Vom Herzchirurgen zum Fernfahrer

Zweifellos hat der Schweizer Markus Studer einen merkwürdigen “Spurwechsel” hingelegt. Ohne jede Not hat er einen Beruf mit höchstem Status gegen einen mit schlechtem Ansehen und Einkommen eingetauscht. Was steckt dahinter?

Am 27.05.2011 berichtet Studer im Nachtcafe (SWR-Fernsehen) von seiner Faszination Fernfahrer. Er nennt die herrlichen Landschaften, durch die er fährt. Die Wechsel des Klimas, die idyllischen Übernachtungsplätze. Auch im passenden Buch des Journalisten Markus Maeder, der eine Woche mitgefahren ist, schwärmt Studer: “Schau mal, wie schön, durch die Apfelbäume zu fahren. kaum Verkehr, und von unserem Hochsitz aus eine Übersicht über das Straßengeschehen bis zum Horizont mit der verschneiten Alpenkette. Wenn du das nicht mehr genießen kannst, musst du aufhören” (S. 77). Auch die Übernachtungsplätze werden gewürdigt: “Eine Nacht lang stehst du im Hafen von Rotterdam, die nächste Nacht duftets nach Harz zu Füßen des ewigen Schnees von Eiger, Mönch und Jungfrau im Berner Oberland. Kein Tag ist wie der andere.” (S. 78f).

Vom letzten Sommer weiß er zu berichten, dass er jeden Abend in einem anderen Wasser badete: Montags “in einem See in Bielefeld, am Dienstag bei Hüningen im Rhein, am Mittwoch in der Aare bei Rothrist und am Donnerstag im Baldeggersee. Überall war entweder Parkieren oder Baden verboten. Entschädigen solche Augenblicke nicht für manche Stunde im Stau!” (S. 79)

Studers Kollege sieht den Job weniger positiv. Fernfahrer Walo beschreibt das Ansehen ihres Jobs im selben Buch so: “wir sind ja fast, das kann man schon sagen, Geächtete, Aussätzige, am Rand der Städte, wir stinken nach Pisse, nach Scheiße und Diesel, denkt mancher, ohne uns näher zu kennen. Wir haben herzuhalten als Sündenböcke für Staus, für die Verstopfung der Straßen, für den Klimawandel… Einfach für alles. Man hält uns für die Parias der Gesellschaft, die Aussätzigen, …” (S. 25) Über den Alltag sagt Walo: “du kommst nicht ins Kino und nicht ins Konzert. Wann habe ich das letzte Mal zu steifen Servietten anständig gegessen? Es gibt so viele verkrachte Existenzen auf diesen Böcken. Geschieden, keine Kinder, keine Liebe, nur fahren, fahren, einsam in ihrer Kabine.”(S. 66).

Der Journalist Maeder berichtet von seiner Tour auf Studers Beifahrersitz: “Zum ersten Mal in dieser Woche gibts richtig zu essen. Statt Joghurt, Schokoladenriegel, Kekse und Cola aus der Dose eine von Hand zubereitete Mahlzeit an einem Tisch, genau wie bei anderen Leuten.” (S. 92.) Weiter: “Irgendwo … fahren wir zur nächsten Raststätte, die so öde ist wie jede andere auch. Markus liest ‘Metro’, ich höre auf das Knurren des Magens. Gegessen haben wir den ganzen Tag noch nicht wirklich, doch hinter dem Glas der Theken schwimmt alles im Fett, sodass wir uns mit Kaffee begnügen. Endlich ein Kaffee. Beim Tanken in Amsterdam haben wir uns das nicht leisten können. Zeitlich, meine ich.” (S. 169) Weiter geht es um frühes Aufstehen, Staus, dem Verschieben jeder Freude – wie z.B. tolles Baden an idyllischem Ort.

Walo und Maeder bestätigen also, was landläufige Meinung ist: Der Fernfahrer-Job ist nicht sonderlich attraktiv. Der freiwillige Fernfahrer Studer ist auf einem anderen Weg zu verstehen.

1.) ist er von jeher fasziniert vom Automobil.
2.) Er kann es sich leisten, ist finanziell abgesichert.
3.) Er macht es freiwillig: Ein und dieselbe Tätigkeit wird völlig anders erlebt, wenn einer sie aus freien Stücken macht, der andere aber muss.
4.) Herzchirurg ist auch kein Traumjob, wenn man ihn näher betrachtet, wie ebenfalls dem Buch Maeders zu entnehmen ist.

5.) Was Trucker allgemein bestätigen, ist auch für Studer ein Grund: Trucken macht süchtig. Ob das allerdings ein guter Grund ist, darf bezweifelt werden.

Interessant ist Studers Biographie alle mal. Das Buch gibt indessen wenig mehr Auskunft über Studers Kwerkarriere. Schade. Auf jeden Fall verschafft er einen neuen Blick auf den Fernfahrerjob. Und ich würde weiterhin jedem, der meint, Berufskraftfahrer werden zu müssen, mindestens zehn Tage Probe-Mitfahrt empfehlen. Wer dann immer noch will, wird vielleicht wirklich so glücklich wie Markus Studer. Und wenn er zwanzig Jahre Herzchirurgie hinter sich hat, kanns auch nicht schaden.

Hier der Link zum Nachtcafe-Interview (der Part mit Studer beginnt gleich nach dem Vorspann bei 1:00 Minute Sendezeit und dauert gut sechs Minuten.)

Hier der Link zum immerhin günstigen Taschenbuch Maeders über Dr. Studer.

2 Kommentare

  • einerseits kann ich den herr doktor vielleicht verstehen, andererseits nun gar nicht.
    ich habe den berufszigeuner selber 20 jahre gemacht… will gar nicht abstreiten das bestimmt 7-8 jahre dabei waren die mir spaß gemacht haben. manchmal fehlt mir dieses zigeunerleben aus dem ich mich vor 2 jahren zurück gezogen habe. weil es meines erachtens nichts unattraktiveres mehr gibt. was gibt man alles auf…privat zb… meine frau u ich haben uns nicht vor längerem ein neues haus gekauft damit ich es nur alle 2-3 wochen für paar tage bewohnen kann. meine meinung ist… man verliert zuviel… privat…soziales umfeld…freunde.. und dass beste… die bezahlung kann meist nicht mieser sein. aber wer meint sich 15 std am tag audbeuten zu lassen, ob freiwillig wie der herr doktor oder nicht… bitte sehr.
    jeder hat andere ansichten von glück und zufriedenheit. meine sehen anders aus, auch wenn mir dass “trucken” manchmal fehlt !

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    • Danke für Ihren Kommentar! Was einer beruflich am liebsten macht, muss und darf er selbst entscheiden und wer letztlich beim “Traumjob” landet, hat alles richtig gemacht – egal, was die anderen sagen 😉

      Beste Grüße,

      Christoph Burger

      Antworten

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