Porträt Christoph Burger
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11.02.2017 Persönlichkeitsentwicklung

Spiritualität: Hoffnung oder Humbug?

Einige unter uns setzen große Hoffnung in die Spiritualität und machen sie zu einem wichtigen Teil ihres Lebens. Andere begegnen derlei mit Kopfschütteln. Was ist davon zu halten? Gibt es diese „andere Welt“, einen Gott? Auch aus Sicht der Karriereberatung ein durchaus wichtiges Thema.

Welche Spiritualität überhaupt?

Mögliche Bedeutungen von Spiritualität: (1) Vorhanden in den höchsten Stufen der menschlichen Entwicklung (Struktur-Stufen der „Ich-Entwicklung“), (2) Vorhanden als spirituelle Linie schon bei Kindern, (3) Bestimmte Zustände – Gipfelerfahrungen, (4) eine Haltung, orientiert an Liebe, Mitgefühl oder Weisheit. Alle Bedeutungen sind nach Ken Wilber („Integrale Spiritualität“) richtig und zutreffend. Nur sollte man klar machen, worüber man gerade spricht.

Da die Bedeutung 4 letztlich auf eine der ersten drei zurück geführt werden kann, geht es also um Persönlichkeits-„Struktur“, eine bestimmte Entwicklungs-„Linie“ oder um „Zustände“. Die spirituelle Linie wäre ein Weg der menschlichen Entwicklung, genauso wie z.B. die sportliche Linie oder die musikalische Linie.

Spiritualität am Ende der menschlichen Entwicklung

Wenn ich das Modell der Ich-Entwicklung erkläre, vermuten die meisten Kunden: Erstens auf den höchsten Stufen 9 oder 10 (nur von ganz wenigen erreicht) ist die Spiritualität „zu Hause“. Zweitens als Beispiel für einen Menschen, der hier verortet sein müsste, fällt ihnen der Dalai Lama ein.

Sehen wir uns die obigen Bedeutungen von „Spiritualität“ an. Dann stellen wir fest, dass die erste Annahme sich auf die Bedeutung 1 bezieht. Die Annahme stimmt, wie wir noch sehen werden. Bei der zweiten Annahme meinen meine Kunden auch die Bedeutung 1, wahrscheinlich jedoch ist der Dalai Lama im Sinne der Bedeutung 2 und 3 spirituell.

Der östliche Weg zur Erleuchtung pflegt fraglos die spirituelle Linie. Wie wir oben gesehen haben, gibt es etwa auch eine musikalische oder eine sportliche und viele andere Entwicklungslinien. Gemeint ist, dass man sich darum kümmert, gezieltes Training zu betreiben, um Fortschritte zu erzielen. Oder von Meistern zu lernen, Theorien hinzuzuziehen usw. Fraglos trifft dies auf die östlichen Meister zu.

Ferner führt der östliche Weg über geschulte, meditative Zustände. Dies bedeutet: Ein erfahrener Mönch wird Zustände erleben, die man auf der Ich-Entwicklungsstufe 9 oder 10 einordnen würde. Es handelt sich um Gipfelerlebnisse (der Tübinger Forscher Niels Birbaumer hat „nachgemessen“ und kann genauere Aussagen darüber machen, was dabei im Gehirn passiert – s.u.).

Von diesen Zuständen sind aber die Ich-Entwicklungsstufen zu trennen. Sie können als Struktur-Stufen verstanden werden. Gemeint ist: Wie nehme ich die Welt (v.a. im wachen Zustand) und mich darin wahr? Kümmere ich mich z.B. nur um mich selbst oder auch um meine Familie und meine Gesellschaft? Oder sorge ich mich um alle Menschen oder gar alle Menschen und Tiere?

Um das Durcheinander von Struktur und Zustandsstufen zu klären, arbeitete der Universalgelehrte Ken Wilber instensiv daran und hat nach eigenen Angaben 20 Jahre intensiver Forschung aufgewendet, um diesen Zusammenhang zu verstehen. Seine Erkenntnis lautet: Man muss Zustände und Strukturstufen trennen! Man kann auf jeder Ich-Entwicklungsstufe (Struktur) alle Zustände erleben. Also sind auch die höchsten, spirituellen Erfahrungen auf einer frühen Ich-Entwicklungsstufe möglich. Aber man interpretiert diese Erfahrungen gemäß der eigenen Ich-Entwicklungsstufe.

