Top-Leader sind alles, nur nicht angepasst. Bernd Kolb im Interview.

Bernd Kolb wurde nach steiler Karriere mit 43 Jahren Vorstand bei der Telekom. Zwei Jahre später, 2007, kündigte er diesen Job, um den sich viele gerissen hätten, und widmet sich nun den großen globalen Herausforderungen. Mit ihm spreche ich über Karriere, über Charakter und Anpassung, über orientierungslose Studenten, Bildung und Kreativität, über das Geheimnis des Erfolgs und die Haken im Leben – und natürlich über die Rettung der Welt.

Herr Kolb, was ist für Sie Erfolg?

Das hat sich im Laufe meines Lebens verändert. Die erste Idee war: Man macht etwas so, dass alle applaudieren und einen toll finden. Positive Reaktionen spornen an. Wenn man den Erfolg hat und sich alles erfüllen kann, dann wendet man sich eher der Frage nach der Zufriedenheit zu. Privates Glück hat sich bei mir zumindest nicht automatisch eingestellt. Sportwagen oder Haus haben mich nicht zufrieden gemacht, im Gegenteil. Jede neue Stufe, die ich erreicht habe, hat einen neuen Lebens-Standard geschaffen. Dann habe ich neue Phantasien entwickelt, was ich noch alles haben könnte, bis aus Überfluss auch Überdruss entstand.

Heute würde ich sagen: Erfolg ist, wenn jemand mit sich und seinem Umfeld und seinen sozialen Kontakten glücklich und zufrieden ist.  Wenn er sich abends mit einem Lächeln ins Bett legt und morgens aufwacht, sich daran freut, was er tut und dass er gesund ist. Egal, ob das mit äußeren Lorbeeren geschmückt ist oder nicht. Erfolg ist etwas ganz Individuelles. Wir müssen es uns abgewöhnen, Erfolg immer mit Status, Wohlstand und materiellem Besitz gleichzusetzen.  Außerdem sollten wir uns das Vergleichen mit anderen abgewöhnen, wenn wir glücklich sein wollen.

Große Karrieren müssen vom Menschen verkraftet werden. Gab es Situationen, in denen Ihnen dies schwer fiel?

Nein, ich habe mir da keine großen Gedanken gemacht. Ich hatte aber auch immer ganz wenig Zeit. Es waren Arbeitstage, die so prall gefüllt waren, nicht nur zeitlich, sondern auch inhaltlich. Es hat sich angefühlt, wie ein Film.

Sehen Sie Dinge grundsätzlich positiv?

Ja, ich bin ein konstruktiver Typ. Ich bin ein kreativer, schöpferischer Mensch. Ich liebe es zu gestalten. Und letztendlich mag ich einfach Herausforderungen.  Die haben häufig mit Problemen zu tun, die gelöst werden müssen.

Ihr Leben: Vom Punker zum Chef, zum Konzern-Vorstand zum Weltretter, da gab es sicherlich einige Punkte, an denen andere Sie gewarnt haben, etwas zu tun …

Ja, die gibt es immer … (lacht)

Hat Sie das verunsichert?

Es gab immer Unverständnis, wenn ich plötzlich wieder etwas anderes machen wollte. Es scheint so zu sein, dass die meisten Leute einmal etwas finden, was ganz gut passt und dann ihr Leben lang dabei bleiben. Da gibt es wenig Verständnis dafür, dass einer solche Haken schlägt. Für mich trifft das Wort „Neugier“ im Wortsinn zu.

Viele Menschen müssen damit leben, dass andere, z.B. ihre Eltern, sie massiv beeinflussen wollen.
Der Vater, der Freund, der Ehemann, der etwas rät, der meint es nicht böse, sondern empfiehlt das, was er tun würde. Da muss ich aber sagen: Das ist die Aufgabe eines jeden Menschen, dass er in seine eigenen Schuhe wächst und dass er sein eigenes Leben lebt.

Wie war das bei Ihnen?

Natürlich gab es die Diskussionen auch. Nicht nur mit meinem Vater, sondern auch immer mit meinem Umfeld. Aber nochmal: Selbstverantwortung ist eine der größten Aufgaben des Erwachsenenwerdens. Und wenn man diese Selbstverantwortung nicht annehmen kann, hat man noch ganz andere Probleme. Das ist die Aufgabe und um die kommt keiner rum.

