Porträt Christoph Burger
Xing-Symbol Twitter-Symbol Facebook-Symbol Symbol RSS-Feed
23.02.2011 Karriere mit Charakter

Wenn chinesischer Drill in unsere Pisa-Wunde sticht

Wenn eine Mutter ihre Kinder verplant, sie beleidigt und herabwürdigt, dann sind wir mitten in der Erziehungswelt der US-Professorin Amy Chua. Trotz erstem Schreck müssen wir aufpassen, dass Chua uns nicht als Rettung erscheint.

Vor zehn Jahren schockierten uns die ersten Pisa-Ergebnisse. Seither gab es viele Aktionen aber wenig Ideen einer besseren Erziehung. Chua meint: Kinder besäßen einen natürlichen Hang zur Faulheit. Sie wüssten nicht, was für sie gut sei. Doch chinesische Mütter haben eine Antwort. Spitzenleistungen und absoluter Gehorsam sind ihre grundlegenden Werte. Sie bereiten eine höchsteffektive Horrorwelt nach dem Motto: Wie ruiniere ich das Leben meines Kindes in 10.000 Stunden? Diese Anzahl an Übungsstunden, so ergab die Forschung, ist notwendig, um ein High-Performer in seinem Gebiet zu werden. Sei es nun das Geigenspiel, die Malerei oder das Programmieren von EDV-Programmen.

Wieso provoziert uns die chinesischstämmige US-Professorin derart? Wieso können wir ihre Aufzucht-Station für Genies nicht einfach links liegen lassen? Unser größtes Problem ist: Alles, was wir seit den ersten Pisa-Ergebnissen unternommen haben, sind rührige Versuche ohne pädagogische Idee. Zusammen fassen lässt sich das ganze Greul in zwei Lettern: G8. Chua wäre exakt das Gleiche, nur mit einer anderen Zahl: G4!

Das gerade Gegenteil davon ist der Kwerkarriere-Ansatz. Geht es bei Chua darum, den Willen der Kinder zu brechen, will Kwerkarriere ihren Eigensinn entwickeln. Setzt Chua auf das Erfüllen vorgegebener Normen, geht es bei Kwerkarriere um das Eröffnen neuer Perspektiven. Will Chua die perfekte Kopie des Lehrerdenkens, setzt Kwerkarriere auf Selbstdenker.

In der TV-Diskussion „hart aber fair“ zum Thema stellte sich der Ober-Deutschlehrer Wolf Schneider auf die Seite der Chinesin. Denn wir bräuchten keine Million Selbstdenker. Wir benötigten ein paar davon an der Spitze. Der Rest der Menschen müsse schlicht arbeiten. Schneider kramt damit ein völlig verstaubtes Bild aus dem Keller. Die Anforderungen moderner Unternehmen an ihre Mitarbeiter trifft er damit so ungenau, wie das Bildnis eines röhrenden Hirsches den heutigen Kunstgeschmack. Wenn ein Unternehmen nur einen Selbstdenker hat, geht es heute unter.

Der Grund dafür, dass wir trotz unserer kleinen Anzahl deutschsprechender Menschen weltweit Erfolg haben, ist, die geringe Menge an Kopisten. Und die – relativ – große Schar kreativer Denker. Zornkönige und Kwerkarrieristen machen selbst Fehler noch zum Zündfunke kreativer Ideen. Das chinesische Modell ist auch im rückwärtsgewandten Denken europäischer Spitzenleute präsent. Dabei hat es eine deutliche Schwäche: „Die Achillesverse des chinesischen Erziehungsstils ist sein Umgang mit dem Scheitern: Diese Möglichkeit ist einfach nicht vorgesehen.“ erkennt Chua in ihrem Buch (Die Mutter des Erfolgs, S. 158).

Die chinesische Tigermama sollte uns daran erinnern, was nötig ist.  Jeder geschickt konstruierte kreative Hebel zwingt roboterhaftes Handeln in seine Grenzen. Entscheidend ist, sich von punktuellen Drill-Erfolgen und ihrer schlichten Botschaft nicht irritieren zu lassen. Leben Sie die Kwerkarriere!



Tags:
Porträt Christoph Burger

Christoph Burger

Christoph Burger ist Diplom-Psychologe und Autor des Buches "Karriere ohne Schleimspur", das 2012 als eines der besten Managementbücher des Jahres ausgezeichnet wurde. Er arbeitet als Karriereberater in Herrenberg bei Stuttgart.

Schreiben Sie einen Kommentar!

Ich bin damit einverstanden, dass meine Daten zur Speicherung des Kommentars vearbeitet werden. Weitere Informationen und Widerrufshinweise finden Sie in der Datenschutzerklärung.
* Pflichtfeld / ** Wird nicht veröffentlicht!