Olympia für den Alltag – Neue Erkenntnisse über die Eigenschaft Disziplin

Das olympische Fieber hat uns erfasst und wir staunen über die Spitzenleistungen der Athleten. So verschieden die Sportarten sind, haben doch alle Sportler eines gemeinsam: Sie haben hart und ausdauernd trainiert, kurz Disziplin bewiesen. Aktuelle Forschungen offenbaren ein völlig neues Bild dieser Eigenschaft – bis hin zur veränderten Einordnung der neueren Gehirnforschung.

Roy Baumeister entdeckt die Disziplin neu

Der Name Baumeisters war mir aus dem Psychologie-Studium noch ein Begriff: Einer der (relativ) wenigen Forscher, die schon damals herausstachen. Trotzdem betrachtete ich sein neues Buch mit Skepsis: „Die Macht der Disziplin“. Wahrscheinlich, so dachte ich, ein sinnlos gehypter, aber letzlich langweiliger Ratgeber. Außerdem war mir die Disziplin als deutsche Sekundärtugend verdächtig. Klar ist erfolgreicher, wer fleißiger ist, und? Bereits nach dem Lesen weniger Seiten des Buches ging jedoch die Aufregung mit mir durch: Was da stand, war völlig neu. Kein Ratgeber voll Plattheiten, nein, das Sachbuch eines Psychologen. Und statt immer kleinere Bestandteile von zerfaserten Theorien zu erforschen, wie in der Psychologie leider häufig üblich, entwarf hier einer ein kühnes Forschungsprogramm.

Es geht nicht um Fleiß und harte Arbeit – dass diese Faktoren den Erfolg begünstigen, war schon immer klar. Nein, es geht um die Selbstdisziplin, die jeder Mensch von Morgens bis Abends ständig braucht und die unser Leben bestimmt. Ohne sie würden wir Morgens liegen bleiben. Wir würden auch später nicht zur Arbeit gehen. Stattdessen die Küche leerfressen und bei jeder sich bietenden Gelegenheit unseren Sexualtrieb befriedigen. Das alles machen wir nicht.

Highlights der Forschung

Um Ihr Verständnis für die Disziplin zu mehren, im Folgenden einige Ergebnisse aus dem Forschungsprogramm.

1.) Über zwei Millionen Menschen weltweit bekamen einen Fragebogen mit 24 Stärken und Schwächen vorgelegt. Bei den Stärken landete die Selbstdisziplin auf dem letzten Platz. Bei den Schwächen lag sie vorne. Wir sollten also lernen, die Disziplin auch als Stärke zu sehen!

2.) Testpersonen wurden mit einem Beeper ausgestattet. Er piepte in zufälliger Zeitfolge und die Testpersonen sollten jeweils ihre Gedanken notieren. Zehntausende Notizen wurden ausgewertet. Das Ergebnis: Unser Wille ist nichts, was wir nur selten brauchen. Nein, er bestimmt unser Leben. Ein Fünftel unserer wachen Zeit sind wir damit beschäftigt, Versuchungen zu widerstehen. Doch das ist noch nicht alles: Wir brauchen den Willen auch, wenn wir Entscheidungen abwägen, wenn wir unsere Gedanken und Emotionen kontrollieren.

3.) Welchen Versuchungen widerstehen wir, welche bereiten uns Probleme? Das Bedürfnis nach einem Nickerchen, nach Sex oder Konsum bekommen wir relativ leicht in den Griff. Die kleine Mahlzeit zwischendurch und Softdrinks können wir schwerer vermeiden, Arbeitsflucht durch Fernsehen und Internet betreiben wir in der Hälfte aller sich bietenden Fälle – also extrem häufig!

4.) Was bestimmt die Noten von Studenten? Drei Dutzend Persönlichkeitseigenschaften wurden daraufhin untersucht. Mit einer Ausnahme wurden keine Zusammenhänge gefunden. Der Intelligenzquotient und der Hochschulzugangstest waren für Noten belanglos. Der einzige Zusammenhang bestand mit der Eigenschaft Disziplin!

5.) Es lassen sich vier Bereiche unterscheiden, in denen wir unseren Willen brauchen. Erstens die Kontrolle unserer Gedanken. Zum Beispiel müssen wir uns auf eine Statistik konzentrieren, statt an den Feierabend zu denken. Zweitens die Kontrolle von Emotionen. Beispielsweise um bei trauriger Stimmung nicht loszuheulen oder bei einer Beerdigung nicht zu lachen. Drittens die Impulskontrolle. Der Verzicht auf Alkohol, Tabak, Süßigkeiten, Sex. Viertens die Leistungskontrolle: Konzentration auf Aufgaben, Zeitabläufe, Zwischenziele.