Wir wollen erfolgreich sein und orientieren uns gerne an Geschichten von erfolgreichen Menschen. Die spielen sich allerdings in der Vergangenheit ab. Leben müssen wir jedoch immer vorwärts. Wie war das bei Ihnen?

Ich hatte in meinem Leben kein Vorbild. Ich habe große Bewunderung und Respekt vor vielen großen und kleinen Lebensgeschichten. Nur: Ich habe mir nie vorstellen können, dass das, was ein anderer Mensch gemacht hat, auch für mich funktionieren könnte. Einfach, weil ich ein anderer Mensch bin. Ich war neugierig, meine eigenen Entdeckungen zu machen. Es so machen zu wollen, wie es zum Beispiel ein Bill Gates oder ein Steve Jobs  gemacht haben, halte ich für ein ganz schlechtes Rezept.
Wenn man sich etwas abstrakter mit Karriere-Biographien auseinander setzt und nach Gemeinsamkeiten sucht, passt ein Satz, den auch Steve Jobs als sein Lebensmotto zitiert hat: Stay hungry and stay foolish. Also im Grunde genommen, nicht zu früh einzuparken im Leben und zu sagen, da bin ich jetzt im sicheren Hafen. Sondern das Leben als nicht abgeschlossen zu begreifen und einfach mal etwas auszuprobieren.

Also hatten Sie keine pessimistischen, ablenkenden Eltern?

Doch. Es gibt sogar Studien darüber, dass Menschen häufig annehmen, was ihre Eltern ihnen raten und das war auch bei mir so. Ich habe auf Anraten meines Vaters Jura studiert. Also, ich habe damit begonnen. Und es war wohl eine der wichtigsten Entscheidungen meines Lebens, dass ich das Studium abgebrochen habe – gegen den massiven Protest meines Vaters. Weil ich festgestellt habe: Das ist es schon mal nicht!

Ihr Studienabbruch war wichtig für Ihre Selbstfindung?

Ich sage das auch in Top-Management-Coachings: „Ich bin eine ungelernte Hilfskraft. Wenn ich mich bei euch als Hausmeister bewerben würde, hätte ich keine Chance. Ich habe keine Ausbildung und kein Studium abgeschlossen, aber ihr wollt euch durch mich inspirieren lassen- Non-Konformismus als Faszinosum, aber Konformismus in der gängigen Praxis.“
Ich habe mit Mitte zwanzig dieses Leben mit viel Mut und Lust am Entdecken selbst in die Hand genommen und habe ab dann nicht mehr auf die guten Ratschläge von anderen gehört, die geglaubt haben, sie wüssten es besser. Stattdessen habe ich versucht, auf meine innere Stimme zu hören und mir selbst zu vertrauen.
Wenn man mich fragt, was das Geheimnis des Erfolgs war: Selbstvertrauen und der feste Glaube daran, dass eine Sache gut geht. Dahinter steckt eine Haltung, die sich so formulieren lässt: Wenn du dir überlegst, was du tun könntest und du unterstellst für einen Augenblick, es würde gut gehen und es gefällt dir, was du siehst, dann probier‘ das auch. Wenn du es dann ernsthaft willst, dann klemm‘ dich aber auch dahinter. Dann hat das ganz viel mit Disziplin und Arbeit und Konsequenz zu tun. In meinem Fall ist mir nichts in die Hände gefallen, sondern ich habe mir jeden einzelnen Schritt hart erarbeitet.

Wodurch haben sie ein so sicheres Selbstgefühl entwickelt?

Das hat viel damit zu tun, dass schon früh in meinem Leben Dinge gut gegangen sind. Ich hatte eine Schülerband, auf einmal hatten wir eine Platte draußen und die war in der Hitparade. Da war ich erst fünfzehn. Ich weiß noch sehr genau, wie ich zum ersten Mal einen Auftritt hatte. Da wusste ich nicht, ob ich stark genug bin, dass meine Beine mich tragen, so aufgeregt war ich. Und dann raus zu gehen und vor 300 Schülern Musik zu machen, das war für mich damals sehr mutig. Ich hab‘s aber gemacht. Und ich weiß nicht mehr genau, wie ich die ersten zehn Minuten überstanden habe. Aber danach hat es Spaß gemacht.

Jeder Mensch hat eine innere Stimme?

