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16.01.2018 Karriere mit Charakter, Karriereplanung

Karriereplanung: Gutes besser tun

Spornt Sie die Idee an, Gutes zu tun? Viele würden dazu „ja“ sagen, aber wissen nicht recht, wie sie es anfangen sollen. Die sogenannten effektiven Altruisten haben sich dazu eine Menge Gedanken gemacht und Forschungen angestellt. Zu welchen allgemeinen Ideen und konkreten Anregungen zu Berufswahl und Karriere gelangen sie?

Wer Gutes tun will, arbeitet bei einer NGO?

Das ausgesprochen lesenswerte Buch von William MacAskill „Gutes besser tun“ startet mit einem eindrücklichen Beispiel. Es erzählt die Geschichte von Trevor Field, einem typischen Südafrikaner mittleren Alters. Er mochte Steaks, kaltes Bier und Angelausflüge mit Freunden, alles ganz normal. Als er PlayPumps entdeckte, eine einfache Technik mit sozialem Nutzen, änderte sich sein Leben von Grund auf. Fortan widmete er sein ganzes Engagement dieser Idee. Kinder afrikanischer Dörfer spielen auf einem Karussell. Ihre Körperkraft bringt es in Fahrt und pumpt dabei Wasser in eine Leitung, die in ihrem Dorf endet. Field gründete eine NGO, um diesen glänzenden Gedanken zu fördern. Er fand prominente Fürsprecher und warb riesige Spendensummen an, die er bestimmungsgerecht in eine Menge Playpumps umsetzte. Eine faszinierende Erfolgsgeschichte zum nachmachen. Oder?

Einige Jahre nach Start des Projekts untersuchten unabhängige Organisationen, was die Spielpumpen wirklich erreichten. Das Ergebnis fiel verheerend aus. Die Kosten übertrafen den Nutzen bei weitem. Die Kinder hatten oft keine Lust zu spielen und die Frauen, die daher die Karusselle drehten, mussten sich körperlich viel mehr anstrengen, als bei den viel billigeren alten Handpumpen. Viele der Spielpumpen waren kaputt, sie funktionierten schlecht oder einfach gar nicht mehr. Was machte nun Field und seine Geldgeber auf diese neuen Erkenntnisse hin? Welche Konsequenzen zogen sie? Gar keine, sie machten einfach weiter!

Fazit: So schön Fields Idee war, sie schadet in Wirklichkeit den Menschen in Afrika. Mitarbeiter seiner NGO nützen nicht, sondern schaden. Gleiches gilt auch für andere Stellen bei Hilfsorganisationen: Manche bringen nichts bis wenig. Andere helfen nachweislich, aber in bescheidenem Ausmaß. Einige wenige jedoch sind derart effektiv, dass nachweislich für nur wenig Geld Menschenleben gerettet werden können.

Um heraus zu finden, welcher Job wie einzuordnen ist, sollte man also nicht nur helfen wollen, sondern unabhängige Untersuchungen anstellen. Man sollte nicht nur sein Herz, sondern auch seinen Verstand bemühen – und nachrechnen, ob das gewünschte Ergebnis tatsächlich erzielt wird. Deshalb wirken effektive Altruisten zuweilen wie Moralbesessene mit Rechenfimmel. Nichtsdestotrotz – oder gerade deshalb – kommen sie zu spannenden Erkenntnissen.

Wie viele Menschenleben rettet ein Arzt?

Der englische Arzt Greg Lewis wollte wissen, wie viel sein Berufsstand wirklich erreicht. Wie viele Menschenleben rettet ein Mediziner? Sicherlich sehr viele, werden Sie annehmen, denn er tut ja sozusagen den ganzen Tag nichts anderes. Doch wie sehen die konkreten Zahlen dazu aus? Wie McAskill berichtet, recherchierte Lewis auch für die USA und andere Länder. Eine erste Schätzung des Nutzens geht von den Leistungen des amerikanischen Gesundheitssystems aus und teilt die Ergebnisse durch die Anzahl der ÄrztInnen. Es ergibt sich die Zahl von 70 Menschenleben, die jeder Mediziner in seinem 40-jährigen Berufsleben im Schnitt rettet. Allerdings erbringen diese Leistungen nicht nur Ärzte, sondern auch andere Mitarbeiter wie zum Beispiel KrankenpflegerInnen. In ähnlicher Weise berücksichtigte Lewis weitere Überlegungen und Berechungen, die diese Zahl von 70 verkleinerten. Letzten Endes schätzte er, dass ein zusätzlicher amerikanischer Arzt oder eine Ärztin im gesamten Berufsleben vier Menschenleben rettet. In einem afrikanischen Land wären es 300, da dort die Gesundheitsversorgung wesentlich schlechter ist. Sollten also viel mehr Heilkräfte in Afrika arbeiten? Nicht unbedingt, wie wir gleich sehen werden.

Effektive Spenden retten ebenfalls Menschenleben. Organisationen des effektiven Altruismus errechnen regelmäßig, wie viel Geldeinsatz dafür nötig ist. Die aktuellsten Forschungen ergeben: Circa 6800 Euro genügen bei einer extrem effektiven Organisation, um ein Menschenleben zu retten (Gesundheitsökonomen setzen 36,5 Lebensjahre in vollkommener Gesundheit mit einem Menschenleben gleich). Wohlgemerkt: Wir reden von den effektivsten Hilfsorganisationen!

