Ohne Schleimspur durchs Vorstellungsgespräch – die besten Antworten auf zwei heikle Fragen

„Im Vorstellungsgespräch muss man schleimen, aber danach kann man sich alles leisten?“ Missverständnisse wie dieses veranlassen mich, zwei heikle Fragen im Vorstellungsgespräch genauer zu beleuchten.

„Sie wurden ja im letzten Job gekündigt, woran lag es?“

Jeder, der keine astreine Erfolgsgeschichte vor sich herträgt, muss sich auf kritische Fragen zum Lebenslauf gefasst machen. Selbst wenn die Personaler des neuen Arbeitgebers überzeugt sind, „dass da nichts ist“, werden sie nachfragen. Sonst würden sie ihren Job ja nicht richtig machen. Was sagen Sie also, wenn es mit dem alten Chef Krach gab?

Dazu muss ich kurz ausholen: Wer der Meinung ist, dass er Recht und der Chef Unrecht hatte und das alle wissen müssen, ist kein Anti-Schleimer – sondern nicht auf der Höhe der Zeit. Die moderne Gehirnforschung zeigt, dass es keine objektive Wahrheit gibt. Prägender Wesenszug unseres Gehirns ist es, sich aus ausgewählten Sinneseindrücken einen sinnvollen Reim zu machen. D.h. zunächst werden die Sinneseindrücke sehr stark selektiert. Und dann das Ergebnis kreativ zusammen gefügt. Daher haben wir häufig den Eindruck, klar im Recht zu sein. Das ist subjektiv. Mit Hilfe der Gehirnforschung können wir feststellen: Wer Recht hat, können wir gar nicht so genau wissen. Auch wenn wir von dem innigen Gefühl durchglüht sind, selbst derjenige auf der richtigen Seite zu sein.

Konkret empfiehlt es sich, auf die Frage nach dem Krach beim früheren Chef, zu bekennen: „Ja, da gab es durchaus auch mal unterschiedliche Meinungen.“ Auf Nachfragen, seitens der Interviewer hin, bleibt man bei dieser Aussage: „Auf Details möchte ich hier nicht eingehen.“ Damit erreicht man, dass die Interviewer sehen: Der Bewerber versteht es, dezent zu schweigen, wenn es darauf ankommt.

Wer das zu dürftig findet, holt nun aus, und erklärt die eigenen Vorstellungen von der Arbeit. Selbstverständlich passend zum neuen Job. „Wichtig ist mir grundsätzlich, dass wir fair miteinander umgehen und in den Aufgaben gemeinsam voran kommen. Zum Beispiel …“ – so etwa. Ergebnis des Ganzen: Der eigene Schwachpunkt wird elegant umschifft und man landet bei den eigenen Stärken. Nebenbei hat man demonstriert, wie man mit Konflikten umgeht: Ohne Rechthaberei!

„Wie stellen Sie sich den idealen Chef vor?“

Eine herrliche Frage, finde ich. Denn sie ist schwer zu beantworten und verrät einiges über die Bewerber. Diese sind versucht, nun einen Wunsch-Chef zu erträumen. Das ist problematisch, wenn man sich die Situation vergegenwärtigt. Überschrift: Vorstellungsgespräch. Es geht um einen Job für einen Jobsuchenden, also einen, der heute noch in den meisten Fällen, einer unter vielen ist.

Welche Anforderung kann in dieser Situation an den neuen Chef gestellt werden? Natürlich gäbe es jede Menge Wünsche, die selbstbewusste Arbeitnehmer an einen Vorgesetzten haben. Freundlich, kompetent, souverän, tolerant, fördernd, offen …. Das alles hängt die Latte hoch und macht den Bewerber zum anspruchsvollen Mitarbeiter in spe. Und es hilft ihm oder ihr nicht wirklich und auf Dauer weiter. Denn ein idealer Chef bringt das alles mit, wohl wahr. Aber der eigene Job und das eigene Fortkommen hängen letztlich nicht daran, dass der Vorgesetzte nett und tolerant ist. Nicht mal daran, dass er fördernd ist. Denn wozu sollte er das unbedingt sein, wenn man selbst leistungsstark ist?

