Porträt Christoph Burger
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22.03.2017 Persönlichkeitsentwicklung

Trump: Hochbegabung und Dämlichkeit schließen sich nicht aus

„Er ist hochbegabt!“- das jagt uns Ehrfurcht ein. Seit über 100 Jahren wird der Intelligenz-Quotient gemessen und ist inzwischen zum Mythos geworden. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, wir streben die Perfektion an und Medien sorgen dafür, dass wir uns mit anderen vergleichen können. Kein Wunder, das die Hochbegabung bei uns Neid und Bewunderung hervorruft. Donald Trump ist das beste Beispiel dafür, wie sehr wir hier in der falschen Richtung unterwegs sind.

Donald Trumps IQ

Ein Artikel der Zeitung The Mirrow nennt die Schätzung von Donald Trumps IQ von 156 – was bedeutet das? Der Intelligenz-Quotient liegt im Schnitt bei 100. Die meisten Menschen haben daher einen Wert, der etwas darunter oder etwas darüber liegt. Je weiter die Abweichung vom Mittelwert, desto seltener kommen Menschen vor, die diesen Wert aufweisen. Mit Anstrengung kann man einiges an Begabung kompensieren, um im Leben erfolgreich zu sein. Mit Faulheit einiges verlieren. Ist jemand weder besonders fleißig noch faul, hat keine besonders unfairen Lehrer oder ist Günstling einer Lehrerin, liegt er mit einem Wert von circa 106 bis 108 auf mittlerem Realschulniveau, bei 112 bis 115 auf mittlerem Abiturniveau (dies sind nur circa-Werte, damit Sie einen ungefähren Anhaltspunkt haben!).

Eine interessante Grenze markiert der Wert 120. Er ist deutlich überdurchschnitlich (90 Prozent der Menschen liegen niedriger). Ab hier geht die Forschung davon aus, dass „alles möglich ist“. Z.B. das Erringen der Nobelpreiswürde. Ob ein Forscher letztlich diese Hürde nimmt und damit einer von Millionen ist, die sich dies erträumen, hängt von anderen Faktoren ab (Kreativität, Teamfähigkeit, Forschungsgelder, Glück, Zufall etc.). Ein weiterer interessanter Wert ist ferner die 130. Wessen gemessener IQ derart hoch ist, der lässt 98 Prozent der Menschen hinter sich und darf in den internationalen Mensa-Club der Hochbegabten eintreten.

Kehren wir zurück zu Trumps IQ: Sie können an den genannten Anhaltspunkten ermessen, dass dieser Mann, der die Welt derzeit in Atem hält, mit 156 einen ganz außergewöhnlich hohen Wert hätte. Allerdings sollte man den Artikel von The Mirrow ganz lesen. Die Schätzung beruht auf einem MBA-Studienabschluss an einer renommierten Business-School. Allerdings hat er dort nur den Bachelor abgeschlossen und dabei wohl auch keine besonderen Leistungen gezeigt. Es wird daher davon ausgegangen, dass die Schätzung von 156 deutlich zu hoch liegt. Sie wird daher neu justiert auf einen Wert zwischen 120 und 130.

Wenn Sie die obigen Vergleichswerte heranziehen, wird klar, dass diese niedrigere Schätzung mit „nur“ abzuwerten, wenig angebracht ist. 130 wäre ganz offiziell hochbegabt. 120 wäre immer noch hoch, d.h. nach IQ-Kriterien „dumm“ ist Donald Trump nicht – obwohl er sich in den Augen vieler ausgesprochen blöd verhält.

Dämlichkeit trotz hohem IQ

Intelligenz ist die Fähigkeit, bestimmte vorgegebene Probleme in kurzer Zeit zu lösen. Man muss rechnen und logisch denken können, räumliches Vorstellungsvermögen mitbringen und die eigene Sprache beherrschen – das ist schon allerhand! Wenn man das alles deutlich überdurchschnittlich kann: Was ist dann bei Donald Trump das Problem? Das ist die Frage! Denn er verhält sich trotz hohem IQ nach Meinung vieler offensichtlich dämlich. Was läuft da schief?

Ganz abgesehen von der politischen Haltung, die einen mit Trump verbinden oder ihn abstoßen mag: Trump schadet sich selbst. Es zeichnet sich immer mehr ab, dass sein Verhalten offensichtlich auch seine eigenen Interessen gefährdet. Was ist los mit ihm, wenn es nicht am mangelnden IQ liegt?

