Erziehung zur Führungskraft des eigenen Lebens

Mein letzter Artikel behandelte die These, dass eine Erziehung zum starken Menschen zugleich eine gute Vorbereitung auf ein Leben als Führungskraft ist – wenn das denn später gewünscht sein sollte. Da es hierzu einige Diskussionen gab, im Folgenden ein paar Sätze zu Erziehungsthemen.

Anfangs nur Liebe

Wann fängt man mit der Erziehung am besten an? Im wesentlichen gilt: Babys müssen und sollen nicht erzogen werden – sie brauchen Liebe. Sie müssen spüren, dass ihr Weinen jemanden in der Welt findet, der Trost spendet und Abhilfe schafft. So gewinnen sie das Gefühl, in der Welt erwünscht zu sein. Und sie erfahren, dass sie ihre Umgebung mit eigenen Mitteln beeinflussen können. Etwas können Sie zusätzlich tun. Erstens: Sie können mit Licht oder Dunkelheit, mit Lautsein oder Ruhe daran arbeiten, den Tag-Nachtrhythmus einzustellen. Zweitens: Babys müssen nicht absolut sofort in ihren Wünschen umfassend befriedigt werden. Wenn ihre Erzieher Pausen einschalten, bevor sie reagieren, lernen die Kinder, sich selbst zu beruhigen. Das ist der Anfang der (Selbst-) Disziplin, die unseren Lebenserfolg nachhaltig prägt.

Konsequenz statt Strafe

Der Windel entwachsen, geht es dann verschärft los: Wie soll Konsequenz gelebt werden, wie werden Regeln aufgestellt und eingehalten? Wie soll bei Regelverstößen bestraft werden? Zum letzteren zuerst: Gar nicht! Strafe ist etwas Überraschendes, aus der Willkür der Erzieher heraus Beschlossenes. Wie können Kinder, die bestraft werden, sich fühlen, außer ohnmächtig? Sicher kein Gefühl, das im Leben weiter hilft! Sollen wir uns umgekehrt wehrlos dem kindlichen Egoismus ausliefern? Nein. Als Große bestimmen wir den Rahmen und die Regeln – zunächst relativ diktatorisch. Mit zunehmendem Alter der Kinder eher per Aushandeln. Dazu wesentlich ist unsere Konsequenz. Sie besteht darin, vorher festzulegen, was bei Regelverstößen passieren soll. Das Kind muss in der Lage sein, sein Verhalten darauf abzustimmen. Im letzten Artikel hatte ich das Beispiel eines Fünfjährigen erwähnt, der wegen Tobens kein Mittagessen bekam.

Dies war keine Strafe, sondern Konsequenz. Die Ankündigung bestand aus zwei Teilen: Erstens wird probiert. Diese Regel gilt bei Kindern dieses Alters für die meisten Speisen, denn sie kennen vieles noch nicht. Zweitens werden Kartoffeln gegessen. Das galt nur für diesen Fall. Während unser Sohn – wie fast alle Kinder – kein glühender Fan von Pellkartoffeln ist, gehörten die Erdäpfel durchaus zu dem, was er normalerweise aß. Was es dann zu den Kartoffeln oder im Anschluss gegeben hätte, wäre Verhandlungssache gewesen. Aber unser Sohn entschied sich eben fürs Brüllen, so dass es gar nicht zur Verhandlung kam.

Ließen wir unsere Kinder hungern? Nein, eben nicht. Wir beugten Ess- und Verhaltensstörungen vor. Wenn die Kinder sich irgendwann nur noch von ihren Lieblingsgerichten ernähren, ist das ungesund. Wenn ihnen erlaubt wird, die Angebote immer weiter zu reduzieren, landet man früher oder später genau da. Der Zirkus ums Essen birgt ferner die Gefahr, dass die Mahlzeiten zum Dreh- und Angelpunkt von Konflikten werden, in denen es um etwas ganz anderes geht (Nur mal so als Gedankenanregung: Der Sohn will, dass der Papa öfter zu Hause ist, statt fortlaufend in Karrieredingen unterwegs zu sein und macht deshalb den Essenszirkus auf …. – eines von 1000 Beispielen).