Ja, es ist nur die Frage, ob er hinhört. Das ist nicht ganz einfach, denn unser Ego hat ganz andere Sorgen. Aber wenn man sich die Mühe macht, wenn man inne hält und achtsam wird und diese innere Stimme hört, dann tut man gut daran, das ernst zu nehmen. Das Unterlassen von Dingen, die man gerne mal täte, der Konjunktiv, man müsste, man sollte, man hätte, das ist entscheidend. Der Unterschied von „viel leben im Leben“ und „wenig leben im Leben“ liegt tatsächlich im Konjunktiv.

Kommen wir zu Ihrem beruflichen Hintergrund als Innovationsmanager und Vielreisender. Unsere Wirtschaft hat sich geändert. Wir haben heute „designed in germany“ nicht mehr „made in germany“. Ich halte die Kreativwirtschaft für Industriestaaten für ganz entscheidend. Sehen Sie das auch so?

Ja! Ich glaube nicht, dass wir die industrielle Produktion wieder nach Europa zurück holen werden. Kreativität, das ist etwas sehr, sehr wichtiges. Wobei ich denke, dass man das gar nicht nur an unserer Epoche festmachen kann. Mit Kreativität gut umzugehen, war schon immer etwas, das man gut gebrauchen konnte.

Wie sehen Sie in dem Zusammenhang unser Bildungswesen?

Man muss leider konstatieren:  Häufig fördern wir Kreativität nicht nur nicht, sondern wir verhindern ihre Entwicklung sogar. Wir glauben, dass Bildung etwas mit der Vermittlung von Wissen zu tun hat. Also dem Sammeln und Speichern von Information. Dabei funktioniert heute, im Zeitalter des Internets, Wissensvermittlung völlig anders. Wir sollten Schule in der Zukunft eher verstehen als einen sozialen Erfahrungsraum. Die Frage lautet: Wie helfen wir unseren Kindern, ihr Potential zu entdecken und zu entfalten? Da habe ich eine sehr radikale Meinung.

Wie lautet denn Ihre „radikale Meinung“ zur Schule?

Ich diskutiere das oft mit Eltern, die sich beklagen, dass ihr Kind faul ist und in der Schule nicht gut und stattdessen den ganzen Tag Skateboard fährt. Ich sage dann, ich würde das fördern! Wenn ein Kind in jungen Jahren das Skateboardfahren als etwas mit Potential entdeckt, worin man es zu einer gewissen Meisterschaft bringen kann, dann gibt das eine Erfahrung im Leben. Die ist viel wichtiger  und hat mit Skateboardfahren gar nichts zu tun.

Wir brauchen keine Bildungsreform, sondern eine Bildungsrevolution. Wissen, das angewandt wird, das ins Erleben, ins Erfahren gerät, darum geht es. Das wird eines der großen Themen der nahen Zukunft. Ich reise viel. Selten habe ich mehr angewandte Kreativität gesehen, als in armen Gegenden. Menschen, die sich im Grunde jeden Tag selbst erfinden müssen, weil sie morgens nicht wissen, was sie abends essen sollen. Ich lebe die Hälfte des Jahres in Marrakesh, mitten in der Altstadt. Dort erlebe ich so viel Kreativtität unter Menschen, die absolut keine Bildung haben. Das hat mit Herausforderungen zu tun, mit der Annahme von Herausforderungen.

Wenn ich heute mit Studenten spreche, bin ich schockiert, wie orientierungslos die sind, obwohl sie die beste Bildung haben, die wir in diesem Land anbieten können. Dann müssen wir uns schon fragen: Wenn das alles ist, was nach 20 Jahren Bildung rauskommt, dass wir zwar unglaublich viel wissen, aber mit dem Leben nichts anfangen können, dann haben wir irgendetwas falsch gemacht.

G8 und Bachelor gehen in eine falsche Richtung?

Ja, das ist genau falsch, wir machen mehr desselben Fehlers. Das ist der Trend, den ich in der staatlichen Bildung erkenne. Einige Privatschulen haben dagegen sensationelle Ideen umgesetzt. Das sollten wir unterstützen.

Zum Thema „Karriere mit Charakter“:  Können Sie bestätigen, das Ecken und Kanten im Beruf gefragt sind? Oder geht es doch eher um Anpassung?

Wenn wir auf die Top-Leadership-Ebene gehen, ist Anpassung das Falscheste, was man nur empfehlen kann. Die Menschen, die ich kenne, die es geschafft haben, in solche Positionen zu kommen, sind alles, nur nicht angepasst. Wenn man die anpassen wollte, wären sie diejenigen, die sich am meisten dagegen wehrten und das wahrscheinlich schon ihr ganzes Leben lang.

