Vorwärts-Fußball und die Missgeschicke des Lebens

Wie konnte das geschehen? 4 zu 0 nach 60 Minuten Rausch-Fußball und dann noch in ein 4:4 und damit in die gefühlte Niederlage rutschen? Die Ratlosigkeit nach dem Spiel der DFB-Auswahl gegen Schweden ist ein Lehrstück dafür, wie unser Gehirn funktioniert.

Unser Gehirn liebt Helden

Ein Grund für die Beliebtheit des Fußballs ist: Es geht dabei um  großartige und tragische Geschichten. Wir lieben Helden. Unser Gehirn liebt Heldengeschichten. Der Erfolg der Menschheit rührt auch daher: Wir bewundern Heroen, die Großes leisteten. Und wir besitzen die Phantasie, uns selbst als künftige Größen zu sehen. Indem wir Vorbildern nacheifern, beflügeln wir unsere eigenen Fähigkeiten. Wenn wir dann beharrlich am Erfolg arbeiten, werden wir belohnt. Befragt, wie wir es so weit bringen konnten, erzählen wir jedoch weniger von Arbeit als von Genie. Die nächste Heldensaga macht die Runde. Die zähe Arbeit hinter dem Triumph wird vernachlässigt. Genauso passierte es der DFB-Auswahl. Berauscht vom eigenen Zauberfußball der ersten Stunde, ließen sie die Weiterarbeit saußen. Genie ersetzt aber keine Arbeit! Dennoch stellt sich die Frage: Wie konnte das passieren? Das gab es doch noch nie?!

Die Zukunft ist ungewiss

In unserem Gehirn steht direkt neben dem Altar für die Helden jener, auf dem wir der Vergangenheit huldigen. Das tun wir, indem wir die Vergangenheit in die Zukunft verlängern. So, wie es früher war, wird es wieder kommen, denken wir immer. Auf den Fußball bezogen: Noch nie hat ein Profi-Team einen 4:0-Vorsprung in nur 30 Minuten vergeigt. Also wird das nicht vorkommen. Die deutschen Spieler fühlten sich sicher, trotzdem die Schweden ein Tor nach dem anderen schossen. Kam doch noch nie vor! Genauso verkaufen sich z.B. Bücher bestens, die behaupten, die Erfolgsrezepte von Promis oder raketengleich gestarteten Unternehmen preis zu geben. Auch hier wird letztlich die Vergangenheit in die Zukunft verlängert. Obwohl das auch hier nicht funktioniert, werden wir davon magisch angezogen.

Wie ist lernen aus der Vergangenheit möglich?

Tatsache ist: Wir können nur die Vergangenheit als Anhaltspunkt für unser Leben heran ziehen. Über einen direkten Blick in die Zukunft verfügen wir nunmal nicht. Fakt ist auch: Wir leben trotzdem vorwärts. Anders gesagt: Die Erfolgsrezepte der Vergangenheit funktionieren in der Zukunft nicht. Und diejenigen der Zukunft sind heute noch nicht bekannt. Als Bill Gates sich in den 70er-Jahren nachts aus dem Haus schlich, um in der Uni zu programmieren, sahen seine Zeitgenossen dies als verrückt an. Erst im Rückblick wird klar, dass diese Verrücktheit das Erfolgsrezept war, um reich und berühmt zu werden. Ein Tipp für die Zukunft lässt sich daraus nicht ableiten – außer dies: mit Selbstgefühl und Disziplin bei der Sache zu bleiben. Eben: Viel Arbeit. Das, was die deutschen Nationalspieler beim Spiel gegen Schweden in den letzten 30 Minuten vernachlässigten. Lässt sich sonst aus der Vergangenheit nichts lernen? Doch, aber ganz anders, als unser Gehirn es uns glauben macht.

