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10.03.2017 Persönlichkeitsentwicklung, Psychologie

Ärger: Was er über uns aussagt

Worüber wir uns aufregen, sagt viel darüber aus, wer wir sind. Gleichzeitig ist unser Ärger der Motor der eigenen Weiterentwicklung. Um ihn dazu nutzen zu können, ist etwas Wissen rund um das Thema Unzufriedenheit, Ärger und Wut hilfreich.

Negative Emotion als Hinweisgeber

Zunächst einmal: Unzufriedenheit können Sie als schwache, Ärger als stärkere, Wut als starke Ausprägung derselben Emotion verstehen. In jedem Fall gilt: Die Welt ist so, wie Sie sie nicht haben wollen. Aber Sie können daran grundsätzlich etwas ändern.

Wenn Sie in Ihrer Wut herumbrüllen oder auf den Tisch schlagen, handelt es sich nicht um Wut, sondern um etwas anderes: Eine aggressive Handlung, mit der Sie auf Ihre Wut reagieren. Ihr Zorn ist die Emotion, die aggressive Handlung dagegen die darauf folgende Reaktion. Die Wut selbst ist immer positiv, insofern sie Ihnen den Hinweis gibt, wie Ihnen zumute ist. Ihr Unbewusstes hat vorsortiert und macht ein Ausrufezeichen: Das hier geht gar nicht! Das zu Erkennen ist wichtig.

Ihre Aggression jedoch wird in den meisten Fällen negative Auswirkungen haben – für Sie und für Ihre Umgebung. Da jeder Wutanfall großen Stress für den Wütenden – bedeutet, sollten Sie eines für sich tun: Sorgen Sie dafür, dass die Welt sich nach Ihren Wünschen verändert und Sie damit weniger aufregt. Wie das geht, habe ich in meinen Büchern beschrieben. In diesem Post geht es um einen besonderen Aspekt: Die Selbsterkenntnis und das persönliche Wachstum durch Ärger.

Ärger als Entwicklungsimpuls

Es gibt klassische Gründe für Ärger – nicht jede und jeder regt sich über das Gleiche auf. Was könnte Sie am ehesten in Rage bringen? Bitte wählen Sie aus den folgenden drei Möglichkeiten eine aus.

  1. Menschen, die sich nicht an die Regeln halten. Etwa im Straßenverkehr: Eine rote Ampel heißt „Stopp!“. Oder wenn ein Olympiasieger bei der Siegerehrung herumhampelt, statt sich ordentlich zu benehmen. So etwas geht einfach nicht!
  2. Wenn Menschen das Richtige nicht erkennen und tun. Häufig muss man nur ein bisschen nachdenken und dann ist offensichtlich, was das Beste ist. Das sollte man dann auch erwarten können!
  3. Wenn Menschen Werte verletzen, die mir wichtig sind. Beispielsweise fände ich an Verkehrsverstößen weniger schlimm, dass dort eine Regel verletzt wird. Schlimmer finde ich, wenn nicht bedacht wird, wofür es diese Regel überhaupt gibt.

Option 1: Wenn die erste Beschreibung am ehesten auf Sie zutrifft, definieren Sie sich stark über Ihre Gruppe und die Gesellschaft. Wenn jemand aus der Reihe ausschert, finden Sie das schlimm, weil es die Gruppennormen in Frage stellt. Situationen, in denen zwei Gruppen, die Ihnen beide wichtig sind, etwas Verschiedenes von Ihnen wollen, könnten Sie häufig förmlich zerreißen.

Ihr künftiger Weg der persönlichen Entwicklung: Überlegen Sie, was für Sie persönlich richtig und wichtig ist. Machen Sie sich unabhängiger von den Gemeinschaftsnormen und trauen Sie sich eine eigene Meinung zu. Damit werden Sie größere Freiheitsgrade für Ihr Leben erlangen, gelassener werden und Situationen souveräner lösen.

Option 2: Wenn die zweite Beschreibung am ehesten auf Sie zutrifft, haben Sie eine eigene Meinung, was richtig und was falsch ist. Die Welt stellt sich für Sie wohlgeordnet dar. Sie orientieren sich grundsätzlich an den gegebenen Normen und Regeln, aber machen sich auch ein eigenes Bild. Wenn nun jemand so gar nicht zu den von Ihnen gezogenen Schlüssen gelangt, könnte Sie das ziemlich aufregen. Zwei Gruppen von Menschen regen Sie außerdem auf: Die einen machen es Ihrer Ansicht nach unnötig kompliziert, statt die für Sie offensichtlichen, klaren Antworten zu finden. Die anderen scheinen sich nur anzupassen und keine eigene Meinung zu vertreten.

Ihr künftiger Weg der persönlichen Weiterentwicklung: Setzen Sie sich verstärkt damit auseinander, warum jemand zu einer anderen Meinung als Sie gelangen könnte. Denken Sie kritisch darüber nach, weshalb Sie Ihre Meinung vertreten. Welche Werte stehen dahinter, an die Sie glauben? Warum ist Ihnen welcher Wert wichtig? Auf diesem Weg werden Sie nach und nach größere Freiheitsgrade für Ihr Leben erlangen, gelassener werden und Situationen souveräner lösen, als zuvor.

