Nicht besser, nur anders: Die Arbeitswelt der Zukunft

Kennen Sie Kita? Nein, ich meine keine Kindertagesstätte und auch keinen Schokoriegel. Ich spreche von der Motivationsform „Kick in the ass“. Vielleicht kennen Sie Kita von Ihrem Unternehmen nicht mehr? Früher war dieser Führungsstil jedoch weit verbreitet: Die Vorgesetzen trieben ihre zivilen Truppen mittels Kita zu Höchstleistungen an. Wer sich als folgsamer und williger Mitarbeiter empfahl, durfte hoffen, selbst zum Antreiber unter Antreibern zu werden.

Raus aus der Arbeitshölle

Generationen von Angestellten entfuhren angesichts ihrer Arbeitshölle Stoßseufzer: „Ach möge es anders sein! Gäbe es doch Bosse, die begreifen, dass wir selbst denken können und wollen. Dass wir kreativ sind und freiwillig arbeiten!“ Dann wurde die Welt der stramm-konservativen Kita-Chefs in korrekten grauen Anzügen, mit Binder und Hut, angegriffen. Hippies mit langen Locken und Schlaghosen und einer Tüte im Mundwinkel zogen tiefenentspannt durch die Straßen und veränderten mit provokanten Aktionen das politische Klima. Maslow und Rogers, die humanistischen Psychologen, verbreiteten Ideen der gleichwertigen Kommunikation. Gruppen von Langhaarigen saßen zusammen und besprachen, wie es ihnen so geht. Volvo installierte Gruppenarbeit bei der Autoproduktion. Bereits 1960 hatte Douglas McGregor seine Theorie Y entwickelt, nach der der Mensch von Grund auf bereit zur Arbeit sei und kein Kita brauche. Führungskräfte, die daran glaubten, würden Motivation ernten, behauptete der MIT-Professor. Hierzulande schrieb Reinard K. Sprenger den passenden Bestseller: „Mythos Motivation“.

Ablösung der grauen Herren

Doch noch waren die grauen Herren am Ruder, so dass sich in vielen Betrieben wenig veränderte. In letzter Zeit jedoch kommt Bewegung ins Menschenbild der Manager. Die Vor-68er sind jetzt in Rente. Die neue Generation Y tritt gerade ins Berufsleben ein. Das sind junge, gut ausgebildete, anspruchsvolle Leute, die schon früh in ihrer Ein- oder Zwei-Kind-Familie erleben durften: „Ich bin wichtig! Jawohl, auf mich kommt es an!“ Zeitgleich geht die Anzahl der Arbeitskräfte bedrohlich zurück. Gute Leute werden noch begehrter. Folgerichtig setzt ein Umdenken seitens der Arbeitgeber ein. Folgt nun das Paradies auf Erden? Ist der Arbeitshimmel zum Greifan nah? Und gibt es schon Betriebe, in denen man solche wundervollen Verhältnisse bestaunen kann?

Guckloch in die Zukunft: Der Film

Zur Zeit läuft der ausgezeichnete Film „Work hard, party hard“ in den Kinos und dokumentiert die Arbeitswelt in solchen fortschrittlichen Unternehmen. Tatsächlich scheint es hier viel mehr um die einzelnen Mitarbeiter zu gehen. Sie werden im Einzel-Assessment befragt. Es werden große Summen investiert, um ihnen ein angenehmes Ambiente am Arbeitsplatz zu kredenzen und sie in erlebnisorientierten Seminaren auch persönlich weiter zu bringen.

Warum nur wirkt die Szenerie so gruselig? Da wird gezeigt, wie das neue, repräsentative Firmengebäude von Unilever geplant wurde. Der Gedanke: Begegnungsecken sollen die Leute zusammenbringen, so dass sie mehr für die Firma arbeiten. Denn die Planer wissen: 80 Prozent der kreativen Gedanken entstehen im Small Talk. Elektronische Bilderwände suggerieren Natur. Im Film kontrastiert durch Aufnahmen, die im Wald gedreht wurden – und spürbar anders sind. Die trotz aller Mühe sterile Szenerie wird bevölkert von Menschen, die kein Deutsch, sondern nur Denglisch sprechen. Sie formulieren Gedanken über freie Menschen im Flow, aber es klingt eher wie eine neue, perfide Form der Ausbeutung.

