einsame Bestimmerin sein, diese Rolle wurde ihr und ihrer Partei durch den etablierten Wahlkampfmodus und das Wahlsystem aufgedrängt. Bei den Grünen geht es nicht nur um die Macht, sondern viel stärker als bei den anderen Parteien um Inhalte. Das brauchen wir heute dringend, von jeder Partei. Der einsame Macher ist von gestern – so sollte er auch gekennzeichnet werden. Die Grünen könnten die ersten sein, die diese Erkenntnis auch im Wahlkampf entfalten.

Da Annalena Baerbock die Rolle der exponierten Kanzlerkandidatin übernommen hat, sollte sie sie auch ausfüllen. Aktiv und mit ihrer ganzen Persönlichkeit. Sich durch persönliche Nahbarkeit abheben von der Konkurrenz. Die Öffentlichkeit fordern und beschäftigen mit der Frage, wer diese Frau ist, wie sie worauf reagiert. So können wir nach und nach ein Bild von ihr gewinnen. Und so kommt sie in die Lage, uns mit ihrer Persönlichkeit zu lenken, wie es alle Menschen in exponierten Positionen tun. Mit einer Persönlichkeit, die sie nicht verbirgt, sondern zeigt. An dieser Kanzlerkandidatin Baerbock würde kein Weg vorbei führen im Herbst.

Wir brauchen keine Heilige, die wie festgetackert auf ihrem Surfbrett steht. Wir wollen eine Frau bewundern, die die großen Wellen meistert. Die es aber zwischenzeitlich auch einmal vom Brett spülen darf. Und die sich dann auf ihre spezifische Art wieder hochzieht und sich und uns aufrichtet und so die prägende Gestalt ist, die wir brauchen. Vertraut, berechenbar und doch immer wieder neu, weil das Leben neue Herausforderungen bereithält. Das gilt für Annalena Baerbock wie für jeden Menschen, dem wir gerne eine ausgesprochene Führungsposition anvertrauen.

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