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22.01.2015 Bewerbung Karriereplanung

Die perfekte Bewerbung: Ideal oder Sackgasse?

Über den Aufbau, die Schriftart, die Wortwahl, über Anschreiben, Lebenslauf, Bewerbungsfoto und Zusatzseiten können Sie Ihre Bewerbung bis ins letzte tunen und pimpen. In diesen Optimierungs-Eifer brechen nun Stimmen aus der HR-Ecke, die das ganze Prozedere in Frage stellen. Was ist davon zu halten? Und was heißt das für Sie als Bewerber(in)?

Die perfekte Bewerbung unter Beschuss

Vor einigen Monaten nahm der Personalexperte Henrik Zaborowski (hier) kein Blatt vor den Mund: „Es tut mir auch Leid, aber ich kann es nicht mehr ertragen. Dieses schwachsinnige Geschreibe über die angeblich “perfekte” Bewerbung und wie toll, wichtig und notwendig sie doch für jeden Bewerber ist. Bullshit!“ Und weiter: „Eine Bewerbung muss nicht mal ansatzweise gut sein!!!! Außer, Sie bewerben sich als Bewerbungsratgeber! Aber für 99% aller Jobs in Deutschland darf die Machart einer Bewerbung nicht den Hauch einer Rolle spielen. Warum? Weil ich doch keinen Bewerbungsratgeber suche, sondern einen Buchhalter, einen Konstrukteur, einen Schweißer, einen Vertriebsleiter, einen Zahnarzt, eine Physiotherapeutin, einen Geschäftsführer. Und die brauchen für ihren Job andere Qualitäten.“ Wirklich gute Fotos bräuchten nur Modells, hervorragende Anschreiben nur Texter, eine blendende Gestaltung nur Designer.

Nun griff Svenja Hofert den Gedanken auf und auch sie bezeichnet das Bewerbungssystem (hier) unverholen als krank. Sie wählt ebenfalls kräftige Worte. „Diese Vorschreiberei einer Riege von Besserwissern, die auf Messen die Oberhoheit über Bewerbungen übernehmen will, regt mich auch auf. ‚Man macht das so und so, aber so auf keinen Fall‘ – diese Absolutheit in Aussagen war nie und wird nie meine Sache. Nur eine Seite Anschreiben, tabellarisch, mit Foto und so weiter. Fehlerfreiheit wird auch gern vorgeschrieben. Dabei machen Firmen auch reihenweise Fehler. Und sind fehlerfreie Bewerbungen auf einer gewissen Ebene irgendwie unnatürlich.“

Gelassenheit ist angemessen

Nun kann für Sie zum einen folgen: Atmen Sie durch! Machen Sie sich nicht verrückt! Das kann schon helfen und Gelassenheit in Bewerbungsfragen ist grundsätzlich angebracht. Deshalb lesen Sie auf diesen Seiten sehr viel über Qualifikation, Karriereplanung, Persönlichkeit – und wenig über die „perfekte Bewerbung“. Tipps bekommen Sie eher hier, auf meinem Schwesterblog. Doch auch dort werden Sie kaum absolute Gesetze finden. Und Sie erhalten in der Regel eine Begründung für meine Meinung. Wenn diese Begründung Ihnen einleuchtet, folgen Sie ihr, sonst nicht.

Haben Zaborowski und Hofert nun aber zugleich ein neues Zeitalter eingeleutet? Zerbröseln jetzt alle gängigen Normen? Sind alle Hinweise zur Bewerbungs-Optimierung sinnlos und in Kürze überfällig?

Bewerbungstipp: Mindest-Standard

Zunächst einmal wendet sich Henrik Zaborowski vorrangig an seine Kollegen in der Personaler-Ecke und empfiehlt ihnen – entgegen gängiger Praxis – weniger auf die Form und den Lack als auf den Kern und das Potential der Bewerber zu achten. Das bedeutet: Er ist zunächst mal eine Art einsamer Rufer. Nur wenn er in der Praxis Gehör findet, ändert sich die Praxis.