Vielleicht kommen wir durch einen Artikel weiter, den Daniel Kehlmann nach der US-Wahl für die ZEIT aus New York geschrieben hat. Er stellt erschütternder Weise Folgendes fest:

„Keine einzige Anekdote findet sich über einen Donald Trump, der sich weise oder freundlich verhalten hätte, man stößt auf keine Geschichte über eine Begebenheit, in der er Geist oder Mitleid oder Anzeichen einer Innerlichkeit jenseits der brutalen Regungen von Wut, Eigenlob oder Prahlerei gezeigt hätte.“

Kehlmann bezieht sich auf die Literatur über Trump, u.a. die Erinnerungen seines Ghostwriters Tony Schwartz, der ihn monatelang auf Schritt und Tritt begleitet hat.

Im weiteren Text unterstellt Kehlmann Trump eine „narzisstische Persönlichkeit“. Ist das das Problem? In einem Radio-Interview hörte ich, dass ein renommierter Narzissmus-Forscher Trump den geschätzten Wert 7 auf einer gedachten bis 10 reichenden Skala zuordnete – wobei die APA, die amerikanische psychiatrische Gesellschaft, Herausgeberin des DSM (diagnostisches Manual) ihre Mitglieder vor Ferndiagnosen bezüglich Trump ausdrücklich warnte. Tatsächlich wird wohl beides wahr sein: Trumps relativer Narzissmus einerseits und das Gebot, keine Ferndiagnosen zu stellen, andererseits. Insgesamt wäre ich in Punkto Narzissmus vorsichtig.

Mir scheint eine andere Ansicht näherliegend und sicherer. Was Trump auszeichnet, ist viel trivialer und normaler als eine Persönlichkeitsstörung. Er steht auf einer frühen Stufe der Ich-Entwicklung. Auf einer solchen Stufe zu stehen, ist etwas vollkommen Normales. Wir alle standen auf einer solchen Stufe – früher.

Typisches Denken und Verhalten in der Pubertät

Seit fünfzig Jahren erforscht die Psychologie die Ich-Entwicklung. Gemeint ist die Art, wie wir uns selbst und die Welt unbewusst ordnen und organisieren. Jeder Mensch fängt bei der Stufe 0 an und lernt dann zunächst, die eigene Person von der Umgebung zu trennen und macht sich ein zunehmend komplexeres Bild von sich selbst und der Welt. Auf Stufe 3 ist ein stabiles Ego ausgebildet, das auf den eigenen Vorteil bedacht ist. Viele Pubertierende finden sich hier.  Oder bereits auf der nächsten Stufe 4. Hier spielen die Gemeinschaft und ihre Normen die Hauptrolle. Die Person entwickelt ein soziales Ich-Wir. Wir kennen sowohl typisches Jugendverhalten auf Stufe 3, in der es für den Pubertierenden scheinbar nichts gibt, als die eigenen Interessen. Genauso typisch empfinden wir es aber auch, wenn ein Jugendlicher sich an die Normen seiner Peer-Gruppe anpasst und sich – scheinbar ohne eigene Meinung – der Kleidung und Verhaltensweisen der anderen anpasst.

Die meisten Menschen entwickeln sich von dort weiter auf die Stufe 5, bei der eine erneute Absetzung in Richtung Ego gelingt. Die Gruppennormen bleiben hier gültig und anerkannt, aber sie schränken nicht mehr wie zuvor ein. Viele gelangen noch später auf die Stufe 6 des voll entwickelten Erwachsenen (oder – selten – noch weiter). Auf Stufe 6 wird das Ich-Wir endgültig aufgegeben und durch ein souveränes Ich ersetzt, das andere Meinungen gerne anhört und gegebenenfalls für eigene Entscheidungen berücksichtigt. Eine solche Entwicklung ist aber nicht garantiert! Wir entwickeln uns mit dem Alter nicht automatisch weiter! Ab Anfang bis Mitte 20 sinkt der Zusammenhang von Alter und Stufe auf nahezu Null.

Kehlmanns oben zitierte Beschreibung Trumps passt vollständig auf die Stufe 3. Wie vom Modell angenommen, findet sich kein nennenswertes Verhalten einer späteren Stufe. Ein Mensch hier ist praktisch nicht zur Selbstironie fähig. Die Welt wird als feindlich erlebt, es geht darum, sich durchzusetzen. Vor Kurzem bekam ich von einem Insider dieses Forschungsfeldes die Einschätzung bestätigt, die viele Kollegen als Vermutung umtreibt: Trump steht auf der Stufe 3. Allein die zusammenfassende Beschreibung Kehlmanns weist deutlich in dieser Richtung. Tatsächlich ist eine Ferndiagnose für alle, die sich damit befassen, weniger unseriös als bei klinischen Krankheiten, da das Scoring der Stufe wesentlich über Ich-Aussagen und des Verhaltens läuft. Wie schrieb Kehlmann, was bei monatelanger enger Begleitung zu beobachten war: Kein Geist, kein Mitleid, keine Anzeichen eines differenzierten Innenlebens, dagegen Wut, Eigenlob und Prahlerei.

