Als Daimler-Führungskraft in der Klemme: Ihre Handlungsoptionen

Die Affaire um die Werkverträge bei der Daimler AG rückt die Frage ins Zentrum: Wie sollten sich die Führungskräfte des Konzerns verhalten? Wie kommen sie aus der moralischen Klemme? Was können Sie als Führungskraft für ihre Karriere, was müssen sie für Ihr Gewissen tun? Fragen, die sich heute bei vielen Konzernen stellen.

Daimler und die Werkverträge – was bisher geschah

In der konkreten Situation bei Daimler ist der Umgang mit den Werkverträgen in der Kritik. Eine ARD-Reportage hat mittels versteckter Kamera gezeigt, dass über Leiharbeit und Werkvertrag ein Arbeiter am Band ein Drittel des Lohnes von Stammkräften bekommt – für die gleiche Arbeit. Der Konzern hat die Vorwürfe praktisch umgehend zurückgewiesen. Man habe sie ausführlich geprüft, da sei nichts dran. Im übrigen seien alle Führungskräfte gründlich geschult worden, wie mit Werkverträgen umzugehen sei. Letzterer Punkt wirft ein deutliches Schlaglicht auf die Absicht der Konzern-Spitze. Es bringt alle Führungskräfte in eine Klemme und wirft die Frage auf, wie sie sich daraus befreien können.

Das Dilemma der Daimler-Führungskräfte

Wohlgemerkt: Ein Dilemma existiert nur, wenn es überhaupt ein Problem mit Werkverträgen gibt. Dafür spricht die Rhetorik des Konzerns, wie ich hier argumentiert habe. Sollten meine Vermutungen stimmen, würde das bedeuten: Die Verantwortlichen ganz oben versuchen ihre Hände in Unschuld zu waschen. Der ganze Betrieb funktioniert inzwischen nur noch mit Werkvertraglern, aber verantworlich sein will niemand. Das Dilemma wird von oben Stufe um Stufe die gesamte Hierarchie herunter weiter gegeben. Auf jeder Stufe soll ein wenig Verantwortung hängen bleiben. Eine Art höhere Gewalt, fein verteilt, zwecks Pulverisierung der Verantwortung. Nur so kann ich mir die rätselhafte Reaktion des Konzerns auf die ARD-Doku erklären, in der die Schulung der Führungskräfte so sehr betont wird. „Wir haben euch geschult. Also seid ihr verantwortlich, nicht wir.“ „Ach, liebe Mitarbeiter, Sie wenden ein, Ihr Bereich würde ohne die Werkverträge gar nicht laufen? Tja, dazu haben wir Sie geschult. Lösen Sie das Problem!“

Profit oder Profit

Ähnliche Delegation von Verantwortung wird in fast allen größeren Unternehmen eklatant. Oft gibt es eine bedenkliche Firmenpolitik, deren Richtlinien oben bestimmt werden und Führungskräfte, die irgendwie damit klar kommen müssen. Beispielsweise mit folgenden Missständen: Im Pharma-Konzern mit der gezielten Teil-Veröffentlichung der durchgeführten Studien. Beim Handy-Hersteller mit der giftigen Rohstoff-Gewinnung in Afrika. Beim Saatgut-Konzern mit der unkontrollierten Ausbreitung von genveränderter Pflanzen. Beim Chemie- oder Stahlkonzern mit Werken mit mauen Umweltstandards. Bei der Mineralölindustrie mit der programmierten Verseuchung der Meere. Bei Modeketten mit den Arbeitsbedingungen in Bangladeshs Fabriken.

Der Unterschied von manchen dieser Beispiel-Unternehmen zu Daimler besteht wohl darin, dass es nicht um entfernte Gegenden der Welt oder um einzelne Teilbereiche des Unternehmens geht. Das Thema Werkvertrag ist täglich vor Ort präsent.

Ihre Karriere auf dem Spiel: Handlungsoptionen

Was bedeutet das für Sie als Führungskraft? Wie können Sie sich verhalten, wenn Sie ein Dilemma spüren und welche Auswirkungen wird Ihr Verhalten vermutlich haben?

1.) Wenn Sie sich radikal quer stellen, werden Sie sich von Ihrem Job verabschieden müssen.

2.) Sie können sich mit weniger Risiko täglich ein bisschen quer stellen.

3.) Sie können sich mittelfristig eine andere Stelle  suchen.

ad 1: Mit einer radikalen Weigerung, Ihrem Chef einen Teil seiner Verantwortung abzunehmen, riskieren Sie nicht nur Ihre aktuelle Stelle. Auch bei fast jedem anderen Unternehmen wird diese Haltung bestraft. Ihre Unterlagen werfen bei jeder auf Daimler folgenden Bewerbung die Frage auf, wieso Sie ihre Stelle verloren haben. Die hehre Wahrheit hilft leider nicht weiter. Teil jedes Angestellten-Jobs ist es nach der allgemeinen Karrieremechanik, solche Situationen auszuhalten. Die Alternative zur selbstbetriebenen moralisch-motivierten Kündigung wäre nicht besser. Sie würde bedeuten, dass Sie Ihre Arbeit wegen Unfähigkeit verloren hätten.

Fazit zum grundsätzlichen Querstellen: Die Option, reinen Tisch zu machen und zugleich Ihre Arbeitsstelle zu behalten, die gibt es nicht.

ad 2: Sie können sich durchaus täglich ein bisschen quer stellen. Ein wenig dumm nachfragen, wo es um bedenkliche Werkverträge geht. Eine Bemerkung fallen lassen, wie unwohl Sie sich mit der aktuellen Situation fühlen. Über den Unmut Ihrer Mitarbeiter berichten. Wenn Sie es nicht übertreiben und Sie sonst gute Arbeit abliefern, schadet Ihnen das nicht. Aber dennoch bringen Sie ein wenig Sand ins Getriebe. Die Wahl der richtigen Dosis bleibt Ihrem Feingefühl überlassen.

ad 3: Sie können sich mittelfristig auf die Seite der Kwerkarriere schlagen und einen moralisch gesehen besseren Job suchen. Es mag Unternehmen geben, in denen das geht. Oder Sie machen sich selbständig.

Meine Hoffnung ist, dass diejenigen, welche Option zwei oder drei wählen, letztlich dafür sorgen, dass die Missstände in den Unternehmen abgestellt werden. Nur mit einer aufrechten Haltung und wenn Sie Charakter zeigen, ändert sich etwas. Wenn Sie nur ihre Kirchgänge mehren, ändern Sie dagegen nichts. Dort, wo es zählt, sollten Sie handeln und das können Sie auch. Es kommen Kunden zu mir in die Beratung oder verändern sich ohne die Hilfe eines Karriereberaters aus Gründen, die wesentlich weniger schwer wiegen: Dem Wunsch, durch die eigene Arbeit mehr Sinn zu generieren.

Übrigens: In dem Maß, in dem Sie kein Sand im Getriebe von morlisch bedenklichen Praktiken sind, tragen Sie letztlich selbst Verantwortung. Nur so kann es gelingen, dass es am Ende 9200 Führungskräfte waren – bzw. kein einziger. Die hauptverantworlichen Vorstände, sollten sie erfolgreich verklagt werden, werden  auf den Markt verweisen und außerdem auf die Konkurrenz. Der Markt sind quasi wir alle und die Konkurrenz zeigt zurück. Nein, Sie müssen mitmachen bei der Sandproduktiion. Nur weil alle ein wenig mitmachen, gibt es Missstände. Wenn alle ein wenig weniger mitmachen, ändern sich die Dinge.

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