Wozu ist unser Großhirn gut? Die Forschung zur Disziplin liefert ein neues Menschenbild

Der Mensch unterscheidet sich vom Affen durch seine überlegene Geisteskraft, die Fähigkeit zu rationalen Entscheidungen – das war Jahrtausende das Bild vom Menschen. Ein Irrtum, widersprach die neuere Gehirnforschung: Das Unbewusste habe das Zepter in der Hand. Doch die Forschung zur Disziplin legt wiederum ein anderes Menschenbild nahe.

Die ersten Jahrtausende

Beginnen wir in der Vergangenheit: Seit der Antike begriffen wir uns als Krone der Schöpfung. Der deutliche Unterschied zu allen übrigen Lebensformen soll dabei unsere Fähigkeit zum Denken und rationalen Entscheiden sein. Das veränderte sich zunächst nicht, als Ärzte damit begannen, Gehirne zu sezieren. Sie fanden ein beim Menschen vergleichsweise riesiges Großhirn. Die Sache schien klar: Der Mensch kann denken, er hat ein Großhirn, was andere Tiere so nicht haben, also sitzen das Denken und das Zentrum aller Entscheidungen im Großhirn. Ratio = Großhirn = Mensch.

Der Mensch wird wieder zum Tier

Ausgehend von den mittlerweile berühmten Libet-Versuchen 1979 bekam dieses Bild Risse. Benjamin Libet zeigte, dass bewusst geplanten Bewegungen immer ein Impuls aus den Unbewussten Gehirnteilen voran ging. Seither hat die Gehirnforschung (dazu) enorme Fortschritte gemacht. Ergänzend gab es schon länger psychologische Experimente, die die unbewussten Einflüsse belegten. Fazit: Das Zentrum der menschlichen Entscheidungen ist das völlig unbewusst arbeitende Limbische System. Der bekannte deutsche Gehirnforscher Gerhard Roth beschreibt das sich damit ergebende Bild so: Das Unbewusste entscheidet in der Regel alleine. Bei komplexen Fragen zieht das Unbewusste das Großhirn dazu, um einen Ratschlag ausarbeiten zu lassen. Diesen Rat meldet das Großhirn wiederum ans Limbische System zurück. Dieses beherzigt den Tipp – oder schießt ihn in den Wind. Das Großhirn dient somit einerseits als Gedächtnisspeicher. Andererseits als Großrechner für knifflige Fragen. Das wäre also der Grund, wozu der Mensch überhaupt dieses Großhirn entwickelte. Seine Weisheit bliebe allerdings im Limbischen System verhaftet. Der Vorteil des Großhirns eher technologisch, d.h. früher auf Werkzeugentwicklung und -gebrauch bezogen.

Evolutionäre Zweifel

Die Frage nach dem Nutzen der Großhirnrinde stellt sich verschärft, wenn man berücksichtigt, dass unser gut ein Kilogramm schweres Gehirn satte 20 Prozent des verfügbaren Sauerstoffs im Ruhezustand verbraucht – überproportional viel! Die Großhirnrinde benötigt sogar achtmal mehr Sauerstoff und Glukose als das übrige Gehirngewebe. Dies ist ein unglaublicher Nachteil im evolutionären Überlebenskampf. Denn schließlich musste dieser zusätzliche Energiebedarf der Natur und den Konkurrenten erst einmal abgetrotzt werden. Was ist der Vorteil des Großhirns? Wirklich nur die Fähigkeit ein paar komplizierte Dinge zu durchdenken und ein Monstergedächtnis? Im vortechnischen Zeitalter kein überzeugendes Argument!