Je mehr Speisen dann bekannt sind, desto klarer wird der Essensplan. Wenn ein Kind beispielsweise Lauchgerichte mehrfach probiert und abgelehnt hat, mag es diese nicht. Es muss sie nicht mehr probieren. Gesunde Ernährung geht auch ohne Lauch. Auch ohne Erbsen und Bohnen. Aber sie geht nicht, wenn jegliches Gemüse abgelehnt wird! Wenn die Probierregel eingehalten wird und die Küche die Zubereitung variiert, stehen die Chancen auf eine reichhaltige Ernährung in Abstimmung mit dem Kind gut. Beispielsweise Kartoffeln schmecken sehr verschieden – als Gratin, als Kartoffelecken, Kartoffelbrei oder -salat.

Konsequenzen ergeben sich idealerweise aus der Sache. Wenn ein Kind nicht rechtzeitig angezogen ist, muss es im Schlafanzug zum Kindergarten. Das Beispiel zeigt den Haken: Die Eltern müssen ihre Ankündigung im Zweifel einhalten. Kinder sind auch nicht dumm. Wenn Papi sich zu einer haltlosen Drohung versteigt, sagt sich das Töchterchen: “Na da wollen wir mal sehen, was er macht, wenn ich nicht mitspiele.” Sollte Ihnen einmal etwas herausgerutscht sein, was Sie nie im Leben einhalten würden, ist es übrigens besser, Ihre Drohung offiziell zurück zu nehmen und in etwas Realistisches umzuwandeln – das Sie aber dann auch wirklich Durchhalten. Sie können auch sagen: “Nein, natürlich würde ich dich nicht einfach ins Heim geben. Ich wollte nur sagen, dass mir das hier wirklich wichtig ist.”

Vorrang fürs Selbstgefühl

Kinder können schon früh beurteilen, ob ihnen warm ist oder kalt. Ob sie grundsätzlich etwas essen wollen oder nicht. Dieses Selbstgefühl ist eine wichtige Basis fürs ganze Leben – und durch übereifrige Erzieher immer wieder akut bedroht. Ein Beispiel: Im Winter ergeben sich regelmäßig kleine Dramen beim Verlassen der beheizten Räume. Besorgte Eltern wollen, dass ihre Zwei- oder Dreijährigen Kinder warm genug angezogen sind – verständlich. Aber die Kleinen wehren sich. Ihr Selbstgefühl sagt ihnen: Es ist keineswegs so kalt, dass ich meine Jacke brauche – drinnen. Ich stellte in solchen Fällen mein Kind vor die Tür, wartete ein paar Sekunden und fragte dann, ob es nicht doch die Jacke anziehen wollte. So erhielt das Kind die Chance, im Einklang mit dem Selbstgefühl zu entscheiden.

Persönliche Sprache

Viele Eltern drücken sich darum, klar zu sagen, was sie wollen. “Ich möchte, dass du deinen Rucksack aufräumst.” Solche einfachen, klaren Sätze helfen ungemein weiter. Jesper Juul, auf den ich mich bei all dem stark beziehe, nennt das “persönliche Sprache”. Auch der Satz des Kindes “Ich will das nicht!!” gehört zu dieser persönlichen Sprache. Solche Sätze müssen wir erst einmal aushalten. Aber es ist doch besser, wenn das Kind klar weiß, was es will, als wenn es das nicht weiß, oder? Bemühen Sie sich, diese klaren Äußerungen zu akzeptieren – ohne ihnen unbedingt zu folgen. Die Willensäußerung des Kindes ist okay. Was dann gemacht wird, ist etwas anderes.

Verhandlungsmodell

In meinem Buch “Der Zornkönig” habe ich ein Verhandlungsmodell erklärt, über das wir mit unseren Kindern zu Einigungen kommen können. Erster Schritt: Die Eintrittskarte lösen. Wenn Beispielsweise die Mutter mit dem Kind aufbrechen will, um einen Friseurtermin wahrzunehmen, aber das Kind spielt, haben die beiden ein Problem. Wenn die Mutter nun ihr Anliegen ohne weiteres über das des (Klein-)Kindes stellt, lernt dieses nur, dass der Stärkere gewinnt. Oder das Kind versucht, die eigene Stärke dagegen zu stellen und zetert und brüllt. Nicht gut.

