Reisen Sie immer noch mit der Kutsche? Wozu Psychologie gut ist – und wozu nicht

„Glaubst du, ich bin hochsensitiv? Hochbegabt? Oder habe ich ADHS? Ganz bestimmt, ich lasse mich testen.“ Psychologie ist wichtig. Aber manchmal ist sie nur eine Flucht aus der Realität und übersieht zweilen wichtige äußere Umstände, die das Leben prägen.

Wozu Psychologie gut ist

Die allermeisten Leute haben keinerlei Ahnung, was Psychologie ist – und wozu sie gut sein könnte. Ihre Aussagen lauten dann in etwa so: „Wenn ich endlich Führungsverantwortung kriege, geht es mir besser!“. Oder: „Wenn ich mir endlich einen Porsche leisten kann, werde ich entspannt leben.“ Oder: „Wenn ich endlich diese Prüfung geschafft habe, wird sich für mich alles zum Besseren wenden.“

Was an diesen Glaubenssätzen nicht stimmt? Das zeigt eine Glücksstudie, schon einige Jahrzehnte alt und ein Klassiker der Psychologie. Die Forscher interessierten sich dafür, wie die „allgemeine Lebenszufriedenheit“ von äußeren Bedingungen abhängt. Es ging also nicht um kurzfristiges Glück, sondern um die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben insgesamt. Verglichen wurden Menschen, die durch einen Unfall querschnittsgelähmt im Rollstuhl saßen und Lottogewinner. Der Unterschied der Lebensumstände hätte größer nicht sein können. Die Distanz zum gewöhnlichen Leben – weder Lottogewinn noch Querschnittslähmung – auch.

Das Ergebnis war: Ein halbes Jahr nach dem gravierenden Ereignis glich sich die Lebenszufriedenheit an. Die heftigen Einschnitte ins Leben hatten praktisch keinen Effekt mehr. Die allgemeine Lebenszufriedenheit entsprach bei den Lottogewinnern wie auch den Querschnittsgelähmten dem Durchschnitt. Wie ist das zu erklären?

Wie auch immer… Genau dazu braucht man die Psychologie. Hier sehen wir den Kern und die Notwendigkeit des Faches. Hätten die äußeren Lebensumstände eine hundertprozentige Wirkung auf den Menschen, bräuchte man keine PsychologInnen.

So aber schon. Wer also vor einem Ereignis ein kleiner Glückskäfer und Strahlemensch war, wird es hinterher auch sein. Wer davor ein Miesepeter und Schwarzseher war, wird trotz Hauptgewinn die Welt düster sehen. Wie das? Er könnte sich beispielsweise täglich Sorgen darüber machen, dass andere ihm den Gewinn neiden oder ihn ausnutzen wollen. Und beim Unfall? Ein von Natur aus zufriedener Mensch, den ein Unfall in den Rollstuhl zwingt, sagt sich beispielsweise: „Schöne Sache – ich habe überlebt.“ Ein durchweg missgestimmter Kerl wird dagegen verzweifelt schimpfen: „Ausgerechnet mir muss das passieren! Immer habe ich Pech, die anderen Glück! Ich komme durchweg zu kurz im Leben!“

Was immer genau in den Gehirnen passiert, welche Rolle die Emotionen spielen, welche Gedanken sich im Kreis drehen etc.: Das wird in der Psychologie erforscht und dafür ist das Fach, dafür ist psychologisches Denken da. Und auch dafür, die Innenwelt wirklich auf positiv bzw. lebenstüchig zu trimmen.

Wer meint, die Psychologie brauche man nicht, hinkt dem allgemeinen Forschungsstand der Menschheit gute 100 Jahre hinterher. Wenn man das auf die Art der Fortbewegung überträgt, wären seine einzigen Hilfsmittel, um schneller zu sein, als zu Fuß: Pferdekutsche, Dampflock und Hochrad. Halten wir fest: Das Innenleben spielt eine Rolle – immer!

Psychologisieren bis zum Umfallen?

Wer nun vielleicht gerade Psychologie studiert oder in der Freizeit viel psychologische Literatur liest, läuft eher Gefahr, in eine ganz andere Falle zu tappen. Das Problem: Alles wird psychologisiert.

Um dieses Problem zu verdeutlichen, möchte ich die Geschichte einer Frau erzählen, nennen wir sie Bärbel. Auf einem Kontinuum von Sonnenscheinchen auf der einen Seite und Schwermütigen auf der anderen neigte sie eindeutig zum letzteren Pol. Ihr Leben lang ließ sich Bärbel immer wieder therapeutisch unterstützen. Dazwischen gab es Phasen, in denen sie alleine gut klarkam. Aber früher oder später holte sie die nächste Krise ein und sie suchte erneut nach ambulanter oder stationärer Unterstützung.