Antworten der Evolutionsforschung

Die Evoulutionsforschung hat die Erklärung der technischen Intelligenz abgewogen und ebenfalls für zu leicht befunden. Sie gelangt zu einer anderen Lösung. Die Mehrheit der Forscher erkennt mittlerweile an, dass der Hauptvorteil des Menschen im Sozialen liegt. Konkret: Unser Gehirn befähigt uns zum engen Zusammenleben in einer Gruppe mit circa 150 anderen Menschen. Affen bringen es dank ihrer Gehirne immerhin auf Gruppengrößen von maximal 50, Halbaffen von maximal 10 Individuen. Selektionsvorteile für den Menschen ergeben sich dabei vor allem innerhalb einer menschlichen Gruppe. Wer besser überzeugen, lügen, argumentieren kann, setzt sich leichter durch und gibt seine Gene eher weiter. Der Vorteil gegenüber nichtmenschlichen Arten könnte ein purer Nebeneffekt sein. Halten wir jedoch fest: Ein Vorteil unseres Gehirns liegt in der ausgeprägten Fähigkeit, sozial zu denken.

Die Unfähigkeit des Affen zur Vorratshaltung

Wozu diese Kompetenz konkret dient, beleuchtet nun die Forschung zur Disziplin. Menschenaffen können ungefähr zwanzig Minuten in die Zukunft sehen. Während niedere Tiere sich ums Essen streiten, darf sich bei Schimpansen oder Bonobos das Alphamännchen diese Zeit über den Bauch vollschlagen.Toll, denn damit kann eine soziale Ordnung in der Gruppe etabliert werden. Die Tiergruppe kann bei der Jagd gemeinsam vorgehen. Zwanzig Minuten Zukunft reichen jedoch nicht für Pläne über die Mahlzeit hinaus. Obwohl die soziale Ordnung bei Affen beeindruckend ist und sie vieles sehr schlau angehen: Ihre Defizite erscheinen erschreckend groß, wenn man ihnen nur einmal am Tag Futter gibt, wie in einem Experiment geschehen. Zu Mittag erhielten die Tiere genug Futter für den ganzen Tag. Aber sie lernten nie, sich das Essen einzuteilen. Wenn sie satt waren, ignorierten sie das übrig gebliebene Essen oder bewarfen sich damit. Den nächsten Tag begannen sie hungrig, weil es ihnen nie eingefallen ist, sich Essen fürs Frühstück aufzuheben. Stellen Sie sich einen Moment vor, das wäre bei uns so. Dann müssten wir uns zurückhalten, unserem Chef keine Pommes vom Teller zu klauen!

Wechselspiel der Gehirnteile

Wie spielen nun Unbewusstes und Bewusstes zusammen? Gehen wir zur Beantwortung dieser Frage nochmals auf das Bild zurück, das die Gehirnforschung liefert. Stellen wir uns einen Schimpansen in der ersten Fahrstunde vor. Wir wissen, dass das Tier hier chancenlos wäre. Es könnte die Energie und Geduld nicht aufbringen, zuzuhören und den neuen Prozess schrittweise zu lernen. Uns gelingt dies mittels Großhirn. Wir hören dem Fahrlehrer genau zu und bearbeiten Schritt für Schritt, was er erklärt. In wenigen Minuten erläutert er uns einen Vorgang, den er selbst erst langsam gelernt hatte. So können wir rasend schnell begreifen, was andere mühsam herausfinden mussten. Während der weiteren Fahrstunden wird das Thema immer wieder bewusst aufgegriffen. Und nach einigen Wochen Fahrpraxis wandert der Vorgang ins Unbewusste: Wir starten, geben Gas, schalten, geben wieder Gas – alles automatisch.

Verlangt diszipliniertes Verhalten Mühe?

