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11.12.2015 Karriereplanung

Karriereplanung: "Mach dein Ding!"

Erfolge, die man mit viel Ehrgeiz erreicht – genau so scheint die große Karriere zu funktionieren. Doch die Topmanagement-Coachs Assig und Echter widersprechen. Der ständige Blick auf Erreichtes und auf das, was andere sagen, schade immens, behaupten sie. Heißt das: Ausgerechnet, wer aufmüpfig singt „ich mach mein Ding!“, kann die große Karriere starten?

Anpassung oder innere Stimme?

Vielleicht die Schlüsselfrage der Karriereplanung überhaupt ist: Welche Rolle kommt der Persönlichkeit zu? Namentlich fragen sich viele:

Ist es möglich, die eigene Persönlichkeit zu bewahren und trotzdem Karriere zu machen?

Drastisch wurde das für mich deutlich, als ich in der ZEIT behauptet hatte, man könne auch ohne Schleimspur Karriere machen. Sofort reagierten viele Leser (hier die Online-Version), indem sie mich schalten, das sei weltfremd. Bei meiner Behauptung kann ich mich zwar auf wissenschaftliche Ergebnisse berufen. Seit mein Buch Karriere ohne Schleimspur erschien, habe ich jedoch viele Gespräche dazu geführt und weiß daher: In den Augen vieler scheint die Realität die Wissenschaft bitter zu verhöhnen. Ohne Schleimspur geht nichts, die Persönlichkeit gibt man lieber am Empfang ab – das denken viele.

Wie immer man dazu steht. Die Berechtigung der aufgeworfenen Frage an sich scheint sonnenklar.

Dorothea Assig und Dorothee Echter beraten und coachen weltweit auf Top-Ebene, müssten also zur großen Karriere kompetent Auskunft geben können. Was meinen sie? Die beiden Topmanagement-Coachs können dem Grundtenor der Frage überhaupt nicht zustimmen. Die Frage sei falsch gestellt: Sie konstuiere einen Widerspruch, den es gerade nicht gebe. Die Persönlichkeit steht danach der Karriere gerade nicht im Weg, sondern ermöglicht sie erst. Die richtige Frage würde umgekehrt lauten:

Ist es möglich, ohne Persönlichkeit Karriere zu machen?

Und es gibt von Assig / Echter eine eindeutige Antwort, die noch weiter von der Meinung der Nicht-Experten weg führt: Nein, zumindest die große Karriere geht nur mit Persönlichkeit! Anders gar nicht! Gerade die Arbeit im Topmanagement setzt nach Assig / Echter zwingend persönliches Format voraus.

Braucht Karriere aber eine gewisse Anpassung?

Die Autorinnen gehen sogar noch einen Schritt weiter und sagen: „Was sie [die große Karriere] nicht braucht ist Ehrgeiz. Ehrgeiz ist das Gegenteil von Ambition“. Und Ambition ist für sie das Geheimnis der großen Karriere. Erstaunliche Aussagen! Ehrgeiz soll hinderlich sein für die Karriere?

Würden Assig / Echter dies nicht aus dem engsten Zirkel des Top-Managements heraus berichten, man könnte es einfach abtun. Aber das kann man nicht, ihre Meinung ist wohl begründet und kompetent.

Gehen Assig / Echter nicht doch zu weit? Viele Punker oder Friedensaktivisten haben bestimmt eine Persönlichkeit, mit allen Ecken und Kanten, die man sich nur wünschen kann. Aber sie werden keine Karriere machen. Weil sie einfach nicht wollen?

Assig / Echter bestätigen schon, dass es um eine gewisse Anpassung geht. Sie nennen es nur anders: Man muss unkompliziert sein. Außerdem gehe es auf unterer und mittlerer Management-Ebene durchaus um Leistungsbeweise.

Das wirft die Frage auf, wie man von der angepassten Person zur unabhängig denkenden Persönlichkeit kommt?