Kommen wir auf das konkrete Beispiel Dalai Lama zurück. Wilber schreibt in „Integrale Spiritualität“ (S. 141): „Zum Beispiel soll der Dalai Lama glauben – so sein Sekretär -, Homosexualität sei eine Sünde, analer Sex ebenfalls und oraler Sex schlechtes Karma usw.“ (und weil Wilber Wilber ist, schreibt er weiter: „Jeder weiß aber, dass oraler Sex kein schlechtes Karma ist; nur schlechter oraler Sex ist schlechtes Karma.“ – obwohl ich diese Aussage hier sehr lustig finde, geht es eigentlich für unseren Zusammenhang nur darum, was vor der Klammer steht). Mit anderen Worten: Der Dalai Lama vertritt Überzeugungen, die große Teile der Weltbevölkerung ausschließen und uns sehr rückschrittlich vorkommen. Mit anderen Worten: Wir müssen vermuten, dass die Ich-Entwicklungsstufe des heiligen Mannes eben nicht auf einer späten 9 oder 10 steht, sondern deutlich früher festgestellt werden müsste (man kann diese Stufen messen).

Natürlich geht es hier NICHT um Sex, sexuelle Praktiken oder Überzeugungen. Ich finde nur, dass man an einem konkreten Beispiel manchmal schneller begreift, worum es geht. Mir erscheint der große Tibeter hier als ein Mensch, der – vermutlich – höchste spirituelle Erfahrungen (Zustände und ein hoher Stand seiner Spirituellen Entwicklungslinie) vereint mit einer leider frühen Ich-Entwicklungsstufe.

Spiritualität als Flucht aus dem Alltag

Wechseln wir den Blickwinkel von der Theorie in die Praxis. Im Alltag mag Folgendes häufiger vorkommen: Ein Mensch erlebt eben diesen Alltag als frustrierend. Der Job ist anstrengend, die menschlichen Beziehungen sind es tendentiell auch. Ab und zu stellen sich depressive Zustände ein oder man kämpft mit verfehlten Lebenszielen, der eigenen Trägheit oder einer übermäßigen Lust am ungesunden Essen. Da kommt das nächste spirituelle Event gerade recht, um dem allem zu entfliehen und sich mit einmaligen, kraftspendenden Erlebnissen zu versorgen.

Von obiger Perspektive aus besehen, bedeutet das: Man sucht Zustände zu erleben und vermeidet gleichzeitig die weitere Ich-Entwicklung. Denn Ich-Entwicklung heißt, über sich nachdenken. Seinen starken wie schwachen Seiten ins Auge zu blicken. Vielleicht auch mit Hilfe des westlichen Ansatzes der Psychotherapie. Oder einem Ich-Entwicklungscoaching.

Noch so viel Meditation (oder sonstige Zustandserfahrung) kann dieses Nachdenken über sich und die Welt nicht ersetzen. Nun mag der Kritiker der Spiritualität denken: „Wusste ich es doch: Das ist alles Humbug und es führt zu nichts. Eine reine Flucht aus dem Alltag!“ Ganz so einfach ist es nicht, wie der folgende Absatz zeigt.

Spiritualität auf den spätesten Stufen der Ich-Entwicklung

Die in der westlichen Psychologie seit fünf Jahrzehnten erforschte Ich-Entwicklung ist zugleich ein Persönlichkeits- und Entwicklungsmodell. Wie sich zeigte, beginnt jeder Mensch auf Stufe 1, Erwachsene finden sich auf Stufe 3, 4, 5, seltener 6 und mit jeweils stark abnehmender Häufigkeit auf 7, 8, 9 und 10. Bis zum Alter von Anfang 20 gibt es eine Korrelation der Stufen mit dem Lebensalter, die danach verschwindet.

Die Gesellschaft drängt uns, mindestens Stufe 4 zu erreichen. Hier fügt man sich in die Gegebenheiten und die soziale Ordnung ein. Doch dann endet dieser soziale Druck. Die weitere Entwicklung findet aus eigenem Antrieb statt. Ab Stufe 7 ist es sogar so, dass die Gesellschaft die weitere Entwicklung des Menschen eher skeptisch begleitet, denn die Anpassung an die allgemeinen Normen nimmt ab hier wieder ab.