Verdienen um zu geben

Arzt oder Ärztin – wer für diesen Beruf geboren ist, sollte ihn ergreifen. Schon um die eigene Leidenschaft zu leben. Die Stellen sind jedoch beschränkt. In den industrialisierten Ländern ebenso wie in Afrika. Bei einer gänzlich feststehenden Anzahl an Stellen und genug BewerberInnen würde sich daher wenig ändern – „irgendjemand macht den Job“. Natürlich kann die Qualität der Ausführung sich unterscheiden. Und deshalb macht es selbstverständlich manchmal einen Unterschied, wer den Job macht. Aber bei gleichbleibender Anzahl an Stellen wird die Stellenbesetzung keine gravierende Rolle mehr spielen. Selbst wenn eine Person zusätzlich den Heilberuf ergreift, wird der Nutzen nicht allzu groß sein, da es schon viele KollegInnen gibt, besonders in den Industrieländern.

Aber wie viele Menschen spenden erhebliche Summen effektiv? Die effektiven Altruisten nehmen an, dass ihre Anzahl noch deutlich wachsen darf. Nun können natürlich auch Arzt oder Ärztin spenden – allerdings je nach Einkommen mehr oder weniger. Medizinern in Afrika bleibt weniger Geld, um es zu spenden. Auch hierzulande sind die Einkommen unterschiedlich hoch. Nach aktuellen Zahlen für die BRD beträgt der Reinertrag (Einnahmen minus Ausgaben) einer radiologischen Praxis 850 Tsd. Euro, AugenärztInnen liegen mit 370 Tsd. Euro und Orthopäden mit 310 Tsd. Euro ebenfalls über dem Schnitt. Während Psychiater das Ende der Skala mit 180 Tsd. Euro Reinertrag markieren.

Nun können und wollen nicht alle einen Heilberuf ergreifen oder in einer effektiven NGO arbeiten. Die positive Nachricht ist: Als AbteilungsleiterIn, AktienhändlerIn oder Profi-PokerspielerIn können Sie ebenso Menschenleben retten. Entscheidend ist dann die Menge und die Effektivität der Spenden.

Verschiedene Wege zur ethischen Karriere sind möglich

Der oben erwähnte Greg Lewis zog die Konsequenzen aus seinen Berechnungen. Er blieb seinem Berufsstand treu, aber entschied sich gegen Afrika. Er spezialisierte sich auf das einträgliche Fachgebiet der Onkologie, um mehr zu verdienen und spendete jährlich mindestens 10 Prozent seines Einkommens.

Dieser Prozentsatz entspricht übrigens einer Daumenregel, die viele effektive Altruisten für sich sehen (man kann sich hier auch per Unterschrift dazu verpflichten). Für Studierende und andere Menschen mit wenig Einkommen werden übrigens 1 Prozent des verfügbaren Geldes als Orientierungsgröße genannt.

Wichtig dürfte aber zunächst nicht die schiere Menge der Spenden sein, sondern die Idee an sich: Jeder Mensch in jedem Beruf kann tatsächlich eine Menge Menschenleben retten. Sie brauchen keinen Heilberuf oder sozialen Beruf zu erlernen. Es ist nicht nötig, auf KrankenpflegerIn, Feuerwehrmann oder TherapeutIn umzusatteln. Wer solche Berufe ausübt, trägt persönlich viel bei. Aber wenn auch andere die Behandlungen, Löscharbeiten oder Therapien übernehmen können, verändert sich die Welt dadurch insgesamt wenig. Wer dagegen durch seine geniale Begabung einen Impfstoff früher entwickelt, als es ohne diese Person der Fall gewesen wäre, kann tatsächlich tausende oder Millionen Menschenleben retten. Auch Politiker und andere sind in dieser privilegierten Lage. Wenn Sie also Talent und Motivation für diese Berufe besitzen, sollten Sie es versuchen.

Doch auch ohne eine Schlüsselposition einzunehmen, kann effektive Hilfe geleistet werden. Selbst Normalverdiener eines reichen Landes können viele Menschenleben retten. Sie können in jeder Karrierephase und in jedem Alter mit der effektiven Hilfe beginnen.

Zum Schluss ein paar Beispiele für effektives Spenden

Zum Ende einige durch die Bewertungsorganisation givewell empfohlene Engagements, die ich persönlich unterstütze. Durch die Beschreibung dessen, was die Organisationen konkret tun, möchte ich Ihnen Lust auf effektive Hilfe machen.

Campact, eine wichtige Stimme fürs Umdenken und die politische Einflussnahme hier, bekommt meine Unterstützung ebenso wie Ärzte ohne Grenzen, die in Katastrophenfällen aktiv sind. Ob das alles perfekt verteilt ist, sei dahin gestellt und wäre ohnehin immer wieder zu überprüfen. Beispielsweise fehlt im obigen Portfolio das Eintreten fürs Tierwohl ebenso wie die Unterstützung von Forschung gegen die Bedrohungen, die wir mit der künstlichen Intelligenz erzeugen.

Das genannte Spektrum zeigt in jedem Fall: Die Idee, Engagement effektiv zu gestalten, schränkt nicht allzu sehr ein, sondern lässt jeder und jedem einzelnen die Offenheit, die persönliche Perspektive und die eigenen Werte einzubringen. Viel Spaß dabei!



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Christoph Burger

Christoph Burger ist Diplom-Psychologe und Autor des Buches "Karriere ohne Schleimspur", das 2012 als eines der besten Managementbücher des Jahres ausgezeichnet wurde. Er arbeitet als Karriereberater in Herrenberg bei Stuttgart.

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