Zum anderen gilt auch bei Zaborowski grundsätzlich für immerhin fünf Prozent der Bewerbungen, dass sie optimiert werden müssen. Z.B. weil sie komplett unordentlich daher kommen. Mindest-Standards sollten Sie also gewährleisten.

Bewerbungstipp: Vorteil verschaffen

Was ist mit den 95 Prozent der ordentlichen, aber mehr oder weniger guten Bewerbungen? Hier können Sie davon ausgehen, dass ein Teil der Bewerber so gut qualifiziert ist, dass die Bewerbung überhaupt keine Rolle spielt. Arbeitgeber suchen sie händeringend und legen für eine Spezialistin oder einen Manager gerne mal zehntausend Euro auf den Tisch eines Personalberaters.

Beim anderen Teil der 95 Prozent kann eine Optimierung Vorteile verschaffen. Dennoch ist die Macht der Bewerbung vergleichsweise gering. Beruflicher Erfolg geht anders.

Die Erfolgsfaktoren der Karriere

Abgesehen von der Jobsuche über Netzwerke u.ä., möchte ich kurz erklären, was die wirklichen Erfolgsfaktoren der Karriere sind.

Wer in seinem Leben Umwege gemacht und sich ausprobiert, wer Irrtümer zugelassen, sich gerieben und gestritten und aus all dem gelernt hat, bringt die wichtigste Grundlage jedes Berufserfolgs mit: Persönlichkeit. Er oder sie besitzt die Fähigkeit, sich selbst zu steuern und eigene Entscheidungen zu treffen. Das ist die Grundlage jedes erfolgreichen Agierens im (Berufs-) Leben.

Sodann brauchen Sie eine passende Ausbildung: Zu Ihnen als Person passend, so dass Sie Spaß haben und sich gerne engagieren. Und zum Markt passend, also nachgefragt. Je nach Fach, sollten die Noten – und / oder Praktika, dies unterstreichen.

Der Berufsweg spielt natürlich eine Rolle: Aufstieg, Abstieg, Arbeitslosigkeit – wobei berufliches Pech einen unverschuldet ereilen kann und sich dies dann zumindest teilweise argumentieren lässt.

Je nach Job brauchen Sie außerdem Berufserfahrung, Sprachkenntnisse, Methoden-Know-how (EDV), Auslandserfahrung.

Sie meinen, das ist sehr viel? Schon richtig, es braucht so einiges für die Karriere. Aber die perfekte Bewerbung ist nicht dabei!

Das, was ich angeführt habe, das alles – ALLES!!! – ist wichtiger, als Ihre perfekte Bewerbung. Bewerbungsmängel lassen sich zudem schnell beheben – alles andere nur mühsam, nur schwer oder gar nicht.  Wo soll jemand auf die Schnelle verhandlungssichere Kenntnisse in einer Fremdsprache hernehmen? Oder die Weiterbildung und Erfahrung mit agilen Projektmanagement-Methoden? Wie kann man flott ein falsches Studium durch ein gefragtes ersetzen? Wo einen Angsthasen zum Leitwolf umschulen?

Deshalb berate ich meine Kunden vorrangig in Sachen Zielen und Strategien. Zum Beispiel: Welches sind geeignete Ziele für das gegebene Profil? Lässt sich eine Zielstelle mit dem jetzigen Profil erreichen – oder was braucht es andernfalls dafür?

Wenn die Ziele unrealistisch sind, dann sind sie es auch mit perfekten Unterlagen. Statt einer Bewerbungsoptimierung braucht es vielleicht eine Weiterbildung, ein Praktikum oder eine berufliche Zwischenstation. Damit wird das Ziel realistisch und man kann über die Bewerbungsformalia nachdenken. Wobei sie in diesem Moment, wenn die Voraussetzungen stimmen, wiederum kaum mehr eine Rolle spielen.