Jede spätere Stufe der Ich-Entwicklung bedeutet mehr Gelassenheit und eine „Weitung des Geistes“ (wie es Dr. Thomas Binder im Interview auf diesem Blog ausdrückt), Managementerfolge nehmen zu, die Folgen psychischer Störungen ab.

Obwohl die jeweilige Stufe sehr weitreichende Konsequenzen hat, unser gesamtes Leben und Weltbild bestimmt, lässt sich für unseren Zusammenhang eine kurze Beschreibung geben. Zunächst lernt das Kind (Stufen 1,2), sich selbst von anderen zu unterscheiden. Auf Stufe 3 dominiert dann ein solides, egozentrisch ausgeprägtes Ich das Erleben und Verhalten. Auf Stufe 4 wächst dieses Ich in die Gemeinschaft hinein, stets an den Normen und Regeln der Gesellschaft und der eigenen Bezugsgruppe ausgerichtet. Diese Anpassung an andere wird dann auf der Stufe 5 teilweise und auf der Stufe 6 weitgehend aufgegeben. Stattdessen regiert das sogenannte „executive ego“. Das Ich hört andere an, aber urteilt selbst. Nach eigenen, klar ausgeprägten Werten. Diese Klarheit und Sicherheit wird relativiert auf Stufe 7. Warum? Weil Werte sich widersprechen können und der Alltag anders ist, als die Struktur, die wir ihm geben. Die Welt ist vielfältiger, als wir sie denken.

Die Stufe 8 nun trägt der Realität weiter Rechnung. Die Relativierungen werden in ein noch komplexeres System integriert, so dass trotz der Relativierung wieder klarere Urteile möglich werden. Gleichzeitig mag nun ein Blick durch die eigene Strukturierung der Welt gelingen, der sich auf der folgenden Stufe ausweitet.

Auf Stufe 9 erkennt der Mensch, dass er die Realität mit dem eigenen Verstand fortwährend strukturiert, einordnet, mit Begriffen belegt. Er erkennt, dass es „hinter“ dieser selbstgemachten Struktur der Wirklichkeit eine „wahre“ Wirklichkeit gibt. Sie lässt sich indessen nicht als solches erkennen. Aber sie blinzelt durch, indem man die eigene Strukturierung der Eindrücke entlarvt. Nochmals: Das heißt ausdrücklich NICHT, dass es möglich wäre, die Realität unverzerrt zu erkennen. Wer immer das behauptet, lügt! Wohl aber gelingt es, die eigenen Verzerrungen zu realisieren und zu entdecken, dass es „dahinter“ etwas anderes gibt. Mit anderen Worten: Spirituelle Gipfelerlebnisse kommen jetzt im Alltag vor. Sie gehören zum normalen Erleben ab Stufe 9.

Obwohl Ich-Entwicklung also zunächst mit allem möglichen, nur nicht mit Spiritualität zu tun hatte, zeigt sich nun: Auf den spätesten, nur von sehr wenigen Menschen erreichten Stufen, kommt die Spiritualität auf natürliche, normale Weise in den Blick.

Was während der Meditation passiert

Sehen wir uns nun noch einmal Spiritualität im Sinne der spirituellen Zustände an. Der Tübinger Psychologe und Gehirnforscher Niels Birbaumer („Denken wird überschätzt“) hat schon früh damit begonnen, die Hirnaktivität Meditierender zu messen. Das Ergebnis war zunächst enttäuschend: Der einzige Unterschied zwischen den Meditationsmeistern und uns schien zu sein, dass sie im Sitzen schlafen konnten. Enttäuscht wandte er sich von diesem Forschungsansatz ab. Dann jedoch wurde ihm empfohlen, eine andere Gruppe von Meditierenden zu untersuchen. Tatsächlich fand er nun bei diesen Zen-Praktizierenden andere Hirnwellen als zuvor. Diese Wellen entsprechen weder dem normalen Wach- noch dem Schlafzustand. Sondern sie treten normalerweise nur vorrübergehend auf bei Menschen, die gerade einschlafen. Die Meditierenden zeigten sie jedoch über längere Zeit. Damit ist klar, dass ihr Zustand ein besonderer ist. Außerdem stellte sich heraus, dass die Meditierenden es schaffen, bestimmte Rückmeldungen aus ihren Gehirnen abzustellen.

