Karriere und Sinn: "Wir haben wie im Rausch gelebt, aber kommen langsam zur Besinnung" – Interview mit der Sinnforscherin Tatjana Schnell

Wir alle wünschen uns sinnvolle Aufgaben im Job. Doch was ist das konkret? Und macht für jeden etwas anderes Sinn? Über Sinnverlust als Vorzeichen von Burn-out, über das sinnerfüllte Leben der Isis-Kämpfer und die immer häufigere Entscheidung gegen Geld und für eine Tätigkeit mit Substanz sprach ich mit der Sinnforscherin Prof. Dr. Tatjana Schnell.

Frau Professorin Schnell, Sie haben als Sinnforscherin einen ungewöhnlichen Beruf. Wie kam es dazu?

Existentielle Fragen haben mich schon immer fasziniert. Aber ausgerechnet die Psychologie hat sich hier auffallend zurückgehalten. Dabei hat sie doch den Anspruch, menschliches Denken, Erleben und Handeln zu verstehen.

Ihre Idee war also ungewohnt. Ungefähr nach dem Motto „Wissenschaft“ trifft „Leben“?

Ja, tatsächlich, in den ersten Jahren der Sinnforschung bekam ich fast durchweg Reaktionen von Kolleginnen und Kollegen, die lauteten: So etwas kann man doch nicht empirisch erforschen!, oder: Das ist schon sehr spannend, aber sicher nicht machbar!

Warum diese Vorbehalte?

Einerseits ist Lebenssinn sehr abstrakt und komplex. Andererseits verknüpfen viele Menschen mit dem Begriff ‚Sinn‘ etwas Esoterisches oder Religiöses. Verständlich: Der Sinnbegriff wird in der Selbsthilfeliteratur inflationär genutzt. Und die Religion galt über Jahrhunderte als primäre Sinnquelle.

Ein mit Sinn erfülltes Leben zu genießen, erscheint erstrebenswert. Aber gibt es nicht auch eine Kehrseite der Medaille? Könnte jemand einer menschenfeindlichen Ideologie anhängen und gerade dadurch eine besonders hohe Sinnerfüllung erlangen?

Ich bin mir sogar sicher, dass viele Personen, die einer aus unserer Sicht menschenfeindlichen Ideologie anhängen – wie zum Beispiel Mitglieder der ISIS-Miliz – eine äußerst hohe Sinnerfüllung aufweisen. Sie handeln ebenso wie wir aus der Motivation heraus, das Richtige, Sinnvolle zu tun.

Dass die Ziele und Inhalte dabei im Widerspruch zu denen anderer Menschen stehen, stellt nicht die persönlich erlebte Sinnhaftigkeit in Frage. Sinn ist radikal subjektiv, und eng mit dem eigenen Weltbild verwoben. Da gibt es Menschen, die die Verbreitung von Glaubensüberzeugungen über den Wert der Glaubensfreiheit oder der Unantastbarkeit der Menschenwürde stellen. Und dann mag ein Handeln wie das des IS stimmig und sinnvoll erscheinen.

Es wäre wenig hilfreich, das Sinnkonstrukt so zu ändern, dass man solchen Menschen die Sinnerfüllung absprechen kann. Viel wichtiger ist es, nachvollziehen zu können, warum Menschen Dinge tun, die uns falsch, böse oder sinnlos erscheinen. Nur so ist ein weiser Umgang damit möglich.

Ein beruflicher Burn-out, also das psychische Ausbrennen hinter einer scheinbar intakten Fassade, ist ein längerer Prozess. Kann der Einsatz Ihres Fragebogens, des LeBe, in der Karriereberatung aus Ihrer Sicht dazu beitragen, solche Veränderungen rechtzeitig zu erkennen?

Ja, wenn sich ein Burn-out ankündigt, so wird zuerst die berufliche Sinnerfüllung sinken; als nächstes werden die Werte der Sinnkrise im Beruf ansteigen. Dies sind relativ deutliche Indikatoren. Für tiefergehende Analysen bietet sich die Erfassung der Lebensbedeutungen an.

Welche Beziehung gibt es allgemein zwischen Burn-out und Lebenssinn?

Die psychologische Forschung zeigt, dass ein Burn-out vor allem dann wahrscheinlich ist, wenn eine Person mit hohen ideellen Erwartungen und Überzeugungen an die Arbeit geht. Dabei sieht sie in ihrem Beruf die Möglichkeit, persönlich relevante Lebensbedeutungen zu verwirklichen. Wenn sich nun ein Burn-out andeutet, kann der LeBe-Fragebogen hilfreich sein. Gibt es (noch) Lebensbedeutungen, die jemand als zentral ansieht und aktiv umsetzt? Was steht der Umsetzung entgegen? Welche Arbeitsbedingungen sabotieren die Verwirklichung dieser Sinnquellen? Oder gibt es vielleicht gar kein Engagement mehr?

Wie viele Menschen leiden denn an einer Sinnkrise?

Das sind relativ wenige, im Durchschnitt circa 4-5% der Bevölkerung. Sie vermissen Sinn in ihrem Leben oder Beruf und wissen nicht, wie sie ihn (wieder-) finden können.

