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01.08.2017 Psychologie

Ziel-Zeitplanung quergedacht

Haben Sie auch immer zu wenig Zeit? Erleben Sie vielleicht sogar eine quälende Zeitknappheit und fühlen sich ständig gehetzt und überlastet? Viele Regalmeter Ratgeber wollen hier weiter helfen. Warum sich dieses Hilfsangebot häufig als Illusion entpuppt und was Sie stattdessen tun können, erfahren Sie hier.

Zeitgefühl: Die Zeit ist relativ

Zeit lässt sich objektiv messen – jede Uhr beweist es. Eine professionelle Zeitplanung, wie sie Ratgeber und Trainings lehren, nimmt hier ihren Ausgangspunkt. So betrachten Sie ein bestimmtes Quantum objektiv bestimmbarer Zeit in Ihrem Kallender und teilen Ihre Aufgaben zu. Am besten priorisieren Sie vorher, so dass Wichtiges und Dringendes auf jeden Fall erledigt wird. Richtig so!

Allerdings lässt sich die Sache auch anders drehen: Unsere Lebenszeit steht zwar fest und sie lässt sich objektiv messen, davon zeugt jeder Grabstein. Die Qualität der gelebten Zeit ist aber relativ! Die Minuten im Arzt-Wartezimmer ziehen sich „wie Kaugummi“. Im Sprechzimmer vergehen die Sekunden „wie im Flug“, bevor die Mediziner auch schon wieder weg sind. Trotz dieses Unterschiedes: Wenn uns die Zeit viel zu knapp erscheint, erleben wir das am Ende des Tages als ähnlich unangenehm, wie wenn wir uns langweilen.

Wenn uns die Vermehrung der für uns „guten“, angenehmen Zeit interessiert, müssen wir uns daher auf eine andere Frage konzentrieren: Wann schätzen wir die verbrachte Zeit als erfüllend und wertvoll ein?

Wieso wird die Zeit immer knapper?

Auf der Suche nach der erfüllten und wertvollen Zeit kommen wir weiter, wenn wir ein anderes Phänomen betrachten: Woher kommt es, dass die Zeit immer mehr zu rasen scheint? Die Antwort findet sich zum einen in unserer Kultur. Wo Uhren den Takt bestimmen, ist die Zeit knapp bemessen. Manche brechen aus diesem Diktat der Gesellschaft aus und flüchten in die Natur. Tatsächlich steht dort auch nicht mehr objektiv messbare Zeit zur Verfügung; dennoch fühlen wir uns entspannter. Sich aus dem Getriebe auszuklinken, ist daher sicherlich ein guter Ansatz. Aber das geht nicht immer. Es gibt noch einen zweiten Ansatz, das zunehmende Vorbeirasen der Zeit zu verstehen:

Eine andere, scheinbar plausible Erklärung leitet sich aus der zunehmenden Lebenszeit ab. Für einen Zehnjährigen entspricht ein Jahr einem Zehntel seiner Lebenszeit. Für die Hundertjährige ist es nur ein Hundertstel. Diese Logik erscheint zwingend. Forschungen belegen aber, dass der Effekt der scheinbar schneller vergehenden Jahre im Alter von etwa 60 Jahren aufhört. Wissenschaftler wissen heute, dass das Zeiterleben mit der Intensität der gelebten Zeit zusammenhängt.

Wer zum Beispiel viele Gedanken, Wünsche und Hoffnungen zum Coach mitbringt und dort eine interessante Sitzung erlebt, wird diese Zeit fest im Gedächtnis abspeichern – eine intensive, herausgehobene Stunde. Zurück im Arbeitsalltag, wenn man zum x-ten Mal eine Routineaufgabe erledigt, finden sich später nur unwesentliche Prägungen im Gehirn. Die Tiefe der Gedächtnisspuren ist der Mittler unseres Zeitempfindens: Je gründlicher eine Erinnerung im Gedächtnis verankert ist, desto intensiver und erfüllter erscheint uns die verbrachte Lebenszeit.