Die Wandlung zum Leader

Um dieser Wandlung näher zu kommen, habe ich mich intensiv mit Assig / Echter ausgetauscht. Zunächst einmal sehen sie keinen Umbruch, sondern eine Kontinuität. Diese bildet sich um ihren zentralen Begriff der Ambition herum. Damit meinen sie die intrinsische Motivation, etwas das jede und jeder hat. Das Geheimnis ist nur, dass die Ambition leicht verstellt und verkannt wird. Sie verliert so ihre Fähigkeit, als Leitschnur zu dienen.

Mein eigener Begriff der „Kwerkarriere“ trennt das Thema auf. Zum einen gibt es „wer“, die Persönlichkeit in ihrer kompromisslosen Klarheit. Was nicht heißt, dass jede/r sich selbst gut genug kennt. Nur: Die Persönlichkeit ist authentisch, mit Ecken und Kanten versehen. Zum zweiten das „quer“, welches innovative Präsentationsformen und Strategien meint. Zum dritten das „K“ für die Kommunikation.

Die von mir angenommene Entwicklung ist demnach:

  1. Die – häufig unangepasste – Persönlichkeit („wer“) gibt es immer zuerst. Sie kann aber durchs Älterwerden und Lernen klarer heraus treten und sich entwickeln. Sich also sowohl im Profil schärfen, als auch an die Umgebung assimilieren.
  2. Mit dem „quer“ kommt die ureigene Kreativität des Menschen hinzu. Je komplexer und ungewöhnlicher die Persönlichkeit eines Menschen ist, desto eher wird es ihm gelingen, neue, kreative Wege zu entwickeln, um mit der Welt zurecht zu kommen. Meiner Erfahrung nach braucht es aber selbst dann häufig einen Anstoß von außen, um diesen Weg zu gehen. Viele sind offensichtlich besonders kreativ und begabt, aber man muss es ihnen erst spiegeln, bevor sie es beim Namen nennen können. Und es anderen zeigen können.
  3. Das dritte Element ist „K“ die Kommunikation. Hier tritt die Anpassung an Standards hinzu. Schließlich will man sein Anliegen kommunizieren. Hier geht es um Bewerbungsstandards, um Rhetorik fürs Personalgespräch, um strategische Kommunikation im Unternehmen, um Äußerlichkeiten. An einem konkreten Beispiel: Ich würde Anton Hofreiter von den Grünen dringend zum Friseurbesuch raten. Es macht doch keinen Sinn, dass man ihm überhaupt nicht zuhören kann, weil man ständig auf die Haare starren muss. (Ähnliches könnte man bei Uschi von der Leyen diskutieren).

Auch Assig / Echter stellen sich keinen Bruch vor, sondern eine allmähliche Entwicklung der Gesamtpersönlichkeit. Im Laufe der Zeit, durch Lernerlebnisse, gewinnt die Persönlichkeit an Format. Indem sich die Persönlichkeit entwickelt, scheint eher eine Befreiung von Anpassungszwängen möglich – wenn es denn überhaupt gelingt. Denn Assig / Echter beschreiben den Wechsel vom Mittel- ins Top-Management als so gravierenden Bruch, dass der betreffende Mensch hier vor ganz besondere Herausforderungen gestellt wird und oft daran scheitert.

Ohne Persönlichkeit keine große Karriere

Ohne Persönlichkeit gibt es keine große Karriere, das können wir festhalten. Wie immer das Verhältnis von Anpassung und Charakter ist und sich entwickelt.

Bernd Kolb formuliert auf diesem Blog prägnant: „Top-Leader sind alles, nur nicht angepasst!“. Der Ex-Telekomvorstand muss es wissen. Früher war er übrigens Sänger einer Punk-Band. Er hat sich also angepasst – stieg dann aber aus der Unternehmenswelt aus und engagiert sich sozial, blieb also zugleich Querdenker.

Was sagen Assig / Echter im Einzelnen? Lesen Sie das spannende Interview hier auf diesem Blog.

Top-Leader sind alles, nur nicht angepasst. Interview mit Bernd Kolb



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Christoph Burger

Christoph Burger ist Diplom-Psychologe und Autor des Buches "Karriere ohne Schleimspur", das 2012 als eines der besten Managementbücher des Jahres ausgezeichnet wurde. Er arbeitet als Karriereberater in Herrenberg bei Stuttgart.

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