Ecken und Kanten? Ja, gerne! Wie entstehen sie eigentlich? Die entstehen dann, wenn ein Mensch im Beruflichen, wie im Privaten ehrlich ist. Wenn der seine Meinung sagt und zwar so, wie er sie denkt und nicht schleimt und überlegt, „was würde der wohl gerne hören“. Ich habe die „Nein-Sager“ immer gemocht. Bei ihnen habe ich hundertmal mehr hingehört, als bei den „Ja-Sagern“. Angenommen ein Ja-Sager sagt zu meiner Idee, „Mensch, die Idee ist sensationell“, dann werde ich das schon vorher gedacht haben und dann brauche ich seinen Kommentar nicht. Wenn einer sagt, „ich glaube, da ist irgendein Denkfehler“, dann höre ich hin. Da kann ich etwas lernen. Eine wichtige Kompetenz für Top-Manager ist die Fähigkeit zu delegieren. Das bringt aber nichts, wenn derjenige, an den delegiert wird, nicht selbstständig unternehmerisch tätig werden kann.

An der Spitze eines Unternehmens braucht es selbst-denkende Köpfe, aber wie kommen die dahin? Muss man immer im Leben darauf achten, seinen Charakter zu bewahren? Oder ist es denkbar, dass man mit viel Anpassung nach oben kommt und dann erst seine Ecken und Kanten ausbildet?

Man muss sich treu bleiben, von Anfang an. Es ist wichtig, die Selbstverantwortung zu übernehmen und ehrlich zu sich selbst zu sein. Wenn wir inne halten und reflektieren, wer wir wirklich sind und was uns ganz persönlich ein Anliegen ist, dann können wir dem Leben den eigenen Stempel aufdrücken. Das fängt schon bei den Kindern an. Erziehung sollte Räume schaffen, damit sich Kinder ausprobieren können und ihre Versuche akzeptieren. Dann ist Begeisterung möglich. Das ist ganz wichtig. Begeisterung ist der Rohstoff. Wo Begeisterung ist, wächst man immer. Die Welt sucht händeringend nach neuen Gestaltern.

Sie haben den Club of Marrakesh gegründet, um unsere Zukunft neu zu denken. Wie soll das funktionieren?

Wer sich mit der Zukunft beschäftigt, muss auch in die Vergangenheit sehen. Die mittelalterliche Villa Medici war für uns die Inspiration. Sie beförderte den wesentlichen Umbruch vom Mittelalter in die Renaissance. Dieser Zusammenschluss von Menschen unterschiedlicher Professionen war unser Vorbild. Der Anfang war, einen Ort dafür zu schaffen. Das war Marrakesh. Im Jahre 2010 haben wir uns dann institutionalisiert. Eine unserer wichtigsten Fragen, eine der wichtigsten Fragen unserer Zeit ist, wie wir mit Komplexität umgehen. Das gehört zu den größten Herausforderungen der Zukunft.

Sie denken außerdem, dass das Kapitalmarktsystem sich ändern muss. Wie könnte das konkret aussehen?

Zunächst einmal müssen wir feststellen, dass wir es hier mit einem der großen, fehlerhaften Systeme unserer Zeit zu tun haben. Die wirtschaftlichen Ergebnisse heute werden ausschließlich monetär bewertet. Es geht darum, sie auch sozial und ökologisch zu bewerten. Wir sprechen hier von einer heiligen Kuh, an die sich niemand heran traut. Wir müssen sie angreifen. Vielleicht braucht es dazu, wie in der Geschichte üblich, erst eine Krise – eine noch größere Krise. Aber ich bin sicher, dass wir beide den Zusammenbruch des alten Systems noch erleben werden.

Haben Sie konkrete Vorschläge?

Das ist schwierig, weil es eben eine heilige Kuh ist. Aber eins steht fest: wir dürfen die Ergebnisse unseres Wirtschaftens künftig nicht mehr ausschließlich monetär bewerten, sondern müssen sie auch sozial und ökologisch einschätzen und darüber sind wir in einer intensiven Diskussion.

Herr Kolb, danke für das inspirierende Gespräch!

Dazu passt der Glückwunsch zur Kwerkarriere an Bernd Kolb.

Website von Bernd Kolb. Vortrag Bernd Kolb 7 Tugenden. Vortrag 7 Tugenden zwei (neu).

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