Aber es gibt auch Heiko – Oder: Was an Persönlichkeitsentwicklung möglich ist

Mit 18 ist die Hälfte des Lebens um – zumindest die Hälfte aller Veränderungen, die sich lebenslang in unserem Gehirn vollziehen. Das bedeutet: Unserer Entwicklung im Erwachsenenleben sind enge Grenzen gesetzt. Das betone ich immer wieder und folgere daraus: Richten Sie Ihre Karriere nach Ihrer Persönlichkeit aus, denn die steht fest. Aber es gibt auch Heiko.

Zu unserem 20-Jährigen Abi-Treffen sind viele gekommen. An einem schönen Sommerabend stehen wir bei Sekt und Orangensaft in kleinen, immer wieder wechselnden Grüppchen. Wir schauen uns prüfend ins Gesicht, versuchen auf den Namen des anderen zu kommen. Bei 120 Abiturienten, von denen zudem einige erst zwei Jahre vor dem Abschluss an die Schule kamen, ist nicht garantiert, dass ein Aha-Erlebnis folgt. Wir stellen uns also gegebenenfalls vor und tauschen uns aus: „Was machst du so?“ In den zwanzig Jahren ist viel passiert. Umzug, Studium, Beruf, Kinder.

Dann gibt es eine Führung durch die alte Schule, die jeder anders erlebt. Die meisten nehmen es wohl locker. Sie schlendern durch das Gebäude und plaudern darüber, was sich verändert hat. Für mich persönlich bedeutet die Besichtigung die geistige Rückkehr in grausam dumpfe Zeiten. Nur der Musik-LK ist mir in bester Erinnerung, aber den speziellen Trakt mit der interessanten Bauweise besuchen wir nicht.

Dann gibt es ein Essen und der Film vom Abi-Scherz wird gezeigt. Mit den alten Kumpels tausche ich Eindrücke aus und ziehe Fazit. Wir besprechen, wer sich verändert hat und wer ganz der Alte ist. Alle paar Minuten, wenn das Gespräch kurz stockt, schüttelt Andy den Kopf und sagt: „Das beste ist der Heiko!“. Er sagt es mehr zu sich, aber ich will nun endlich wissen, wen er meint. „Na, der da drüben.“ Ich erblicke einen Typ, der mir natürlich längst aufgefallen war. Er überstrahlte alle männlichen Anwesenden. Die mit Bauch und mit grauen oder mit ohne Haare sowieso. Aber auch alle anderen. Und zwar um Längen.

Der Typ sitzt sowas von lässig da. Sportlich, schlank, leicht zurückgelehnt, mit Jeans und genau richtig aufgeknöpftem Hemd. Die lockigen Haare halblang, entweder von einem absoluten Top-Friseur gestylt oder in zwei Wochen Segeln vom Meerwind zurechtgelegt. Das ist der Coolste, ohne jeden Zweifel. Was er sagt, untermalt er mit sicheren Gesten, dann lächelt er sympathisch oder lacht entspannt. Das also ist Heiko, weiß ich jetzt. Aber wer zum Kuckuck ist das?

Zu Hause im Elternhaus, wo ich noch ein paar Sachen habe, krame ich das Abschlussplakat heraus. Wir hatten die Fotos aller Abiturienten zusammenmontiert. Ich suche nach irgendeinem, der Heiko hieß. Dann schlage ich mir gegen die Stirn und denke fassungslos: „Das ist Heiko! Der Heiko! Das darf doch nicht wahr sein!“

Jetzt weiß ich es wieder. Heiko, aus der Parlellklasse. Das Mathe- und Physikgenie. Während wir in Turnschuhen und lang über die Jeans fallenden Opa-Hemden, mit Tuch und langer Mähne herumliefen, war Heiko ausgesprochen old-fashioned unterwegs. Die kurzen Haare trug er korrekt gescheitelt. Dazu ein in die Hose gestecktes Karo Hemd, Gürtel, Halbschuhe. Kerzengerade und stocksteif saß der Junge im Unterricht und gab seine richtigen Antworten in knappen Worten und nur auf Nachfrage des Lehrers. Jedes Detail dieser Aufzählung ging damals gar nicht. Der Typ war mit jeder Faser seines Seins dermaßen unangesagt und uncool, dass er schon damals hervorstach, allerdings im langweiligsten und drögsten nur denkbaren Sinn. Das war Heiko, und das ist Heiko heute. Wow.

Ich halte es für seriös. Es ist wissenschaftlich belegt. Und es entspricht jeder Erfahrung: Wir können uns nicht von heute auf morgen grundlegend ändern. Und auch auf längere Zeit gesehen, reicht es normalerweise nicht zum radikalen Wandel. Aber es gibt auch Heiko. Er macht uns allen Mut, die Veränderung anzugehen.

3 Kommentare

  • Tja, wem in jungen Jahren die Freiheit beschnitten wurde, erlebt das Erwachsenenalter sehr viel freier als die Revoluzer, die nach dem Studium gezwungen sind, sich anzupassen und sich erst wieder zur Midlife Crisis befreien kann.
    Hauptsache, alle haben gewonnen. Ich empfehle Ihnen einen meiner Lieblingsautoren: Martin Walser und speziell den Roman: Ein Fliehendes Pferd. Ein Gechichte, in der der Hauptprotagonist auf seinen „Heiko“ traf, mit einem wunderbaren Ende.
    Das sollte alle Heikos dieser Welt wieder relativieren und ein bisschen Heiko, steckt in jedem von uns.

    Lieben Grusz
    Kikus156

    Antworten
    • Hallo Kikus156,

      Entwicklungen wie bei Heiko sind nicht typisch, sondern die Ausnahme. „Ein bisschen Heiko steckt in jedem von uns“ – ja.
      Die zentrale Erkenntnis nach 20 Jahren für mich betraf aber nicht Heiko, sondern die Beobachtung, dass manche sich als Menschen entwickelt haben. Sie haben nicht nur an Lebensjahren gewonnen, sondern sichtlich auch an Erfahrung. Beispielsweise zeigen sie Toleranz für andere, Offenheit und Neugier. Und sind fern vom Egozentrismus.
      Andere scheinen eher das Gegenteil zu sein.

      Beste Grüße,

      Christoph Burger

      Antworten
  • Ich habe Sie richtig verstanden. Lesen Sie das Buch!

    Doch sollten Sie nicht den Weg der Franziskaner gehen.
    Strebsamkeit und Opportunismus ergeben eine Verwalter-Heiko. Strebsamkeit und Querdenkerei ergeben einer Macher-Heiko. Was beide eint ist die Strebsamkeit, Selbstdisziplin und die Zielstrebigkeit.
    Doch auch mit weniger Strebsamkeit und S. und Z. verändert man die Welt.
    Zitat aus einem Songtext „der Ärzte“: „Es ist nicht Deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wär‘ nur Deine Schuld, wenn sie so bleibt.“

    Die wirklichen Zukunftsbauer sind beispielsweise, die wenigen guten Lehrer an den Schulen (verkannte Helden), dennoch immer wie die, an die man sich gerne erinnert. Einen solchen Helden, werden Sie sicherlich auch noch aus Ihrer Schulzeit kennen.

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