Porträt Christoph Burger
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22.06.2012 Karriereplanung

Sprechen Sie über Fußball – aber richtig

Es ist Fußball-EM und Sie haben ein Vorstellungsgespräch? Und wollen Tipps? Blenden wir zurück. Deutschland 2006, Fußball WM, „Sommermärchen“. Das Land ertrinkt in einem schwarz-rot-goldenen Fahnenmeer, zum ersten Mal seit Ende des zweiten Weltkrieges bekennt sich das Vok in dieser Breite zu Deutschland. Überall Begeisterte beim Public Viewing, freundliche Auto-Corsi aller Nationalitäten.

Ich eröffne ein Vorstellungsgespräch mit den Worten: „Haben Sie das Spiel gestern gegen Argentinien gesehen?“. „Nein“, ist die karge Antwort. „Schauen Sie kein Fußball?“, „Nein“. „Gar nicht? Aber es ist doch faszinierend, was gerade in Deutschland passiert, selbst wenn man kein Fußball-Fan ist, oder?“, frage ich den Finanzfachmann mir gegenüber. „Wissen Sie, mir schoss gerade vor zwei Tagen ein Fan eine Sylvesterrakete auf den Balkon. Das war ein Versehen. Aber trotzdem: Ganz schön gefährlich.“ „Aha, aber es ist nochmal gut gegangen? Na gut, dann ähm, kommen wir mal zum Thema, weshalb Sie hier sind. Warum haben Sie sich bei uns beworben?“ – fahre ich etwas ratlos fort.

Analyse eines gescheiterten Small Talks

Was war da eben passiert? Es ist einer grandios im Small Talk des Vorstellungsgesprächs gescheitert. Man konnte damals doch eigentlich selbst als Fußball-Feind nicht an dem Thema vorbei. An der Begeisterung. Am neuen Ausdruck von Nationalstolz. An der Freundschaft zu anderen Nationalitäten. Wir haben gewettet, gefeiert, die Sonne genossen. Aber dieser Mann fand an allem nichts und bot keinerlei Gelegenheit, mit ihm zu plauschen.

Dabei ist die kleine Plauderei so wichtig, um zusammen zu kommen – auch im Job. Mit wem ich hier keine Linie finde, mit dem mag ich auch nicht arbeiten. „Muss ich Fußball mögen, um mit Ihnen zu arbeiten?“, fragen Sie vielleicht. Nein. Aber wer das Thema demonstrativ ignoriert, verweigert damit das Interesse an seinen Mitmenschen. Wo diese ergriffen sind, ist es ein Zeichen von Kälte, sich schlicht daneben zu stellen und zu sagen, das interessiere einen alles nicht.

Auch wer obigen Dialog rein technisch betrachtet, erkennt Fehler. Erster Fehler: Zu kurze Antworten. „Nein“ und „ja“ sind im Small Talk unangebracht. Selbst dann, wenn eine geschlossene Frage gestellt wurde (geschlossene Fragen sind eben diejenigen, die eigentlich korrekt mit „ja“ oder „nein“ beantwortet werden). Beispiel: „Haben Sie gut her gefunden?“. Eine mittellange Antwort ist am Platz. „Ja, die Wegbeschreibung war gut und ….“. Zweiter Fehler: Negative Antwort. Das mit der Sylvester-Rakete mag gefährlich und aufregend gewesen sein. Wer das aber erzählt und den anderen dann in einer miesen Stimmung hängen lässt, betreibt keinen guten Small Talk und berücksichtigt die Gefühle seines Gesprächspartners nicht. Er könnte beispielsweise selbst sagen, dass alles noch mal gut gegangen und die Stimmung im Land ja ganz schön ist. Dritter Fehler: Ablehnung des vorgeschlagenen Themas ohne Gegenangebot. Wenn Sie das vom anderen vorgeschlagene Gesprächsthema nicht gut finden, lenken Sie mit einem Gegenangebot um. Beispiel: „Ich bin kein Fußball-Fan. Aber wenn ein Spiel ist und die Autobahn frei oder ich mal in Ruhe Shoppen gehen kann, ist mir das auch ganz Recht.“

Fazit: Wenn EM ist und das halbe Land im Fieber, reden Sie über Fußball! Selbst wenn Sie zur anderen Hälfte des Landes gehören. Im Folgenden Empfehlungen für alle Arten der klassischen Fußball-Talker.

Talker 1: Der Möchtegern-Experte

Was schon 2006 auffiel: Plötzlich schießen Möchtegern-Experten aus dem Boden. Menschen, deren Art die Schroffheit meines Finanzmannes mehr als fremd ist. Menschen, die merken, dass Fußball gerade „In“ ist und die deshalb auf das Thema kurzfristig aufspringen. Im Grunde haben sie von dem Sport keine Ahnung. Sie haben nie selbst gespielt. Sie verfolgen das Geschehen abseits der Großereignisse in keinster Weise. Jetzt aber, schlagartig, nehmen sie Anteil. Das ist in Ordnung, keine Frage. Aber müssen sie andere mit wilden, hastig angelesenen Thesen nerven? Nein! Wenn Sie sich zu dieser Gruppe zählen: Beteiligen Sie sich, aber halten Sie sich mit Urteilen zurück, die sonst Menschen fällen, die sich ausführlich mit dem Thema befassen.