6.) Willenskraft bringt nur auf, wer genug Glukose im Blut hat. Beispielsweise haben 90 Prozent aller frisch inhaftierten Straftäter unterdurchschnittliche Blutzuckerwerte. Alleine per Auswertung des Glukosestandes von entlassenen Straftätern kann die Rückfallgefahr mit 80 Prozent Sicherheit vorhergesagt werden.

7.) Wie entscheiden Menschen vor und nach dem Mittagessen? Untersucht wurden Ausschüsse bei Entscheidungen über Haftentlassung. Inhaftierte können nach einiger Zeit in Haft den Antrag stellen, begnadigt zu werden. Wenn der Aussschuss den ganzen Tag zusammen sitzt, trifft er sehr unterschiedliche Entscheidungen – je nach Magenfüllung der Richter, Sozialarbeiter und Psychologen. Den Straffälligen in Haft zu belassen ist die unproblematische Entscheidung, ihn frei zu lassen ist riskant. Nach dem Frühstück, einer Vormittagspause mit kleiner Mahlzeit oder nach dem Mittagessen, also bei gefüllten Mägen, trauen sich die Ausschuss-Mitglieder die riskante Entscheidung zu: 70 Prozent der Täter wurden begnadigt. Vor den Essenspausen waren es höchstens 15 Prozent.

8.) Bei Frauen wird die im Blut zur Verfügung stehende Glucose vor ihrer Mens ins Reproduktionssystem umgeleitet. Dadurch haben sie einen deutlich erhöhten Engergiebedarf und viele leiden unter Unterzuckerung. In diesem Zustand werden sie unleidlich, machen mehr Fehler, essen vermehrt Süßes. Abhilfe schafft die Zufuhr von Energie. Die meisten Frauen spüren das und nehmen dann beim Mittagessen durchschnittlich 870 Kilokalorien zu sich – 170 mehr als im restlichen Monat.

Zahlreiche Untersuchung beschäftigen sich damit, ob eine Willensanstrengung begrenzt ist und allgemein gilt. Tatsächlich ist das so: Es steht uns nur eine begrenzte Menge an Disziplin zur Verfügung. Und diese Menge betrifft alles, was Energie braucht. So kann es leicht sein, dass Sie nach einem Trauerfall vermehrt Fehler im Beruf machen. Oder Sie waren in der Mittagspause essen – ohne den Eisbecher als Nachtisch zu genießen, obwohl der Sie heute außerordentlich reizte. Sie werden hinterher weniger Geduld mit Ihren Mitarbeitern haben. Übrigens ist es völlig egal, ob Sie den Eisbecher letzlich essen oder nicht – alleine das Abwägen der Möglichkeiten schwächt Ihre Willenskraft.

Was Sie für Ihre Karriere tun können

Die Willenskraft lässt sich trainieren. Sportler haben bewiesen, dass Sie über eine hohe Disziplin verfügen und sind deshalb bei den Unternehmen beliebt. Sie können Ihre Willenskraft ebenfalls trainieren. Wie? Spannender Weise fand man heraus, dass es um das Angreifen von Gewohnheiten geht. Also: Zähneputzen mit links, sich immer wieder ans gerade Sitzen erinnern. Dadurch vergrößert sich die Menge an Kraft, die Ihnen täglich zur Verfügung steht. Weitere Tipps:
Erstens: Treffen Sie keine wichtigen Entscheidungen, wenn Ihre Willenskraft erschöpft ist. Sie werden es hinterher bereuen. Zweitens: Sorgen Sie vor prekären Situationen dafür, dass Sie mit ausreichend Willenskraft antreten – und mit genügend gefülltem Magen.

In den nächsten Artikeln werde ich die Frage behandeln, was die Wiederentdeckung der Disziplin für die Gehirnforschung bedeutet und was Diät-Interessierte lernen können.

2 Kommentare

  • Hallo Herr Burger,

    was für ein toller Artikel! Meine Erfahrungen als Trainerin, Coach und Therapeutin decken sich hundertprozentig mit Ihren Aussagen. Willenskraft ist eine begrenzte Ressource und es lohnt sich, sie sehr bewusst an den richtigen strategischen Punkten zu investieren. Außerdem kann ab und zu auch schon präventiv ein gezielter Glucoseschub vor absehbaren großen Willensinvestitionen hilfreich sein.

    Mit herzlichen kollegialen Grüßen von Tübingen nach Stuttgart

    Angelika Heinrich

    Antworten
    • Hallo Frau Heinrich,

      herzlichen Dank für Ihren erfrischenden Kommentar und die Blumen.
      Und für Ihre Ergänzung – denn den präventiven Glucoseschub hatte ich noch nicht auf dem Plan. Klingt aber sehr gut, v.a. für Freunde des Süßen 😉

      Beste Grüße,

      Christoph Burger

      Antworten

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