Die erste Rückmeldung ist die des Körpers. An jedem unserer Muskeln befinden sich Sensoren, die den Spannungszustand des Muskels ans Gehirn melden. (Diese Rückmeldung ist so wichtig, dass es uns nicht gelingt, sich ohne sie zu bewegen, wie Birbaumer anhand der Folgen entsprechender Viruserkrankungen ausführt.) Die zweite Rückmeldung ist die unseres Bewertungssystems. Als Erwachsene haben wir gelernt, alles und jedes zu bewerten. Dieses System führt dazu, dass wir schnell und effektiv urteilen und handeln können und das Wesentliche im Gedächtnis behalten. Wie notwendig und nützlich dies ist, wird an den Savants (Inselbegabten) deutlich, die sich ohne Unterschied alles merken können und müssen: Im praktischen Leben scheitern sie und sind auf die Hilfe von anderen angewiesen.

Nun können wir, wenn wir nicht zufällig auf Stufe 8ff der Ich-Entwicklung stehen, nicht aus eigenem Erleben heraus wissen, welche Erlebnisse ein Mensch auf der Entwicklungsstufe 9 oder 10 hat. Aber wir können uns, vorausgesetzt wir bringen einige Fantasie auf, ausmalen, wie es vielleicht sein könnte: Ein Zustand im Alltag, in dem die Rückmeldungen unseres Körpers und außerdem unser Bewertungssystem ausgestellt wäre.

Körperlich wäre es ein Zustand des relativen Schwebens. Und allgemein wäre es eine völlig neue Sicht der Welt. Keinerlei Vorurteile mehr. Keine Bewertungen aufgrund früherer Erfahrungen. Keine Störungen des Erlebens durch Gedanken bezüglich eigener Pläne, Sorgen, Nöte, Ziele, anstehender Termine, Hoffnungen.

Handelt es sich hierbei um etwas, das als sprituelle Gipfelerfahrung zu bezeichnen ist? Ich glaube schon.

Es wird hier deutlich und hoffentlich anschaulich, was ich oben behauptet hatte: Das Spirituelle wartet am Ende der Ich-Entwicklung auf uns und tritt dort natürlicherweise auf. Auf früheren Ich-Entwicklungsstufen haben wir „ganz andere Sorgen“. Wir können durch eine Zustandsschulung außergewöhnliche spirituelle Zustände erreichen. Die wir dann allerdings auf unserer jeweiligen eher früheren Ich-Entwicklungsstufe einordnen. Bei der Einordnung unserer Erlebnisse sind wir selbstverständlich ebenfalls auf unsere Ich-Entwicklungsstufe angewiesen.

Diese Ich-Entwicklungs-Stufen zu überspringen ist leider unmöglich. (Warum dies so ist, lässt sich anhand der Stufen-Beschreibung oben klar machen. Wer noch nicht einmal die Gemeinschaft in sein Leben herein gelassen hat, kann nicht durch die Ich-Grenze schauen. Wer zwar die Gemeinschaft hereingelassen, sich aber nicht wieder von ihr abgesetzt hat, ebenfalls nicht. Wer noch nicht die Relativierung der Werte erkannt hat, kann seine Bewertungen nicht aufgeben.)

Außerhalb meditativer Übungen würde es Menschen auf früheren Ich-Entwicklungsstufen überfordern, die Bewertungen radikal aufzugeben. Man kann sich natürlich bemühen, einzene Vorurteile sein zu lassen, sicher! Aber gemeint ist hier JEDE Bewertung. Wir schützen uns mit unseren Bewertungen, Einordnungen und Strukturierungen vor den übermächtigen Eindrücken der Realität, die uns ungefiltert und ohne lange Ich-Entwicklung förmlich erschlagen würden.

Diskussion ums Spirituelle

Was bedeutet das bisher Gesagte zur Diskussion über das Spirituelle? Wenn sich Menschen über Spiritualität unterhalten, die sich nicht einig sind, wird das häufig bedeuten, dass sie aneinander vorbei reden. Sie benutzen den Begriff auf verschiedene Art. Und wenn der eine von seinen wunderbaren Erlebnissen berichtet und der andere denkt „du bekommst doch noch nicht mal dein alltägliches Leben auf die Reihe“ – haben beide Recht.