Statistik statt Saga

Es gibt statistische Zusammenhänge, die wir berücksichtigen sollten. Unser Gehirn neigt nicht dazu, denn es bevorzugt Einzelfälle, Anschauliches, Menschen. Nach dem Spiel sagten die Spieler immer wieder fassungslos: „Das gab es noch nie“, und stellten fest: „Ich weiß nicht, wie das passieren konnte“. Damit lieferten sie den Schlüssel: Weil es noch nie vorkam, sahen sie diese Möglichkeit nicht voraus. Sie glaubten einfach nicht daran, dass ihr reduzierter Einsatz im Verbund mit dem Pech, dass der Ball nun immer den Schweden vor die Füße fiel, ihnen tatsächlich den Sieg rauben könnte. Weil sie ihre Zukunftsvorhersage aus einzelnen Geschichten der Vergangenheit zusammenbauten, vernachlässigten sie die statistische Regel: Wer viel rennt, gewinnt eher.

Drastische Niederlagen erweitern den Horizont

Noch eine andere Geschichte schrieb dieses Spiel. Direkt danach bereits lieferte Mehmet Scholl die zutreffende Analyse. Erstens: Die Spieler können bestens aus diesem Spiel lernen, dass so etwas nie wieder vorkommt. Schon oft verspielte das deutsche Team einen entscheidenden Sieg – aber nie so krass und deutlich. Diese Erfahrung sitzt nun – hoffentlich – endlich! Ebenso leisten wir uns andernorts Fehlverhalten, weil es bisher immer trotzdem noch irgendwie gut ging – wie im Straßenverkehr und bei der Berufsplanung. Durch das historische Ereignis einer eindrücklichen (gefühlten) Niederlage aber können die Spieler die wesentlichen Regeln eher ins Gehirn bringen: Wer die disziplinierte (Fußball-)Arbeit aufgibt, kann selbst einen riesigen Vorsprung verlieren. Ebenso wie Sie nach einem Verkehrsunfall vorsichtiger fahren oder nach einer Kündigung den Arbeitsmarkt anders einschätzen. Selbst erlebte Einzelfälle prägen uns eher, als statistische Größen.

Kollektive sind besser

Zweitens: Den Sieg verspielte ein Kollektiv. Ebenso wie das Kollektiv die ersten vier Tore erarbeitete. Es waren keine einzelnen, tragischen Fehler oder Taten großer Helden. Alle gewannen erst und gaben dann gemeinsam nach. Scholl bringt damit den Grund-Streit um den modernen (deutschen) Fußball auf den Tisch. Er beschreibt, was sich verändert hat: Heute gibt es flache Hierarchien, ein Verteidigen aller und ein Umschalten auf Angriff der ganzen Mannschaft. Konzeptfußball, in dem jeder seine Rolle hat. Das ist modern und erfolgreich. Was hätte Oliver Kahn gesagt?

Was Kahn so denkt

Kahn hätte bemängelt, dass es keine Führungsspieler gibt, keine Typen mit knüppelharter Einstellung. Wäre er als Aktiver im Tor gestanden, er hätte seiner Mitspieler nach den ersten zwei Gegentoren dermaßen angeschrien und physisch angegangen, dass sie sich derart wachgerüttelt keine Fehler mehr getraut hätten – sie hätten weiter gearbeitet. Auch Ballak als Kapitän wäre extrem ungemütlich geworden. Anders gesagt: Kahn und Ballak stehen für den alten Fußball. Sie sind bewährte Recken, die ihre Zeit hatten. Wer mit solchen Rezepten aber die Zukunft gestalten will, fällt wiederum auf sein Gehirn herein. Nur, weil eine Prise Heldentum, also Wille, Charakter und unbedingter Einsatz, uns heute noch weiter bringt, kehrt das die Entdeckung der letzten Jahre nicht um: Kollektive, in denen alle viel leisten, sind besser. Unternehmen, in denen dank flacher Hierarchien viele statt nur wenige ihre Ideen einbringen können, sind erfolgreicher. Eine Prise überragender, willensstarker Einzelkämpfer kann den Unterschied machen. Das Fundament daraus gießen, wäre jedoch auf Sand gebaut.

Schlüsse für die Karriere

Für die Einzelkarriere können wir schließen: Vertrauen Sie weniger auf Persönliches, als auf die Statistik. Arbeiten Sie fleißig und mit Selbstdisziplin an der Verwirklichung Ihrer Ziele, dann werden Sie die Erfolgswahrscheinlichkeit wesentlich erhöhen. Charakter ist gefragt, weil man damit den Unterschied macht. Doch ohne harte Arbeit bringt auch die geniale Anlage nichts.

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