Porträt Christoph Burger
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13.04.2012 Karriereplanung

Bewerbungsfehler – Das Best of aus 15 Jahren

Seit über 15 Jahren berate und trainiere ich in Sachen Bewerbung – hier die Highlights der Bewerbungsfehler. Insgesamt wird klar, dass der Bewerbungsprozess hochkomplex ist. Schon kleine, aber entscheidende Fettnäpfchen, die überall lauern, können den Zugang zum erwünschten Job verbauen.

Der intensive Blick

Der Produktionsspezialist Ralf fiel mir durchweg positiv auf. Er machte in meinen Augen alles richtig beim Bewerben. Er nahm alle Stellenausschreibungen mit, die er bekommen konnte – aber beließ es nicht dabei. Nein, er recherchierte zusätzlich so viele in Frage kommende Arbeitgeber, wie möglich. Oft besuchte er vorab den Produktionsstandort, um sich ein Bild zu machen und seine Bewerbung individuell auszurichten. Tatsächlich absolvierte er ein Vorstellungsgespräch nach dem anderen. Ralf berichtete von guten, langen, intensiven Gesprächen, die er mit Geschäftsführern, Produktionsleitern und Personalern führte. Dennoch blieb ein konkretes Angebot aus.

Warum nur, fragte ich mich, während ich seinem Bericht vom letzten Vorstellungsgespräch lauschte. Ich fühlte dabei kurz in mich hinein. Dann schaute ich wieder Ralf ins Gesicht, der unvermittelt mit großer Intensität erzählte. Und plötzlich kam mir die Idee, warum Ralf immer Absagen erhielt. Beim Überprüfen meiner Gefühlswelt während des Zuhörens, hatte ich die ungeheure Anstrengung gespürt, die es mich kostete, dem Mann zuzuhören. Klar, er brachte Engagement mit. Aber das bis zu den Haarspitzen. Ich stellte mir vor, wie sich Ralfs Gesprächspartner fühlen mussten, nachdem sie ein Vorstellungsgespräch mit ihm absolviert hatten. Sie werden auf die Uhr geschaut und festgestellt haben, dass das Gespräch zu lange gedauert und ihren Tagesplan verhagelt hat. Außerdem werden sie völlig erschöpft gewesen sein.

Also teilte ich meine Gedanken mit Ralf und schlug ihm vor, folgende Regel zu beherzigen: Trotzdem es ein Interview ist, sollten die Befrager 50 Prozent der Zeit reden. Dazu haben sie ein Bedürfnis. Und tatsächlich war das Ergebnis: Drei Wochen später hatte Ralf fünf konkrete Angebote auf dem Tisch und konnte zwischen ihnen auswählen.

Das verhängnisvolle Zeugnis

Der Wirtschaftsingenieur Mark maulte rum, der Bewerbungskurs bei meinen Kollegen habe ihm nichts gebracht. Nach zwei Wochen wisse er nun lediglich, dass sein Zeugnis schlecht sei und das wäre alles. Beim genaueren Nachfragen erfuhr ich, dass der junge Ingenieur nach dem Studium erst einen einzigen Arbeitgeber gehabt hatte. Und das Zeugnis von diesem Job war schlecht. Und er wusste es nicht! Das ist eine Erkenntnis, für die man schon mal zwei Wochen seiner Arbeitslosigkeit in ein Seminar sitzen kann – selbst wenn man sonst nicht allzu viel lernt. Schließlich hatte er damit den Schlüssel für seine erfolglosen Bewerbungen gefunden.

Erprobte Unfähigkeit

Kai-Uwe hatte eine Ausbildung zum Koch und mehrere Jahre in diesem Beruf gearbeitet. Als ich ihn kennen lernte, kam er aus der Tätigkeit des Produktionshelfers. Die Idee war, das Bewerbungsziel zu ändern: Statt als Produktionshelfer sollte er es im Küchenumfeld probieren. Die Gastronomie bietet immer Chancen. Also habe ich ihm, dem Computer-Feind, Bewerbungen geschrieben,- durchweg mit Erfolg. Er bekam zahllose Einladungen zu Vorstellungsgesprächen und Gelegenheiten zur Probearbeit.