Übrigens fördert das Erleben von höheren Zuständen die Ich-Entwicklung. Allerdings muss man für letzteres dennoch bereit sein, sich seinem alltäglichen Leben zu stellen. Sich die eigenen Schwächen einzugestehen und ehrlich über sich und die Welt nachzudenken. Im Hinblick auf die Ich-Entwicklung auf der Stelle zu bleiben ist dagegen vorprogrammiert, wenn man statt sich um die eigenen Probleme zu kümmern, Gipfelerfahrungen (spirituelle Zustände) sucht.

Gibt es Gott?

Noch einmal zurück zur Verschränkung von Struktur, Zustand und Linie. In der spirituellen Entwicklungslinie kommt auf den frühen Stufen zu plastischen Gottes-Vorstellungen. Etwa einem Gottvater, der als alter, bärtiger Mann vorgestellt wird. Wir können uns auch vorstellen, dass die fundamentalistischen Religionsauffassungen auf einer frühern Stufe der spirituellen Entwicklungslinie angesiedelt sind. Jedenfalls ist sicher, dass ein Glaube, der das Leben anderer nicht respektiert, einer frühen Ich-Entwicklungsstufe entspricht.

Zurück zur – hier grob skizzierten – spirituellen Entwicklungslinie. Sie führt zunächst zu Aufklärung und Wissenschaft. Für manch einen endet der Gottesglaube hier (vorläufig). Andere führen ihn fort oder entdecken eine Orientierung an Spiritualität später wieder. Etwa als abstraktere Vorstellung von  einer höheren Macht, die über den einzelnen Menschen steht. Die einen trägt, die zur Gemeinschaft führt, die Hilfsbereitschaft und Liebe fördert.

Wie sind Gipfelerfahrungen oder am Ende der Ich-Entwicklung auftretende spirituelle Erlebnisse hier einzuordnen? Klar ist: Es gibt eine „ganz andere“ Welt hinter derjenigen, die wir uns vorstellen. Einfach weil wir, um unser Leben zu handeln, die alltäglichen Eindrücke fortwährend bewerten, einordnen, strukturieren. Und weil ohne dieses Verarbeiten und Strukturieren im eigenen Sinne die Welt eine andere ist. Beispielsweise macht es einen Unterschied, ob wir uns um unseren nächsten Termin bei der Autowerkstatt und die darauf folgende Rechnungsstellung Gedanken machen oder ob wir realisieren, dass unsere gesamte Lebensspanne in der Evolution nur einen winzigen Augenblick ausmacht. Ein Gedanke, den wir normalerweise nicht zulassen – schon um ein TÜV-taugliches Gefährt zu steuern und unser Konto nicht ins Minus zu fahren. Folge des Denkens an Auto und Geld ist aber, dass die Achtsamkeit auf die Umgebung schwindet. In Abwesenheit solcher Gedanken und weitgehend aller einordnenden Bewertungen erhöht sie sich jedoch dramatisch.

Diese „ganz andere Welt“: Menschen, die sie schauen konnten, sprechen von einem Erlebnis überwältigender Liebe und Güte, einem Erstrahlen des Urgrunds des Seins. Ist das Gott? Ken Wilber sagt lapidar: Unsere Vorstellung des Apfels ist nicht das einzige, es gibt auch noch den Apfel. (Vorsicht: Das heißt nicht, dass der Apfel an sich erkennbar ist!!) Aber aus der selbstgemachten Verzerrung unseres Apfel-Abbilds zu schließen, dass der Apfel nicht existiert, wäre zu kurz gedacht. Also geht die Wilber-Logik hier so: Die Tatsache, dass wir uns  Gott vorstellen, spricht dafür, dass diese Energie existiert. Ob das genügt und überzeugt?

Sicher ist jedenfalls, dass es für uns alle möglich ist, „eine andere Welt“ zu entdecken, die hinter dem liegt, was unsere Welt zu sein scheint. Und ebenso sicher ist, dass manche Menschen, die in Gipfelerfahrungen flüchten, sich besser oder besser auch um ihre alltäglichen Probleme kümmern sollten. Für uns alle gemeinsam können wir festhalten: Eine seriöse Arbeit am eigenen Ich-Entwicklungsstand ist eine gute Sache. Das würde vielleicht sogar für den Dalai Lama gelten.



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Christoph Burger

Christoph Burger ist Diplom-Psychologe und Autor des Buches "Karriere ohne Schleimspur", das 2012 als eines der besten Managementbücher des Jahres ausgezeichnet wurde. Er arbeitet als Karriereberater in Herrenberg bei Stuttgart.

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