Nein, die eigenen Fehler, die wir ja nun täglich machen, sind es, die uns zum Verhängnis werden. Was nützt Ihnen ein netter Chef, wenn er Sie nicht darauf hinweist, was Sie falsch machen? Was bringt ein Boss, der alle notwendigen Ressourcen bereit stellt, aber Sie damit schweigend scheitern lässt? Nichts! Sie brauchen am nötigsten einen Boss, der Sie zuverlässig auf Ihre Schwächen und Fehler hinweist. So können Sie daran arbeiten, besser zu werden. Sie behalten die Kontrolle darüber, wie viel Sie für die Firma tun. Sie können Missverständnisse zügig klären. Und Sie dürfen sogar gewisse Fehler machen – wenn der Chef Sie nicht rechtzeitig auf sich anbahnende Probleme hinwies, hängt er selbst mit drinn. Wenn er vorher versichert hat, Sie rechtzeitig auf Fehler hinzuweisen.

Machen Sie daher keine große Wunschliste auf, sondern nennen Sie nur diese eine Bitte. „Der ideale Chef weist mich rechtzeitig und wenn nötig detailliert auf meine Fehler hin, so dass ich besser werde im Job.“ Vielleicht denken Sie jetzt: „Einen Boss, der rummeckert, habe ich schon. Sowas will ich nicht nochmal.“ Verständlich. Aber wenn Sie die beiden Beschreibungen, den vom meckernden Vorgesetzten und den von der rechtzeitig und detailliert Rückmeldung gebenden Führungskraft vergleichen, bemerken Sie einen deutlichen Unterschied.

So wird die Taktik fürs Vorstellungsgespräch die gleiche, wie sie später in der Kommunikation im Job angewandt werden kann. Getragen von einer Haltung, die Verständnis aufbringt für die Situation, in der man sich befindet und die Position anderer Menschen. Dabei darf man immer das eigene Interesse im Auge behalten, ganz besonders dann, wenn man es selbstbewusst und geschickt verpackt.

2 Kommentare

  • Zitat: „Die moderne Gehirnforschung zeigt, dass es keine objektive Wahrheit gibt. Prägender Wesenszug…“

    Sie verwenden mehr als einen Absatz für eine Aussage, die ein gewisser Herr Konfuzius bereits vor ca. 2.500 Jahren traf:
    Zitat: “ Es gibt immer zwei Wahrheiten; die Deine und die Meine.“

    Schön zu sehen, dass die moderne Wissenschaft die alten Philosophen bestätigt.

    Ein wirklich guter Artikel, ein kleiner Augenöffner… Ihre Seite gehört seit heute zu meinen Favoriten, gibtr sie doch den Anstosz zur eigenen Reflektion.

    Antworten
  • Hallo und danke für Ihren Kommentar.

    „Es gibt keine Orginalität, nur schlampige Literaturarbeit.“ Diese Äußerung pflegte ein Hochschullehrer an der Uni Trier häufiger von sich zu geben. Ja – es war immer alles schon mal da.

    Der Unterschied zwischen Herrn K und der modernen Gehirnforschung ist allerdings, dass das eine eben Philosophie und das andere Naturwissenschaft ist. Und insofern ist man weiter gekommen.

    Ich persönlich bin eher auf schlampige Literaturarbeit abonniert. Schon weil ich nicht für die Forschung bezahlt werde.

    Aber immer wieder den Bezug zu aktuellen Themen, Beispielen und Anwendungen zu finden ist ja auch ganz nett.

    Schön, dass Sie das zu schätzen wissen.

    Schöne Grüße,

    CB

    Antworten

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