Gehen wir also bei Trump von der Ich-Entwicklungsstufe 3 aus, heißt das: Er ist auf der früheren von zwei typischen Stufen von Pubertierenden stehen geblieben. Über 90 Prozent der Erwachsenen stehen in ihrer Persönlichkeitsstufe auf einer späteren Stufe.

Aus Sicht der späteren Stufe können Verhalten und Entscheidungen auf einer früheren Stufe im wahrsten Sinne des Wortes dumm wirken. Menschen mögen trotzdem intelligent sein. Aber sie sind stupide, weil ihre Welt zu einfach konstruiert ist. Es werden zu wenig Rahmenbedingungen mitgedacht, die die Realität beeinflussen. Das Denken konzentriert sich zu sehr auf nur wenig Aspekte. Es greift in der Zeitperspektive zu kurz. Die Auswirkungen des eigenen Verhaltens können schlecht abgeschätzt werden.

Deshalb ist es für jeden von uns so attraktiv, die eigene Ich-Entwicklungsstufe zu kennen, die Konsequenzen davon zu begreifen und sich weiter zu entwickeln. Und deshalb ist es so verstörend, dass der mächtigste Mann der Welt auf einer so frühen Stufe stehen geblieben ist. Er ist wahrscheinlich intelligenter als 90 % der Menschen und zugleich unreifer als 90 % der Menschen. Das Problem ist also eindeutig nicht die Intelligenz. Und selbst, wenn er noch intelligenter wäre: Die Welt hätte kaum einen Vorteil davon.

Intelligenz, Hochbegabung, Dummheit

Fazit: Vergessen wir im Falle Trump mögliche Überlegungen zu bestimmten Persönlichkeitsstörungen. Sein Verhalten ist vollkommen normal für seine Ich-Entwicklungs-Stufe, ebenso normal, wie es für jeden von uns im Teenager-Alter war. Nur eben handelt es sich um einen Erwachsenen mit langer Lebenserfahrung und zudem überdurchschnittlicher Intelligenz.

Die Konsequenz sollte sein, dass wir endgültig die Hochachtung vor der Hochbegabung verlieren. Wir sollten uns alle nicht kleiner machen, nur weil wir etwa keinen höheren Schulabschluss vorweisen können. Wir sollten Menschen mit hoher Intelligenz nicht mit mehr Respekt begegnen als anderen auch. Viel mehr Wert sollten wir legen auf die Frage der persönlichen Reife, die ebenso auf das Konto kurzsichtigen oder klugen Denkens und Verhaltens einzahlt, wie die Intelligenz.

Intelligenz ist zum Teil angeboren, zum Teil durch die Umgebung beeinflusst aber steht bei Erwachsenen weitgehend stabil und ist nicht trainierbar. Wir können unsere Intelligenz als Erwachsene also nicht mehr positiv beeinflussen. Ganz im Gegenteil dazu gilt für den zweiten Faktor schlauen Verhaltens: Wir können uns jederzeit persönlich weiterentwickeln. Der Preis dafür winkt in allen Aspekten des beruflichen wie persönlichen Lebens. Jede neue Stufe macht die Welt zu einer anderen – sie wird verständlicher und handhabbarer. Entwickeln wir uns weiter, haben wir die Chance, einer komplexer werdenden Welt mit einem komplexeren, schlaueren Gehirn zu begegnen. Und das zahlt ein auf jedes Konto, das uns wichtig ist. Ich-Entwicklung, über Coaching förderbar, erhöht den beruflichen Erfolg ebenso wie die persönliche Zufriedenheit. Es ist also eine schlaue Entscheidung, sich um seine Weiterentwicklung zu kümmern. Mit Intelligenz hat diese Entscheidung hingegen nichts zu tun.



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Christoph Burger

Christoph Burger ist Diplom-Psychologe und Autor des Buches "Karriere ohne Schleimspur", das 2012 als eines der besten Managementbücher des Jahres ausgezeichnet wurde. Er arbeitet als Karriereberater in Herrenberg bei Stuttgart.

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