Option 3: Sie sind in Ihrem Leben zu der Erkenntnis gelangt, dass andere Menschen manchmal zu Recht andere Meinungen vertreten. Im Rahmen der von Ihnen gesetzten wichtigen Werte sind Sie bereit zu prüfen, was an den Ideen von anderen dran sein könnte. Die offene Auseinandersetzung mit Menschen ist Ihnen wichtig und Sie erleben Sie als bereichernd. Wenn allerdings Menschen das angreifen, woran Sie zutiefst glauben, wird es für Sie kritisch: Hier verläuft Ihrer Meinung nach die Grenze der Toleranz!

Ihr künftiger Weg der persönlichen Weiterentwicklung: Forschen Sie selbstkritisch nach, ob das, woran Sie glauben, in allen Situationen schlüssig ist. Könnte es nicht auch sein, dass Ihre Überzeugungen sich manchmal widersprechen oder zu widersprüchlichen Verhaltensweisen führen?  Sehen Sie Ihren Ärger als Hinweisgeber auch dafür, dass Sie etwas Wichtiges über sich selbst lernen können. Auf diesem Weg werden Sie nach und nach größere Freiheitsgrade für Ihr Leben erlangen, gelassener werden und Situationen souveräner lösen, als zuvor.

Gelassenheit pur und zeitweise Ausraster

Die obigen Situationen sind idealtypisch. Besonders in Stresssituationen können wir auf frühere Entwicklungsstufen zurückfallen und dann reagieren, als steckten wir noch mitten in der Trotzphase. Solche zeitlich begrenzten Aussetzer sagen nichts über die Art aus, mit der wir den täglichen Herausforderungen im normalen, ausgeruhten Zustand begegnen.

Um diesen „normalen“ Zustand geht es oben. Option 1 kann bedeuten (wohlgemerkt idealtypisch!!!), dass Sie auf der Ich-Entwicklungsstufe 4 zu Hause sind. Ihre Ärger-Anlässe sind wie oben beschrieben und Ihr Weg führt, wenn Sie ihn in Richtung späterer Entwicklungsstufen weiter gehen, in Richtung der Stufe 5.

Option 2 ist auf Stufe 5 verortet und führt, wenn Sie sich weiter entwickeln, in Richtung der Stufe 6.

Und Option 3 ist bereits auf der Stufe 6 angekommen – eine Form der „voll entwickelten Erwachsenen-Identität“, die nur circa 30 Prozent im Leben erreichen.

Ist damit das mögliche Ende der persönlichen Entwicklung markiert? Keineswegs. Eine Minderheit der Erwachsenen von circa 15 Prozent geht über die Stufe 6 hinaus. Auf den Stufen 7-10 (letzteres ist die späteste heute messbare Stufe, extrem selten anzutreffen) gibt es keine typischen Ärgerquellen mehr. Wenn Sie auf einer dieser späten Stufen leben und sich dennoch aufregen – was durchaus vorkommen kann – dann bedeutet dies, dass Sie auf eine der vorigen Stufen zurückfallen. Sie agieren als trotziges Kind, obwohl Sie über eine reife Erwachsen-Identität verfügen. Auch wenn dies passiert, solche Rückschritte sind zeitlich begrenzt. Wer eine stabile Stufe 7ff erreicht hat, wird, sobald der Stress nachlässt, von alleine auf die Stufe gelassenen, souveränen Handelns zurückkehren.

Ärger als Motor der menschlichen Entwicklung

Es gibt, wie gerade beschrieben, eine „stufenspezifische Reizbarkeit“. Das bedeutet auch: Indem wir uns mit unserem Ärger auseinandersetzen, können wir uns insgesamt als Menschen weiter entwickeln – das geht mit keiner anderen Emotion auf diese Weise.

Die Techniken, die ich in meinen Büchern vorstelle, beziehen sich eher auf situative Lösungen. Allerdings wird auch eine wiederholte Bearbeitung von Situationen die persönliche Entwicklung voran bringen. So könnte in einer Coaching-Sitzung von zwei Stunden eine typische Kommunikations-Situation erfolgreich bearbeitet werden, die beispielsweise immer wieder am Job auftritt. Je mehr solcher Situationen behandelt werden, desto ruhiger und souveräner werden Sie. Ein solcher situationsbezogener Prozess kann einige Monate dauern. Die Ich-Entwicklung etwa von Stufe 4 zu 5 zu 6 ist ein Prozess, der leicht zehn Jahre dauert. Ein Ich-Entwicklungscoaching kann entscheidend dazu beitragen, diese Entwicklung zu beschleunigen. Zeitweise Rückfälle in frühere Ärger-Muster werden erst seltener und dann zur Ausnahmeerscheinung.

Noch ein Wort zur Definition von Ärger und der „Welt, die es zu verändern gilt“: Manche Dinge sind so, wie sie sind. So bedeutet Ich-Entwicklung immer, dass sich unser Weltbild zunehmend anpasst an die Realität. Jede spätere Stufe heißt: Unser Bild der Welt einerseits und die Welt selbst andererseits stehen ein Stück mehr im Einklang. Die logische Folge: Die Erfolge im Leben nehmen zu und die Probleme  werden weniger, je später die Stufe. Hört sich das für Sie spannend an? Wohlan: Ihr Ärger weißt Ihnen den Weg zur jeweils späteren Stufe.



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Christoph Burger

Christoph Burger ist Diplom-Psychologe und Autor des Buches "Karriere ohne Schleimspur", das 2012 als eines der besten Managementbücher des Jahres ausgezeichnet wurde. Er arbeitet als Karriereberater in Herrenberg bei Stuttgart.

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