Talker 2: Der Experte

Für einige unter uns ist Fußball das halbe Leben. Sie verfolgen jedes Spiel, lesen ihren Kicker bis ins Kleingedruckte, sind über Spielerbiographien und Vereinsgeschichten informiert. Und das kann nerven! Sobald sie auf ein Spiel angesprochen werden, gehen sie ab, wie Schmidts Katze. Auch wenn Sie nur die herrlich leere Autobahn ansprechen wollten oder daran waren, vom Plausch abends am Rande des Public Viewings zu erzählen: Sie werden von diesen Experten sofort zugeschüttet mit Fakten über die letzten dreißig Länderspiele zwischen den beiden Mannschaften, man teilt Ihnen die Meinung mit, dass der Schiedsrichter in der 37. Minute hätte Freistoß pfeifen müssen und derselbe Schiri schon bei der vorletzten WM im Vorrunden-Spiel der Deutschen gegen Irland in der 91. Minute eine Fehlentscheidung traf, weil da eigentlich vor dem Tor der Iren Rudi Völler am Trikot gezupft wurde. Häufig wird die Fakten-Lawine dann noch mit gängigen Fußball-Platitüden und in der Szene gebräuchlichen allgemeinen Vorurteilen und Sprüchen garniert. Furchtbar! Bitte, liebe Experten jedweder Couleur: Reitet euer Steckenpferd so, dass andere nicht unter die Hufe kommen! Beachtet eure Zuhörer und betrachtet sie nicht als Wand, die mittels Monolog zum Einsturz gebracht werden soll! Dann ist euer Wissen durchaus gefragt und ihr erhaltet die Anerkennung, die ihr verdient.

Talker 3: Der Verweigerer

Wenn andere sich für eine Sache begeistern, ist es eine grobe Unhöflichkeit, das Thema zu tabuisieren. Natürlich gibt es Fußball-Hasser. Natürlich leiden sie in einer Zeit wie dieser massiv unter dem allgegenwärtigen Sport. Aber es gibt nunmal rund um den Fußball Aspekte, die jeden angehen. Die Gewalt der Hooligans ist beispielsweise eben nicht die Gewalt von Fans sondern von x-beliebigen Schlägern. Wenn Menschen regelmäßig zum Spiel gehen, aber dieses in Wirklichkeit nicht sehen, weil sie mit permanent mit Bierholen beschäftigt sind, ist das soziologisch und psychologisch interessant. Große Fußballclubs sind Wirtschaftsunternehmen mit allem, was dazu gehört. Wenn beispielsweise David Beckham für ein horrendes Gehalt in die USA wechselt, aber sich der Betrag in Kürze amortisiert, weil Millionen Fans sein Trikot kaufen, sagt das viel über das Funktionieren der modernen Wirtschafts- und Medienwelt. Und wenn immer jüngere Spieler von Clubs engagiert und quer durch die Welt transferiert werden, sagt dies viel über unser Verständnis von Kindererziehung und Talentmarketing. Sind Sie Fußball-Hasser? Beschäftigen Sie sich mit den Dingen am Rand des Platzes, die Sie interessieren und sprechen Sie darüber. Aber vermeiden Sie, so zu tun, als seien „Ihre“ Themen etwas Besseres.

Talker 4: Der Scheingebildete

Wer meint, Fußball-Freunde seien irgendwie primitiv, hat keine Ahnung. Wie eben gesagt, ist der Fußball ein massenkulturelles Phänomen mit vielfältigen Implikationen für Wissenschaften wie BWL, Psychologie und Soziologie. Wer das ignoriert, ist peinlich, nicht die Fußball-Fans sind es. Sie können über den Sport auf allen Bildungsebenen parlieren. Nicht umsonst gibt es sogenannte „Fußball-Intellektuelle“, also Menschen, die äußerst gebildet sind und sich „dennoch“ mit Fußball beschäftigen. Das Faszinierende dabei ist: Sie treffen sich mit dem Fan aus einfachen Verhältnissen beim Reden über Sprints, Pässe und Elfmeter. Egal, wie viel Hintergründe einer hat: Ob ein Spieler eine gute Volley-Abnahme abgeliefert hat, obwohl sie übers Tor ging, fasziniert und ist  gemeinsames Thema. Und um das einzuschätzen braucht man allerdings Fußball-Verstand. Hier treffen sich einfache Fans mit Fußball-Intellektuellen. Und die anderen, also die Möchtegern-Experten und die Verweigerer dürfen sich allgemein beteiligen aber sollten sich mit Fachurteilen zurück halten.

Allen weiterhin eine schöne EM! Und wenn Sie das Thema hier nicht so brennend interessiert: Übertragen Sie das Gesagte auf anderes, wie beispielsweise Autos und Autowahn oder Castingshows und Promisucht und Sie werden feststellen, dass das alles auch hier gilt. Viel Spaß weiterhin beim gucken. Und, als Kommentar aus dem tiefen Raum des Fußball-Fantums: Möge heute und weiterhin der Bessere, schöner Spielende gewinnen – und möge das Deutschland sein 🙂

Obwohl Kahn erträglicher wurde: Wenn Sie noch etwas zum Runden und Eckigen lesen wollen: Hier.

Wenn Sie etwas mehr zum Vorstellungsgespräch lesen wollen: Hier.



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Porträt Christoph Burger

Christoph Burger

Christoph Burger ist Diplom-Psychologe und Autor des Buches "Karriere ohne Schleimspur", das 2012 als eines der besten Managementbücher des Jahres ausgezeichnet wurde. Er arbeitet als Karriereberater in Herrenberg bei Stuttgart.

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