Genau so erklärt sich der Effekt von der scheinbar immer schneller vergehenden Lebenszeit: Mit den Jahren nimmt die Routine zu. Mit zunehmendem Lebensalter scheint alles immer schneller zu gehen, weil vieles schon bekannt und Routine ist. Wir merken uns nur oberflächlich, was wir erleben, weil es sich bereits um die hundertste Wiederholung handelt. Am Ende rast scheinbar alles vorbei und man fragt sich, wo die (Lebens-) Zeit bloß geblieben ist.

Was am gängigen Selbstmanagement nicht stimmt

Richtig ist also: Jedem Menschen steht sein oder ihr objektives Quantum Zeit zur Verfügung. Verdreht unterwegs sind wir aber, wenn wir Menschen so ticken, als wären wir High-End-Prozessoren. Mehr Rechenvorgänge pro Sekunde erzeugt in uns nicht das Gefühl von Sinn und Befriedigung. Denn unser Zeitempfinden entspricht keinem objektiven, immer gleichen, einteilbaren und berechenbaren Fluss. Stattdessen schwankt unser Gefühl mit jeder Sekunde – und unsere Befriedigung auch.

Was also tun? Heute Morgen war ich leicht verdrießlich angesichts des Regens, der mich draußen empfing. Dennoch wählte ich das Fahrrad als Fortbewegungsmittel, um die anstehenden 15 km zurück zu legen (wie einmal die Woche). Denn objektiv vergeht zwar mehr Zeit, als wenn ich ins Auto steige. Mein Zeiterleben auf dem Rad ist für mich aber intensiver. Dadurch wird die Fahrt mit tieferen Gedächtnisspuren hinterlegt und ich habe am Ende des Tages das Gefühl, heute war ein reicher, erfüllter Tag.

Was ich hier am Beispiel beschrieben habe, bedeutet mehr, als die Prioritäten anders zu setzen. Nach dem gewohnten Ratgeber-Denken hätte ich ja sogar „Zeit verloren“, weil ich länger für die Fahrt benötige, als mit dem PKW. Nach gängiger Zeitplanung eine geradezu katastrophale Entscheidung!

Statt mich am Ratgeber-Schema zu orientieren, wählte ich meine gesamte Lebenszeit als Bezugsgröße. In Verbindung mit der Idee, möglichst intensiv zu leben, die Oberhoheit über mein Zeitempfinden bewusst auszuüben und zu nutzen. Ich will nicht das Gefühl eines Getriebenen haben, dessen Leben am Ende viel zu schnell vorbei ging.

Sicher bietet die übliche Ziel-Zeitplanung ein praktisches Tool innerhalb unseres Selbstmanagements. Aber dafür, wie wir unser Leben grundsätzlich angehen, hilft sie nicht weiter. Das hat auch nichts mit Prioritäten zu tun. Das Problem liegt woanders: Mit der Orientierung an der objektiv zur Verfügung stehenden Zeit führt konventionelles Zeitmanagement in eine Sackgasse.

Tipps für genug Zeit

Möchten Sie genug Zeit für ein erfülltes Leben, so können Sie folgende zusammenfassende Tipps nutzen:

Wer mit Achtsamkeitsübungen oder Meditation trainiert, sich auf den Moment zu fokussieren, schafft gute Voraussetzungen für ein intensives Zeiterleben. Diese Übungen können Sie dann nutzen, wenn es Ihnen ums bewusste Erleben geht. Beobachten Sie genau, wo Sie sind und was geschieht. Etwa die Landschaft, durch die Sie fahren. Machen Sie sich bewusst, dass dieser Moment nie wieder kehrt – er ist einmalig in Ihrem Leben. Und genaugenommen in der Welt überhaupt. Dies gilt für jeden Atemzug. Konsequenterweise setzt die Meditation üblicherweise beim Atem an.

Literatur: Marc Wittmann: Gefühlte Zeit. Kleine Psychologie des Zeitempfindens. C.H. Beck 2016.

 

 



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Christoph Burger

Christoph Burger ist Diplom-Psychologe und Autor des Buches "Karriere ohne Schleimspur", das 2012 als eines der besten Managementbücher des Jahres ausgezeichnet wurde. Er arbeitet als Karriereberater in Herrenberg bei Stuttgart.

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