Der Mensch als Computer

In meinen Filmeindruck der Unilever-Zentrale bricht der Gedanke ein: Was wäre, wenn sich die Unilever-Strategen weniger Mühe gemacht und einfach ein altes Fabrik-Gebäude mit Sperrmüll-Sofas ausgestattet hätten? Klar, es wäre nicht repräsentativ geworden. Aber dafür natürlich. Oder: Die kleinen Szenen, in denen man einfache Mitarbeiter sieht. Der Chef einer Post-Abteilung fragt in die Runde: Wie geht es euch heute? Okay. Wie ging es gestern? Besser. Warum? Da war ich nicht hier. Alle lachen.

Das neue Bemühen um die Mitarbeiter erinnert mich an die Laborexperimente der Psychologie. Versuche mit Ratten im Laborkäfig hatten so klasse funktioniert, dass man die Methoden mit Menschen weiterführte. Das geht dann so: Versuchsteilnehmer setzen sich auf ihnen bezeichneten Platz. Sie bekommen eine Instruktion, was sie genau zu tun haben. Dann werden Sie z.B. bestimmten „Reizen“ – etwa Fotos – ausgesetzt und man misst per Fragebogen, was daraufhin passiert. In vielen Fällen bringt das ja nette Erkenntnisse. Aber ist es wirklich menschliches Verhalten, was da untersucht wird? Ist es kennzeichnend für unsere Gattung, dass wir wie die Ratten bestimmte Instruktionen ausführen? Menschlich wäre es eher, sich mit Versuchsleitern darüber zu unterhalten, wer er ist, was er so macht, was er schon weiß und was der Versuch eigentlich bezweckt. Das alles können Ratten nicht! Menschen können ihren Verstand zwar auch gebrauchen, um sich wie Ratten zu verhalten. Aber das besondere an unserem Gehirn kommt damit nicht zum Ausdruck.

So scheint es mir im Film: Menschen bedienen mit Hilfe ihrer Intelligenz bestimmte Rollen, weil sie Geld dafür erhalten. Das Gerede vom Flow, erlebnisorientierte Seminare und Kommunikationsecken im Betrieb haben das Ziel, dass die Mitarbeiter mehr abliefern, als ihre Rollen hergeben. Das tun sie aber nicht. Intelligenz und Kreativität sind schließlich von vornherein in das kanalisiert, was sich die „Versuchsleiter“ ausgedacht haben. Sie machen aus ihren Mitarbeitern eine Art Computer: Die tun auch genau das, was ihnen jemand anders beigebracht hat. Der Unterschied zwischen Mensch und Computer ist aber die Fähigkeit des Menschen, dem Computer zu sagen, was er machen soll. Und umgekehrt die Unfähigkeit des Computers, Sinn zu generieren und dem Menschen etwas Beizubringen. Selberdenken können nur wir. Wenn man Menschen zu schlechteren Computern macht, gewinnt man keine menschlichen Leistungen fürs Unternehmen. Man gewinnt Mitarbeiter, die lieber zu Hause sind.

Fazit: Kita ist passé. Aber was jetzt kommt, ist nicht besser, nur anders. Und trotzdem gilt: Jede/r kann jederzeit für eine wirklich bessere Arbeitswelt eintreten.

4 Kommentare

  • haha…
    mit Ihrem Humor kreieren Sie mit Sicherheit einen neuen Satieretrend, der sich sicherlich in einigen Kabaretts wiederfinden wird:
    „Die neuen Ausbeuter: freundlich, zuvorkommend, wohlwollend.

    Als Bild stelle ich mir dazu einen Graudreiteiler mit Clownschuh auf dem Kita-Fusz vor.

    Vielen Dank, Sie haben eine wirklich angenehme Balance zwischen Kritik und Humor und Weltfriedensambitionen gefunden.

    Lieben Grusz
    Kikus156

    Antworten
    • Hallo Frau Hofert,

      danke. Schönes Interview auf Ihrer Site. Das mit den Sofas hätte ich vielleicht noch genauer beschreiben sollen. Es war das Bild einer alten Fabrikhalle, wo gesagt wird: Hier ist die Halle, macht was draus. Ein paar alte Sofas sind noch da …
      Es geht je nicht darum, dass man auch da drauf sitzen kann, sondern dass selber einrichten kreativ macht. Insbesondere, wenn sonst immer alles vorgegeben ist.
      Und dann käme die Gen Y vielleicht wirklich auf den Geschmack: Hey, hier geht was ganz besonderes ab!

      Beste Grüße, cb

      Antworten

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