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28.03.2017 Karriereplanung

Karriere bis zur Rente: Wie Sie immer gefragt bleiben

Sicher ist es heute schwer, Laufbahn-Empfehlungen zu geben, die auf Jahrzehnte hinweg gelten können. Dennoch erhöht eine Regel die Wahrscheinlichkeit dafür, dass Ihre Leistungen bis ins Rentenalter gefragt sind: „Wählen Sie den unbequemen Weg Y.“

Karriereweg X oder Y

Als „Theorie X“ und „Theorie Y“ bezeichnte der amerikanische MIT-Professor Douglas McGregor in den 1960er-Jahren zwei gegensätzliche Führungsphilosophien. Nach Theorie X ist der Mensch unwillig und muss mittels Führungsgeschick zur Arbeit überredet werden. Nach Theorie Y ist der Mensch von Natur aus engagiert. Daraus folgen sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, was man als Führungskraft tun sollte.

Die Inspiration von McGregor nutzend, möchte ich hier die Karrierewege X und Y unterscheiden. X bedeutet, dass Sie stets dem Weg des geringsten Widerstands folgen. Wenn bei Ihnen ein Jobwechsel ansteht, suchen Sie nach einer neuen Position, die möglichst genau Ihrer vorigen entspricht. Dieses Muster läuft glatt und geschmeidig. Und es bedient nicht nur Ihre Bequemlichkeit; denn der Markt spendet Ihnen außerdem Applaus. Sie haben gegenüber Mitbewerbern die Nase vorn und das in Aussicht gestellte Gehalt wird Ihren Weg ebnen, denn das Folgeunternehmen verspricht sich von Ihnen eine reibungslose Einarbeitung. Schließlich heißt nur das Unternehmen anders – alles andere bleibt gleich.

Karriere X für den Sprint, Karriere Y bis zur Rente

Wenn Sie nach einem überraschenden Jobverlust möglichst schnell wieder in Lohn und Brot stehen wollen, bietet sich Karriere X an. Auf längere Sicht verbietet sich dagegen diese allzu leichte Taktik. Denn die ehemalige Erfolgsformel „auf x folgt x“ verengt sich zunehmend und es heißt „X ist deine einzige Option“! Die Alternative ist die Y-Karriere.

Der Karriereweg Y macht sich die Empfehlung des Systemtheoretikers Heinz von Förster zu Nutze: „Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird!“. Im Hinblick auf die Karriere heißt das: „Gehe den unbequemen Weg“.

Wenn Sie die Schnittmenge zwischen altem und neuem Job auf nahe Null reduzieren, sinken zwar Ihre Bewerbungschancen ebenfalls gegen Null. Der Arbeitsmarkt begrenzt somit Ihre Absetzbewegung vom alten Jobprofil. Was aber „gerade noch so geht“, könnte Ihre Wahlmöglichkeiten in der Zukunft maximieren.

Karriereplanung konkret

Ein Ingenieur könnte 3 Jahre Kunststoffteile und 5 Jahre Metallteile konstruieren, um dann einen Führungsjob zu übernehmen. Ergebnis: Offenheit für Kunststoff, Metall und Führung. Eine Wirtschaftswissenschaftlerin mit Jobs als Unternehmensberaterin, als Business-Developerin und als Projektmanagerin im Training hätte zahlreiche Optionen. Ein IT-ler mit bisherigen Aufgaben als Firmware-Entwickler, als Sicherheitsexperte und als Requirements-Engineer erschafft sich vielfältige künftige Möglichkeiten.

Zum Vergleich: Einem Ingenieur, der sich nach 20 Jahren als Konstrukteur für Kunststoffteile auf den Arbeitsmarkt gespült sieht, traut man kaum noch etwas anderes zu. Einer Diplom-Kauffrau, der nach 20 Jahren als treue Berater-„Soldatin“ das Reisen zu viel wird, nimmt man den plötzlichen Hang zur Sesshaftigkeit schwerlich ab. Und den IT-ler, der 20 Jahre Firmware entwickelte, sieht man nur noch in genau diesem Job. Sie mögen es ja 20 Jahre schön bequem gehabt haben – danach jedoch wird es extrem schwer für sie.

Und der rote Faden?

Für Ihren Wechsel kommen neben der Variation der Aufgabe jene des Unternehmens, der Branche, die externe oder interne Rolle oder auch die Unternehmensgröße in Betracht. Ein ständiger wilder Wechsel zwischen öffentlichen Arbeitgebern, Mittelstand, Konzern und zur Abwechslung einmal einer Unternehmensgründung ist dagegen sicher auch nicht zielführend. Hier greift die alte Regel, dass der eigene Weg einen sogenannten roten Faden aufweisen sollte. Dennoch ist es heute besser, wenn der rote Faden etwas verschlungener gelegt ist statt schnurgerade.

An folgendem Fall zeigt sich ferner, wo sogar die gerade Linie unabdingbar ist: Hätte Albert Einstein, der bekanntlich 7 Jahre an der speziellen Relativitätstheorie herum rechnete, nach 2 Jahren das Forschungsfeld gewechselt, wäre er nie zum Erfolg gekommen. Das dürfte für viele Wissenschaftskarrieren auch heute noch gelten. Wann also dabei bleiben, wann wechseln? Maßstab ist der Grad der Bequemlichkeit. Bei Karriere X wäre die Handlungsmotivation „wähle den bequemsten Weg“; bei Einstein hingegen „bleibe dran, auch wenn es hart wird“ – überwinde deine Bequemlichkeit ist also die Devise, genau wie bei Karriere Y.

Jede Regel hat also ihre Ausnahmen und speziellen Anwendungen. Oder mit Einstein gesagt: Alles ist relativ. Oder, um zum Ende des Posts noch ein Lächeln in Ihr Gesicht zu zaubern. Einstein zum Schaffner: „Hält Göttingen auch an diesem Zug?“.



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Christoph Burger

Christoph Burger ist Diplom-Psychologe und Autor des Buches "Karriere ohne Schleimspur", das 2012 als eines der besten Managementbücher des Jahres ausgezeichnet wurde. Er arbeitet als Karriereberater in Herrenberg bei Stuttgart.

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