Stattdessen muss die Mutter erstmal die Eintrittskarte lösen, d.h. die Verhandlungsarena eröffnen. Sie muss wahrnehmen, was das Kind gerade macht. z.B. beschreibt sie, was sie im Spiel des Kindes sieht oder fragt etwas dazu. “Spielst du Ritter?” ist so eine einfache Frage, die schon weiter helfen kann. Oder “Der rote Ritter ist ziemlich stark, oder?” Wenn sie so die Eintrittskarte zur Welt des Kindes gelöst hat, kann sie ihr Anliegen einführen: “Auch wenn du gerade schön spielst, wir müssen jetzt los.” Im dritten Schritt beginnt die Verhandlung, die das Kind eröffnen wird: “Ich will aber nicht!” Nun kann die Mutter beispielsweise die Vorteile für das Kind aufzeigen oder erklären, dass es hinterher weiter spielen kann. Wenn es dennoch nicht zur Einigung kommt, ist das Ankündigen einer Konsequenz nötig. Schließlich darf das Kind nicht über den Friseurtermin der Mutter bestimmen!

Brauchen oder Wollen?

Häufig ist das, was Kinder wollen, ungleich dem, was sie brauchen. Beispielsweise wollen sie gerne Süßigkeiten, endlos Fernsehen, nachts aufbleiben. Vielleicht brauchen sie aber eher gesundes Essen, eine klare Orientierung, welche Sendung okay ist oder einen festen Tagesrhythmus. Manfred Spitzer kommt der Verdienst zu, mit seinen Büchern auf die Gefahr des übermäßigen Medienkonsums hinzuweisen. Er beantwortet die Frage “wollen oder brauchen” hier klar: Alle Kinder wollen endlos Fernsehen und Computerspielen, aber kein Kind braucht das. Weder Fernsehen, noch Computerspielen. Klare Regeln, die mit ansteigendem Alter des Kindes zunehmend ausgehandelt werden, können hier weiter helfen. Dazu gehört übrigens selbstverständlich auch, dass die Erwachsenen sich ähnlichen Regeln beugen. Es kann nicht sein, dass die Kinder nie Fernsehen dürfen, aber die Kiste jeden Abend läuft, sobald die Kleinen im Bett sind – was diese im Einschlafen oder beim Aufwachen in der Nacht bemerken und zu Recht unfair finden.

Regeln und Ausnahmen

Regeln machen das Leben leichter. Sie erzeugen das, was Kinder brauchen: Feste Rahmen. Nichts ist so nervenaufreibend wie das ständige Aushandeln der einfachsten Alltagsangelegenheiten. Regeln aufzustellen und zu etablieren ist zwar auch anstrengend. Aber es lohnt sich bald, denn dann spart es allen Beteiligten viel Kraft. Am meisten Spaß kann es jedoch machen, auf der Basis vieler sicher bewährten Regeln, Ausnahmen zu machen. Wenn die Eltern das Heft grundstätzlich in der Hand haben, brauchen sie davor keine Angst zu haben. Wichtig ist es nur, diese Ausnahmen als solche anzukündigen. Sonst ist das Kind hinterher das, was es nicht sein sollte: Uninformiert. Es weiß nämlich nicht mehr, ob die alte Regel noch gilt oder nicht mehr.

Der Lohn

Ich will nicht sagen, dass es immer klappt und schon gar nicht, dass es keine Anstrengung kostet. Aber die Anstrengung wird immer geringer und das gegenseitige Vertrauen kann wachsen.

Wenn Sie hier das sonst gewohnte Thema “Karriere” vermissen: Nehmen Sie einen x-beliebigen Artikel zu Tipps von Führungskräften. Beispielsweise den hervorragenden Text über Faires Feedback von Sabine Hockling. Und dann ersetzen Sie “Chef” durch “Eltern” und “Mitarbeiter” durch “Kinder”.

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