Eine viel größere Zahl, etwa ein Drittel der Bevölkerung, kann als ‚existentiell indifferent‘ bezeichnet werden. Sie sehen keinen Sinn in ihrem Leben, haben aber auch kein Problem damit.

Und das ist auch in Ordnung, oder?

Eher nicht, nein, ich finde einen solchen Zustand recht bedenklich. Zumindest in unserem Gesellschaftssystem: Demokratie lebt von Teilnahme und Verantwortungsübernahme. Je mehr Menschen sich zurückziehen, sich nicht mehr involvieren, desto nachteiliger ist dies für die Gesellschaft.

Auch die Betroffenen selbst sind damit nicht glücklich. Unsere Daten zeigen zwar, dass sie nicht leiden, im Sinne von Angst, Depression oder Ähnlichem. Allerdings sind sie auch nicht besonders glücklich und zufrieden. Und vor allem finde ich kritisch, dass sie eine sehr geringe ‚internale Kontrollüberzeugung‘ aufweisen: Sie glauben, keinen Einfluss auf den Verlauf ihres Lebens zu haben. Stattdessen gehen sie davon aus, dass die Dinge vom Zufall bestimmt sind, oder von mächtigeren Anderen.

Was Sie zu berichten wissen ist spannend. Woran arbeiten Sie aktuell?

Ein Bereich ist der Sinn bei Atheisten und Agnostikern. Außerdem arbeiten wir am Phänomen der „existentiellen Indifferenz“. Also Menschen, die keinen Sinn in ihrem Leben sehen, aber zugleich kein Problem damit haben. Was uns dabei interessiert: Hängt das mit der Gesellschaftsform oder Kultur zusammen? Ist es ein Wohlstandsphänomen? Oder kommt es daher, dass man resigniert hat, weil die eigenen Zukunftschancen so schlecht sind? Außerdem: Wie gehen die Gesellschaft und die Politik damit um?

Sie haben nun bereits ein Jahrzehnt Daten zum Lebenssinn gesammelt. Was hat sich im Laufe dieser Zeit verändert?

Erstaunlicherweise hat es tatsächlich schon in dieser relativ kurzen Zeitspanne deutliche Veränderungen gegeben. Da ist die wachsende Anzahl von Graswurzel-Bewegungen. Also Menschen, die sich von marktwirtschaftlichen Zielen lösen und stattdessen Dinge tun, die sie für ethisch richtiger, für gesünder oder einfach ‚menschlicher‘ halten. Dazu gehören Tauschmärkte, Gemeinschaftsgärten, offene Werkstätten oder Räume, wo gemeinsam repariert, genäht, gestrickt, gekocht und gegessen wird.

Auch gibt es immer mehr Personen, die hochdotierte Posten aufgeben und stattdessen eine Arbeit aufnehmen, die mit deutlich weniger Geld und Status einhergeht, ihnen aber sinnvoller erscheint. Dies ist natürlich eine Minderheit. Aber die Tatsache, dass sich viele Berufstätige nach dem Sinn ihres beruflichen Handelns fragen, wurde in mehreren Studien der letzten Jahre bestätigt. Ebenso findet man seit ein oder zwei Jahren vermehrt Stellenanzeigen, in denen mit einer ‚sinnvollen Beschäftigung‘ geworben wird.

Wissenschaftliche Daten also, die Gesellschaftskritik nähren? Welche Hoffnung gibt es?

Mir scheint wirklich, wir haben in den letzten Jahrzehnten wie in einem Rausch gelebt: es ging immer noch mehr, höher, weiter, schneller. Dabei hat dieses Wachstum zunehmend Kollateralschäden verursacht: Umweltverschmutzung, soziale Ausbeutung, hohe Burn-out und Depressionsraten. Und nicht zuletzt hat nur eine Minderheit auf absurde Weise davon profitiert.

Aber offenbar kommen wir nun langsam zur Besinnung – auf das Wesentliche. Dieser Wandel verläuft langsam, ohne Aufstände und Rebellion. Immer mehr Menschen, vor allem die jüngeren, fragen nach dem ‚Warum‘.

Frau Schnell, herzlichen Dank für das Interview!

Zur Klärung von Sinnfragen arbeite ich in meiner Praxis für Karriereberatung mit dem LeBe.

Mehr lesen zum Thema können Sie hier: Job-Argumente: Fragen zum Sinn der Arbeit

3 Kommentare

  • Der Philosoph Volker Gebhardt hat aktuell dazu ein faszinierendes Buch veröffentlicht: „Der Sinn des Sinns. Versuch über das Göttliche“ ( http://www.amazon.de/Sinn-Sinns-Versuch-über-Göttliche/dp/3406669344)

    Er argumentiert (als Philosoph, nicht als Theologe), warum Glauben und Wissen kein Gegensatz ist und wie ein – indivudiuell subjektiver – Sinn auch und vor allem in der eigenen Auseinandersetzung mit dem Göttlichen bzw. Gott gefunden werden kann. Das macht nochmal eine größere Dimension auf als die Frage; „Wie erreiche ich Sinn in meiner Arbeit?“

    Antworten
    • Guten Tag Herr Väth,

      vielen Dank für Ihre Ergänzung. Die größere Dimension ist immer gut 🙂

      Beste Grüße,

      Christoph Burger

      Antworten

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