Der Grundfehler im Bewerbungsverständnis

Eines hat jedoch mit der Bewerbung zu tun und wird sehr selten verstanden. Ich meine nicht das umwerfende Bild oder den besonderen Schrifttyp. Nein, es geht mir um das Kommunikationsziel.

Konkret: Manche Bewerber sind für Jobs sehr gut geeignet. Man kann es ihrer Bewerbung aber nicht entnehmen! Weil sie Wichtiges unerwähnt ließen. Oder weil – wie fast immer – das Anschreiben nicht erklärt, wie man die Bewerbung lesen soll (dazu hier). Das Kommunikationsziel hängt eng mit dem Ziel überhaupt zusammen: Wer sich ein unrealistisches Ziel gesetzt hat, kann es mit noch so tollen rhetorischen Mitteln und raffiniertem Design nicht erreichen. Vielleicht kommt er oder sie zum Vorstellungsgespräch, weil die Bewerbung dermaßen beeindruckt hat. Aber spätestens dort – oder, vielleicht noch schlimmer, in den ersten Wochen im Job – klärt sich das Missverständnis auf: Hier sitzt der falsche Kandidat im Sessel.

Als Kommunikationsvehikel und Mittler zwischen Stelle und Kandidat erfüllt die Bewerbung eine wichtige Funktion – dabei wird es erstmal bleiben (vgl. Blogpost zur 1-Klick-Bewerbung).

Fazit

Dem Appell an Personaler, keine perfekte Bewerbung zu fordern, ist zuzustimmen. Für Kandidaten gilt mein Aufruf: Verstehen Sie die Bewerbung als Kosmetik, die aufzutragen den letzten Pfiff verleihen kann. Die aber nicht die innerlich leuchtenden Augen, die Lebensfreude und den gesunden Menschen ersetzen kann. Kümmern Sie sich um Ihre Bewerbung erst dann, wenn alles andere – Ihr Karriereplan, Ihre Ziele, Ihre Strategie – fest stehen.

 

 

Auch wenn ich natürlich gerne Bewerbungstipps gebe, ist mein Beratungsschwerpunkt aus den genannten Gründen die „Karriereplanung mit Persönlichkeitscheck“.



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Christoph Burger

Christoph Burger ist Diplom-Psychologe und Autor des Buches "Karriere ohne Schleimspur", das 2012 als eines der besten Managementbücher des Jahres ausgezeichnet wurde. Er arbeitet als Karriereberater in Herrenberg bei Stuttgart.

Kommentare zu diesem Beitrag

André Brückner  |   23. Januar 2015 um 09:14 Uhr

Herzlichen Dank für diesen Artikel und Ihre Einschätzung, die ich in vollem Umfang teile. Übertragen wir doch einfach mal die bisherige Praxis, Bewerbungs-Unterlagen so stark in den Mittelpunkt zu stellen, auf die Produktkommunikation. Dann würde das heißen: egal was das Produkt eigentlich ausmacht, mit diesem Rezept für die perfekte Anzeige wirst Du es verkaufen. Schon der gesunde Menschenverstand bekommt an dieser Stelle Ausschlag und Zuckungen.
Insofern sind Ihre Ausführungen wie aus dem Lehrbuch für gutes Marketing (nicht Werbung!). Die Summe macht’s. Dass wiederum alle Komponenten zueinander und in diesem Fall zu Bewerber und Job passen müssen, ist authentisches Marketing. Eine der wenigen Marketing-Formen, die nachhaltigen Erfolg am Markt ausmachen. Wie immer mehr Kunden, vor allem im Mittelstand, für sich entdecken. Warum also nicht auch der Bewerber?

Christoph Burger  |   23. Januar 2015 um 09:50 Uhr

Danke für diese interessante, ergänzende Sichtweise & schöne Grüße!

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