Bemerkenswert war, dass sie immer wieder hoffte, DIE Therapie oder Therapeutin zu entdecken. Bärbel machte aus ihrem Leiden auch eine Beschäftigung. Sie las häufig in den einschlägigen populärwissenschaftlichen Fachzeitschriften nach, studierte das eine oder andere Buch und absolvierte gerne die Psychotests in Frauenzeitschriften. Wenn ich sie traf, kam es öfter vor, dass sie meinte, jetzt habe sie endlich die ultimative Therapierichtung für sich gefunden. Ein ganz neues Verfahren, viel wirkmächtiger als die alten. Direkt aus Amerika. Oder auch DIE Therapeutin.

Was die Empfänglichkeit für neue Trends angeht, steht Bärbel nicht alleine da. Zuletzt fiel der Hype um die Introvertierten auf. Plötzlich redeten alle darüber. Die Hälfte der Menschen fühlte sich persönlich angesprochen und dachte, sich selbst als „offiziell“ Introvertierte völlig erfinden zu können. Davor erfuhr die „Hochsensibilität“ einen ähnlichen Zuspruch. Und auch danach wird es wieder etwas scheinbar völlig Neues geben, von dem viele Leidende sich Heilung erhoffen.

Neue Etiketten, alte Probleme

Was hier häufig passiert: Es wird lediglich ein neues Etikett auf ein altes Problem geklebt. Kommt eine solche Idee auf, ist es durchaus anspruchsvoll, aber lohnend zu klären: Bietet der Ansatz tatsächlich eine neue Erklärung oder bloß ein neues Etikett?

Die Wahrscheinlichkeit für letzteres ist sehr hoch. Schließlich fördert die Psychologie zwar laufend neues Wissen zu Tage, aber nicht ständig revolutionär neue Erkenntnisse. Der Hype, der um jede zweite Theorie gemacht wird, die den psychologischen Laboratorien entschlüpft, rührt eher vom Geltungstrieb der Forscher oder vom nächsten Erscheinungstermin der Psychologie-Zeitschriften her.

Bärbel jedenfalls berichtete mir einmal schwer enttäuscht von der Aussage einer Therapeutin, von der sie sich doch so viel versprochen hatte. Es ließ sich so gut an! Und jetzt das! Die Therapeutin entließ Bärbel nach der ersten Bestandsaufnahme mit folgendem Fazit: „Es ist doch klar, dass Sie niedergedrückt sind, schlecht schlafen können und keine Energie haben: Sie haben weder eine feste Beziehung, noch eine Arbeitsstelle. Sie brauchen einen Mann und einen Job!“ Wow: Selten wurde meine so gerne psychologisierende Freundin derart gnadenlos auf den Boden der Tatsachen gestellt. Keine neue Theorie, keine neue Behandlung, nicht einmal irgendwas Psychologisches! Wie enttäuschend!

Denken Sie “Sowohl-als-auch”

Hat die Therapeutin recht? Ist Psychologie also doch nur Quatsch? Wir neigen dazu, im Entweder-oder zu denken. Wenn die Therapeutin recht hat, muss Psychologie doch letztlich unnötig sein, oder? Oder Umgekehrt: Hat die Therapeutin ihren Beruf verfehlt, übersieht den wahren, psychologischen Hintergrund, der Bärbel quält und schießt mit ihrer These vom fehlenden Mann und Job vollständig am Ziel vorbei?

Beides sind Entweder-oder-Deutungen. Ein zutreffendes Bild ergibt sich erst durch das Sowohl-als-auch. Wir müssen es aushalten, sowohl die Psychologie als wichtiges und notwendiges Fach anzuerkennen, als auch die äußeren Lebensumstände als bedeutend. Bärbels Therapeutin könnte den Nagel auf den Kopf getroffen haben – und dennoch Psychologin mit Leib und Seele sein. Wenn eine Psychotherapie etwas bringen soll, ist sie nicht nur entlastend, sondern auch harte Arbeit. Und das Leben verlangt uns auch so einiges ab. Unter manchen Lebensumständen sind Stress-Reaktionen quasi normal und es ist erfolgsversprechender, die Umstände zu verändern, als sich ins eigene Innenleben zu verkriechen. Blenden wir die Psyche aus, haben wir aber auch kein vollständiges Bild.

Wenn es uns daher gelingt, sowohl innerpsychische Begriffe zu berücksichtigen, als auch den Körper, als auch die äußeren Lebensumstände und dazu noch möglichst gesellschaftliche Verhältnisse genauso wie Entwicklungsaspekte: Dann sind wir auf dem richtigen Weg, unsere Probleme in den Griff zu kriegen.

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