Dort arbeitete er wahrscheinlich genau so, wie er in unseren Gesprächen wirkte: Langsam, tröge, umständlich. Ich wusste nicht, was die letzten Jahre mit ihm passiert war, aber eines war klar: So würde er niemals als Koch eine Arbeit finden. Was blieb: Die Arbeitslosigkeit.

Sorry, nicht jede Geschichte hat ein Happy End. Bewerbungstechnik kann den Bewerber oder die Bewerberin maximal bis zur Probearbeit hin tragen. Wer dort regelmäßig versagt, kann einfach seinen Job nicht – da können wir Berater leiter auch nicht helfen.

Sichtbare Arroganz

Mittlerweile habe ich – wie viele langjährig tätige Kollegen – einen scharfen Blick für den ersten Eindruck. Jens kam den Gang entlang zur ersten Beratung und betrat den Raum in einer Weise, dass ich dachte: „Mann, ist der arrogant!“. Dann erzählte er, wie er mit anderen seit der ersten Stunde des Unternehmens dabei war. Er hat den 1000-Mitarbeiter-Betrieb aufgebaut und stand mit an dessen Spitze. „Und dann, Herr Burger, sitze ich letztens mit einem Personalchef zusammen. Der ist zwanzig Jahre jünger und erzählt mir einen. Was will der mir schon erzählen? Außerdem war der ein richtiges A-„. Trotz seiner Meinung über den „jungen Schnösel“ hätte Jens gerne ein Angebot von ihm gehabt. Tja, so geht es leider nicht. Wer die Arroganz dermaßen vor sich her trägt, wird kein Angebot erhalten. Zugegeben, kein alltäglicher Fall. Aber ab und zu kommt das vor. Und für ehemalige Spitzenleute, die sich wieder bewerben müssen, sind sicher einige Einheiten Selbsterfahrung sinnvoll.

Vorinformation ist Pflicht

Ich fuhr von Stuttgart nach Frankfurt, um dort ein Seminar zum Thema Vorstellungsgespräch zu geben. Die Anwesenden waren weiter angereist als ich. Und das vor allem für eine wichtige Erkenntnis. Alle waren vor dem Seminar äußerst erfahren darin, in Vorstellungsgesprächen durchzurasseln. Alle waren der Meinung, ein Vorstellungsgespräch sei dazu da, etwas über den Job und die Firma zu erfahren. Pustekuchen: Wer unvorbereitet hin fährt, fällt durch! Das Unternehmen möchte Mitarbeiter gewinnen, die motiviert sind „diesen Job in diesem Unternehmen“ zu machen. Dazu stellen sie seltsam anmutende Fragen wie z.B. „Wie kam es zu Ihrer Bewerbung bei uns?“ Man könnte antworten: „Ich bin arbeitslos. Sie haben einen Job angeboten.“ Und würde garantiert durchfallen. Die richtige Antwort gelingt auf der Basis der Vorab-Recherche: Warum will ich in dem Unternehmen arbeiten? Warum will ich diesen Job machen? Das will das Unternehmen wissen und so muss die Antwort strukturiert sein.

Fazit

Wie eingangs geschrieben: Der Bewerbungsprozess ist komplex. Sie können an Ihrer inneren Einstellung scheitern, an Unterlagen, an Zeugnissen, am Vorstellungsgespräch. Holen Sie sich ehrliches und professionelles Feedback. Dann haben Sie die Chance, sich erfolgreich zu bewerben. Denn es ist unmöglich, in diesem Blogartikel alle Fehlerquellen aufzuführen. Das Best-of bietet lediglich / jedoch einen Einblick: Amüsant, drastisch, facettenreich. Fehler aber bleiben viele möglich. Und sie müssen individuell geklärt werden.

Dazu passt: Warum ich keine Bewerbungsratgeber schreibe.



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Christoph Burger

Christoph Burger ist Diplom-Psychologe und Autor des Buches "Karriere ohne Schleimspur", das 2012 als eines der besten Managementbücher des Jahres ausgezeichnet wurde. Er arbeitet als Karriereberater in Herrenberg bei Stuttgart.

Kommentare zu diesem Beitrag

S. Kerner  |   19. April 2012 um 08:19 Uhr

Sehr unterhaltsame Berichte. 😉

Vielen Dank!

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