Um zu erklären, was die Forschung zur Disziplin so aufregend Neues heraus fand, beginnen wir bei dem alten Verständnis dieser Eigenschaft. Die Disziplin erscheint uns traditionell als Frage des Willens und der Ratio. Kennen Sie jemand, der sich gesund ernährt, täglich Sport treibt, seine Sachen in Ordnung hält und Vorsorge-Untersuchungen wie notwendige Inspektionen souverän einhält? Hört sich anstrengend an, oder? Wie kann der Mensch nur so diszipliniert sein, fragen wir uns. Eigentlich liefert unsere eigene Lerngeschichte die Antwort. Den Drang, anderen ihr leckeres Essen vom Teller zu stehlen, hatten wir als Kind durchaus. Damals wandten wir auch unüberlegt Gewalt an, wenn der Sandkastenkollege unser Förmchen wegnehmen wollte. Dank Müttern und Vätern haben wir gelernt, wie es besser geht. Und wir beherrschen dieses sozial angepasste Verhalten inzwischen mühelos. Doch zunächst brachte niemand dieses soziale Lernen mit der Disziplin des Erwachsenen zusammen.

Post Libet

Deshalb verblüffte die Forscher zunächst selbst, was sie heraus fanden: Genauso mühelos, wie wir uns als Erwachsene anpassen, leben disziplinierte Menschen. Willensstärke und Anstrengung kennzeichnen zwar den Beginn einer neuen, disziplinierten Verhaltensweise. Doch dann schalten unsere Vorbilder in Sachen Disziplin den Autopilot ein. Sie verzichten auf eine schlechte Gewohnheit zunächst per Willenskraft und Anstrengung. Nach einigen Tagen oder Wochen aber, wird das neue Verhalten für sie normal. Die Verhaltenskontrolle geschieht unbewusst. Die Disziplin wird ohne Anstrengung aufrecht erhalten. Sie läuft ebenso reibungslos wie das Handhaben von Schaltung, Gas und Kupplungspedal beim routinierten Fahrer. Die Kapazität des Großhirns wird frei für Neues. Impulse aus dem Unbewussten, sich anders zu verhalten, treten gar nicht mehr auf. Damit wird die theoretische Bahn frei, die ungeheure Bedeutung des Großhirns zu erfassen. Experimente, die zeigen, dass vollzogenen Handlungen immer Impulse aus dem Unbewussten voraus eilen (Libet), stehen dazu nicht im Widerspruch.

Rückgriff aufs Bewusste, wenn’s schwierig wird

Wie bedeutend das Großhirn ist, wird auch darin klar, wie wir mit veränderten Bedingungen umgehen. Was passiert dann mit der automatisierten Routine? In einer schwierigen Verkehrslage, oder wenn wir mit einem fremden Auto zurecht kommen müssen oder eine neue Firma betreten, können wir automatisierte Prozesse, wieder ins Bewusstsein holen. Wir schalten in den Lernmodus zurück, stoppen die Routinen und machen wieder bewusst, was zuvor automatisch gesteuert wurde.

Ein neues Menschenbild

Die Forschung zur Disziplin liefert ein neues Menschenbild. Wir müssen fast jede Situation unseres Lebens vor der Notwenigkeit sehen, Versuchungen zu widerstehen. Das passiert in den wenigsten Fällen bewusst. Das meiste unseres sozialen Verhaltens haben wir uns als Kinder und Jugendliche angeeignet. Jetzt, da wir als Erwachsene im Leben stehen, können wir uns auf die wirklich neuen Situationen konzentrieren. Wer ständig über Defizite aus der Kindheit stolpert, dem gelingt das freilich nicht. Wer jedoch eine gute Kinderstube genoss, der kann Schritt für Schritt weiter kommen. Werte festlegen und im Einzelfall anwenden, die Karrieremechanik verstehen und für die eigene Lage konkretisieren, die Argumentation ausbauen und anwenden. Wir können uns dann beruflich engagieren und dennoch das eigene Lebensglück und die Geschicke der anderen Menschen im Auge behalten. Und wer Hypotheken aus der Vergangenheit mitbringt? Der kann sich diesen selbstkritisch und ehrlich stellen und sie Schritt für Schritt bearbeiten. Dank Großhirn und der Fähigkeit zur Disziplin.

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